Der Tod General Francos â Die Stunde Null
Ich habe die Ehre, diesen Artikel aus erster Hand geschickt bekommen zu haben. Es handelt sich um ein historisches Dokument, in dem der Journalist Friedrich Kassebeer, von 1972 bis 2005 Korrespondent der SĂźddeutschen Zeitung in Spanien, Portugal, Lateinamerika und Italien, seine damaligen Aufzeichnungen zusammenfasst.
Vor 40 Jahren begann mit Juan Carlos I. der Weg zur Demokratie
Friedrich Kassebeer
 Es geschah im vorigen Jahrhundert, vor 40 Jahren, einem halben Menschenalter. Ich soll mich an den Tod von General Francisco Franco erinnern, der sich âCaudillo von Spanien durch die Gnade Gottesâ nannte und so auch auf Peseta-MĂźnzen abgebildet war. Die Geschichte spricht aus fast vergilbten Zeitungsblättern, Computer waren damals noch Utopie. Ich war seit 1972 Korrespondent der SĂźddeutschen Zeitung in Madrid und schrieb damals, im Herbst und Winter 1975, Dutzende von Berichten und Artikeln Ăźber die vierwĂśchige Agonie des spanischen Diktators und seinen umstrittenen jungen Nachfolger, KĂśnig Juan Carlos I.
 Ein kleines Transistorradio in der Jackentasche war immer eingeschaltet, um nur kein Bulletin der 32 Ărzte zu verpassen, die im Madrider Krankenhaus La Paz (Der Frieden) âum das Leben des Staatschefs rangenâ, wie die Blätter meldeten. Die spanische Presse drang so tief in Franco ein, wie sie das bei dessen politischem Innenleben, seiner diktatorischen Praxis, nie gewagt hatte. Selbst Francos Leib- und Magenblatt, das konservativ-monarchische ABC, druckte eine anschauliche Skizze der inneren Organe Francos samt der entfernten Magenteile und der Operationsnähte.
 Die Diktatur mit ihrem Kontroll- und Zensurapparat zeigte AuflĂśsungserscheinungen. Vor den rund 200 im Hospital akkreditierten spanischen und internationalen Journalisten, Fotoreportern und Kameraleuten war kaum noch etwas zu verbergen. Die liberalen âInformacionesâ aus Madrid zeigten den kranken Caudillo von Kopf bis FuĂ schematisch mit all seinen Leiden, von Parkinson Ăźber Herzschwäche, einen Infarkt wahrscheinlich, bis zu LungenĂśdem, Magenblutungen, Darmthrombose, Bauchwassersucht.
 Prinz Juan Carlos von Bourbon, damals 37, fuhr als amtierender Staatschef täglich am Steuer seines Mercedes zum Hospital, um von den Ărzten Klarheit zu erlangen. Der Prinz war von Franco bereits 1969 per Dekret  als kĂźnftiger KĂśnig designiert worden, gegen den Widerstand radikaler Falangisten.  Der Ministerrat hatte ihn Ende Oktober, da Franco regierungsunfähig war, mit der StaatsfĂźhrung betraut. Es war nĂśtig, da Spaniens Afrikakolonie Westsahara von Marokko mit Invasion bedroht wurde. Das militärische KĂśnnen des Prinzen, der als Offizier von Heer, Marine und Luftwaffe ausgebildet wurde und inzwischen General war, wurde gefordert.
