Hiram wollte ansetzen. Wollte mit ihr über Pferde sprechen, wollte sie in ihren Annahmen bekräftigen und den Dialog mit ihr suchen. Doch sie schaffte es berauschend gut, den Wolf mundtot zu machen. Die Lippen geöffnet, die dichten Barthaare zitternd, weil er eigentlich doch mit ihr sprechen wollte, kam er nicht umher, einfach ein Lächeln auf seinen Lippen zu zeigen. Die Mundwinkel hoben sich wie in Zeitlupe, als das Mädchen einfach immer weitersprach und seine Hand dabei streichelte. Es war ein komischer Moment. Sie erzählte von Tieren, in einer Intensität und Faszination, dass es den ein oder anderen Zuhörer vermutlich gelangweilt hätte. Auch Hiram, das musste er zugestehen, verstand nicht viel davon. Er konnte ihr nicht folgen, doch das musste er auch nicht. Denn während sie so erzählte, so aufblühte, so ein klein wenig ihrer Passion mit ihm teilte, da beobachtete er sie einfach nur. Ließ ihre schlanken Finger über seine große Hand wandern, ließ sie fühlen, tasten, spielen, und erfreute sich einfach daran zu sehen, wie viel Freude es ihr bereitete. Sie setzte ihn Schachmatt und brachte ihn in die verlegene Position, zu Glauben, Verliebt sein sei doch auch noch im fortschreitenden Alter möglich. Wenn er sie so ansah, dann war er sich eigentlich sicher, dass er ziemlich viel Begeisterung für die Art würde aufbringen können, mit der sie sich begeisterte. Ein Teufelskreis. Doch einer, der einen Wunsch in ihm anwachsen ließ. Er wollte sie küssen, just in dem Moment, da ihre Stimme das erste Mal versiegte. Seine Hand hob sich, legte sich an die Wange der jungen Frau, strich mit dem Daumen über den Wangenknochen. Er wollte es gerade vertonen, ihr sein Verlangen ausdrücken, als sein Blick in den Seitenspiegel wanderte.
«Fuck.» Die Ankündigung verließ die Lippen des Ex-Soldaten, noch bevor das kleine, ohrenbetäubende Signal einsetzte. Ein einziges Mal hatte der Wagen, der plötzlich hinter ihnen aufgetaucht war, seine Anlage betätigt. Hiram hatte den Jeep schon von weitem kommen sehen, doch Isabella hatte seine Aufmerksamkeit auf eigene Art unschuldig behauptet. Mühsam zwang sich der Rancher zurück in seinen Sitz, strich die Weste erneut glatt und versuchte abzuschätzen, wer ihnen da genau aufwarten würde. Der Jeep hatte sich mittlerweile hinter ihren Wagen gesetzt. Die beige-weiße Färbung des Sheriffs Office hatte das Fahrzeug sofort identifizierbar gemacht, die Aufschrift auf der Seite und der große Stern auf der Motorhaube waren unübersehbar. Den letzten Ausschlag hatte dann die Sirene gegeben, die nur einmal aufgeheult war, aber das Innere des Wagens trotzdem gut ausgefüllt hatte. Der Sheriff hinter ihnen ließ den Motor im Wagen an und sich gleichzeitig Zeit, den eigenen Wagen zu verlassen. Durch die getönte Windschutzscheibe war die Person nicht zu erkennen, erst als sich die Tür öffnete und der Cowboyhut hervor stach. «Fuck.» Verließ es erneut die Lippen von Hiram, nur dass es dieses Mal ernsthafter klang. Es war nicht der Sheriff, der das Fahrzeug verließ. Der Sheriff, das war schließlich eine Frau. Vor ein paar Monaten hatte die junge McKinnon die Wahl gewonnen und den alten Sheriff verdrängt. Es gab genügend Vorwürfe, die ihr Wahlmanipulation und Missbrauch vorwarfen, doch das Ergebnis hatte trotz einer Untersuchung Bestand gehabt. Um nicht ganz den Bezug zur konservativen Gesellschaft zu verlieren, hatte sie nach Antritt den ehemaligen Deputy des alten Sheriff auch zu einem ihrer Deputys gemacht. Seinen Sohn. Und genau der verließ den Wagen.
