Die Sonne trocknete unbarmherzig das gepeinigte Land aus, welches unter ihr lag. Erst die Pflanzen, dann die FlĂŒsse, schlieĂlich die Hoffnung. Die Hitze gehörte zur Demokratischen Republik Kongo, wie die Konflikte, die seit Jahren wĂŒteten. Ein Reich, dem der Himmel keinen Frieden gönnte. Nun sollte sich alles zum Guten wenden, ausgerechnet im Osten des Staates; jenem Teil, der vom BĂŒrgerkrieg am heftigsten gebeutelt wurde. Wie so oft kamen die AuslĂ€nder in den Kongo. Moderne Technik gepaart mit absurden Gelöbnissen. Der Kairos der Armut zu entfliehen verfing. Einem Buschfeuer gleichend, das nachdem es einen Baum niederbrannte, auf den nĂ€chsten ĂŒber griff. Wohl wissend, wie aussichtslos der Versuch das Feuer am Leben zu erhalten sein musste. Ebenso versuchten die Menschen, die Flamme der Zuversicht nicht erlöschen zu lassen. Sobald ein Versprechen zur Farce kristallisierte, hofften die ErdenbĂŒrger auf den baldigen Heilsbringer. Zwei Dekaden lang wollte das Grauen jenes prĂ€chtige Fleckchen Erde mitnichten aus einem eisernen WĂŒrgegriff entlassen. Gesegnet mit BodenschĂ€tzen, gepeinigt von menschlichen Interessen. Zuerst kamen die Milizen. Statt die Bevölkerung an den Rohstoffen zu beteiligen, stopften sie die eigenen Taschen voll. Schlimmer! Sie finanzierten BĂŒrgerkriege. Machten den einstigen Segen zum Joch. Zyniker bezifferten den Wert einer Kalaschnikow höher, als den eines Menschenlebens. Zola lebte ĂŒber zwei Jahrzehnte im Kongo. Sah Tag ein Tag aus, die GrĂ€uel des Krieges. Bilder mit dem Potenzial, eine Kinderseele zu verrohen. Doch das verlor an Bedeutsamkeit. Sie wuchs trotz der widrigen UmstĂ€nde zu einer jungen Frau heran. Eine gebildete Dame, in den dörflichen Strukturen der Heimat ein Detail, dem  wenig Bedeutung beigemessen wurde, dennoch die Schulbildung erfĂŒllte sie mit Stolz. Keine SelbstverstĂ€ndlichkeit im Kongo. Der BĂŒrgerkrieg raubte den Kindern nicht nur die Unbeschwertheit, sondern die Perspektive. Im Gegensatz zu den Freundinnen trĂ€umte sie keineswegs von einem angesehenen Beruf, wie Ărztin oder AnwĂ€ltin, sie trĂ€umte vom Erhalt des Virunga Nationalparks. Nichtig wirkten die VorzĂŒge des Geldes, verglichen mit der unbĂ€ndigen Schönheit des Regenwaldes. Ein Paradies, von dessen Umwandlung zur kapitalistischen Hölle, westliche Investoren fabulierten. StĂ€ndig stellte sie jene Frage. Wieso mussten ausgerechnet hier Ălvorkommen liegen? Die naturwissenschaftliche Exemplifikation der Fragestellung erschien der Heranwachsenden trivial, . In ihren Augen lieĂ sich ein Naturwunder durch partout nicht erklĂ€ren. Doch gerade ebendieses Kleinod fiel der orgiastischen Gier der Geldaristokrat anheim. Ăbersahen die weiĂen Kerle die Ăsthetik, die Einzigartigkeit des Flecken Erde? Heimat von Berggorillas und Waldelefanten, sowie zahlreichen weiteren unschĂ€tzbaren Preziosen. Erkannten die MĂ€nner all das? Sans gĂȘne, allerdings vermochte lediglich der Anblick von Dollarnoten sie in einen Zustand des GlĂŒcks versetzen. Sie verachtete die Besatzer, wie sie die Fremden nannte. Eine Meinung, die sie im Dorf besser nur im Geiste kundtat. Viele trĂ€umten bereits vom Reichtum, den das Erdöl mit sich brachte. Zola verzweifelte an derartiger NaivitĂ€t. NatĂŒrlich generierte auch dieser Bodenschatz Wohlhabenheit, doch nicht dem afrikanischen Kontinent. Das Geld floss stets auf dem schnellsten Weg ab. ZurĂŒck blieb Gift. Vergiftete Böden, vergiftetes Wasser, vergiftete Menschen. Nur lernte niemand daraus. Ihr konnte die Opulenz gestohlen bleiben. Banknoten interessierte sie keineswegs. Was sollte sie schon kaufen? In der Gegend existierte abgesehen von unberĂŒhrter Wildnis kaum etwas. Sie musste die Schurken aufhalten. Die Heimat der Bergelefanten vor der unwiederbringlichen Zerstörung bewahren. Ein Himmelfahrtskommando. Eine einzelne junge Frau, gegen die Interessen eines mĂ€chtigen GroĂkonzerns, fĂŒr den zahlreiche einheimische Sympathien hegten. Zola fluchte. Die Aussichtslosigkeit raubte ihr den Atem. Sobald Sie die wahrscheinlichen Folgen der Erdölfolgerung in der Gemeinde erörterte, stieĂ sie entweder auf taube Ohren oder UnverstĂ€ndnis. Alle hielten Sie fĂŒr sie fĂŒr seltsam. SchlieĂlich erschienen diese MĂ€nner, um die Armut zu bekĂ€mpfen, der Bevölkerung eine Zukunft zu schenken. Ihr kam wieder das indianische Sprichwort in den Sinn: âErst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht essen kann.