 Mittwoch, 19. November 1975, SĂźddeutsche Zeitung: âDie 32 Ărzte des todkranken Generals Franco zeigen sich fast hoffnungslos. Die Vergiftungserscheinungen im Bauch verstärkten sichâŚDie StĂśrungen des Herzrhythmus hielten anâŚFortsetzung der kĂźnstlichen Beatmung war erforderlich, ebenso der Anschluss an die kĂźnstliche Niere⌠Die durch Einwirkung vieler Betäubungsmittel abgeflachte Gehirnstromkurve blieb unverändert. In Madrid wurde die Absage an eine neue Operation , die vierte in zwei Wochen, als die Resignation der Mehrheit des Ărzteteams vor dem Tod verstanden, der trotz einiger optimistischer ĂuĂerungen in den letzten Tagen nun unausweichlich scheint.â
 Schon bei der dritten Bauchoperation war das Herz des Patienten stehengeblieben, durch Elektroschocks aber wieder in Gang gesetzt worden. Francos Enkelin Mariola, die in Madrid mit ihrem silberfarbenen Rolls Royce auffiel, hatte beim Anblick ihres an viele Apparate angeschlossenen GroĂvaters gerufen: âMein Gott, jetzt ist es aber genug.â Ăber ihren Vater, Francos Schwiegersohn MartĂnez-Bordiu, Marquis von Villaverde, der als leitender Chirurg den Patienten mit behandelte, hieĂ es freilich in Madrid, er wolle den Caudillo unbedingt bis zum 20. November am Leben halten. Ein symbolisches, fĂźr das faschistische Spanien heiliges Datum: Am 20. November 1936 war in dem von Franco angezettelten BĂźrgerkrieg der FalangegrĂźnder JosĂŠ Antonio Primo de Rivera auf Befehl der republikanischen Regierung erschossen worden. Neben seiner Gruft im monumentalen Ehrenmal Valle de los Caidos in der Sierra bei Madrid sollte Franco beigesetzt werden.
 Die spanische Regierung warnte die Chefredakteure der Zeitschriften und Tageszeitungen unter Hinweis auf die Strafvorschriften, weiterhin Kommentare zugunsten tiefgreifender Ănderungen der Verfassung und des Systems sowie Meldungen Ăźber illegale Parteien zu bringen. Der Ministerrat, der unter Franco die sozialistisch orientierte Illustrierte âTriunfoâ fĂźr vier Monate verboten hatte, lehnte unter Prinz Juan Carlos den Einspruch des Blattes ab. Ăhnlich drakonische MaĂnahmen trafen auch andere Medien.
 Wer in Spanien genauer informiert werden wollte, hÜrte ausländische Kurzwellensender, die britische BBC, Radio Moskau, Radio France und die Deutsche Welle. Oder man kaufte ausländische Zeitungen am Kiosk in Madrid. Fßr Auslandskorrespondenten begann die schwierige, beinahe pädagogische Aufgabe, den Lesern zu erklären, wie die Macht im komplizierten Franco-System verteilt war, wie die Strukturen ßberhaupt in Richtung Demokratie verändert werden konnten, wie es die illegalen Parteien unablässig forderten.
 Endlich wurden im Hospital La Paz die Medizinmaschinen abgestellt.  Franco starb in den frĂźhen Morgenstunden des 20. November um 4.40 Uhr. Zwei Wochen vor seinem 83. Geburtstag.  Sein Herz versagte nach schweren Vergiftungserscheinungen im Darmtrakt, die schon am Vortag von den Ărzten als âSchockâ erwähnt worden waren. Offiziell wurde laut Informationsministerium (!) der Tod um 5.25 Uhr von den diensthabenden Ărzten festgestellt. Die Zeitdifferenz war einer der letzten WidersprĂźche der Franco-Diktatur, die nie geklärt wurden.
 Die Leiche wurde einbalsamiert und in den Pardo-Palast im Grßngßrtel von Madrid ßberfßhrt. Dort hatte Franco jahrzehntelang mit seiner Frau Carmen residiert und regiert. Dort hatte er noch im September die letzten von zahlreichen Todesurteilen bestätigt, es war die Hinrichtungsorder fßr fßnf junge Spanier,  die von Militärtribunalen wegen Mordes verurteilt worden waren. Sie gehÜrten zur baskischen ETA und zur FRAP, einer linksextremen Widerstandsgruppe. Am 27. September wurden sie von Polizeikommandos und der Guardia Civil auf einem Truppenßbungsplatz bei Madrid erschossen. Mit drei spanischen Kollegen war ich frßhmorgens dabei, wir sahen, wie die Polizisten danach zur Entspannung rauchten, auf ihre Gewehre gelehnt. Proteste europäischer Regierungen, selbst die von Papst Paul VI., hatten den Diktator nicht vom TÜtungsbefehl abhalten kÜnnen.
