Fossil kann auch Schweizer Manufaktur
Wenn sich die Dinge um große, weltweit agiere Uhrengruppen mit einem breiten Markenportfolio drehen, bekomme ich in aller Regel sehr schnell Swatch Group, Richemont oder LVMH zu hören. Sie verknüpft man spontan mit chronometrischer Vielfalt. Von der Fossil Group spricht so gut wie niemand, obwohl das 1984 von Tom Kartsotis in Dallas, Texas, gegründete Unternehmen mit 3,51 Milliarden US-Dollar Umsatz (2014) zu den ganz großen Playern gehört.
Mit einer Jahresproduktion von rund 30 Millionen Zeitmessers übertrifft es sogar die Gesamtproduktion der Uhr-Schweiz um ca. eine Million Exemplare. Der Mittzwanziger mit griechischen Wurzeln verkaufte damals Tickets für Sportveranstaltungen, was ihn auf Dauer aber nicht befriedigte. Die Idee, preisgünstige Modeuhren zu fertigen hatte indessen sein älterer Bruder Kosta. Als Mann der Tat jettete der heutige Verwaltungsratspräsident CEO kurzerhand nach Hongkong. Die dort eingekauften 1.500 Armbanduhren gingen in der Heimat quasi weg wie warme Semmeln. Nach diesem Anfangserfolg gab der Vollbult-Unternehmer, von dem übrigens kein verwertbares Foto existiert, den Job bei einer Warenhauskette auf, um eine Firma namens Overseas Products International ins Leben zu rufen. Als echter Glücksgriff erwies sich das Engagement von Lynne Stafford. Die 24-jährige Designerin kreierte jenen Retrolook, der spontan einschlug wie eine Bombe und zur Umbenennung der Firma in Fossil führte, denn das war der Spitzname des Vaters der beiden Kartsotis-Brüder. Maßgeblich für den weiteren Erfolg waren Blechdosen mit Grafiken im 1950-er-Jahre-Look.
Fossil Blechdosen im Stil der 1950-er Jahre
Alles Aspekte zusammen machten Fossil innerhalb weniger Jahre zu der chronometrischen Lifestyle-Marke in den USA, mit anderen Worten zur Nummer eins. Innerhalb von nur zwei Jahren kletterte der Umsatz von zwei auf 20 Millionen Dollar. Inzwischen ist Fossil zur Nummer vier im internationalen Uhrenmarkt avanciert.
Fossil Collector’s Club 1997, 10.000 Stück
Der amerikanische Kontinent absorbiert exakt 50 Prozent der größtenteils in Fernost produzierten Zeitmesser. 34 Prozent fließen nach Europa, der Rest nach Asien.
aktuelle Umsätze der Fossil-Gruppe nach Regionen
Apropos Uhren: Diese tragen 75 Prozent zum Jahresumsatz bei, Accessoires das restliche Viertel. Auch beim Internethandel hatte Kosta Kartsotis ein glückliches Händchen. 1996 gab es den ersten Fossil Onlineshop. Im Folgejahr kam es zur Unterzeichnung des ersten Lizenzvertrags mit Giorgio Armani. Die unter strenger Aufsicht des Modezaren kreierten Armbanduhren tragen die Signatur Emporio Armani, also auf gut deutsch Armani Warenhaus.
aktuelle Armbanduhr Eporio Armani, Provenienz China, Quarzwerk, unter 300 Euro
Danach ging es Schlag auf Schlag mit der Ausweitung des Markenportofolio. Zu den Eigenmarken gehören neben Fossil, Relic, Michele, und Zodiac inzwischen auch Skagen.