â Nur ein Scheinargument, fĂŒr Existenzen, die sich ohnehin kaum etwas zu fressen leisten vermochten. Sie musste raus aus dem Dorf. Rein in die WĂ€lder des Nationalparks. Wer weiĂ, wie lange sie dazu in der jetzigen Form noch die Möglichkeit bekam. Der Gedanke schmerzte sie. Der schönste Ort, den sie kannte, sollte den Interessen auslĂ€ndischer Geldhaie zum Opfer fallen? Dabei lieĂen sich Lehren aus Ă€hnlichen Sachverhalten ziehen. Ecuador durfte als eindrucksvolles Beispiel fĂŒr die negativen Konsequenzen der Erdölförderung im Urwald herangezogen werden. Ach, wofĂŒr legte sie sich ĂŒberhaupt Argumente zurecht? Keiner in Zolas EinflusssphĂ€re schenkte ihr ein offenes Ohr. Ihre Erziehungsberechtigte verlangte von ihr, zu heiraten, statt sich fĂŒr den Nationalpark zu engagieren. Sie wĂ€re froh, wenn ihre Mutter ihr Engagement in derart positive Worte fasste. Abgesehen von Argwohn hatte auch sie nichts fĂŒr Zolas Ideale ĂŒbrig. Sie stapfte in den Regenwald, auf der Suche nach Inspiration. Sie konnte das Unheil abwenden, sie brauchte nur einen geeigneten Plan. Diese Ăberzeugung verfocht sie eisern, hauptsĂ€chlich allerdings vor sich selbst, schlieĂlich hörte niemand den skeptischen SĂ€tzen zu. Wohlmöglich brachte ein Streifzug den ersehnten Einfall. Irgendwie mussten jene Gauner doch zu stoppen sein. Die Aussicht einen Berggorilla zu sehen, vertrieb alle Sorgen, zumindest vorĂŒbergehend.
Plötzlich ein Rascheln im Unterholz. Sollte ihr Wunsch in ErfĂŒllung gehen? ErnĂŒchterung machte sich breit. Lediglich ein junger Bursche stapfte da aus dem Dickicht. Sie ĂŒberlegte, ihn zu rĂŒgen, was er dort im GebĂŒsch zu suchen habe, als sie der Sonderling mit einem LĂ€cheln entwaffnete. Der Wanderer nannte ungefragt seinen Namen. Vielleicht tickte der Kerl anders, als die Verblendeten im Ort. Am liebsten hĂ€tte Zola ihn unvermittelt gefragt, was er in der Pampa trieb. Andererseits wĂ€re die Fragestellung ebenfalls berechtigt gewesen, wenn er sie ihr stellte. AuĂerdem wollte sie keinesfalls unhöflich wirken. Wieso begegnete sie dem Typen zum ersten Mal? Im Dorf kannte sie jeden. Nach zwei Jahrzehnten hier drauĂen tendierte die Wahrscheinlichkeit, einem Fremden zu begegnen gegen null. Der ungewöhnliche Umstand weckte Zolas Neugierde. GlĂŒcklicherweise kam ihr der Mann zuvor, gab Antworten auf die RĂ€tsel, die sie aus reiner Etikette herunterschluckte, statt sie auszusprechen. âDu fragst dich, was ich mache?â, schlussfolgerte er unvermittelt. Zola nickte eifrig.
âNun die Entwicklungen sind wirklich dramatisch. Zuerst sprachen alle nur von den Briten, die nach Ăl bohren wollen. Meinen Informationen zufolge, ist dieses Schreckensszenario nun RealitĂ€t geworden. Erste Probebohrungen nahmen sie vor einigen Tagen auf, zumindest habe ich das gehört. Der Gedanke lieĂ mir keine Ruhe, ich musste einfach nachsehenâ, ein desperates Vorhaben. Der Blick ein stummes Zeugnis von Desillusionierung. Doch sein Idealismus trieb ihn an. Die Ohnmacht des untĂ€tigen Zusehens ertrug Byduo schwerlich. Zola begann, ĂŒber das gesamte Gesicht zu strahlen, endlich ein Gleichgesinnter!
âIch dachte bereits, ich wĂ€re die Einzige im Umkreis von hundert Kilometern, die ein wenig Vernunft besitzt. Angenommen die GerĂŒchte stimmen, was können wir dann noch retten?â, ernĂŒchtert blickte sie zu Boden.
âHey denk positiv. Pessimismus fĂŒhrt unweigerlich zur Katastrophe. Sobald wir aufgeben, gewinnen die Verbrecherâ, er machte keinen Hehl aus seiner Fassungslosigkeit. Der Kampfgeist imponierte ihr.
âAlso schön, wo beginnen wir mit der Suche?â, wollte sie wissen, sichtlich um eine optimistische Tonlage bemĂŒht.
âIch weiĂ es bestenfalls ungefĂ€hr. Uns bleibt wohl nichts anderes ĂŒbrig, als das gesamte Areal StĂŒck fĂŒr StĂŒck abzusuchen. Wenn wir davor stehen, werden wir es sofort erkennen. Bestimmt wird es einige Zeit dauern. Doch ich habe in den kommenden Wochen nichts Besonderes vorâ, dieser junge Mann brannte fĂŒr den Regenwald, genau wie sie. Byduo blickte sie fragend an, bis sie realisierte, dass sie sich noch vorstellen musste.
âIch bin Zolaâ, gab sie aphoristisch bekannt.