John Churchill war ein Bild von einem Mann. Zumindest war er das die meiste Zeit gewesen, und dann, wenn man nur weit genug von ihm weg stand. Er war groß, nicht unbedingt kräftig aber konnte sich mit seinen Fäusten in einer Schlägerei gut wehren. Sein kantiges, vielleicht minimal zu gerades Gesicht sah abgekämpft aus. Die Augen hatten nach außen hin eine abfallende Neigung, was seinen Brauenbögen sofort den Eindruck gab, müde und fertig zu wirken. Oder schlecht gelaunt, wenn seine Mundwinkel mit leichtem Sog nach unten den Anblick perfektionierten. Beliebtheit war ein Wort, das auf den Mann nicht unbedingt zutraf. Die Gerüchte hielten sich hartnäckig, dass der ehemals perfekte Sheriffssohn einen Knacks mitbekommen hatte. Die Mutter war früh gestorben, sein Vater, der Ex-Sheriff, obwohl im County durchaus beliebt, alles andere als eine tolle Vaterfigur gewesen. Jeder wusste, dass der Sheriff mit harter Hand und eiserner Entschlossenheit regiert hatte und auch seine Erziehung geführt hatte. Kein Wunder also, dass der Filius regelmäßig über die Strenge geschlagen hatte. Vor allem seit der Nachricht von Annalises Tod hatte es eine Wandlung zum Schlechten genommen. John, ehemals doch sehr verliebt und angetan, hatte nie ganz verwunden, welche Wendung die Frau in ihrem Leben genommen hatte. Noch heute verbrachte er viel zu viele Abende in der Kneipe unten beim Reservat, ertrank seine Sorgen und wartete darauf, dass ihm einer der durchfahrenden Trucker blöd kam, um ein wenig Beschäftigung zu bekommen. Nicht unbedingt derjenige, den man an eine Waffe lassen sollte. Eine, die er auch jetzt mitführte. John richtete die braune Lederjacke des Office über seiner Uniform, setzte den Cowboyhut auf und griff nach der Schritflinte, die er aus der Halterung des Wagens nahm. Er setzte seine dunkle Sonnenbrille auf, schloss die Tür und ging langsam zum Wagen von Hiram herüber. Dort hatte der Bärtige unlängst das Fenster geöffnet. Sekunden vergingen, in denen die Schritte des Deputy zu hören waren, wie er sich einfach neben das Fahrzeug stellte, die Sonnenbrille einen Millimeter weiter nach unten nahm und den Blick in das Innere des Fahrzeugs warf. Die Waffe? Dabei locker, aber gleichzeitig drohend, gegen die Schulter gelegt.
«Mr. Fairview.» «Deputy Sheriff Churchill.»
Nüchterner hätte eine Begrüßung nicht ablaufen können. „Nüchtern“ war sogar noch eine Untertreibung des Moments. Von der Sekunde an, dass der Mann in Uniform an der Scheibe des Wagens aufgetaucht war, einen Blick hineingeworfen hatte und Hiram identifiziert – ein Erkennen, das offenbar auf beiden Seiten ablief – war eine Grabesstimmung zu spüren. Wären die Brustwarzen unter dem Kleid nicht schon hart gewesen, sie wären es jetzt spätestens geworden, als die eisige Kälte den Raum des Wagens ergriff. Das hier war eine besondere Situation, die schon daran zu bemessen war, dass der Uniformierte nicht mit einer Standardaussage begann. Er wollte nicht den Führerschein kontrollieren, wollte nicht die Fahrzeugpapiere sehen, belehrte Hiram und Isabella nicht darüber, dass es hier keinen offiziellen Standstreifen gab und ihr Fahrzeug hier nicht parken durfte. Nein, dieser eigentliche Höflichkeitsbesuch eines Polizisten hatte ganz andere Züge. Der Mann im Cowboyhut ließ seinen Blick über Hiram gleiten. Ließ seinen Blick über Isabella gleiten. Er stockte, kurz, doch spürbar, bevor er mit hochgezogener Augenbraue wieder zu Hiram blickte. In seinem stoischen Antlitz war viel zu lesen. Natürlich hatte der Kerl den Wagen aufgesucht, weil er ihn erkannt hatte. Offiziell konnte er immer begründen, dass der Wagen verdächtig auf einer Landstraße geparkt hatte, sogar gegen die Fahrtrichtung, doch der Hauptbeweggrund war dass er den Halter kannte. Dass er es nicht erwarten konnte, ein Gespräch mit dem Mann zu führen, seit er gehört hatte, dass er zurück war. Obwohl das „Gespräch“ noch sehr höflich ausdrückte, welche Fantasien der Cop eigentlich in seinem Inneren trug, wenn er nur an Fairview dachte.
