Wie das Geschrei tausender Seelen
Schwebt durch rauschenden Regen
Die Stille und Leere durchbrechend
Ein Knistern, bis dann ungehört
Schallen ferne Rufe im Echo der
HĂ€userschluchten eines einsamen verlassenen Orts.
Es ist Nacht, doch die Lichter, sie sind aus
Es ist niemand zuhaus, aber keiner ausgegangen
Bis auf die Kerzen
Nichts mehr Warmes ist zu spĂŒren
Wo sonst reges Treiben war
Die hohen Bauten, die sie bauten stehen nun da
Wie reine Fassaden, unnahbar, Arkaden
Aus Beton, grau und ihre Bedeutung losgeworden â
Bedeutungslos geworden.
Sie standen fĂŒr Morgen, doch das gibt es heute nicht mehr
In den leeren StraĂen ĂŒberall der
Schleier des Schweigens
Nur die Maschinen und Anlagen laufen weiter klagend,
das GerĂŒst der zivilisierten RealitĂ€t
Zu tragen, wÀhrend sie, die Menschen, es seit Tagen verrichten
Das Ende aller Geschichten
Man braucht nur dem Schein zu folgen.
Scheinbar
Die einzige Quelle von WĂ€rme und Licht in der Ferne
Doch der Scheint trĂŒgt,
denn dort, wo sie alle zu finden sind,
drauĂen weit weg von HĂ€usern und StraĂen in der ebenen Steppe
liegt, fĂŒr jeden zu sehen, die Mitte hitziger KĂ€lte.
Sie stehen dort alle versammelt, um das Zentrum hell zĂŒngelnder Flammen
Des Kegels der Schande
In endlosen Zahlen, menschliche Massen
Die Autos am Rande der StÀdte gelassen und die letzten Kilometer gegangen
Um das feuerrote Flackern auf ihren Wangen
Tanzen zu lassen.
Ja, um dabei zu sein, wenn sich die AbgrĂŒnde lichten, wenn
Es geschrieben wird
Das Ende aller Geschichten.
Ein gigantischer Berg, massiven Umfangs, so endlos in den Himmel getĂŒrmt,
dass selbst der Kopf im Nacken sie nur fiebrig erahnt, die Spitze von Flammen umstĂŒrmt.
Ein gewagtes, wahnsinniges Mahnmal, eine Warnung
Konstruktion menschlichen Scheiterns, mit penibler Planung
erfolgreich zum Scheiterhaufen aufgeworfen
Bagger- und Kranfahrer stehen mystisch am Rande â beĂ€ugen apathisch ihre Tat
Sie haben, welch Schande, die Menschheit auf Befehl verraten
Alles getan, was verlangt war
Jetzt bleibt nur, zu warten. Sie wissen: es ist zu spÀt zum Erkennen
Sie warten darauf, dass alle Geschichten verbrennen.
Die Zahl an BĂŒchern, die Zahl ist nicht zu fassen
Dort liegend, aufeinander geworfen, verlassen wie
Billiges Brenngut oder wertloser Schutt, verblassend vor allem
der Hochofenhitze zum Opfer gefallen
kohlschwarze Asche, kein Schmuck.
Die Flammen, sie zĂŒngeln und lecken an ihnen
mit rasendem Eifer verwelken Romane, verglĂŒhen Gedichte
Dystopien, Fantasien, Abenteuer- und Kurzgeschichten
SachbĂŒcher, BildbĂ€nde - alle entfliehen
Ins Nichts
Klassiker, Krimis, dicht auf dicht,
Nicht nur Thriller und Historien, sie verschlingen
Auch Kurzgeschichten und Science Fiction
Liebesromane und Komödien verschwinden
Um Ratgeber, KochbĂŒcher, ReisefĂŒhrer winden
Sich die hitzigen Gase
Zerstören Biografien und Memoiren
Millionen Berichte vernichtet
Comics, Utopien und religiöse Schriften
Haben wir Kopien? â Mitnichten
Das hier ist kein Spiel, es ist
Das Ende aller Geschichten.