In Lizenz entstehen außer Emporio Armani ganz unterschiedliche Uhren mit Namen Armani Exchange, Adidas, Burberry, Diesel, DKNY, Karl Lagerfeld, Kate Spade, Michael Kors, Marc Jacobs sowie Tory Burch. Nicht alle davon sind in good old Europe erfolgreich, weil man die Labels hauptsächlich in der Neuen Welt kennt.
aktuelles Markenportfolio der Fossil-Gruppe
Längst agieren die jährlich vier neuen Kollektionen in ganz unterschiedlichen Preissegmenten. Ganz oben rangieren die in der Schweiz designten und produzierten Uhren mit den Labels Emporio Armani, Michele, Burberry, Tory Burch und Zodiac.
Das eidgenössische Engagement ließ und lässt sich die Fossil Gruppe einiges kosten. 2002 erwarb sie die 1971 gegründete und auf Design, Prototyping und Montage spezialisierte Montres Antima SA mit Sitz in Biel. Seit zwei jahren findet man sie in Nachbarschaft der ungleich größeren Rolex-Fabrik am Bieler Bözingenfeld.
Das neue Antima-Domizil am Bieler Bözingenfeld nahe der Rolex-Manufaktur
Auf der Gehaltsliste stehen etwa 60 Angestellte, darunter zehn Designer, zehn Produktplaner sowie 40 Techniker und Uhrmacher. Als die Swatch Group nach Auslaufen der Verträge mit Antima keine mechanischen Uhrwerke mehr lieferte, war bei Fossil zunächst einmal guter Rat teuer, wie mir Martin Frey, der in Basel tätige Geschäftsführer der Fossil Group Europa mitteilte. „Aber wir haben auf den neuen Sachverhalt schnell reagiert und aus der Not eine Tugend gemacht.“
Martin Frey, Geschäftsführer Fossil Group Europa
Mit anderen Worten: Fossil stellte, was wahrscheinlich die wenigsten meiner Leserinnen und Leser wissen, ab 2012 in Manno bei Lugano eine eigene Werkeproduktion namens STP (Swiss Technology Production) in Manno auf die Beine. Zu diesem Zweck hatte man die im Tessin ansässige PWP erworben, einen Mechanik-Spezialisten mit eigenem Automatikkaliber. Das STP 1-11 war bereits ab 2006 als Nachbau des gleichermaßen robusten wie zuverlässigen Eta 2824-A2 mit Rotor-Selbstaufzug entstanden. Erste Exemplare verließen die Fabrikationsstätte ab 2008.
Das Kaliber STP 1-11, ein Nachbau des Eta 2824-A2, besteht aus rund 100 Komponenten
Das Wort Klone hört Angelo Piritore, Senior Operations Manager, der mich durchs Montage-Atelier führte, hingegen gar nicht so gerne.
„Unser eigenes Uhrwerk ist, auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, mehr als ein reiner Ersatz für das Eta-Vorbild. Wir sind etwas teurer, dekorieren dafür aber schon die Platine, Brücken und Kloben der Standardversionen mit einer Perlage sowie den Rotor mit Genfer Streifen.
Außerdem regulieren wir alle Werke im Gegensatz zur Eta in fünf Lagen zwischen null und plus 15 Sekunden. Nachgehen tolerieren wir nicht. Schließlich liegt die Gangreserve mit 44 Stunden deutlich höher als die 38 Stunden des Vorbilds. Mittelfristig streben wir sogar 80 Stunden an.“
Kaliber STP 1-11 ohne Rotor
Dreißig Personen meist weiblichen Geschlechts montieren, regulieren und kontrollieren die 2015 voraussichtlich 180.000 Uhrwerke mit Hilfe hoch moderner Gerätschaft.
Stolz in Manno, Tessin, zu sehen: 16.510 Uhrwerke produziert bei STP im Juni 2015
An den Arbeitsplätzen der halbautomatischen Montagebänder von Lecureux sitzen fast ausschließlich Italienerinnen.
