Was bedeutet eigentlich.. ERWACHSEN SEIN?
Diese Frage habe ich mir neulich bei meinem Sonntags-Spaziergang gestellt, als ich einen Ort aus alten Zeiten besucht und ĂĽber meine Charakterentwicklung der letzten Jahre reflektiert habe.
Speziell an den Tagen um meinen 30.Geburtstag rum kamen viele Gedanken diesbezüglich auf, da ich in jungen Jahren oft davon ausging, dass eine 30jährige Person auch automatisch erwachsen sei. Zumindest assoziierte ich mit dieser Zahl eine allgemeine Reife & hatte stets Respekt vor Menschen welche diese (in meinen damaligen Augen) "große Zahl" bereits erreichten.
Über die letzten Jahre zweifelte ich jedoch immer mehr daran, dass lediglich eine Zahl das "erwachsen sein" eines Menschen definiert, da ich im Laufe der Zeit auf viele ältere Personen treffen durfte, welche Denk- und Verhaltensweisen zeigten, die auf mich den Anschein machten, als seien sie mit Anfang 20 im Kopf stehengeblieben.
So fragte ich mich irgendwann, ob es ĂĽberhaupt so etwas wie einen speziellen Punkt gibt, ab dem man sagen kann "Okay, die Person ist jetzt erwachsen" oder ob es sich hierbei nicht viel mehr um einen Prozess handelt ...
Beim rückblicken auf viele meiner eigenen Denk- und Verhaltensweisen aus den letzten 5-10 Jahren, durfte ich mit großer Erleichterung feststellen, dass diese heute zum Glück kein Bestandteil meiner Persönlichkeit mehr sind.
"Was habe ich mir damals nur dabei gedacht, als ich dieses oder jenes getan habe?" war eine Frage, die wohl etliche male in meinem Kopf auftauchte.
Dass ich mich nicht nur äußerlich stark über die letzten Jahre verändert hatte, hörte ich ja bereits oft von Freunden, Familienangehörigen oder Personen aus meiner Vergangenheit, die ich nach einiger Zeit wiedertraf. Aber dass es mittlerweile solche Ausmaße angenommen hatte, wurde mir hier selber das erste mal so richtig bewusst, indem ich feststellte, wie ich heute einfach über vieles denke und fühle.
Welche Eigenschaften machen nun also einen Erwachsenen aus?
Ich denke, dass jeder ein "erwachsen sein" etwas anders definiert, zumal es ja auch immer auf den Kontext und die jeweilige Situation ankommt, in der man sich gerade befindet.
Meiner heutigen Ansicht nach ist es jedenfalls höchst erwachsen, wenn man in der Lage ist sich selbst Fehler einzugestehen, statt weiter darauf zu beharren, dass man ja immer alles richtig gemacht hat und die Schuld lediglich bei anderen liegt. Mit dem Finger auf sich zu zeigen, statt nach außen. Verantwortung zu übernehmen, für das was man getan, aber auch für das was man eben nicht getan und unterlassen hat. Falls man Scheiße gebaut hat, diese nicht klein zu reden oder sich in miesen Ausreden zu flüchten, sondern dafür geradezustehen. Verantwortung ist ein großer Begriff, den unreife Personen nicht gerne hören wollen und dabei schnell zusammenzucken. Jedoch ein (aus meiner Sicht) so extrem wichtiger Bestandteil des Erwachsenseins.
Desweiteren erachte ich es als äußerst reif & erwachsen, wenn jemand konstruktive Kritik, die man ihm gegenüber geäußert hat, nicht persönlich nimmt oder gar als Angriff gegen sich wertet, sondern diese Kritik erst einmal annimmt und nüchtern bewertet. Nicht gleich emotionsgeladen auf etwas zu reagieren oder gar hysterisch versuchen kritisierende Aussagen zu bekämpfen, sondern erst einmal als Möglichkeit zu innerem Wachstum zu betrachten, ist etwas, das meiner Beobachtung nach leider nur relativ wenige Menschen beherschen. Jedoch unterscheidet dies für mich einen Erwachsenen von einem Kind, welches sich schnell mal von seinen Emotionen hinreißen lässt, wenn ihm etwas nicht passt und welches noch nicht in der Lage ist seine Emotionen zu kontrollieren, geschweige denn umgehend wieder in den Griff zu bekommen.
Womit wir auch indirekt schon beim nächsten Punkt wären: Unangenehmen und unschönen Wahrheiten ins Auge blicken, statt zu verleugnen oder weiter an Illusionen, Fantasiegebilden und romantischen Mythen festzuhalten. Sehe ich speziell im Kontext Beziehungen & Partnerschaften sehr häufig. Dort werden sich immer und immer wieder Dinge eingeredet, die von Massenmedien, Pop-Kultur, Literatur, Hollywood & co propagiert werden, aber fernab jedweder Logik & Rationalität sind. Menschen die quasi immer wieder den eigenen Onkel unter'm Weihnachtsmann-Kostüm erkennen, aber sich weiterhin nicht eingestehen möchten, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, weil sich diese gedankliche Vorstellung an ihn eben so gut anfühlt. Menschen die generell einfach der Realität nicht ins Auge blicken wollen und ständig versuchen ihre Glaubenssätze zu verteidigen, statt mal zu hinterfragen. Eine sehr bockige Eigenschaft, die mich ebenfalls eher an Kinder erinnert und wenig mit erwachsen sein am Hut hat.
In allererster Linie bedeutet Erwachsen zu sein für mich aber den Blickwinkel einzunehmen, dass wir uns alle auf der gleichen Reise befinden... Was meine ich damit? - Nun, wenn man es mal genau betrachtet, wollen wir uns doch alle letztendlich gut fühlen, glücklich sein und ein möglichst sorgen- & leidfreies Leben - oder etwa nicht?
