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Die EZB und das Zinstief: Wie sicher ist das Geld fĂŒrs Alter?
Was macht das Zinstief aus unserer Altersvorsorge? Betreibt die EZB auf unsere Kosten âfinanzielle Repressionâ, wie Allianz-Chef BĂ€te meint? Sind die Lebensversicherungen ĂŒberhaupt noch sicher? Eine Einordnung.
Von Heinz-Roger Dohms, tagesschau.de
Ăber 90 Millionen Lebensversicherungen gibt es in Deutschland â also mehr, als die Republik Einwohner zĂ€hlt. Das mag absurd klingen, ist aber leicht zu erklĂ€ren: Viele BundesbĂŒrger haben gleich zwei oder drei VertrĂ€ge abgeschlossen haben. Sicher ist sicher.
BloĂ: Wie sicher ist die Lebensversicherung eigentlich noch? Anders als der Name suggeriert, geht es bei der normalen Lebensversicherung ja nicht primĂ€r darum, sich fĂŒr den Todesfall abzusichern. Sondern darum, fĂŒrs Alter vorzusorgen. Das Prinzip: Ein Leben lang zahlt man ein. Und dann, im Alter, bekommt man das Geld zurĂŒck â und zwar ordentlich verzinst. So war es jedenfalls in der Vergangenheit.
Nun aber schlagen ausgerechnet die Versicherungskonzerne Alarm. Tenor: Die Niedrigzinspolitik der EuropĂ€ischen Zentralbank gefĂ€hrdet die private Altersvorsorge â und das in einer Zeit, in der das gesetztliche Rentenniveau ohnehin sinkt, weil immer weniger junge Menschen fĂŒr immer mehr alte zahlen mĂŒssen.
âWir nĂ€hern uns einem Punkt, an dem die negativen Effekte der Geldpolitik ihren Nutzen eindeutig ĂŒberwiegen. Was die EZB betreibt, ist finanzielle Repressionâ, meint Oliver BĂ€te, Chef des gröĂten deutschen Versicherers, im âSpiegelâ-Interview. Konsequenz: Die Ersparnisse wĂŒrden âentwertetâ.
Doch stimmt das ĂŒberhaupt? Und wer, wenn ja, ist wie stark betroffen? MĂŒssen wir uns wirklich Sorgen machen?
Was hat die EZB-Politik mit der Altersvorsorge zu tun?
Die EZB beeinflusst die Zinsen und damit die Altersersparnisse auf zweierlei Weise. Erstens haben die WĂ€hrungshĂŒter die (kurzfristigen) Leitzinsen sukzessive gen Null gesenkt. Das heiĂt: Die Banken können sich bei der EZB das Geld âkostenlosâ leihen â und sind immer weniger auf das Geld der Sparer angewiesen. Das ist der einfache Grund, warum die Spareinlagen auf Giro- und Tagesgeldkonten kaum noch Zinsen abwerfen.
Zweitens kaufen die Notenbanker im groĂen Stil europĂ€ische Staatsanleihen. Diese kĂŒnstliche Nachfrage drĂŒckt die (langfristigen) Anleihezinsen immer weiter. ZehnjĂ€hrige Bundesanleihen zum Beispiel bringen nur noch eine Rendite von 0,5 Prozent. Die Leidtragenden sind Versicherer und Pensionskassen, die einen GroĂteil der Kapitals, das die Beitragszahler monatlich ĂŒberweisen, genau in solche Wertpapiere investieren. Wenn ein Lebensversicherer fĂŒr eine Bundesanleihe nur 0,5 Prozent Rendite bekommt â wie soll er seinen Kunden dann eine Verzinsung von drei oder vier Prozent gutschreiben?
Fragen und Antworten
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Wie soll das funktionieren? Wird das funktionieren? Und warum gerade jetzt? |Â mehr
SchlÀgt sich das Zinstief jetzt schon nieder?
Der Effekt tritt verzögert ein. Das liegt daran, dass sich in den BĂŒchern von Versicherern und Pensionskassen viele Anleihen befinden, die aus Zeiten stammen, als die Zinsen noch deutlich höher waren. Ein Beispiel: Anfang 2007 wurden zehnjĂ€hrige Bundesanleihen noch mit gut vier Prozent verzinst. Eine Versicherung, die die Papiere damals kaufte, bekommt ebenjene vier Prozent darum noch bis 2017 jĂ€hrlich gutgeschrieben.