âFreut michâ, er verkniff sich den Truismus, suchte ein prĂ€gnanteres Ende seines Satzes, âendlich einer mutige Mitstreiterin zu begegnen.â
Sie nickte breit lĂ€chelnd, sie spielte keine Freude vor. Optimismus keimte in ihr auf. Wuchs rasend schnell heran, wie ein Samenkorn im ausgedörrten WĂŒstensand, welches nach endloser Trockenheit vom Monsun zum Leben erweckt wird.
âDenkst Du, die GerĂŒchte stimmen?â, die Wut in Zolas Klangfarbe, trat ĂŒberdeutlich zu Tage. âIch wĂ€re ĂŒberrascht, einen Irrtum vermag ich praktisch auszuschlieĂen. Wir befinden uns in Afrika. Der Westen sieht uns als einzige Rohstoffmine an. So lange Profite erzielt werden,  verharrt alles in den verkrusteten Strukturen. Mittlerweile begreifen sogar die Chinesen, wie vortrefflich sich der schwarze Kontinent ausbeuten lĂ€sst. Ich verstehe nur schwerlich, wie die Menschen hier so naiv sein können. Niemand kann ernsthaft glauben, die EnglĂ€nder brĂ€chten Reichtum. Sie kommen als wohlhabende GeschĂ€ftsleute, sobald sie verschwinden, sind sie MillionĂ€re. So lĂ€uft es doch immer. Wenn das Geld im Inland bleibt, finanziert der nĂ€chstbeste MilizionĂ€r die nĂ€chsten fĂŒnf Jahre BĂŒrgerkriegâ, er spuckte verĂ€chtlich auf den Boden.
Zola seufzte: âVermutlich liegst du mit deiner EinschĂ€tzung vollkommen richtig. Dennoch, noch ist dieses Land nicht vom Erdöl verseucht. Ich schlage vor, wir entwickeln einen Plan, gehen systematisch vor. Besitzt du eine Landkarte?â
Er nickte zögerlich: âEine Karte ist in der Tasche, bloĂ mir fehlt ein Stift.â
Sie wippte triumphal mit dem Kopf: âIch habe immer einen Kugelschreiber dabei.â
Byduo trat erleichtert mit dem Atlas an sie heran: âWir stehen hier, wir beginnen am Besten mit der unmittelbaren Umgebung. In den nĂ€chsten Tagen tasten wir uns dann kilometerweise tiefer in den Regenwald hinein. Hast du ein Gewehr?â
Die Frage ĂŒberraschte sie. Diese MĂ€nner mochten skrupellos mit der Natur umgehen, aber ob sie Kritiker tĂ€tlich angriffen? Der Gedanke kam ihr paranoid vor. Vermutlich begriffen die EuropĂ€er ĂŒberhaupt nicht, mit welcher Intention die beiden im Naturreservoir stromerten. SelbstverstĂ€ndlich misstraute sie den WeiĂen zutiefst, doch derartig sinistere Absichten, erschienen ihr konstruiert..
âWas sollen wir mit einem Maschinengewehr? Nachher hĂ€lt uns noch ein Ranger fĂŒr zwei Wildererâ, alles in ihr strĂ€ubte sich dagegen, mit einer Waffe durch das geliebte Paradies zu streifen.
âHier gibt es mehr als nur Ălgeier. Die Milizen sind die Gefahr. Ich will lieber nicht wissen, wie viele Guerillas die abgeschiedene Ruhe des Virunga-Nationalparks als RĂŒckzugsort missbrauchenâ, der GesprĂ€chspartner mutete sichtlich besorgt an.
NatĂŒrlich! Die ParamilitĂ€rs. Zola verdrĂ€ngte die beunruhigende Gegebenheit, so gut sie konnte. Monate ihres Lebens verbrachte sie im Regenwald. Einem KĂ€mpfer mit Kalaschnikow kreuzte in all den Jahren nie den Weg. Allerdings ging sie selten wirklich tief in den Busch hinein. Eigentlich kannte sie nur ein winziges BruchstĂŒck des Waldes.
Byduo riss sie aus den Gedanken: âOhne Gewehr gehe ich keinen Kilometer da reinâ, sein Finger deutete in Richtung des dichten Dickichts, was vor ihnen lag. Vermutlich waren die Bedenken begrĂŒndet. Die Menschen im Dorf sprachen nicht gerne ĂŒber jene MĂ€nner, die getrieben von Gier und Hass den BĂŒrgerkrieg stĂ€ndig anheizten, wenn die Situation sich abzukĂŒhlen begann. Dementsprechend mager fiel ihr Wissen bezĂŒglich der Milizen aus. Einige Horrorgeschichten von Vergewaltigungen, Enthauptungen oder versklavten Kindern machten immer mal wieder die Runde im geselligen Kreis. Bisher tat sie die Thesen stets als Ondits ab. Wie viel Wahrheit tatsĂ€chlich darin steckte? Wer vermochte darĂŒber verlĂ€ssliche Prognosen treffen?
Sie beschloss dem jungen Mann, der durchaus zu einem Freund werden konnte, ein wenig auf den Zahn zu fĂŒhlen: âSei ehrlich, wĂŒrdest du fĂŒr die Rettung des Nationalparks morden?â Sie wusste nicht, was sie mit der Frage bezweckte. Welche Konsequenz leite sie daraus ab? Sich selbst redete Zola ein, sie erwĂ€ge alles Nötige, um die Ălförderung zu unterbinden. Die Delinquenten lieĂen wohl kaum vom Vorhaben ab ab, sie zu töten, wĂ€re die einzige mögliche Stringenz. Zolas Blick insistierte, wenn der Bursche eine Kooperation wollte, schuldete er ihr eine Antwort.
