aufbrechen, um auszubrechen â Viereinhalb wunderbare Tage Brisbane
Ich grĂŒĂe euch, liebe Leserinnen und Leser!
Mein erster ganzer Tag in Brisbane begann mit einem reichhaltigen FrĂŒhstĂŒck, das gröĂtenteils von Doug und Amy gesponsort wurde. Danke dafĂŒr! Gut gesĂ€ttigt ging ich zum nĂ€chstgelegenen 7-Eleven, um mir eine go card zu kaufen. Die go card ist eine Prepaid-Karte, mit der man die öffentlichen Verkehrsmittel in Brisbane nutzen kann. Man lĂ€dt vorher etwas Geld auf die Karte und hĂ€lt sie dann zum Bezahlen beim Ein- und Aussteigen in Bus und Bahn an die dafĂŒr vorgesehenen Scanner. Ein super einfaches System, das ich auch schon aus Sydney und Singapur kannte. Man bezahlt dadurch auch nur so viel, wie man tatsĂ€chlich fĂ€hrt. Davon darf sich der HVV mit seinen teuren Abo-Karten gerne mal ein StĂŒck abschneiden. Jedenfalls hatte ich nun meine go card und konnte mit dem Bus zum DFO (Direct Factory Outlets) fahren, um mir ein paar neuseelandtaugliche Klamotten zu kaufen. In meinem Rucksack befanden sich genau ein Pullover und zwei lange Wanderhosen. Das wĂŒrde fĂŒr den neuseelĂ€ndischen FrĂŒhling nicht ausreichen. Mit zwei Jeans und drei Pullovern im GepĂ€ck fĂŒhlte ich mich gut gerĂŒstet. Ich nahm den Bus zurĂŒck in die Innenstadt und wollte eigentlich in die Kunstgalerie gehen, da bekam ich eine SMS von Emily, die junge Frau, die mich an Josh vermittelt hatte. Sie schrieb, dass es am Abend eine gemeinsame Radtour durch die Stadt geben wĂŒrde, um fĂŒr das Radfahren als Alltagsfortbewegung zu werben. Sie wollten dem Trend, Radfahren nur als (Leistungs-)Sport zu sehen, entgegentreten, indem Radlerhosen und Radtrikots bei der Tour verboten waren. Stattdessen sollte jeder das tragen, was er im Alltag bzw. auf der Arbeit anhatte. Ich fand die Idee gut und bestĂ€tigte meine Teilnahme. AuĂerdem bekam ich eine Nachricht von Catherine, eine der vielen Warmshowers-GastgeberInnen, die ich wegen einer Unterkunft in Brisbane angeschrieben hatte. Sie schrieb, dass sie sich freuen wĂŒrde, wenn ich ein paar Tage bei ihr und ihrem Partner Malcolm verbringen könnte. Sie selbst war mehrere Wochen durch Europa geradelt und hatte dort mit Warmshowers super Erfahrungen gemacht. Nun wollte sie anderen Radreisenden etwas zurĂŒckgeben. Da es bei Josh im Haus sehr voll war und ich nicht weiter die Garage, die sein Bruder Billy eigentlich zum Lernen fĂŒr die bevorstehende AbschlussprĂŒfung brauchte, belagern wollte, nahm ich Catherines Angebot an. Sie lud mich ein, am nĂ€chsten Morgen vor 8:00 Uhr bei ihr anzukommen, um einen Yoga-Kurs, den sie leitete, mitzumachen. Wie ich erfuhr, hatte sie kĂŒrzlich ein Yoga-Studio eröffnet. Im selben GebĂ€ude wohnte sie auch zusammen mit Malcolm. Das klang alles spannend. Ich nahm mir vor, am nĂ€chsten Morgen frĂŒh aus den Federn zu kommen, sodass ich es zum Yoga schaffen konnte. Auf dem Weg zurĂŒck zu Joshs Haus ging ich noch schnell bei ALDI vorbei, um ein paar Lebensmittel fĂŒr die Hausgemeinschaft zu kaufen. Ich aĂ etwas MĂŒsli, zog mich um und fuhr zum King George Square, dem Treffpunkt fĂŒr die Radtour. Dort traf ich Emily und bedankte mich zunĂ€chst fĂŒr das Vermitteln an Josh. Ăber 30 Leute hatten sich zusammengefunden. Nicht ganz so viele wie bei den Critical-Mass-Fahrten, die ich in Hamburg mitgemacht hatte, aber genug, um wahrgenommen zu werden.
