Knowledge-Management reloaded: Continuous Knowledge-Exchange
Das Problem: Wissensaustausch in Organisationen ist mangelhaft.Â
Lassen Sie es uns besser machen!
Obwohl es in der vergangenen Jahren in nahezu allen Organisationen BemĂŒhungen gab, das âkollektive Wissenâ der Mitarbeiter zu strukturieren und zu erfassen, ist der Prozess des Wissensaustausches bis zum heutigen Tag ineffizient. Der GroĂteil des Wissen ist entweder in den Köpfen der Mitarbeiter oder in Excel-Sheets, Power-Point-PrĂ€sentation und Word-Dokumenten vergraben. Wissensaustausch in Organisationen findet fast ausschliesslich informell statt: durch Flurfunk, Email oder Verweise auf abgelegte Dateien.
Aus meiner eigenen Erfahrung in meiner Arbeit als Entwickler und Projektleiter im Bereich der Softwareentwicklung treten einige Probleme immer wieder auf, unabhÀngig vom konkreten Projekt oder der konkreten Organisation. Bitte reflektieren Sie kurz, ob Ihnen folgende Aussagen und Fragestellungen bekannt vorkommen:
âWer in unserer Firma kann uns hier weiterhelfen ?â
âWir mĂŒssten das mal irgendwann fĂŒr unser Knowledge-Management-Portal niederschreibenâ
âDas könnte mehr Leute interessieren. Wo sollen wir das ablegen / an wen sollen wir es alles schicken?â
âSuchen sie doch mal in unserem Intranet, da mĂŒsste doch bestimmt was zu dem Thema stehenâ
Aus diesen willkĂŒrlich ausgewĂ€hlten Fragen, lassen sich folgende konkrete Probleme ableiten:
âPhantomproblemâ: Experten sind nicht bekannt, oder, wenn sie bekannt sind, dann nur ĂŒber persönliche Beziehungen, weil man sich kennt und das Wissen des anderen respektiert.
âZeitproblemâ: Das Niederschreiben und Verteilen von Wissen ist zeitaufwĂ€ndig. Zeit ist auf Projekten die knappste Resource.
âAblageproblemâ: Welches der zahlreichen Wikis, Sharepoints oder Verzeichnisse verwende ich fĂŒr das Einstellen ? Nehme ich ein Excel-Sheet oder besser Word ?
âVerteilerproblemâ: An wen wird niedergeschriebenes Wissen verteilt und wie ? Wen setze ich auf den Email-Verteiler, wen nicht ?
âGoldgrĂ€berproblemâ: um neues Wissen zu finden, muss ich erst aktiv danach suchen. Um wertvolle Informationen zu finden, brauche ich GlĂŒck.
âGranularitĂ€tsproblemâ: Die meisten Wissenssokumente sind zu gross, weil sie eigentlich Zusammenfassungen vieler kleiner Wissenseinheiten sind. Das Relevante muss dabei immer zunĂ€chst herausgefiltert werden.
âAktualitĂ€tsproblemâ: Ein signifikanter Anteil des Wissen hat ein Verfallsdatum. Wie erkenne ich, ob Wissen noch aktuell ist ? Wie wird veraltetes Wissen gelöscht und nicht mehr weiter verteilt ?
Gehen wir einen Schritt weiter, so wird bei allen aktuellen Lösungen und BemĂŒhungen ein grundlegendes Problem offenbar:
Knowledge-Management, wie es heute gelebt wird, ist dazu da, Wissen zu sammeln, in Dokumente zu bĂŒndeln und diese dann zu verwalten.
Dieser Prozess ist fĂŒr einen alltĂ€glichen und stĂ€ndigen âWissensflussâ, wie er in jeder wissensintensiven und wissensbasierten TĂ€tigkeit notwendig wĂ€re, ungeeignet.