âMein Gewissen wird mich danach plagen, da bin ich von ĂŒberzeugt, doch ich habe den Entschluss gefasst, bis zum ĂuĂeren zu gehen. Der Nationalpark ist wertvoller als sĂ€mtliches Erdöl der Welt, folglich ist er unter Garantie bedeutender, als das Leben von Verbrechernâ, er verfocht einen kompromisslosen Standpunkt. Zola wusste nicht, was sie davon halten sollte. Egal was jene Menschen auch taten, sie blieben dennoch schĂŒtzenswerte Individuen, oder? Andererseits, wenn die Eindringlinge sich nur vom Tod aufhielten lieĂen, durfte ein Mord als letzte Recht schaffende Instanz herangezogen werden? Legitimiert durch die Bedeutsamkeit des verfolgten Ziels? Sie entschied die Problematik mit ihm auszudiskutieren. Gleichwohl musste sie ihn dazu besser kennenlernen. Je weniger Leute Zolas Ăberzeugungen teilten, desto wichtiger wurde das VerhĂ€ltnis zu den einzigen VerbĂŒndeten. Was fĂŒr eine Untertreibung. Streng genommen, kannte sie abgesehen von Byduo niemanden, der ihre Ansichten vertrat.
âWie gehen wir vor?â, erkundigte sich Zola nach der Konzeption, des irrwitzigen Unterfangens.
âWir treffen uns morgen bei Sonnenaufgang an derselben Stelle. Den Rest des Tages werde ich nutzen, um uns zwei Kalaschnikows zu besorgen. Das ist der Vorteil eines BĂŒrgerkriegslandes, hier kriegst du eine Kalaschnikow fĂŒr 30 Dollar an jeder Eckeâ, bemerkte er kaustisch. Ohne ein Wort zu verlieren, verschwand er ebenso abrupt im Dickicht, wie er vor wenigen Minuten kam.
Zola lag die ganze Nacht wach. Die Gedanken kreisten im Kopf, wie der Mond um die Erde. Noch bevor die Sonne ihr gleiĂendes Licht auf ihr Dorf warf, packte sie das Nötigste in einen Lumpen. Ein wirklich schĂ€biges BehĂ€ltnis, das eigentlich eher als Beutel, denn als Tasche bezeichnet werden musste. FĂŒr etwas Besseres fehlte ihr die Moneten. Die meisten jungen Frauen hĂ€tten sich geschĂ€mt, sie trug den Gegenstand mit Stolz. Machte er doch deutlich, wie sehr ihre Aussagen mit persönlichen Ăberzeugungen in Einklang bringen lieĂen. Geld bedeutete ihr nichts, das GepĂ€ckstĂŒck symbolisierte den tragbaren Beweis. Sie dezidierte, niemandem ĂŒber ihr Fortgehen zu informieren. Bestenfalls schlug ihr UnverstĂ€ndnis entgegen, schlimmstenfalls versuchte jemand, sie aufzuhalten. ĂberpĂŒnktlich traf sie unter dem mĂ€chtigen Mammutbaum ein, an dem sie Byduo gestern begegnete. Er schien weniger exaltiert zu sein, als sie, oder er legte einfach keinen groĂen Wert auf theatralisierte PĂŒnktlichkeit. Die ersten fahlen Sonnenstrahlen brachen bereits durch das dichte BlĂ€tterdach des Urwaldes. Zola störte sich nicht an Byduos VerspĂ€tung, dafĂŒr verehrte sie die SonnenaufgĂ€nge im Park zu sehr. Sie vernahm ein Rascheln im GeĂ€st. Euphorisch legte sie den Kopf in den Nacken. Die Erwartungen wurden erfĂŒllt. Ein Berggorilla hangelte sich von Ast zu Ast, guckte mokant auf sie hinab. Diese fabelhaften Geschöpfe mussten bewahrt werden, egal, zu welchem Preis. Lieber einen potenziellen Ăkoterroristen wie Byduo an ihrer Seite, als einen weich gespĂŒlten Baumknutscher, der den Satan mit einem sachlichen GesprĂ€ch aufhalten wölle.
Ein Knacken lenkte Zolas Augen wieder auf das unterste Stockwerk des Regenwaldes. Er bahnte sich seinen Weg durch das GeĂ€st. Das plötzliche Auftauchen aus dem Unterholz musste ein Markenzeichen von ihm sein. Er schulterte neben einem groĂen Rucksack, zwei Kalaschnikows. Jeweils eine hing an jeder Schulter.
âHier, die schenke ich dir, du wirst sie brauchenâ, er warf ihr das AK-47 zu. Sie fing die Waffe geschickt, protestierte jedoch augenblicklich:
âIch habe nie schieĂen gelernt!â
âWenn siebenjĂ€hrige Kindersoldaten damit umgehen können, kannst Du das auchâ, Er grinste sardonisch. Byduos Persönlichkeit verband Verbitterung mit Optimismus auf phantasmagorische Weise. Ihr GesprĂ€ch kam zum Erliegen. Zola prĂ€ferierte ohnehin die GerĂ€usche des Waldes. Schweigend stapften sie nebeneinander her, immer tiefer ins Dickicht. Die ersten Kilometer legten sie problemlos zurĂŒckliegen. Bis der Weg schlieĂlich unpassierbar wurde. Ein Pflanzendickicht ĂŒberwucherte den Weg, so als wöllte, die Natur sich vor den PlĂŒnderungen durch den Menschen bewahren. Wortlos zog Byduo eine Machete aus seinem Rucksack. Der Kerl dachte wohl an alles. Dessen ungeachtet war das Fortkommen von Entbehrungen geprĂ€gt. Der Nationalpark gab das Innerste nur zentimeterweise preis. Die Anstrengung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zola wagte kaum, auszusprechen, welche Qual ihr der Anblick des zerhackten GestrĂŒpps bereitete. Die Trauer schlug in Ărger um, sie ĂŒberlegte in infantilen Bahnen. In wenigen Tagen wucherte ihr Durchgang wieder zu. Was die WeiĂen im Schilde fĂŒhrten, war deutlich schlimmer. Die Natur mochte das raubeinige Eindringen verzeihen, glĂŒcklicherweise existierten gute GrĂŒnde fĂŒr ihr Verhalten.