Doch die Menschen, sie schauen gespannt, wie gebannt
Vom gigantischen Brand alter Werte
Alles altbewehrte verweht in die Leere und sie schauen zu
Alle da, Familien, Freunde, Paare, ich und du
Leute aller Berufe, dazwischen die Rufe voll rohem Stolz
ânieder mit den Schriftenâ, Freude am vernichten
An der Macht selbst in den Abgrund zu springen
Am Zerstören und nicht im geringsten Bereuen.
Auch jetzt, vor dem Feuer, sind sie am trÀumen
Von RÀumen mit leergerÀumten Regalen
Ohne Altlast, intellektuellen Atlas, sie rufen Freiheit
Zeit, neue Wege zu gehen, sie sehen
in den Flammen Hoffnung und dichten einen Anfang hinein
in das Ende aller Geschichten.
Doch sie wissen nicht, was sie da ins Feuer warfen
SpÀter wird man sich fragen
Wie konnten wir wagen
Das zuzulassen, zuzusehen wie Schritt fĂŒr Schritt
Die Glut Erkenntnis zerschnitt, Sitte entglitt und jeglicher Fortschritt fort schritt.
UnzÀhlige Multiversen, im Geiste erschaffen, mit tausenden Charakteren ziehen nun zu den Sternen
Millionen Gedanken entfernen sich, die Essenz der Moderne in unerreichbaren SphÀren
Wenn Ethik vergeht und alles Wissen zerflieĂt.
Und schlieĂlich lassen die Flammen nach, lassen ab, lassen Vortritt
Einer dunklen Glut, die voll Wut die letzten wertvollen Seiten zerfrisst
Sie waren alle dabei, waren TĂ€ter und Zeugen, nun gut, es ist wie es ist.
Ein Meer aus immer mehr letzten Fetzen sinkt vergessen zu Boden
WĂ€hrend sich, hoch oben, Wolken aus Asche verdichten
Alles vollzogen, sollen die Götter doch richten,
Nun ist es da: das Ende aller Geschichten.
Der Anfang aller Geschichten
Vegard Beyer
Die Asche regnet auf das Feld. Alles grau, das Feuer hÀlt
nicht, was es uns zuvor versprach, dass alles besser wird danach,
dass starke Macht und gute FĂŒhrung
uns schĂŒtzt in vĂ€terlich' BerĂŒhrung.
Dass wir ohne selbst zu wissen
ohne je was zu vermissen
sorgenfrei den MĂ€chten dienen
könnten, sicher wĂ€rân dank ihnen.
Jeder denkt jetzt an das GroĂe,
doch wie ich zugleich gehe und gegen Stehende stoĂe
sehe ich, wir sind alle versunken.
GelĂ€hmt in Hypnose, wir sehân nur nach unten.
Der vergangene Eifer
wie Wunden an Kranken
und da sinken vom Himmel
die toten Gedanken.
Manche still und zwanghaft lÀchelnd,
manche beinah heimlich hechelnd
stinkend, stolz und eingestaubt
Aber ich hab all das nie geglaubt.
Wir kĂŒren âdie neue Ăraâ nun bald
Ich spĂŒre sehr Vieles, sehr fahl, und sehr kalt
Nun ist es real. Da habt ihr's.
Alles wartet auf der Welt, denn es kam doch sehr schnell
Es ist nicht mehr warm. Da habt ihr's!
Da ha'm wir's, denke ich, und erinnerâ mich nicht
Wieso an diesem Berg so viel Gutes zerschelltâ
und wie es zum Ende der Geschichten kam
ich nehme Mutter schlicht am Arm
und wir verlassen das Feld.
Wie war das? Dieser Gedanke entstand
ĂŒber Jahre, Jahrzehnte, bald Ă€uĂerst bekannt.
Man plante am Wissen den Mord
und wÀhlte zentral einen Ort.
Zahlte Abgeordneten die Spesen, um sich dorthin zu begeben,
fahren, fliegen, reisen eben -
ganz egal die UmweltschĂ€den, nicht nur manchâ Minister, jeden!
Und als sie nach Buffet und Reden empfÀnglich im Dazwischen schwebten,
sickerten die Worte besser, glitten fast wie Tortenmesser
durch Glasuren alter Werte. AufgewĂ€rmter KĂŒchenstahl, er
schnitt durch die FassadenbÀrte, und piekste Traditionsbewahrer
von Jahr zu Jahr sah jeder klarer:
BĂŒcher sind dran schuld gewesen!