Schauen wir uns als Beispiel einer wissensintensiven TĂ€tigkeit die Thematik "Softwareentwicklung" an: An jedem einzelnen Tag lernen die Mitarbeiter viele neue, meist kleine, aber sehr wichtige Dinge ĂŒber Prozesse, Technologien oder Vorgehensweisen. Sie machen stĂ€ndig neue Erfahrungen und lernen dauerhaft, sei es aus Fehlern, kleinen RĂŒckschlĂ€gen oder durch Informationen, die sie extern gesucht und gefunden haben. Softwareentwicklung ist eigentlich das permanente Lösen von Problemen. Auf diese Art kommen die Entwickler der Lösung, dem fertigen Softwareprodukt, Schritt fĂŒr Schritt nĂ€her. Dieser Prozess ist sehr individuell und jeder Entwickler muss ihn zunĂ€chst alleine durchleben.
StĂŒnde nun aber ein effizienter Prozess zum Wissensaustausch zwischen vielen Entwicklern zur VerfĂŒgung, so wĂ€re der einzelne Mitarbeiter nicht mehr auf sich allein gestellt. Er wĂŒrde zu einem integralen Bestandteil eines sozialen Netzwerkes von Experten werden, welche sich auf Augenhöhe austauschen und gegenseitig fördern. Schlagartig wĂŒrde so der komplette Prozess der Softwareentwicklung verbessert werden, mit entsprechend positiven Auswirkungen auf das Endprodukt.
In der Methodik der agilen Softwareentwicklung gibt es schon seit LÀngerem den Ansatz des sogenannten "Pair-Programming". Die Grundidee dabei ist es, den Entwickler nicht alleine zu lassen, sondern den Code durch zwei Programmierer erstellen zu lassen. Beide arbeiten dabei zusammen vor einem Bildschirm. Dabei profitiert jeder vom Wissen und der Erfahrung des Anderen. In einer gewissen Art und Weise ist dieses "Pair" ein soziales Mini-Netzwerk von Experten. Dort wo Pair-Programming eingesetzt wird, sind die QualitÀtsverbesserung deutlich zu erkennen.
Was muss getan werden, um das Ziel eines effizienten Wissensmanagements zu erreichen ? Um diese Frage zu beantworten ist nachfolgendes Manifest entstanden, welches aus meiner Sicht die Hauptanforderungen an einen solchen Prozess formuliert.
Manifest fĂŒr einen kontiniuerlichen Knowledge-Management-Prozess ("Continuous-Knowledge-Exchange")
Dieses Manifest basiert auf meiner eigenen, 15-jĂ€hrigen Erfahrung im IT-Consulting und der Software-Entwicklung und der tĂ€glichen Konfrontation mit der Problemstellung "Wissensaustausch" in der Praxis. UnzĂ€hlige GesprĂ€che mit Kollegen und Experten trugen maĂgeblich zur Herauskristallisierung der einzelnen Punkte, sowie deren SchĂ€rfung bei.
Wissensmanagement ist Kommunikation
Wissensmanagement ist der Prozess eines strukturierten Wissensaustausches zwischen Experten. Wissensmanagement ist Kommunikation.
Wissensmanagement ist kontinuierlich
Mitarbeiter lernen jeden Tag viele neue Dinge und wollen sie festhalten. Continuous-Knowledge-Exchange macht das tÀgliche und somit kontinuierliche Erfassen und Verarbeiten von Wissen zu seinem Hauptcredo.
Maximal eine Minute fĂŒr Erfassung und Analyse
Ein Prozess kann nur dann effizient sein, wenn er einfach und schnell nutzbar ist. Die Erfassung von neuem Wissen, sowie die Entscheidung, ob gefundenes Wissen fĂŒr mich oder meine Arbeit relevant ist, muss in weniger als einer Minute getroffen werden können.
Relevante Wissenseinheiten sind klein Die wirklich relevanten und fĂŒr das TagesgeschĂ€ft notwendigen Wissenseinheiten sind klein. Kleiner als 1000 Zeichen. Eine Untersuchung der DurchschnittsgröĂe von Wissenseinheiten in einem Pilotprojekt mit wisdomclouds.com ergab eine DurchschnittsgröĂe von 402 Zeichen. Dies entspricht ungefĂ€hr dem Umfang dieses Punktes.