SchlieĂlich kamen sie auf einer kleinen Lichtung zum Stehen. Vielleicht zehn mal zwölf Meter breit. Doch wer durch den Regenwald pirschte, durfte nicht komfortversessen sein. Wortlos fassten beide zu dem Entschluss, eine Pause einzulegen. Neben der Hitze machten ihnen die Moskitos zu schaffen, offenbar empfanden die Stechinsekten Menschenblut als eine exotische Bereicherung des Speiseplans. Wie Vampire fiel der Schwarm ĂŒber die UmweltschĂŒtzer her.
Zola ĂŒberkam ein RedebedĂŒrfnis. Bisher konstruierte sie lediglich im Stillen ein Bild von ihrem Begleiter. Auf einige Fragen fand sie einfach keine Antworten:
âByduo, wieso nimmst Du das auf dich? Alle im Dorf trĂ€umen vom Reichtum, den die weiĂen MĂ€nner angeblich bringen. Wenn ich kritische SĂ€tze Ă€uĂere, werde ich angefeindet. Ohne Anlass stellt sich niemand der Ăbermacht freiwillig entgegen.â
âNun, ich glaube, du besitzt ein Anrecht auf die Wahrheit. SchuldgefĂŒhle sind der Grund. Mein Vater ist ein einflussreicher Politiker in der Demokratischen Republik Kongo. Ich wĂŒnschte, dem wĂ€re nicht so. Er ist einer der Hauptschuldigen fĂŒr dieses Desaster. Bei der Lizenzvergabe hatte er maĂgeblich die Finger im Spiel. Auf sein DrĂ€ngen hin wurde das Genehmigungsverfahren noch beschleunigt. So nun weiĂt duâs. Du kannst mich jetzt verachten, du hast ein Recht dazu.â Ein Moment der Stille breitete sich aus.
âWieso sollte ich dich dafĂŒr hassen? Ich muss eher Bewunderung empfinden, schlieĂlich versuchst Du, den Fehler eines Familienmitglieds gutzumachen. WeiĂ er in, in welcher Form Dein Protest ausfĂ€llt?â
âJa. Ich sagte es ihm direkt ins Gesicht, also was ich davon halte. Ich schwor ihm, fĂŒr den Erhalt des Virunga-Nationalparks zu sterben, vorausgesetzt es kĂ€me dem Schutz zu gute.â
âWie hat er reagiert?â
âEr hat gelacht. Bis ihm die Ernsthaftigkeit der ĂuĂerung bewusst wurde. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Als ihm das klar wurde, wollte er mich nie wieder sehen. Meine Mutter zeigte sich minder kaltherzig. Allerdings wagte auch sie es selten, ihm zu widersprechen. Immerhin schenkte sie mir zehn Millionen Kongo Franc. Ich weiĂ die meisten Menschen gĂ€ben alles fĂŒr diese Summe. Die EuropĂ€er kann ich hiermit nicht bestechen. Allein dafĂŒr brĂ€uchte ich Geld. Das sind weniger als zehntausend Euro, darĂŒber lĂ€cheln die allenfalls mĂŒde. Naja zumindest konnte ich mich von Kinshasa bis hierher damit problemlos durchschlagen. Ich besorgte mir zerfetzte Kleidung, niemand sollte mir den Reichtum ansehen. So fuhr ich fĂŒr ein paar MĂŒnzen auf diversen Pick ups mit. Die Fahrt hat zwei Wochen gedauert, doch wie du siehst, bin ich angekommen.â
Zola sah ihm an, wie ihn das GesprĂ€ch ĂŒber seine Situation schmerzte, eilig wechselte sie das Thema: âWenn wir den Ort der Probebohrung finden, was machen wir dann? Hast du dir die Frage jemals gestellt?â
âSchau dir an, was da um deinen Hals hĂ€ngtâ, Byduo deutete mit dem Finger auf ihre Kalaschnikow. âIch habe darĂŒber nachgedacht, was Du gestern sagtest, ob ich die Ausbeuter ermorden könnte. Ich bin zu einem Entschluss gekommen. Ich muss sie hinrichten, lediglich die Angst vor dem Tod kann weitere Konzerne davon abhalten, hier Ăl zu suchen. Die Demokratische Republik Kongo genieĂt nicht gerade den besten Ruf, niemand soll glauben, dieses Land verfĂŒgte umsonst ĂŒber eine niedrige Reputationâ, Er lĂ€chelte mĂŒde. So sah er aus â der Plan. Ziemlich trivial, in Anbetracht des ĂŒbermĂ€chtigen Gegners. Sie durchforstete ihren Geist nach einer ausgefeilteren Strategie. Desillusioniert gab sie auf. Byduos Vorhaben weckte kein Vertrauen in ihr, aus Ermangelung einer besseren Alternative belieĂ sie es dabei. Nun kannte sie also seine BeweggrĂŒnde. Vergangene Nacht spann sie einige Theorien, der Wahrheit kam sie jedoch nur im Ansatz nahe. Byduo handelte aus tiefster Ăberzeugung, sie wagte kaum, an dem Axiom zu rĂŒtteln. Er mochte einen schwarzen Humor pflegen, verlogen war er keinesfals. Zola verfĂŒgte ĂŒber passable Menschenkenntnisse. Einen derartigen Aufwand betrieb niemand, bloĂ um eine Fassade aufrechtzuerhalten. Nein, er war ein Seelenverwandter. Die Erkenntnis kam ihr surreal vor, glaubte sie doch bisher die einzige VorkĂ€mpferin der Vernunft zu symbolisieren. Als AnwĂ€ltin jener ohne Lobby â den Tieren. Ihr Begleiter ging lediglich einen Schritt weiter. Er verzichtete auf die alleinige Verteidigung, er ĂŒbernahm die Rolle des Richters. Wer die Natur verachtete, starb, dieser brachialen Logik folgte Byduo. Eine bestechende Stringenz, wie  Zola eingestehen musste.