 Der Tod Francos am 20. November 1975 war trotz der langen Agonie ein Schock fĂźr sein Gefolge. Mit tränenerstickter Stimme verlas Ministerpräsident  Carlos Arias im Staatsfernsehen die letzte Botschaft Francos an die Spanier. âIch wollte als Katholik leben und sterbenâ, hieĂ es da. âIm Namen Christi war ich immer gern ein treuer Sohn der Kirche. Ich bitte alle um Verzeihung, wie ich aus ganzem Herzen denen verzeihe, die sich als meine Feinde erklärt haben, ohne daĂ ich sie fĂźr solche gehalten habe.â Und dann der Hinweis auf den Nachfolger: âSchart Euch um den kĂźnftigen KĂśnig von Spanien, Juan Carlos de Bourbon, mit der gleichen Liebe und Loyalität, die Ihr mir entgegengebracht habt.â SchlieĂlich die zeitlebens von ihm gewohnte Ermahnung: âVergeĂt nicht, dass die Feinde Spaniens und der christlichen Zivilisation auf dem Sprung sind. Seid auch Ihr auf der Hut und stellt Eure eigenen Interessen im hĂśchsten Interesse des Vaterlandes und des spanischen Volkes zurĂźck.â
 Carlos Arias war nach nur elf Minuten vor den Kameras am Ende seiner Fassung. Ihm standen als Regierungschef die Diadochenkämpfe mit dem ultrarechten FlĂźgel des Movimiento Nacional (Nationale Bewegung), der Staatspartei, bevor. Arias war der Nachfolger des im Dezember 1973 durch ein Bombenattentat der baskischen ETA getĂśteten Regierungschefs, Admiral Carrero Blanco,  und er hatte unter dem Drängen reformwilliger Kräfte des Movimiento, die sich im Ständeparlament der Cortes und in der Presse bemerkbar machten, ein Gesetz fĂźr âPolitische Vereinigungenâ (Asociaciones PolĂticas) durchgebracht, die parteipolitische Tendenzen im Regime darstellen konnten.
 Doch zunächst blickten alle auf Juan Carlos, den jungen Bourbonen. Seine Taktik, den Thron zu gewinnen, verblßffte im In- und Ausland, sie lieà das Wirken kundiger Berater erkennen. Er wollte sich bereits am 22. November, einem Samstag, vom Ständeparlament, den Cortes, als KÜnig und Staatschef vereidigen lassen, um dann am Sonntag als Staatsoberhaupt den Vorgänger Franco im Valle de los Caidos beerdigen zu lassen.
 Die Leiche Francos wurde in einem luxuriĂśsen Sarkophag im Palacio de Oriente, dem Madrider KĂśnigspalast, aufgebahrt, wo das Volk von ihm Abschied nehmen sollte, wie Radio und Fernsehen unaufhĂśrlich verkĂźndeten. Schon in der bitterkalten Nacht zum 22. November kamen die Menschen zu Tausenden. Unwirsch blickten die livrierten Protokollbeamten auf die alten und jungen Kämpfer, die mit Hackenschlagen, falangistischem Heil-GruĂ und Kehrtwendung ein paar Sekunden zuviel Zeit zum Abschied vor dem offenen Sarg ihres Caudillo brauchten. Manche Ăbereifrigen schwenkten sogar drei Mal den rechten Arm hoch, und manche Dame im Pelzmantel entbot dem Toten nicht nur den Heil-GruĂ, sondern bekreuzigte sich auch noch. Einige riefen: âAdios, Caudillo von Spanien!â Und wieder andere brachen weinend vor dem Sarg zusammen.