Containerisierung von Wissen ist zu vermeiden
Die Verpackung von Wissenseinheiten in Dokumentencontainer wie Excel, Word oder PowerPoint erhöht die KomplexitÀt im Wissensaustausch. Ein effizientes Wissensmanagement verzichtet auf diese Verpackungen. Siehe auch: "Why use plain text?", a Conversation with Andy Hunt and Dave Thomas.
Das soziale Netz von Experten ist das Herz eines effizienten Wissensaustausches
Es gibt in einer Organisation viele Experten, die Wissen zu gleichen Themenbereichen besitzen. Diese mĂŒssen sich finden und vernetzen, um ihr Wissen effektiv austauschen zu können. Soziale Netzwerke sind das geeignetste Mittel hierfĂŒr.
QualitÀt entsteht nur in homogenen Netzwerken
Qualitativ hochwertige WissensbeitrĂ€ge entstehen nur in homogenen Netzwerken gleichberechtigter Experten, die sich auf Augenhöhe austauschen. Diese Homogene Netzwerke mĂŒssen sich selbst bilden. Sie entstehen durch eine Keimzelle, die dann schrittweise weitere Experten zu ihrem Netzwerk hinzufĂŒgt. Sie entstehen nicht durch ein oder zwei wenige Administratoren, die dann die aus ihrer Sicht richtigen Leute hinzufĂŒgen (i.d.R. auf Basis des Org-Charts).
Wissen muss chronologisch organisiert werden
Wissenseinheiten mĂŒssen zeitnah weitergegeben werden, sonst verlieren sie ihre Bedeutung. âWissens- oder Knowledgestreamsâ analog des Activity-Streams von Facebook oder der Idee der "Lifestreams" (http://cs-www.cs.yale.edu/homes/freeman/lifestreams.html) sind hierfĂŒr am besten geeignet.
Aktive Information statt Warten auf Reaktion vom User
Nutzer mĂŒssen ĂŒber neue Wissenspakete aktiv informiert werden. Wenn Sie vorher selbst aktiv werden mĂŒssen, um neues Wissen zu erlangen, entsteht ein Reibungsverlust, der gross genug ist, um den Prozess ineffizient werden zu lassen.
 Wissensmanagement ist ungleich DokumentenmanagementÂ
Im Zentrum eines effizienten Wissensmanagement steht die Kommunikation zwischen Experten, nicht die Verwaltung von Dokumenten.
 Wissensmanagement ist ungleich Collaboration
Collaboration ist die Zusammenarbeit mehrerer an einem oder mehreren Dokumenten. Collaboration stellt das Dokument ins Zentrum. Continuous-Knowledge-Exchange stellt das soziale Netz von Experten im Mittelpunkt, nicht das Dokument.
 Wissensmanagement muss flexibel einsetzbar sein
Wissen entsteht ad-hoc aufgrund sich Àndernder oder neu entstehender Aufgaben und Problemstellungen. Teams finden sich zusammen, lösen eine Aufgabe und gehen wieder auseinander. RegelmÀssige Retrospektiven fördern Wissen zu Tage, dass erfasst werden muss. Effizienter Wissensaustausch muss flexibel und ohne grossen Aufwand einsetzbar sein.
 Wissensmanagement darf nicht nach dem Org-Chart ausgerichtet sein
Das Orgchart ist der gröĂte Feind des Wissensmanagements. Wissen darf nicht an Organisationsgrenzen aufgehalten werden. Wissensdatenbanken, die nach Org-Charts ausgerichtet sind fĂŒhren zu Wissens-Silos. Soziale Netzwerke von Experten bilden sich Org-Chart-ĂŒbergreifend.