«Ein wenig gefährlich, einfach am unbefestigten Straßenrand zu parken, meinst du nicht auch?» Hiram hatte unlängst beide Hände an das Lenkrad gelegt, richtete den Blick stur nach vorne und spielte das Spiel mit. Er war zu clever, sich im Moment zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Das übernahm ohnehin John für ihn. Der hielt seinen Schädel einige Zentimeter schräg, besah sich die Armaturen des Wagens und las die Anzeigen aus. Eine kleinste Fehlermeldung, ein minimales Anzeichen auf unsachgemäße Wartung und der Deputy hätte den Wagen sofort aus dem Verkehr gezogen. Fast schon enttäuscht musste er also einen anderen Grund suchen und blickte wieder zu Isabella. Er sprach sie nicht direkt an – vielleicht war das ein noch unglücklicherer Umstand als ohnehin schon. Natürlich kannte der Deputy sie. Wusste, wer sie war. Das würde unweigerlich dazu führen, das bald mehr und mehr Leute wussten, mit wem das Rehlein unterwegs war. Das Versteckspiel war beendet, noch bevor es richtig begonnen hatte. «Ich wollte telefonieren, also habe ich den Wagen gestoppt um meine Fahrtüchtigkeit nicht zu beeinflussen.» Mustergültige Antwort von Hiram. Sie kitzelte am Deputy. Die Anwesenheit von Isabella war ein einziger Störfaktor. Das Reh machte es dem Mann unmöglich, ein Amt und die ihm damit verliehene Macht zu missbrauchen. Nur zu gerne hätte er sein volles Protokoll an Spielraum ausgenutzt, um Hiram den Nachmittag zu versauen. Doch John war nicht dumm: Er erkannte, dass das Mädchen weder unfreiwillig bei dem Wolf war, noch sich seiner Gegenwart grämte. Er erkannte einen aussichtslosen Fall, so wie er es damals in Annalise‘ Gesicht gesehen hatte. Sekunden biss sich John auf die Lippen, trotz des Pokerface, mit sich ringend.
«Den Wagen bewegen, sonst muss ich eine Verwarnung aussprechen.» Ruhig und gereizt. «Aber natürlich, Deputy.» Ebenso ruhig. Mexican Standoff. Die Spannung war fast greifbar. Churchill rückte die Sonnenbrille wieder nach oben und schenkte Hiram einen letzten Blick. Selbst Isabella konnte die unmissverständliche Drohung dahinter wohl lesen: Warte nur, bis das Mädchen nicht dabei ist. Hiram lächelte. Die Ruhe selbst. Doch Isabella konnte die Anspannung an seinen Armen sehen. Wie mühsam er sich zusammenriss. John wartete, hoffend, dass es zum Knall käme, doch es passierte nicht. «Und das Rücklicht hinten links ist kaputt.» Hiram lupfte eine Augenbraue, John seinen Hut. Er wendete sich ab, spuckte auf den Boden aus und machte zwei Schritte zurück zur Ladefläche des Wagens. Isabella und Hiram konnten ihn dabei beobachten, wie er selig, als würde ihn kein Problem der Welt kümmern, den Wagen entlang schlenderte, die Schrotflinte von seiner Schulter nahm und mit einem schnellen, kräftigen Stoß des Kolbens am Ende das angesprochene Licht zertrümmerte. Rote Splitter aus Plastik flogen zu Boden, ergossen sich wie eine Flut in den Sand. Der Deputy schulterte das Gewehr, zuckte mit den Schultern und stieg zurück in seinen Jeep. Das ganze Schauspiel dauerte nur noch wenige Sekunden, in denen John das Gewehr zurücklegte, den Hut neben sich auf dem Sitz drapierte und den Motor startete, um dann langsam und ohne zu Hiram und Isabella zurückzublicken, an ihnen vorbei fuhr.
Hiram behielt seine Haltung bei, bis der Jeep am Horizont über die Steigung verschwunden war und nur noch ein Flimmern zu erkennen. Erst dann brach es aus dem Wolf hervor. «Verfluchte Scheiße!» Hiram hatte sich nicht unter Kontrolle. Seine Faust sauste plötzlich und ohne Ankündigung heftig auf das Lenkrad nieder, ließ das Leder sogar kurz zittern. Der Drang, sich zu bewegen, wurde unermesslich. Fahrig griff er nach der Tür, öffnete sie und stieg aus dem Pickup aus, die Tür hinter sich ins Schloss knallend. Seine Gedanken überschlugen sich, wollten kaum ruhig werden, waren nicht in der Lage, den Wolf zu befrieden. Seine innere Unruhe zeigte sich in Gestiken und Mimik. Er zeigte sich angewidert, jeden Muskel in seinem Gesicht verkrampft. Mal beide Hände auf die Hüften gestellt, mal nur eine, die andere auf der Stirn, die Augen abdeckend. Dann machte er Schritte, blieb wieder stehen, fluchte leise vor sich hin, drehte sich zum Pickup um mit seinem Stiefel gegen den Reifen zu treten und seine Hand flach auf den Himmel des Autos zu knallen. «Ausgerechnet ER hat mir noch gefehlt. AUSGERECHNET! Von allen Menschen, die uns hätten zusammen sehen können, muss ausgerechnet fucking John Churchill der Typ sein!»