Nun ist es aber so, dass das allgemeine Zinsniveau nicht nur seit 2011 sinkt â sondern dass auch nicht absehbar scheint, wann es wieder auf das frĂŒher ĂŒbliche Niveau steigt (und ob das jemals wieder der Fall sein wird). Mit anderen Worten: Die Effekte des Zinstiefs sind jetzt schon spĂŒrbar, werden sich in den kommenden Jahren noch deutlich verstĂ€rken â und auf absehbare Zeit auch nicht wieder verschwinden.
Wie reagieren die Lebensversicherer?
Die spĂŒrbarste Reakion kommt bislang vonseiten der Politik: Sie hat den sogenannten Garantiezins, den ein Lebensversicherer seinen Kunden mindestens zusichern muss, von vier Prozent im Jahr 2000 auf inzwischen nur noch 1,25 Prozent gesenkt. Die Zinsen, die die Versicherer ihren Kunden (ohne Garantie) in Aussicht stellen, liegen zwar weiterhin deutlich darĂŒber (bei der Allianz sind es zum Beispiel momentan 3,1 Prozent). Angebote von sechs Prozent und mehr, wie sie frĂŒher ĂŒblich waren, gibt es allerdings schon lange nicht mehr.
Lassen sich die Zinsverluste quantifizieren?
Dem Analysehaus âMorgen & Morgenâ zufolge hat sich die laufende Verzinsung einer durchschnittlichen Lebensversicherung in den zurĂŒckliegenden 15 Jahren auf rund 2,8 Prozent halbiert â Tendenz weiter fallend.
Einige besonders krasse EinzelfĂ€lle beschreibt das Verbrauchermagazin âFinanztestâ in seiner aktuellen Ausgabe. Einer der Leser habe 1989 eine Police abgeschlossen, die bis Laufzeitende 2020 einmalig rund 196.000 Euro abwerfen sollte. Stattdessen werden es nach jetzigem Stand nur noch rund 110.000 Euro sein. Einer Leserin, die 1996 eine private Rentenversicherung abschloss, wurden damals 518 Euro Rente monatlich in Aussicht gestellt. Stattdessen erhĂ€lt die Frau, wenn der Vertrag im Dezember dieses Jahres fĂ€llig wird, lediglich 266 Euro im Monat.
Solche Einzelbeispiele lassen sich zwar nicht eins zu eins verallgemeinern. Allerdings vermitteln sie einen Eindruck davon, wie stark die Einschnitte in extremen FĂ€llen jetzt schon sind â und was fĂŒr die Zukunft zu erwarten ist.
Die Versicherungslobby GDV, gebeten um eine quantitative EinschĂ€tzung zu den Auswirkungen der Niedrigzinspolitik, schreibt: âSinkt der langfristige Zins um einen Prozentpunkt, muss ein BĂŒrger 15 bis 20 Prozent mehr aufwenden, um das Niveau seiner Altersvorsorge stabil zu halten.â
Welche Rolle spielt die Inflation?
Mit derselben Wucht, wie der Zins die Ersparnisse mehrt, frisst sich die Inflation in sie hinein. Im Umkehrschluss heiĂt das: Wenn die Inflation auch nur annĂ€hernd so niedrig bleibt, wie sie das momentan ist, wird dies die nominalen Verluste merklich abfedern.
Wie gravierend dieser Effekt ist, lĂ€sst sich an einem einfachen Beispiel illustrieren: Als im vergangenen Jahr erste Banken ĂŒberlegten, einen negativen Zins auf Spareinlagen zu verhĂ€ngen, war der Aufschrei groĂ â Sparkassen-PrĂ€sident Georg Fahrenschon spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer âEnteignungâ der Sparer. In Wirklichkeit aber, so zeigen langfristige Zahlen der Bundesbank, liegen die Sparzinsen seit den 70er-Jahren regelmĂ€Ăig im Minusbereich â jedenfalls dann, wenn man die Inflationsverluste in die Rechnung einflieĂen lĂ€sst.
Nun weiĂ natĂŒrlich niemand, wie sich die Inflation in den nĂ€chsten Jahren entwickeln wird. Tendenziell ist es aber so, dass niedrige Zinsen mit vergleichsweise niedriger Inflation einhergehen.
Die geringe Teuerug hilft ĂŒbrigens auch allen, die sich im Ruhestand in erster Linie auf ihre gesetzliche Rente verlassen wollen: Die Rente orientiert sich nĂ€mlich an der Entwicklung der Bruttolöhne. Und auch die stiegen zuletzt stĂ€rker als die Preise.
Gibt es auch Profiteure des Zinstiefs?