 Die Schlangen der Wartenden wanden sich durch das ganze Zentrum der Vier-Millionen-Metropole und erreichten fast 35 Kilometer Länge. Manche standen  zwĂślf Stunden in bitterer Nachtkälte, und fast tausend mussten vom Roten Kreuz Erste Hilfe erhalten. Ein 80-Jähriger erlitt einen Herzanfall und starb im Krankenhaus. Auch wir, ein paar Auslandskorrespondenten, beobachteten die Szenen am Sarg. Wir waren bei der Franco-Regierung akkreditiert und brauchten nur den Presseausweis zu zeigen, um nicht warten zu mĂźssen. So blickten wir auf den Toten in seiner Galauniform des Generalissimus und sahen das bräunlich-grau geschminkte Gesicht, das von weiĂer Seide umgeben in dem rĂśtlich-braunen Mahagonisarg seltsam geglättet wirkte. Nur wenige von uns, die dem Pressekorps vorstanden, hatten je Gelegenheit bekommen, General Franco vorgestellt zu werden. Nun fragten wir uns, was aus seinem Regime werden wĂźrde.
  Zehntausende, die nie eine Audienz bekommen hatten, konnten aus einem Meter Distanz auf Francos Leichnam blicken. 300.000 sollen es am Ende gewesen sein. Die Demonstration von Trauer und Neugier schien alles zu erdrßcken, lieà Franco auch nach dem Ende von 39 Jahren Herrschaft allgegenwärtig erscheinen. Doch Prinz Juan Carlos war immer dabei. Spaniens kßnftiger KÜnig lieà sich von der vor allem von Ultrarechten organisierten Trauer nicht beiseite schwemmen, sondern emportragen. In einer Mischung von eiskalter Berechnung und fabelhaftem Instinkt fßr das Angemessene lieà er sich am Tage der Massentrauer im Ständeparlament als KÜnig vereidigen, verpflichtete als Staatschef und Oberbefehlshaber, frisch zum Generalkapitän ernannt, dem hÜchsten Militärrang,  durch einen Tagesbefehl alle Streitkräfte auf sich. Er war der hÜchste Soldat, wie vorher Franco.
 Dabei glaubten manche noch erschrocken, dass der Bourbone den Vorgänger schon äuĂerlich nachahmen wĂźrde. Juan Carlos rollte Samstag mittag in Francos altertĂźmlichem Rolls Royce zum Parlamentsgebäude der Cortes. Doch die Aufklärung klang beruhigend: Franco hatte als Verweser des KĂśnigreichs oft diese Staatskarosse des 1931 aus der jungen Republik geflĂźchteten KĂśnigs Alfons XIII. benutzt, und Juan Carlos nahm nun den Wagen seines GroĂvaters wie selbstverständlich wieder in Besitz.
 Der hochgewachsene Bourbone Ăźberragte schon kĂśrperlich seine Umgebung. In der Uniform des Generalkapitäns trat er vor das Parlament, begleitet von seiner Frau Sophia und den Kindern Felipe, Elena und Cristina. Spaniens neue erste Familie. Im Fernsehen sehr werbewirksam fĂźr die neue Monarchie. Juan Carlos sprach eine streng geheim gehaltene Eidesformel: Ich schwĂśre bei Gott und auf die heiligen Evangelien, die Grundgesetze des KĂśnigreichs zu befolgen und befolgen zu lassen und den Prinzipen Treue zu bewahren, auf denen die Nationale Bewegung (das Movimiento Nacional) beruht.â
 Damit war die Formel, die unter Franco galt, umgekehrt worden: Den Grundgesetzen, die formell demokratische Rechte gewähren und Raum fĂźr Gesetzesreformen bieten, ist Juan Carlos vorrangig verpflichtet; die ständestaatlichen Prinzipien, die Franco seinem Movimiento diktierte, erscheinen erst an zweiter Stelle. Den meisten war die Tragweite dieser Eidesformel nicht klar; sie stellte sich erst ein Jahr später als SchlĂźssel fĂźr den Ăbergang zur Demokratie heraus.