Ganz entspannt rollten wir mehr als eine Stunde durch Brisbane. Eine wunderbare Gelegenheit, die Stadt zu erkunden und gleichzeitig neue Leute kennenzulernen. Am Ende hielten wir an einer Brauerei, um den Abend bei einem guten Bier ausklingen zu lassen. Was fĂŒr ein Leben.
AnschlieĂend machte ich mich auf den Weg zurĂŒck zu Joshs Haus. Ich erklĂ€rte ihm, dass ich eine Bleibe fĂŒr die nĂ€chsten Tage gefunden hatte, bedankte mich, dass er mich bei ihm hatte schlafen lassen, und schoss ein Erinnerungsfoto mit ihm und Billy. Danke noch einmal fĂŒr deine Gastfreundlichkeit.
Ich sprang unter die Dusche, packte meine Sachen zusammen und fiel ins Bett.
Am nĂ€chsten Morgen stand ich um 6:15 Uhr auf, verschlang etwas MĂŒsli und radelte nach Windsor, einem 10km entfernten Stadtteil von Brisbane. Dort erreichte ich pĂŒnktlich Catherines Yoga-Studio. Cat und Malcolm begrĂŒĂten mich freundlich, ich legte meine Sachen ab und fand mich kurz darauf auf einer Yoga-Matte wieder. Ăber eine Stunde dauerte der Kurs. Ich genoss jede Minute. Die Mischung aus Beweglichkeit, KrĂ€ftigung und der richtigen Atmung gefiel mir sehr. AuĂerdem kam ich gut ins Schwitzen. Danach bot Cat mir an, auch an der Meditation teilzunehmen. Da sagte ich natĂŒrlich nicht nein. 45min konnte ich auf der Matte liegen und Seele und Gedanken baumeln lassen. Nach der Meditation wollte Malcolm mit Brad und Sophie, die auch an den Kursen teilgenommen hatten, einen Kaffee trinken gehen. Er lud mich ebenfalls ein. Sophie fuhr bei Malcolm auf dem Motorrad mit, ich stieg bei Brad ins Auto ein. Bei einem Kaffee bzw. einem Chai Latte kamen wir ins GesprĂ€ch. Brad ist ein ehemaliger Arbeitskollege und guter Freund von Cat. Er verstand sich auch mit Malcolm blendend. Sophie hatte er gerade erst kennengelernt und direkt zum Yoga mitgeschleppt. Ich erzĂ€hlte von meiner Radtour, wie ich ĂŒber Warmshowers auf Cat gestoĂen war und auch, dass ich einen KĂ€ufer fĂŒr mein Fahrrad suchte. TatsĂ€chlich zeigte Brad Interesse. Er wollte es sich spĂ€ter mal anschauen. Auf dem RĂŒckweg nach Windsor durfte ich bei Malcolm auf dem Motorrad mitfahren. Es war fĂŒr mich das erste Mal, dass ich auf einem Motorrad saĂ. Zu sagen, dass ich es genoss, wĂ€re eine Untertreibung. Ein unbeschreibliches GefĂŒhl, eine tolle Erfahrung. Wieder sicher in Windsor angekommen gönnte ich mir erst mal eine warme Dusche. Am Nachmittag wollte ich Cedric Dubler zu einem spĂ€ten Mittagessen in der Stadt treffen. Hier muss ich ein bisschen weiter ausholen: Cedric Dubler ist der aktuell beste australische ZehnkĂ€mpfer. Im letzten Jahr hat er an den Olympischen Spielen in Rio teilgenommen und den 14. Platz belegt. 2014 gewann er die Silbermedaille bei den U20-Weltmeisterschaften. Zu diesem Wettkampf hatte er seine Kamera mitgebracht und ein Video des Zehnkampfs von der Vorbereitung bis zur Siegerehrung auf YouTube veröffentlicht. Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung stieĂ ich auf dasVideo und abonnierte seinen Kanal. Seitdem verfolge ich seine Entwicklung â sowohl kamera-/schnitttechnisch als auch sportlich. In der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele im letzten Jahr hat er zum Beispiel jede Woche ein Video hochgeladen, in dem er seinen Trainingsfortschritt dokumentierte. Trotz einer FuĂverletzung und mehrerer Wochen TrainingsrĂŒckstand verlor er seinen Optimismus und den SpaĂ am Sport nicht. In dieser Zeit konnte man auch ein UnterstĂŒtzer-T-Shirt kaufen, weil man als Leichtathlet/in in Australien (Ă€hnlich wie in Deutschland) nur wenig finanzielle UnterstĂŒtzung erfĂ€hrt. Ich bestellte zwei T-Shirts und kam dabei in Kontakt mit seinem Vater Gabriel, der in der Schweiz aufgewachsen ist. Da er ebenfalls im Schnitt- und Kamerabereich tĂ€tig ist, fanden wir schnell ein GesprĂ€chsthema und blieben in Kontakt. Bei der Recherche fĂŒr die Reiseroute meiner sechsmonatigen Auszeit kam mir die Idee, ein paar Leichtathleten, denen ich auf YouTube folgte, zu besuchen. Da Cedric in Brisbane wohnt und trainiert, sollte meine Radtour dort enden. Ich kontaktierte Cedric per Mail, ob er Ende September oder Anfang Oktober Zeit fĂŒr ein Treffen hĂ€tte. Er fand die Idee gut und so kam es, dass das Ziel meiner Australienreise das Treffen mit Cedric in Brisbane sein wĂŒrde. Eventuell könnte ich sogar eine Trainingseinheit mitmachen. Ein bisschen frustrierend wurde es allerdings, als er sich ein paar Tage vor meiner Ankunft in Brisbane nicht mehr meldete. Zum GlĂŒck hatte ich noch Gabriels Kontakt, der mir erklĂ€rte, Cedric habe aktuell viel um die Ohren, wĂŒrde sich aber zeitnahe melden. Keine zehn Minuten spĂ€ter meldete sich Cedric entschuldigend per SMS und wir machten einen Termin fĂŒr ein Treffen aus. Zu eben diesem Treffen in Southbank fuhr mich Malcolm mit seinem Motorrad. Einen cooleren Auftritt hĂ€tte ich mir nicht vorstellen können. Bei einem Grill'd-Burger erzĂ€hlte Cedric von seinen Erfahrungen als Leistungssportler, seinen abenteuerlichen Reisen nach der Saison und der Leidenschaft zum Zehnkampf. Auch wenn wir den Sport auf sehr unterschiedlichem Niveau betreiben, gab es doch so viele Parallelen, dass der GesprĂ€chsfaden nie riss. Ich lernte einen sehr bodenstĂ€ndigen, kreativen und humorvollen Sportler kennen. Plötzlich war ĂŒber eine Stunde vergangen und Cedric musste los zur Physiotherapie und danach zum Krafttraining. Er lud mich zum Training in zwei Tagen ein und verabschiedete sich. Gut gesĂ€ttigt und von der Begegnung beschwingt spazierte ich zur Galerie fĂŒr Moderne Kunst. Auf dem Weg dorthin ging ich an einem Kino vorbei. Ich sah, dass dort âBattle of the Sexesâ lief. Da ich sowohl Emma Stone als auch Steve Carell als Schauspieler sehr schĂ€tze, wollte ich den Film auf jeden Fall irgendwann sehen. Ich fragte an der Kasse, wie teuer die nĂ€chste Vorstellung wĂ€re. FĂŒr 7$, also weniger als 5âŹ, könnte ich den Film in anderthalb Stunden anschauen. Perfekt! Na ja, fast, ich wollte ja noch in die Kunstgalerie, die nach der Vorstellung schon geschlossen haben wĂŒrde. Also erkundigte ich mich, ob anderthalb Stunden ausreichen wĂŒrden, um die Kunstwerke zu bestauen. Die Dame an der Kinokasse versicherte mir, dass ich es schaffen wĂŒrde, da vor dem Film ja noch 20min Werbung liefen. GlĂŒcklich kaufte ich ein Ticket und wanderte zur Galerie fĂŒr Moderne Kunst. Leider war in der Galerie gerade groĂe Umbaustimmung fĂŒr die neuen Ausstellungen. Daher gab es nicht besonders viel anzusehen. Und ehrlich gesagt sprachen mich die wenigen Kunstwerke, die es zu sehen gab, nicht so richtig an. So beendete ich meine Tour schon nach weniger als einer Stunde. Immerhin gab es aus dem Foyer einen schönen Blick auf die Stadt.