Doch niemand von uns ist perfekt und wir alle machen Fehler. So wird es früher oder später unweigerlich dazu kommen, dass wir Dinge tun oder sagen, welche jemand anderen enttäuschen oder gar verletzen, obwohl dies nicht unsere Intention war und wir eigentlich doch nur dafür sorgen wollten selbst ein Stückchen zufriedener & leidfreier als zuvor zu sein. Manchmal gelingt uns dies gut, manchmal eher weniger gut und manchmal sogar so schlecht, dass andere wie bereits erwähnt negativ dort involviert sind.
Im Laufe der letzten Jahre durfte ich einige Menschen kennenlernen, die leider ĂĽberaus nachtragend waren im Bezug auf das Fehlverhalten anderer Personen.
Menschen, die einfach keinen Umgang damit finden konnten, dass man ihnen mal Unrecht angetan oder sie schlecht behandelt hat.
Menschen, die immer wieder alte Geschichten auspackten, welche schon viele Jahre her waren und längst der Vergangenheit angehörten.
Menschen, die gedanklich eine Angelegenheit schlicht nicht loslassen konnten und viel altes Gepäck in ihrem emotionalen Rucksack mit sich durch den Alltag schleppten.
In meinem letzten Beitrag ging es bereits um das Thema Vergebung, daher möchte ich an dieser Stelle nicht mehr all-zu weit ausholen und erneut erklären, wozu nachtragendes Verhalten führt und wem es am meisten schadet.
Natürlich sei ergänzend vielleicht noch zu erwähnen, dass auch ich nicht vergesse, wenn mir jemand etwas schlechtes angetan oder mich unwürdig behandelt hat. Allerdings bringt es nichts einem Menschen ewig vorzuhalten, was er oder sie falsch gemacht hat, denn rückwirkend kann es sowieso nicht mehr geändert werden kann.
"An negativen Emotionen wie Groll festzuhalten ist als wĂĽrdest du ein glĂĽhendes StĂĽck Kohle in der Hand halten, mit der Absicht, es nach jemandem zu werfen. Der einzige, der sich dabei verbrennt, bist du selbst." - Buddha
Erwachsen sein bedeutet demzufolge also fĂĽr mich, gewisse Dinge auch mal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten - wie etwa der, dass die Person welche einem Leid zugefĂĽgt hat, dies vielleicht nicht unbedingt willentlich getan hat und sich zum jeweiligen Zeitpunkt vielleicht auch nicht besser zu helfen wusste.
Paradoxerweise bedeutet es aber eben auch, zusätzlich die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass diese Person eventuell auf eine Art & Weise gehandelt hat, wie er oder sie es in diesem Moment für gut & richtig erachtet hat.
Ständig nachtragend, hasserfüllt oder gar rachsüchtig zu sein, sind für mich keine Merkmale einer erwachsenen und gereiften Person, sondern eher eines verletzten & trotzigen Kleinkindes.
Wenn man plant "es jemandem heimzuzahlen", hat man nichts verstanden - scheiĂźegal wie alt man ist - und sollte nochmal Nachhilfe nehmen in der Schule des Lebens!
"Vergib jenen, die einen Fehler begangen haben, weil sie in ihrer persönlichen Entwicklung vielleicht noch nicht so weit sind wie du und daher gewisse Dinge noch anders sehen. Wünsche ihnen, dass auch sie recht bald zu jener Erkenntnis erwachen, welche du bereits heute besitzt."
Eine weitere durchaus wichtige Eigenschaft die für mich das "erwachsen sein" ausmacht ist die Fähigkeit zunehmend eine gute Balance im eigenen Leben hinzubekommen. Sich nicht mehr in Extremen zu verlieren. Was genau meine ich damit? - Nun, da dieses Thema sehr umfangreich ist, werde ich irgendwann in der Zukunft mal einen ausführlichen Artikel darüber verfassen.
Grob gesagt meine ich jedoch, dass ein Erwachsener in der Lage dazu ist in den wichtigen Bereichen seines Lebens Gas zu geben, zielstrebig und diszipliniert zu sein, sich weiterzubilden, neue Fähigkeiten zu erlernen & generell was aus sich zu machen, aber auch zu erkennen, wann es mal angebracht ist, sich eine Auszeit zu nehmen - bspw. in eine Therme zu fahren, auf die Gartenliege oder an einen Strand zu knallen.
Nicht nur durchzupowern und somit irgendwann einen Burnout zu erleiden, aber eben auch nicht nur zu faulenzen und unproduktiv zu sein.
Eine gute Balance bedeutet für mich, in der Lage zu sein Sachverhalte mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu betrachten, aber auch zu wissen, in welchen Momenten es mal okay ist das innere Kind wieder rauszulassen und albern zu sein. Nicht auf Krampf immer seriös sein zu wollen, sich aber auch nicht dauerhaft wie ein Clown zu benehmen.
NatĂĽrlich gibt noch viele weitere wichtige Eigenschaften, jedoch haben diese 5 oben genannten sich in den letzten Monaten/Jahren fĂĽr mich als die essentiellsten und bedeutendsten herauskristalliert, da sie sich eben stark von den Denk- und Verhaltensweisen eines Kindes oder Jugendlichen abgrenzen.
#ReflectionTime - 3 Fragen, die du dir im Bezug auf diesen Beitrag selbst stellen darfst:
• Wie definierst du für dich eigentlich "Erwachsen sein"?
• In welchen der von mir genannten Punkte erkennst du dich wieder und wo siehst du persönlich noch Optimierungspotential?
• Welche Eigenschaften findest du so relevant, dass du sie noch hinzufügen würdest und wieso?