 Hierarchien dĂŒrfen keine Rollen spielen
Bestehende Hierarchien in Organisation sind fĂŒr einen Wissensaustausch nur hinderlich. Vorgesetzte, die in einem Wissensaustausch-Prozess eine Sonderrolle einfordern und einnehmen fĂŒhren zu Hemmungen bei den anderen Beteiligten und letztendlich zu Ablehnung. Ein effizientes Wissensmanagement fördert den Austausch von Wissen ĂŒber alle Hierachieebenen hinweg. Siehe auch: Interview mit Googleâs CEO Eric Schmidt: Finally, there are some very smart people in your organization that you donât know about. The ones who are low in the org, theyâre probably miserable. Theyâre often deep, three levels down, look for it and when you hear it jump on it.â
Wissen muss persistent gespeichert werden
Erworbenes Wissen darf nicht verloren gehen, sondern muss in einer Datenbank gespeichert werden. Diese Datenbank darf nur dem einen originÀren Zweck, nÀmlich der Speicherung von Wissenseinheiten, dienen.
Die Community verantwortet die QualitĂ€t, nicht EinzelneÂ
Die Community entscheidet und ĂŒberwacht die QualitĂ€t der Wissenseinheiten, nicht ein Einzelner oder wenige Einzelne.
Die Community strukturiert das Wissen, nicht Einzelne
Die Kategorisierung und somit die Strukturierung des Wissens wird von der Community durchgefĂŒhrt, nicht von einem Einzelnen oder wenigen Einzelnen.
Wissensmanagement unterstĂŒtzt autarke Wissens-Communities
Es gibt in einer Organisation viele Gruppen, die Wissen in unterschiedlichen, thematisch teilweise unabhĂ€ngigen Bereichen besitzen. Diese Gruppen mĂŒssen autark ihr Wissen austauschen und verwalten können. Mit anderen Worten: Continuous-Knowledge-Exchange berĂŒcksichtigt die Tatsache, dass in einer Organisation einer bestimmten GröĂe viele soziale Netzwerke von Experten zu unterschiedlichen Themenbereichen existieren können.
Storytelling ist das beste Mittel zur Aufzeichung von Wissen
Kleine Wissenseinheiten auf Basis von âErfahrungsgeschichtenâ sind das beste Mittel fĂŒr eine effiziente Weitergabe von Wissen. Microblogging ist die effizienteste Art fĂŒr die Aufzeichnung und persistente Speicherung dieser Stories.
Konzentration auf das Wesentliche
Ein Prozess und das Tool fĂŒr einen effizienten Wissensaustausch muss ausschliesslich auf Lernen, Lessons-Learned und generell Wissen ausgelegt sein. Features wie Statusmitteilungen oder Chat wie sie bei Facebook, Twitter und anderen Social-Media-Tools im Mittelpunkt stehen, sind fĂŒr Wissensaustausch irrelevant. Sie erzeugen lediglich "StörgerĂ€usche" erzeugen, die herausgefiltert werden mĂŒssen, nicht aber der persistenten Speicherung von Wissen dienen.
Lerne durch Wiederholungen
Ein effizientes Wissensmanagement muss im wieder an vorhandenes und bereits gelerntes erinnern, da es sonst vergessen wird. Continuous-Knowledge-Exchange unterstĂŒtzt ein automatisiertes Wiederholen von einmal erworbenen Wissen.
Ein Prozess, der diese Punkte erfĂŒllt fördert aus meiner Sicht den Wissensaustausch in Teams oder Organisationen erheblich. Im Mittelpunkt eines solchen Prozesses steht der tĂ€gliche und einfache Austausch von Wissenseinheiten innerhalb von sozialen Netzwerken von Experten.Â
 Der Name "Continuous-Knowledge-Exchange" unterstreicht dabei eine der Wurzeln dieses Manifest in der Agilen Softwareentwicklung, bei der das Erstellen und Ausliefern eines Produktes in kurzen Zeitzyklen ("continuous") im Vordergrund steht.
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stefan.wendel (at) wisdomclouds.com
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