Sie befanden sich mittlerweile einen halben Tagesmarsch tief im Regenwald, die zurĂŒckgelegte Strecke konnte getrost vernachlĂ€ssigt werden. Der Park umfasste eine FlĂ€che von 7835 Quadratkilometern. Eine Zahl, die sie besser schnell vergaĂ, anstatt sie auf der Zunge zergehen zulassen, verdeutlichte es doch die AbsurditĂ€t de Plans. Die schiere GröĂe des Gefildes machte ihr Vorhaben unmöglich. Zumindest so lange ihnen niemand einen Anhaltspunkt gab. Die Pause fand ein jĂ€hes Ende: Sie hörten ein Knacken, begleitet von laut streitenden Stimmen. Selten ein gutes Zeichen, mitnichten im Kongo. Dem Land, in dem selbst ausgewiesene Experten manchmal Schwierigkeiten bekamen, die zahlreichen Milizen auseinanderzuhalten. Hastig entsicherte Byduo seine Kalaschnikow. Zola saĂ verdutzt im Gras, mit einer flinken Handbewegung zog er den Entsicherungshebel von Zolas Waffe ebenfalls. Noch immer begriff sie den Ernst der Lage nur im Ansatz. Er packte sie grob am Arm, zerrte sie in den dichtesten Busch, den er auf die Schnelle ausfindig machte. Sie konnten nur hoffen, dass dieses subsidiĂ€re Versteck, die Schutzsuchenden vor neugierigen Blicken bewahrte.
âSchieĂ nur im Ă€uĂersten Notfallâ, ermahnte er sie raunend.
âZur Erinnerung, ich kann mit dem Ding nicht umgehenâ, zischte sie zurĂŒck.
Die Stimmen wurden lauter, schwollen zu einer unheilvollen Melodie heran. Zola lugte hinter einem Blatt hervor. Wie immer siegte ihre Neugierde ĂŒber die Vorsicht. Weitere fĂŒnf Minuten vergingen, bevor sich die ersten menschlichen Konturen aus dem Dickicht schĂ€lten. Die Buschkrieger kamen ebenso wenig vorwĂ€rts wie sie, wenigstens vor einer eventuellen Verfolgung mussten sie kaum Angst haben, resĂŒmierte sie. Etwa dreiĂig kombattante betraten die Lichtung. Wer dort auf die Waldschneise trat? Nur ein ausgewiesener Kenner, der diversen im Kongo operierenden Guerillagruppen, mochte dazu eine belastbare Prognose abgeben. Egal, wer da vor ihnen stand â durch NĂ€chstenliebe, machte keine kongolesische Miliz Schlagzeilen. Sie versuchte, einen weiteren Blick auf die MĂ€nner in Fantasieuniformen, zu erhaschen. Byduo hĂ€tte sie am liebsten lautstark gemaĂregelt; angesichts der prekĂ€ren Lage ein kontraproduktiver Impuls. Menetekelnd lieĂ er seine GefĂ€hrtin gewĂ€hren. sie erschrak, sobald ihr ein unverschleierter Ausblick auf die MilizionĂ€re möglich wurde. Die MajoritĂ€t der KĂ€mpfer bildeten MinderjĂ€hrige. Jugendliche? Kinder! Höchstens dreizehn Jahre alt, oder jĂŒnger. Enthielten die Geschichten am Ende einen wahren Kern? Ăbertrafen die Kindersoldaten die AnfĂŒhrer im Bezug auf BrutalitĂ€t um ein Vielfaches? Zola verspĂŒrte weder den Drang, die GerĂŒchte im Selbstversuch zu verifizieren, noch zu dementieren. Die Truppe wirkte angespannt. Nichts deutete auf eine entspannte Pause hin. Ein etwas gröĂerer Knabe blaffte Befehle, die AusfĂŒhrung stellte ihn kaum zufrieden. Wutschnaubend kommandierte er die Leute zurĂŒck. Abgesehen von einem gehorchten alle devot. Der BandenfĂŒhrer schritt zu dem Befehlsverweigerer herĂŒber. Der Bube, der den Zorn des Chefs erregte, mochte unmöglich das neunte Lebensjahr vollendet haben. Der Ăltere drĂŒckte mit seiner Hand auf die Schultern des Kindes. Offenbar verstand der Junge die Geste. Mit gesenktem Haupt sackte er auf die Knie. Als er im Schatten der meterhohen BĂ€ume kniete, wirkte er klein, wie eine Zigarettenkippe auf einem Parkplatz.