Trotz des verkĂŒrzten Galeriebesuchs wĂ€re ich fast zu spĂ€t zum Film erschienen, da ich unbedingt noch Snacks kaufen wollte. Als ich mich hinsetzte, spielten noch zwei Trailer und der Film begann. Gutes Timing, fand ich. Der Film gefiel mir sehr. Er war nicht perfekt, hatte seine Schwachstellen, aber insgesamt fĂŒhlte ich mich sehr gut unterhalten von einer soliden Geschichte, ĂŒberzeugendem Schauspiel und einer starken Aussage. Ich verlieĂ das Kino. Die Sonne verabschiedete sich langsam. Bald wĂŒrde das groĂe Feuerwerk, das Brisbane River Fire, starten. Die Stadt war ĂŒberfĂŒllt von Menschen. Ich suchte mir einen freien Platz am Fluss und hoffte auf eine gute Sicht. Ich wurde nicht enttĂ€uscht. Ăber 20min knallte und leuchtete es aus allen Ecken der Stadt. Dabei spiegelte der Fluss die bunten Lichter noch einmal, was den Effekt verstĂ€rkte. Wahnsinn! So ein riesiges Feuerwerk hatte ich bisher noch nicht gesehen. Weiter unten gibt es einen kleinen Ausschnitt als Video.
Nach diesem beeindruckenden Feuerwerk wollte ich zurĂŒck nach Windsor. Erstaunlicherweise war ich nicht er einzige, der nun den öffentlichen Nahverkehr nutzen wollte. Mehrere tausend Menschen standen an den EingĂ€ngen zu Bus- und Bahnstationen. Zudem waren viele StraĂen der Innenstadt fĂŒr den Verkehr gesperrt. Ein bisschen chaotisch. Okay, sehr chaotisch. Es dauerte eine Stunde, bis ich den Bus nach Windsor fand, der von einer (versteckten) Ersatzhaltestelle abfuhr. SchlieĂlich erreichte ich mein Ziel, gönnte mir noch last minute ein Sandwich von Subway und fiel ins Bett.
Da um 8:30 Uhr ein Pilates-Kurs beginnen wĂŒrde, stand ich um 8:00 Uhr auf, um daran teilnehmen zu können. Ich wusch mein Gesicht, putzte die ZĂ€hne und ging ins Studio. Doch dort traf ich niemanden. Ich schaute auf die Uhr an der Wand: 7:15 Uhr. Verwirrung. Mein Handy hatte offenbar einen kleinen Nervenzusammenbruch. Als ich es neu startete, zeigte es die richtige Zeit an. Ich war eine Stunde zu frĂŒh dran. Grandios. So legte ich mich wieder ins Bett und lachte ĂŒber meine Blödheit. Ich wachte um 8:10 Uhr auf, diesmal in echter Zeit. Nach einem Tee, lag ich um 8:30 Uhr auf der Matte. Ehrlich gesagt hatte ich noch Muskelkater vom Yoga-Kurs tags zuvor. Aber der Pilates-Lehrer kannte keine Gnade. Munter belastete ich in den Muskelkater hinein und schĂ€tzte mich glĂŒcklich, nicht der einzige zu sein, der litt. Selbst Cat hatte so ihre Schwierigkeiten. Nach einer Stunde lagen alle Teilnehmer völlig erschöpft auf dem RĂŒcken; unfĂ€hig, sich aufzurichten. Ein guter Start in den Tag. Nach einem wohlverdienten FrĂŒhstĂŒck nahmen mich Cat und Malcolm mit zum Klettern. Cat konnte eine Person umsonst mit reinnehmen. Diese glĂŒckliche Person war ich. Cat und Malcolm legten sofort los. Ich musste zuerst an einem EinfĂŒhrungskurs teilnehmen, vielleicht keine schlechte Idee. Nachdem ich das sichere Abseilen einer anderen Person und die groben Regeln des Kletterns erlernt hatte, ging es los. Gelb und blau waren die leichten Routen, die ich schnell im Griff hatte. Cat klettert schon seit Jahren und konnte mir viele gute Tipps geben. So schaffte ich nach ein paar Versuchen auch lila. An grĂŒn scheiterte ich zunĂ€chst noch.