 Was immer des Caudillos alte Kämpfer von dieser Wendung halten mochten, der Cortes-Präsident proklamierte  den Prinzen zum KĂśnig Juan Carlos I. von Spanien. Das konnten viele kaum fassen, dass erstmals seit 1931 wieder von âSeiner Majestätâ die Rede war, dass âder Nachfolgerâ nicht mehr Juan  Carlos war, sondern dessen siebenjähriger Sohn Felipe, der als Prinz artig auf seinem Sessel saĂ und sich freute, wenn sein Papa so viel Beifall fĂźr seine Thronrede bekam.
 Von den 140 Zeilen des Manuskripts der Thronrede, die natßrlich vom Fernsehen und allen Radiosendern ßbertragen wurde, waren ganze elf Zeilen General Franco gewidmet. Sofort danach sprach Juan Carlos dankbar von seinem Vater Don Juan, der ihn von Kindesbeinen an Pflichterfßllung gelehrt habe. Der Thronprätendent und Chef des Hauses Bourbon musste im Exil leben, wurde von Franco nie in Spanien geduldet, hatte mit diesem aber die Erziehung und Ausbildung von Juan Carlos an den Militärakademien vereinbart, der Weg zum KÜnigreich.
 Sicher und selbstbewusst, nicht mehr gehemmt wie bisher, verkĂźndete Juan Carlos in der Thronrede seine Pläne. Enge Bindung der Monarchie an das Volk und Gerechtigkeit als oberstes Prinzip im Mittelpunkt. Mit fast scharfer Stimme sagte er: âNiemand mĂśge befĂźrchten, dass seine Sache vergessen wird. Niemand mĂśge einen Vorteil oder Privilegien erwarten.â  Man verstand es als Absage an die Vetternwirtschaft des Regimes, an die Korruption. Wer in der illegalen Opposition und ganz allgemein eine Garantieerklärung fĂźr demokratische Grundrechte und eine politische Amnestie erwartet hatte, wurde enttäuscht.
 Hochrufe auf den KĂśnig und auf Spanien beendeten die geschichtsträchtige Proklamation. KĂśnigin Sophia, die griechische KĂśnigstochter mit deutschen Wurzeln, bekundete ihrem Gatten nach dem Verlassen des Plenarsaals in Gegenwart nur weniger Honoratioren durch einen Hofknicks ihre Ergebenheit. Spanien lernte, was âProtokollâ bedeutet. Juan Carlos und Sophia fuhren im offenen, uralten Roll Royce zur Bahre Francos im Oriente-Palast. Es war eine Triumphfahrt an Schlangen der Wartenden vorbei, die erstmals riefen: âEs lebe der KĂśnig!â
 Das KĂśnigspaar betete einige Mi nuten am Sarge Francos, und Juan Carlos duldete nicht, dass der Zustrom der Menschen unterbrochen wurde. Er zeigte Souveränität. Er empfing als regierender Monarch den amerikanischen Vizepräsidenten Nelson Rockefeller und andere zur Beerdigung angereiste Staatsgäste. Der KĂśnig stand, wie er es geplant hatte, im Mittelpunkt der Trauerfeiern fĂźr Franco. Das Fernsehen zeigte in GroĂaufnahme, wie die tief verschleierte Witwe des Caudillo, Carmen Polo de Franco, vor dem KĂśnigspaar den Hofknicks zelebrierte. 500.000 Falangisten sollen laut spanischen Reportern zur Felsenbasilika im Valle de los Caidos gekommen sein. âFranco, Francoâ, gellten SprechchĂśre, und auch âCaudillo Franco, presente!â Das âpresenteâ â zur Stelle! -  blieb während der hektischen Wendezeit die Parole der Ultrarechten.