Es ist das âalleine Lesen!â
Die leisen kleinen Freigedanken,
die lang schon stark zum Himmel stanken,
die gefÀhrden uns als erste,
lassen Kathedralen wanken, TĂŒrme fallen, BrĂŒcken bersten,
durchbrechen auch die letzten Schranken, destabilisieren Banken,
RĂ€ume und GebĂ€ude stĂŒrzen,
doch ihm ist Chaos nicht genug,
dem Leser, sehr gefÀhrlich klug,
er wird an seine Schriften denken, höchstens kurz die Lippen schĂŒrzen
und euch dann die DiĂ€ten kĂŒrzen! DafĂŒr könnt ihr BĂŒchern danken!
Milliarden von höchst Schrifterkrankten!
Wie sie auf der Konferenz manifestieren
die Manifeste bald zu konfiszieren,
sind sie nicht mehr der Literatur gesonnen.
Denken und Dichtung abhandengekommen.
Ein starkes globales Vernichtungs-Abkommen
haben zwei Schritte sich darum vorgenommen -
Alles das sammeln und alles verbrennen,
denn die Revolutionen darf keiner mehr kennen.
Niemand fragte uns,
sie sagten uns:
Wir gewÀhren euch Einsicht in diese AffÀre -
ein Reinigungsfeuer bis zur StratosphÀre!
WÀre zum Beispiel die WÀhrung gefÀhrdet,
risse meinetwegen ein Wolf eure Herde,
beschössen Weltraumrassen mit Waffen die Erde,
ihr wĂŒrdet euch wehren! Mit WĂ€llen, Gewehren...
Doch die wahren Gefahren stecken in den Geschichten
sie werden weiter falsch eure Kinder belehren,
ihre Unschuld verzehren, sie zu Ketzern bekehren, den Gehorsam vernichten.
Denn durch windige Worte werden die Werte im Winde des Wandels verweht
und euch euer Platz auf der FÀhre und allem andren GefÀhrt
bei der Fahrt an neue Ufer verwehrt!
FĂŒnf Jahre wurde eingesammelt.
Kalte Fragen bedrohten leises Gestammel
und MĂ€nner in Schwarz gingen von Haus zu Haus,
hoben alle Verstecke aus.
Jeden Druckbuchstaben
jeden Schwarzmarktladen
Griffen nach den SprĂŒchebĂ€nden
in Regalen und KinderhÀnden.
Irgendwann kam dann die Nachricht
âLetzte Sammlung, ohne Nachsicht.â
Ăber jene fĂŒnf Jahre
die Drucker und Bibliothekare
verschwunden.
Jeder war unter Druck
und im groĂen Ganzen
gebunden.
Und dann erfuhr ich ganz beklommen,
wir waren am Ziel angekommen.
âWir mĂŒssen uns von frĂŒher trennen,
alle BĂŒcher nun verbrennen!â
Und durch zwölf Feuer auf der Welt
war die Menschheit bald entstellt.
All das kann ich niemals sagen,
nicht nach HintergrĂŒnden fragen,
wer es wagt, sich zu beklagen,
wird wortlos davongetragen.
Doch als wir in den Wagen steigen,
gemeinsam ĂŒber alles schweigen
was wir an diesem Orte sahen
langsam in den Morgen fahren
nordwÀrts fort vom Feuerkrater -
Da sagt Vater,
dass er, was er tat, bereut.
Seine letzte Baggerfahrt war heut.
Und ich atme aus und nicke,
wir tauschen angst- und hoffnungsvolle Blicke
und ich lass den Hebel klicken, hinter der Verkleidung stecken
dicke WÀlzer, TaschenbÀnde,
mehr in den Sitzen, voll sind die WĂ€nde,
Harry Potter, Marx, und Ende,
George Eliot, Hosseini, Dante,
Jules Verne, Miguel de Cervantes,
Rilke, Hemingway und Dickens
die wir in Verstecke schicken.
In Böden, WÀnden, Kellern, Tresen,
sind sie lang versteckt gewesen.
Montag â werden wir zusammen lesen.
Und dabei wird es nicht bleiben,
denn Menschen werden immer...