STP-Montageatelier in Manno bei Lugano
Die Nähe zu Italien ist in der Tat ein Grund, warum einige Uhrenhersteller im Süden der Schweiz Dependancen unterhalten. So genannte Grenzgänger(innen) für die verschiedenen Jobs in einem Assemblagebetrieb gibt es hier genug. Das Anlernen für die Tätigkeit an den Lecureux-Stationen geht relativ schnell über die Bühne, denn die jeweiligen Aufgabenbereiche sind überschaubar.
Montage des Kaliber STP 1-11 an halbautomatischen Lecureux-Bändern
unten: Montage des Unruhkloben mit Unruh und Spirale
Fixieren der Unruhspirale
Kontrolle der aus Asien zugekauften Anker
Unruhkloben des Kalibers STP 1-11
Wie von Geisterhand schiebt sich eine der Platinen nach oben. Art und Umfang der dann manuell durchzuführenden Arbeiten haben die Planer im Sinne eines perfekten Workflow exakt ausgetüftelt.
Das Ölen der Lager geht vollautomatisch über die Bühne.
automatisches Ölen des Kalibers STP 1-11
Schmierplan des Kalibers Stp 1-11
Pro Werk braucht der kleine Roboter insgesamt eine Minute. „Hier gibt es noch einen Flaschenhals,“ erläutert Angelo Piritore, „weshalb wir im Herbst 2015 noch ein zweites Gerät in Dienst stellen.“ Vollautomatisch vollziehen sich auch andere Arbeitsschritte wie das Ölen der Federhauslagers, das Kontrollieren der Datumsschaltung, das Anbringen der Kaliberbezeichnung sowie der Produktionsdaten mit Hilfe eines Laser.
Lasern der Kaliberbezeichnung und Produktionsdaten
Alles in allem wird STP seine Lecureux-Armada um fünf Posten erweitern, um die hoch gesteckten Quantitäts- und Quantitätsziele zu erreichen. Die Planungen für 2016 sehen 240.000 Werke vor. Längerfristig soll die jährliche Kapazität bei etwa 400.000 Stück liegen. In jedem Fall stehen am Ende des Entstehungsprozesses der mechanischen Uhrwerke umfassende Kontrollen. Die Ansprüche der internen Abnehmer in Biel und der externen Kunden sind verständlicher Weise hoch.
Die verschiedenen Kunden bekommen individualisierte Schwungmassen .und Datumsringe
unter dem Zifferblatt des Kalibers STP 1-11
Deshalb wird erst einmal rigoros ausgesondert, was den Vorgaben nicht hundertprozentig entspricht, und dann akribisch nachgebessert.
Gangkontrolle des Kalibers STP 1-11
Komponenten entstehen übrigens keine im Tessin. Hier geht es ausschließlich sauber zu. Zu den Lieferanten zählen einschlägig erfahrene Spezialisten aus dem Waadtländer, Berner und Solothurner Jurabogen. Zur Produktion der tragenden Teile, also Platinen, Brücken und Kloben baut Fossil die Kapazitäten bei der Schwester STC (Swiss Technologie Components) in Glovelier kontinuierlich aus.
Dort entstehen in großem Umfang auch Gehäuse für die Swiss Made Zeitmesser. Das Sagen hat Laurent Matthey, der als Vicepresident Swiss Made Produktion fungiert.
„Bis 2016 wollen wir im Jurabogen nahe der französischen Grenze von 1.1000 auf 4.800 Quadratmeter gewachsen sein. Und die Zahl der Arbeitsplätze wird voraussichtlich von 20 auf über 100 klettern.“ Neue Fertigungszentren sind auch schon bestellt. Insgesamt liegt das Investitionsvolumen im zweilstelligen Millionenbetrag. „Unser Ziel,“ so Laurent Matthey, „ist die Realisierung einer 70-prozentigen Wertschöpfung in der Schweiz, denn dann sind wir auch für die im Raum stehenden neuen Swiss Made-Regeln gewappnet.“
Das Assortiment, also Unruh, Unruhspirale sowie Hemmung kommen derzeit noch aus Fernost.