Zola wusste, welcher FĂ€hrnis sie sich aussetzte. Doch sie konnte den Blick unmöglich von der Szene abwenden. Ăhnlich einem Kleinkind, dem die Mutter eintrichtert einen Einbeinigen niemals anzustarren. Mit dem Behinderten konfrontiert, verdrĂ€ngt es alle Mahnungen, starrte gebannt auf die Anomalie. Einen Augenblick spĂ€ter bereute sie die Neugierde. Der AnfĂŒhrer zog seine Pistole aus dem Halfter. Schoss dem Kind kaltblĂŒtig in den Kopf. Konsterniert sah sie den leblosen Körper zu Boden sacken. Byduo riskierte keinen Blick durch die zwischen den BlĂ€ttern befindlichen Schlitze. Sie registrierte, wie ihr Begleiter zusammenzuckte, als der Schuss fiel. Die GerĂŒchte stimmten also. Nun wusste sie, wie die Kindersoldaten in den eigenen Reihen fĂŒr Ordnung einstanden. Was sie mit Zola anstellten, sollte sie entdeckt werden, malte sie sich lieber nicht aus. Die verbliebenen KĂ€mpfer lieĂ der Zwischenfall so kalt, als habe jemand eine Tasche fallengelassen. Offenbar planten die Krieger einen lĂ€ngeren Aufenthalt. Die MĂ€nner nahm Platz. AĂen, tranken, bramarbasierten von diversen GrĂ€ueltaten. Ein Knabe, vielleicht zehn Jahre alt, schilderte, wie er einer Schwangeren das Baby aus dem Bauch schnitt. Die Geschichte sorgte bei den ĂŒbrigen fĂŒr Erheiterung, GelĂ€chter tönte ĂŒber die Lichtung. Byduo reagierte gegenteilig auf das Gehörte. Panisch vernahm die NaturschĂŒtzerin WĂŒrgelaute ihres Begleiters. Zum GlĂŒck lachten die Jungs stets, so ging das Gros der KlĂ€nge im Gefeixe unter. Dennoch musste sie ihn schleunigst zum Schweigen bringen, wollte sie nicht enden, wie das Kind, welches dort im Dreck lag. Affektiv hielt sie ihm den Mund zu. Die BuschkĂ€mpfer verstummten, Byduo gab ebenfalls keinen Mucks mehr von sich. Allerdings schwiegen die MilizionĂ€re einen Augenblick frĂŒher, als er. Offensichtlich bemerkte niemand die Töne aus dem GestrĂŒpp. sie atmete gerade erleichtert auf, als der Boss mit einer Handbewegung das Gefolge verstummen lieĂ. Sie wagte kaum noch, zu atmen. Das AtemgerĂ€usch wirkte auf sie verrĂ€terisch laut. Langsam erhob der Mörder seinen vernarbten Leib, griff nach der Kalaschnikow. Entsicherte die Waffe, begleitet von einem metallischen GerĂ€usch. Die martialische Melodie des heraufziehenden Todes. Sie drĂŒckte den Körper so tief wie möglich ins Buschwerk hinein. Etwas Scharfes bohrte in ihren RĂŒcken. Heroisch unterdrĂŒckte sie einen Schmerzenslaut, obwohl sie blutete. Gesichert war im Busch nur ein baldiges Ableben aller unvorsichtigen. Selbst die Pflanzen schienen gegen sie zu konspirieren. Nun wagte sie keinen weiteren Blick. Eine staksige Bewegung enttarnte sie womögich. Byduo versuchte, in eine stabile Körperhaltung zu gelangen. So wie er da auf dem Hosenboden hockte, gab er eine Zielscheibe fĂŒr den KĂ€mpfer ab. Sie staunte, wie lautlos er den Positionswechsel vollzog. Auf dem einen Bein kniete er, den anderen FuĂ setzte er rechtwinklig zum FuĂ auf. Eine Schussposition, wie sie in zahlreichen Actionfilmen Anwendung fand. Doch eines stand fest, sollten sie dekuvriert werden, mussten sie bezahlen â gewiss mit dem Tod. Sie konnte den AnfĂŒhrer nicht lĂ€nger sehen, dafĂŒr steckte sie zu tief im GestrĂŒpp. Allerdings hörte sie ihn keuchen. FĂŒr einen Jungen seines Alters atmete er auffĂ€llig laut. Vermutlich machte das Leben in abgeschiedener Wildnis die Kinder krank. Mitleid verspĂŒrte sie jedenfalls nur marginal fĂŒr den Mörder. BloĂ die Stille aufrechterhalten. Sie hasste Situationen wie diese. Dabei störte sie weniger die Gefahr, viel mehr bereitete ihr die Ausweglosigkeit Sorgen. Ihr Ăberleben hing davon ab, ob der KĂ€mpfer mit Argusaugen das GebĂŒsch scannte oder halbherzig der Arbeit nachging. Zola entdeckte die Stiefelspitzen, des Milizen-FĂŒhrers in unmittelbarer NĂ€he vor dem konspirativen Strauch. Minuten vergingen, die Stiefel verharrten auf der Stelle. In stoischer Erstarrung richtete Byduo die Kalaschnikow auf den Aggressor. Sollte sein Finger zucken, blieb dem BuschkĂ€mpfer eine geringe Ăberlebenschance. Doch was half das? Die ĂŒbrigen Guerillas liefen garantiert nicht ebenfalls ins offene Messer. Sie mussten die Nerven bewahren. Das Schicksal spielte ein zynisches Spiel mit ihnen. Ein penetranter Brandgeruch kroch in Zolas Nase. Heroin, ohne Zweifel. Sie wollte vor Erleichterung aufatmen, besann sich in letzter Sekunde eines Besseren. Der KĂ€mpfer rauchte eine Heroinzigarette direkt vor dem GestrĂŒpp. Kampfbereitschaft sah anders aus. Endlich verĂ€nderten die Stiefel ihre Position â weg vom Versteck. Byduo lieĂ die Kalaschnikow sinken. BloĂ kein unnötiges GerĂ€usch, stets rasteten die Kindersoldaten auf der Lichtung. In Zukunft mussten sie solche Orte meiden, die ParamilitĂ€rs kannten den Dschungel genauestens. Wie lange sie in dem Busch ausharrten? Weder er noch sie konnten die Zeitspanne abschĂ€tzen. Jedenfalls verronnen die Minuten sadistisch langsam. Ein Killerkommando vor Augen, einen heimtĂŒckischen Dornenbusch im RĂŒcken,alles andere als komfortabel.
