Als ich an mein letztes Gymnasium kam wurde ich nicht darĂŒber aufgeklĂ€rt, dass der einzige Philosophielehrer dort einen, öh, gewissen Ruf hatte. Niemand wĂ€hlte Philosophie. Bis halt auf die drei Vollidioten, die neu an der Schule waren, plus zwei Spinner.
Der Kurs war ne experience. Unsere fĂŒnf Mann starke Gruppe konnte sich auf's Blut nicht ausstehen, aber alleine durch den gemeinsam knapp ĂŒberlebten Unterricht wurden wir auf 'ne nachhaltige Art zusammengeschweiĂt. Der Tiktoknutzer spricht von traumabonding.
Einer von denen war ein aufstrebender kleiner Politiker, der dich aus seinem krawattierten Hemdkragen heraus anquatschte um dir von seiner HonorartĂ€tigkeit fĂŒr die Junge Union zu erzĂ€hlen. Wir beleidigten uns mit gröĂtem VergnĂŒgen, wie's wahrscheinlich nur zwei SechzehnjĂ€hrige tun können, von denen einer CDUler und der andere aufdringend blauhaarig ist.
Eine im sterben liegende Geburtstagsfeier, drei Uhr morgens, es sitzen nur noch eine handvoll betrunkener Jugendlicher in irgendeinem Keller herum. Drei davon sind Teil von eben jenem furchtbaren Philo-Kurs. Schnappsidee der Stunde: Philosophiekurstreffen, jetzt, hier. Kann mir nix freudloseres vorstellen, let's do it. Den einzigen den wir (via snapchat, versteht sich) erreichen konnten war unser CDUler. Der stand tatsĂ€chlich 30 Minuten spĂ€ter mitsamt Fahrer und zwei Kollegen vor der TĂŒr. Er war vom Keller-ambiente, inkl. geklauter StraĂenschilder, wenig beeindruckt.
Wir tranken irgendwas mit schlechtem Wodka und off brand Cola, gifteten uns zur allgemeinen Unterhaltung an und beschlossen, den Abend nach einer weiteren Stunde dumm im Kelller sitzen fĂŒr gelaufen zu erklĂ€ren. Der CDUler und seine Entourage kamen aber nicht ĂŒber unsere Einfahrt hinaus: wir stieĂen dort auf den Kumpel meines Bruders, der sich ebenfalls auf den Heimweg machen wollte. Warum sich auf einmal ein besoffener VierzehnjĂ€hriger auf unserer Einfahrt materialisiert hatte war nebensĂ€chlich. Der Junge stand neben seinem Fahrrad und versuchte wiederholt, aufzusteigen, wobei er immer mit sehr viel Schwung auf die jeweils andere Seite kippte. Ah, super. Allgemeines VerantwortungsgefĂŒhl setzte ein. Jemand schlug vor ihm auf's Fahrrad zu helfen und dann einfach anzuschieben, das war aber selbst der Jungen Union zu asozial.
Alle Augen richteten sich auf den einen Typen, der noch nĂŒchtern war. Der Fahrer unserer CDU-Fraktion, der gerade dabei war in den Bulli seines Papas zu klettern. Gut, der Junge mĂŒsste ja nur einmal quer durch die Stadt gefahren werden.
Ich weiĂ nicht genau warum ich auch in diesem Bulli landete. Keine Ahnung, wir waren alle betrunken, es wirkte in dem Moment bestimmt wie die beste und einzig angemessene Entscheidung. Wir schafften's mit Bulli und VierzehnjĂ€hrigem bis ungefĂ€hr Stadtmitte, dann drehte er sich auf dem RĂŒcksitz zu mir um. "Ich glaub ich muss k-" Vollbremsung auf voller StraĂe. Der CDUler höchstersönlich riss die SchiebetĂŒr auf, packte den Jungen am Jackenkragen seiner Northface-Jacke und schleuderte ihn praktisch aus dem Wagen. Er sprang selbst hinterher und die beiden verschwanden hinter die nĂ€chste Hecke.
FĂŒnf Minuten spĂ€ter kam nur der CDUler zurĂŒck. Mir fiehl erst jetzt auf dass er selbst im Suff mit Hemd rumrannte. Committment to the bit, I suppose. "Wir ha'm ein Problem. Er muss wohl, aber er kann nich". Ich konnte ihn schon in Katastrophengebieten sehen, in dreiĂig Jahren, wie er mit Halbglatze sympathiebefreite Ansprachen hĂ€lt. Der Typ war Naturtalent. Es folgten, mit göttlichem comedic timing, ferne KotzgerĂ€usche aus der Hecke. Die Augen unseres HemdtrĂ€gers leuchteten auf, er klatschte in die HĂ€nde und nickte ĂŒbetrieben. "Ah! Schön. Problem gelöst. Schön, schön"
Hab den Typen gehasst, er war groĂartig. Heutzutage fĂ€hrt er in der 1. Klasse RE um Berlin herum und verfĂ€llt der spielerischen Alkoholsucht. Hoffe ihm geht's gut. Der Hund schuldet mir noch 'nen Grauburgunder.