âIn jedem Fallâ, sagt der Rentenexperte und Ăkonom Reinhold Schnabel von der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. âSchlieĂlich gibt es auch Anlageklassen, in denen die Renditen in den vergangenen Jahren auĂergewöhnlich hoch waren, zum Beispiel bei Immobilien und Aktien.â
In der Tat setzen offenbar wieder mehr BundesbĂŒrger bei der Altersvorsorge auf die eigenen vier WĂ€nde. So deuten Bundesbankzahlen darauf hin, dass das Gesamtvolumen an privaten Baufinanzierungen 2015 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 20 Prozent gestiegen sein dĂŒrfte. Die EZB-Politik befördert diesen Trend: So liegt der Zins fĂŒr ein zehnjĂ€hriges Baudarlehen nach Angaben des Kreditvermittlers Interhyp in vielen FĂ€llen bei nur noch 1,5 Prozent.
Der langjĂ€hrige Aktienhausse hingegen geht an den meisten BundesbĂŒrgern schlicht vorbei. So waren nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts Ende 2014 hierzulande gerade einmal 8,4 Millionen am Aktienmarkt engagiert â selbst wenn man indirekte Investments in Form von Aktienfonds mitzĂ€hlt. Auf einen AktionĂ€r kommen also statistisch gesehen elf Lebensversicherte. âHier rĂ€cht sich, dass sich die Deutschen traditionell nicht trauen, in Aktien zu investierenâ, so Schnabel.
Eine andere Folge des Zinstiefs kommt hingegen praktisch jedem zugute: âDadurch, dass die Zinsen so niedrig sind, können Bund und LĂ€nder ihre Anleihen viel gĂŒnstiger emittieren, als das normalerweise der Fall istâ, sagt Schnabel. âDas mindert letztlich die Steuerlast jedes Einzelnen â was wiederum finanziellen Spielraum schafft, um mehr Geld in die private Altersvorsorge zu investieren.â
Wozu raten VerbraucherschĂŒtzer?
Auch VerbraucherschĂŒtzer können nicht in die Glaskugel blicken. Denn wer weiĂ schon, wie sich beispielsweise in Hamburg, Hanau oder im Harz die Immobilienpreise entwickeln? In einem Punkt sind sich allerdings viele Experten einig: âDie klassische Lebensversicherung war schon immer ein schwieriges Produkt, ist heute aber definitiv ein Auslaufmodellâ, wie Dorothea Mohn, Finanzexperten der Bundesverbraucherzentrale, sagt.
Der Grund: Die eingebaute Garantie schĂŒtzt den Kunden zwar vor Verlusten. Sie fĂŒhrt aber auch dazu, dass die Versicherer angehalten sind, ĂŒberwiegend in sichere, niedrig verzinsliche Wertpapiere zu investieren. âEine Altersvorsorge baut man sinnvollerweise ĂŒber 25, 30 oder gar noch mehr Jahre aufâ, sagt Dorothea Mohn. âĂber solche ZeitrĂ€ume bringt aber ausgerechnet die Anlageklasse die höchste Rendite, in die Lebensversicherer kaum investieren â nĂ€mlich Aktien.â Ăbrigens: Dasselbe âGarantie-Paradoxonâ gilt auch fĂŒr die meisten Riester-geförderten Produkte.
Wer bereits eine Lebensversicherung besitzt, sollte sie trotzdem behalten, rĂ€t Mohn. Das gilt gerade fĂŒr AltvertrĂ€ge mit einem Garantiezins von 3,25 oder gar vier Prozent. Denn die einmal vereinbarte Garantie bleibt gĂŒltig, egal, wie lange die Zinskrise noch anhĂ€lt.
Kann mein Versicherer zusammenbrechen?
Ja. Und angesichts der ĂŒppigen Zinsen, die die Gesellschaften ihren Altkunden weiterhin zahlen mĂŒssen, ist das in manchen FĂ€llen gar kein so unrealistisches Szenario. Allerdings: Sorgen um sein angespartes Kapital braucht sich kein Versicherter zu machen. Sollten einzelne Gesellschaft pleitegehen, springt ein Sicherungsfonds ein. Und falls die ganze Branche in die Krise gerĂ€t, gehen die meisten Experten davon aus, dass der Staat einschreitet â so wie damals bei den Banken.
Mehr zu diesem Thema:
Gewinnbeteiligung â Ein genauer Blick lohnt, 29.12.2015
Es bleibt beim Garantiezins â vorerst, 17.12.2015
FAQ: So funktioniert der EZB-Milliarden-Plan, 22.01.2015
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