 Als Francos Sarg im dunklen Portal der Basilika unter dem 150 Meter hohen Steinkreuz zwischen den Felsen verschwand, wurde das Ende einer dĂźsteren Epoche bildlich greifbar. Der Sarg wurde in die Gruft neben dem Grab des Falangehelden Primo de Rivera gesenkt, ein Zyklus von vier Jahrzehnten hatte sich geschlossen. 1.500 Kilo schwer ist die Marmorplatte, mit der Francos Gruft abgedeckt wurde â noch heute unken und witzeln alte Spanier, sie sei hoffentlich fĂźr immer schwer genug. An jenem Novembersonntag schworen vor dem KĂśnig und dem Justizminister als oberstem Notar des Reiches Francos Haushofmeister und zwei Offiziere, es sei wirklich die Leiche Francisco Francos, die sie hergebracht hätten.
 SĂźddeutsche Zeitung, Madrid, 27. November 1975: Walter Scheel redete englisch mit dem sprachkundigen KĂśnig Juan Carlos, als dieser ihn eine Stunde nach Mitternacht auf dem Flughafen vor der gerade ausgerollten Luftwaffenmaschine begrĂźĂte. âYou know, what we feelâ, sagte der Bundespräsident, und darin lag eigentlich all das, was auch in vielen Botschaften aus dem Ausland an den jungen Monarchen zum Ausdruck gekommen war: der Wunsch, dass Juan Carlos Spanien nach der Franco-Ăra friedlich ins demokratische Europa fĂźhre. âEs lebe der KĂśnig!â riefen Hunderte von den Flughafenterrassen und einige auch âViva Alemania!â
 Als Prinz hatte Juan Carlos bei Besuchen in Bonn und anderen europäischen Hauptstädten erkennen lassen, dass er als Nachfolger Francos Spanien zur Demokratie machen wolle. Das war natĂźrlich Franco zu Ohren gekommen. Doch es hieĂ, dass er dem Prinzen von Soldat zu Soldat erklärte habe, jeder General schlage seine eigene Schlacht. Nun war Juan Carlos an der Reihe. AuĂer Bundespräsident Scheel kamen  Frankreichs Präsident Valery Giscard d´Estaing, Prinz Philipp von GroĂbritannien, der US-Vizepräsident Nelson Rockfeller und hohe Repräsentanten anderer Staaten zur KrĂśnungsmesse nach Madrid, um Juan Carlos sozusagen demokratische Weihen mitzugeben. Zu Francos Begräbnis waren sie bewuĂt nicht erschienen.
 In der gotischen Basilika San JerĂłnimo neben dem Prado-Museum, der traditionellen KrĂśnungs- und Hochzeitskirche spanischer Monarchen, wollte Juan Carlos in einer sehr feierlichen Messe âum gĂśttliche Erleuchtung, Weisheit und Geschicklichkeitâ bitten, wie offiziell verlautete. Dort las ihm allerdings der Madrider Erzbischof Enrique Kardinal TarancĂłn gehĂśrig die Leviten. Der vom Franquismus geschnittene und von der Falange sogar verleumdete Oberhirte hatte oft gegen Gewaltakte und UnterdrĂźckungsmaĂnehmen der Diktatur protestiert. Er appellierte in seiner Predigt an Juan Carlos, âdass Euer KĂśnigreich von keiner Art Tod oder Gewalt erschĂźttert werde, dass niemand durch irgendwelche UnterdrĂźckung versklavt werde, dass alle freie Lebensfreude teilen kĂśnnenâ.