SchlieĂlich zogen die MĂ€nner ab. Weitere dreihundert Sekunden vergingen, ehe die UmweltschĂŒtzer die Deckung verlassen konntenâIch hĂ€tte es besser wissen sollen! Wir befinden uns nun mehrere Kilometer tief im Dschungel, dort finden auch Menschen ein willkommenes Versteck. In Zukunft mĂŒssen wir sĂ€mtliche Waldschneisen meiden. Falls Wir das Ziel erreichen wollen, dĂŒrfen wir uns niemals Luxus erlaubenâ, in Form eines heftigen Zitterns fĂŒhrte Byduo die Anspannung ab.
âMeinst Du wirklich, diese Lichtung wurde gezielt ausgewĂ€hlt? Ich glaube sie sind vorbeigekommen, befanden den Ort fĂŒr geeignet, um eine Pause einzulegenâ, wandte sie ein.
âUnwahrscheinlich. Sobald Du dich auf den Zufall verlĂ€sst, ĂŒberlebst du hier drauĂen keine sieben Tage. Es sei denn, Du bist ein Raubtierâ, er schlenderte zu dem tot im Gras liegenden Kind herĂŒber, sie folgte ihm.
âIch habe einige Schreckensgeschichten ĂŒber die Guerillas gehört, aber das ĂŒbersteigt alles. Wie alt mag der Kerl sein?â, wollte sie mit fragendem Blick erfahren.
âSchwer zu sagen, ich denke höchstens elf, wĂŒrde mich keinesfalls wundern, wenn er erst acht ist.â
âMeinst du wirklich wir, ĂŒberstehen die kommenden zwei Wochen? Wir wissen nicht, wonach wir genau suchen, die Wildnis ist unbarmherzig, hinzu kommen die Milizen. Ich bin ĂŒberzeugt: Die Truppe ist lediglich ein Vorgeschmack, hier drauĂen treiben weit schlimmere MenschenschlĂ€chter ihr Unwesen. Ich habe den Horrorgeschichten nie Glauben geschenkt, nach dem, was ich soeben erlebte, wage ich keiner noch so wĂŒsten Behauptung zu widersprechen.â
âSoll ich ehrlich sein? Ich bin ratlos. NatĂŒrlich ist die Idee verrĂŒckt. Mit Grund verhöhnen uns alle. Aber dieser Urwald ist es wert. Wenn wir nicht fĂŒr den Erhalt kĂ€mpfen, macht es niemand. Den BĂ€umen fehlt eine Lobbyâ, Byduos Worte wirken ĂŒbertrieben expressiv, Zola lieĂ sie dennoch unkommentiert stehen.
âWie gehen wir nun vor? In jeden Fall brauchen wir einen Tipp. Wir werden doch garantiert jemanden auftreiben können, der mehr weiĂ als wir. Wir suchen nach Industriellen, aus Europa. Die sind kaum zu ĂŒbersehen. Lediglich das Gebiet ist zu gigantisch. Ehe wir die Probebohrungsstelle gefunden haben, ist der Regenwald zur Ălraffinerie umgebautâ, sie traf den Nagel auf den Kopf. Den Nationalpark zu FuĂ zu durchqueren, titulierte sie mit Recht als sportliche Herausforderung. Etwas Bestimmtes zu finden, wirkte da so wahrscheinlich, wie ein Lottogewinn. Ohne Strategie scheiterten sie, bevor das Abenteuer ĂŒberhaupt begann. Ein erstes Schreckmoment hatten sie ĂŒberstanden, doch allenfalls eine Vorahnung beschlich sie, was ihnen noch alles bevorstand. Ratlos standen sie auf der Lichtung. Zu entschlossen umzukehren, zu unentschlossen den nĂ€chsten Schritt zu gehen. Selbst wenn sie das Bohrloch ausfindig machten , was dann? Mit Worten lieĂen sich die Geldaristokraten niemals stoppen. Wen keine Skrupel beim Ausrotten ganzer Tierarten ĂŒberkamen, der verspĂŒrte auch bei zwei Aktivisten wenig moralische Bedenken. Hier drauĂen galten Gesetze höchstens theoretisch; praktisch konnte niemand die Einhaltung durchsetzen. Der perfekte NĂ€hrboden fĂŒr Milizen, Wilderer, Schmuggler oder GeschĂ€ftemacher jeglicher Couleur. Falls sie den Kampf zu gewinnen beachsichtigen, mussten drastischere Methoden her. Einfach durch den Park zu spazieren, bewegte gar nichts. An der Zerstörung der Förderanlagen fĂŒhrte mitnichten Weg vorbei, die GeldsĂ€cke in die Flucht geschlagen werden. Vermutlich oblag es ihnen, erst ein Exempel zu statuieren, bevor diese Gauner zur Vernunft kamen. Beide versanken in GrĂŒbeleien. Sie trugen einen unausgesprochenen Wettkampf aus, jeder wollte die bessere Strategie entwerfen. Um zu reĂŒssieren, waren sie angehalten, eine höhere Stufe der Entschlossenheit zu erklimmen, sollte sich irgendwann ein Kairos auftun, die Ausbeutung des Regenwaldes zu stoppen.
Eine schneidende Stimme riss sie aus den Gedanken:
âHĂ€nde hoch! Ihr sterbt, solltet ihr euch bewegen.
Kapitel 2: Kosmos der Gier