Unruhn, Unruhspiralen und Unruhkloben Kaliber STP 1-11
Woher genau möchte von den Produktverantwortlichen verständlicher Weise niemand sagen. Dafür, dass sich die Qualität auf hinreichend hohem Niveau bewegt, sprechen besagte Regulierungs-Standards im Bereich zwischen null und 15 Sekunden täglich bei mehreren Temperaturen sowie in fünf Lagen. Überdies haben erste Uhrwerke ihre Feuertaufe bei der Schweizer Chronometerbehörde COSC schon bestanden, worauf Martin Frey besonders stolz ist. „In Zukunft können unsere Kunden mit dem STP 1-11 auf Wunsch auch Armbandchronometer produzieren.“
Chronometerzertifikat für das Kaliber STP 1-11
Auch in anderer Hinsicht denkt STP weiter. Ein neues Kaliber, das ich zwar tickend erlebt habe, aber noch nicht publizieren darf, gelangt im September 2016 auf den Markt. Bereits ab kommenden September ist das auf dem STP 1-11 basierende Multifunktionskaliber STP 2-12 mit Gangreserveanzeige zu haben.
Selbst entwickelte Module erlauben sechs verschiedene Versionen. Zum Spektrum gehören (stets neben der gennannten Gangreserveindikation bei „6“ und Datumsschnellkorrektur):
dezentrale Sekunde bei „9“ und Zeigerdatum bei „12“ (Kaliber STP 2-12-1)
Uhr mit Kaliber STP 2-12-1
dezentrale Sekunde bei „9“, Wochentagsanzeige bei „3“ und zentrales Zeigerdatum Kaliber STP 2-12-3)
Uhr mit Kaliber STP 2.12-3
dezentrale Sekunde bei „9“, Wochentags- und Mondphasenindikation konzentrisch bei „3“ sowie zentrales Zeigerdatum. (Kaliber STP2-12-6)
Uhr mit Kaliber STP 2-12-6
On the top gibt es dann auch noch das STP 3-13 mit Schwanenhals-Feinregulierung und gebläuten Schrauben.
Man sieht, Fossil hat einiges vor in der Alten Welt. Da dürfen Vertrieb und Marketing keinesfalls hintan stehen. 2016 wird die Europazentrale, welche seit 2004 in Basel residiert,
Das derzeitige Fossil-Domizil in Basel, bezogen 2004
als Mieter einen 28 Meter hohen Neubau nahe dem Messegelände beziehen. Die lichtdurchfluteten Büros bieten Platz für 350 Personen. Nicht weniger als 2500 Quadratmeter werden Showooms für sich beanspruchen. Dort können die Kunden das ganze Jahr über erleben, was sich in der Fossil Gruppe tut.
Design des neuen Fossil-Europa-Firmensitzes nahe der Basler Messe
Mit Emporio Armani Swiss Made ist das Unternehmen inzwischen zur Baselworld selbst zurückgekehrt. Man möchte Flagge bekennen und tut das mit einem markanten Messestand in Gestalt eines riesigen Tresors.
Armbanduhr Emporio Armani Automatik Swiss Made
Ich persönlich wünschte mir, und das habe ich Martin Frey bei meinem Besuch auch mitgeteilt, auf den eidgenössischen Armani Zeitmessern als eindeutiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber den Pendants mit China-Kalibern jene Signatur, welche der Mailänder Modezar für seine Spitzenerzeugnisse verwendet: Giorgio Armani. Ob solches allerdings rechtlich möglich ist, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.
Emporio Armani Meccanico aus China
Unabhängig davon haben mich die Kaliber-Aktivitäten im Zusammenhang mit den Swiss Made Produkten der Fossil Gruppe in hohem Maße beeindruckt. In Fernost, wo wohl klingende Namen einen hohen Stellenwert besitzen, könnten speziell Armani und Burbery den dort extrem erfolgreichen Swatch Group Marken Certina, Longines und Tissot durchaus Paroli bieten.