Die WHOZWHO Kolumne von Julia Malz
Foto: Olaf Kroenke
Creative Direction: Kuni aka Kunhild Haberkern
Produktion: WHOZWHO Magazine
Im Leben ist man mal der Vogel und mal der Frosch. Zumindest die Perspektive betreffend. Und das ist wichtig, denn wer zu lange vom gleichen Ort auf alle Dinge blickt, der vergisst, dass die meisten Dinge relativ sind.
Etwas ist relativ, wenn sich seine Bedeutung Ă€ndern kann, indem man seine BezugsgröĂen Ă€ndert. Zeit ist relativ. Vier Wochen sind eine Ewigkeit, wenn man sie in Minuten zĂ€hlt. Vier Wochen sind ein Blinzeln, betrachtet man die Ewigkeit, Schönheit ist relativ. Reichtum sowieso. Die Moral ist es auch. Bei der Wahrheit will man immer hĂ€ufiger darĂŒber diskutieren, wie relativ es um sie bestellt ist. Sogar ein Leben und sein Wert ist fĂŒr manche Menschen relativ. Bei der LĂŒge bin ich mir nicht sicher.
Aber der Tod, dieser groĂe, letzte Satz in jedem Leben, der ist nicht relativ. Der ist absolut. Das wissen wir, weil auĂer in den BĂŒchern niemand wieder auferstanden ist, den wir tatsĂ€chlich kennen.
Nach dem letzten Atemzug ist gar nichts mehr relativ. Dann ist einfach aus. Und bevor alles aus ist und wir immer noch nicht alles richtig verstanden haben, sollten wir loslassen. Wir sollten zumindest versuchen, in die Mitte aller Dinge vorzudringen und die richtige Balance zu finden, in dem wir uns keiner Richtung verschlieĂen, nicht dem Oben, nicht dem Unten; nicht dem Vogel-Sein und nicht dem Frosch-Sein.
An diesem Ort, in der Balance, dort trifft man Menschen, die wohlmöglich schon verstanden haben, dass die vermeintlich absoluten Kategorien unserer Zeit gar nicht so festgezogen sind, wie wir es glauben. Das sind die Froschvögel. Sie haben ein Kratzen ganz hinten im Lachen. Vielleicht einen Schatten auf der Iris. Sie sind frei in sich. Oder zumindest nah an einem Zustand, den man wahre Freiheit nennen kann. Mit ihnen lĂ€sst es sich sehr gut reden ĂŒber Oben und Unten, Davor und Danach, StĂ€rke und SchwĂ€che, Schwarz und Weiss.
Sie sind keine Magier, keine Buddhas, keinesfalls Engel. Sie sind wie wir, nur beweglicher. Jeder kann zu jeder Zeit entscheiden, ein Froschvogel zu sein. Man braucht ein wenig Mut und man muss richtig ehrlich sein. Das ist im Bezug auf das eigene Leben anfangs bisweilen hart, fĂŒhrt irgendwann aber tatsĂ€chlich zu erfreulichen Ergebnissen. Wenn man erst einmal anfĂ€ngt, als absolut genommene Kategorien aufzubrechen und sich innerhalb ihrer Möglichkeiten neu zu positionieren, können sich viele feine Dinge ereignen. Man entdeckt, dass nicht alles, was verpönt ist, auch tatsĂ€chlich schrecklich ist. Und dass nicht alles, was als sinnvoll gilt, auch tatsĂ€chlich Sinn macht.
So ist es beispielsweise bekannt, dass man nach einem Fall möglichst schnell wieder aufstehen soll. Es wird im Allgemeinen nicht empfohlen, sich im groĂen Scheitern aufzuhalten. Dabei ist es empfehlenswerter, ein wenig liegen zu bleiben und sich am persönlichen Supernullpunkt ein wenig umzuschauen. Denn hier hat man einen ziemlich guten Blick von unten nach oben. Wie ein Frosch im Teich, ganz unten, auf dem Grund, im Morast. Hier sieht man alles, was in den Teich hinein gefallen ist. Das merkt man sich und macht sich auf nach oben. Denn Kraft fĂŒr einen Anfang findet sich in rauen Mengen in der Erkenntnis, dass man wirklich ganz da unten ist. So schlimm ist es da auch gar nicht, wenn man seine sieben Sinne noch beisammen hat. Dieser Beispiele gibt es viele zu entdecken, wenn man erst einmal erfolgreich ein Froschvogel geworden ist.
FĂŒr den Anfang könnte man seinen inneren Schweinehund mal genauer anschauen. Der ist gar nicht so ungewaschen und trĂ€ge und fettig. NatĂŒrlich, er verweigert sich und garstet herum und schlĂ€ft zu lange, aber auch nur, weil sich ansonsten niemand um ihn kĂŒmmert. Alle wollen ihn aus ihrem Haus schmeiĂen, weil jeder annimmt, dass er schlecht ist. Man sollte den inneren Schweinehund behalten und ihm bessere Dinge als bisher vorsetzen, mit denen er sich beschĂ€ftigen kann. Immerhin scheint er ja SuperkrĂ€fte zu haben, sonst wĂ€re er ja nicht so mĂ€chtig und könnte uns in Akrasie verfallen lassen. Das ist das, wenn man etwas tut, obwohl man eigentlich etwasanderes fĂŒr sinnvoller oder vernĂŒnftiger hĂ€lt.
Man kann an jeder Stelle ansetzen und die Dinge im Leben in dem breiten Spektrum betrachten, das sie tatsĂ€chlich besitzen. Das kostet nix auĂer Ăberwindung. Vieles in diesem Leben steht uns nur auf dem Papier frei, einiges ist uns nicht erlaubt. Es gibt Kategorien, Formulare und den allgemeinen Konsens. Aber die Perspektive zu wechseln, steht uns frei. Es steht uns frei, uns unsere Geschichte mit eigenen Begriffen zu erzĂ€hlen, nachdem wir uns die MĂŒhe gemacht haben, die Dinge von oben und von unten und aus der Mitte heraus anzuschauen. Man muss auch kein Froschvogel werden. Aber man kann, wenn man will.