 Zum ersten Male wurde die Forderung der katholischen Kirche nach Garantien der Grundrechte in Spanien vom Staatsfernsehen direkt Ăźbertragen. Das war die Sensation fĂźr viele Spanier am Ende dieser von Marschmusik, Trauerreden und Triumphfahrten des KĂśnigs durch Madrid erfĂźllten Novemberwoche. Viele  Spanier hatten in Oppositionszirkeln das Ende der Diktatur gefeiert. Die Studenten, deren Demonstrationen oft von der Polizei gesprengt worden waren, waren besonders ausgelassen. Aber die Ultrarechten, vor allem die fanatischen âChristkĂśnigskriegerâ, rĂźckten zu Gewaltakten aus. Sprecher der illegalen Kommunisten, Sozialisten, Christdemokraten und Liberalen forderten Generalamnestie fĂźr etwa 2000 politische Gefangene. Durch einen ersten Gnadenakt des KĂśnigs kamen zunächst rund 500 von ihnen frei.
 Ministerpräsident Carlos Arias bildete auf GeheiĂ des KĂśnigs die Regierung um. Als AuĂenminister sprach der Rechtsliberale JosĂŠ Maria de Areilza bereits von Ăffnung zu den Demokratien Europas und ersten freien Wahlen Ende 1976. Innenminister wurde Francos frĂźherer Informationsminister Manuel Fraga, der vom Botschafterposten in London nach Madrid zurĂźckkehrte. Er galt als autoritär, aber reformbereit. Ich bat ihn um ein Interview, das er mir als erstem Korrespondenten gewährte. Es erschien am 22. Dezember 1975. Ich musste, wie damals in Madrid Ăźblich, meine Fragen schriftlich einreichen, ergänzte sie aber im Wortwechsel mit dem oft aufbrausenden Minister. Was er als Minister Francos von der Diktatur gehalten habe? âSie war nie totalitär oder diktatorischâ, betonte Fraga. Er fĂźhle sich als Demokrat, freie Wahlen halte er 1977 fĂźr mĂśglich. Kommunisten sollten âin der ersten Phaseâ nicht erlaubt werden. Mit den Sozialisten rede er bereits.
 Fraga griff mit der Polizei noch oft hart durch gegen die Opposition. Die Regierung Arias, und damit auch Fraga, lÜste der KÜnig in einem ßberraschenden Coup im Juli 1976 durch Adolfo Suårez als neuem Ministerpräsidenten ab. Unter ihm kamen die Reformen zßgig in Gang. Er kannte als Minister das Movimiento von innen, entmachtete die Cortes und die Bewegung trickreich mit ihren eigenen Gesetzen. Zu Ostern 1977 legalisierte er zum Schrecken konservativer Generäle und Admiräle die Kommunistische Partei Spaniens (PCE) und siegte mit seiner Sammelpartei UCD in den ersten freien Wahlen im Sommer 1977.
 Im ersten freigewählten Parlament arbeiteten alle Fraktionen, einschlieĂlich der Kommunisten und der Katalanen, die Verfassung der âParlamentarischen Monarchieâ aus, die am 6. Dezember durch Volksabstimmung angenommen wurde. Das schwerste Problem Spaniens wurde der Terror der baskischen ETA-Separatisten, dem fast 1000 Menschen, vor allem Offiziere und Polizisten, zum Opfer fielen. Der Aufruhr in Militär und Polizei fĂźhrte zum Putschversuch am 23. Februar 1981, als ein Guardia Civil-Kommando im Parlament die Abgeordneten als Geiseln nahm und Generalleutnant Milans del Bosch in Valencia die Panzer gegen die Demokratie auffahren lieĂ. KĂśnig Juan Carlos befahl nachts Ăźbers Fernsehen den Rebellen den RĂźckzug in die Kasernen und rettete so die Demokratie. Aber auch sein KĂśnigreich. Doch hier beginnt eine andere Geschichte.
 (Friedrich Kassebeer war von 1972 bis 2005 Korrespondent der SĂźddeutschen Zeitung in Spanien, Portugal, Lateinamerika und Italien.) Â