Ich hatte eine Menge SpaĂ, jedoch verabschiedete sich nach etwa einer Stunde die Kraft in HĂ€nden und Armen. Keine Chance mehr. Aber so ging es auch den anderen. Daher entschieden wir uns, dass es Zeit fĂŒr Burger und Bier war. Nach dieser StĂ€rkung fuhren wir zurĂŒck nach Windsor, ich sprang unter die Dusche und begleitete Cat und Brad zum Live Drawing. Cat hatte schon einige Male teilgenommen, fĂŒr Brad und mich war es das erste Mal. Cat erklĂ€rte es folgermaĂen: In einer Gruppe von zehn bis fĂŒnfzehn Menschen malt man ein Aktmodell, das verschiedene Posen einnimmt. ZunĂ€chst hĂ€lt das Modell diese Posen nur fĂŒnf Minuten, danach zehn Minuten und am Ende dann einmal zwanzig Minuten. WĂ€hrenddessen skizziert man grob. Am Ende hat man etwa zehn Skizzen und kann sich entscheiden, an welchen man zuhause weiterarbeiten möchte. Ich hatte inzwischen schon einige erste Male mit Cat und Malcolm erlebt, warum nicht auch mein erstes Live Drawing? Wir waren ein bisschen spĂ€t dran, als wir die Galerie betraten, in der es stattfand. Nur fĂŒr ein paar Sekunden fĂŒhlte es sich etwas seltsam an, eine nackte junge Frau vor einer Gruppe von zehn Menschen posierend zu sehen. Aber sie zeigte sich in ihrem Körper sehr selbstbewusst und die Teilnehmer skizzierten konzentriert. Wir nahmen Platz, Cat reichte mir einen Zeichenblock und Bleistifte und wir legten los. Die FĂŒnf-Minuten-Posen waren fast unmöglich, die Zeit vergeht so schnell. Da hat man gerade einmal die Beine gezeichnet, schon wechselt das Modell die Pose. Cat erklĂ€rte mir, die ersten Posen wĂ€ren nur zum Reinkommen, ich sollte mir also keine Gedanken machen. TatsĂ€chlich wurde ich von Pose zu Pose besser. Nach einer Stunde gab es eine kurze Pause. Bei einem Glas Rotwein unterhielten wir uns mit dem Modell. Die junge Frau arbeitete schon seit ein paar Jahren nebenbei als Aktmodell. Eigentlich studierte sie. Sie fragte, ob sie sich unsere Zeichnungen ansehen könnte, was mir ein bisschen unangenehm war. TatsĂ€chlich fand sie aber eine meiner Zeichnungen so schön, dass sie ein Foto machte.
Da fĂŒhlte ich mich schon ein bisschen stolz, wobei Cats Zeichnungen tausendmal besser waren. Nach der Pause gab es noch eine Zehn-Minuten- und eine Zwanzig-Minuten-Pose. Die Zeit verging wie im Flug. Eine wunderbare Erfahrung. Wir fuhren zurĂŒck nach Windsor, Brad schaute sich mein Fahrrad an und kaufte es mir schlieĂlich ab. Danke dafĂŒr, Brad. Ein absolut gelungener Tag. Noch besser wurde er, als Cat und ich bei einem Glas Rotwein im Wohnzimmer saĂen, um an unseren Skizzen weiterzuarbeiten und sie sagte: âEs fĂŒhlt sich mit dir an, als hĂ€tte ich wieder einen Mitbewohner. Das ist toll!â Da fiel mir nichts mehr ein. Sprachlos saĂ ich da und lĂ€chelte. Ich war Cat und Malcolm so unendlich dankbar, dass sie mich aufgenommen hatten und es sich schon nach zwei Tagen so anfĂŒhlte, als wĂ€ren wir ewig befreundet. Was fĂŒr ein Leben, dachte ich, als ich ins Bett ging.
Wieder begann mein Morgen auf der Yoga-Matte. So langsam gewöhnte ich mich an diesen Luxus. Cat ist auch wirklich eine ausgezeichnete Yoga-Lehrerin. Nach dem FrĂŒhstĂŒck war es Zeit fĂŒr ein weiteres erstes Mal: Meine erste ganze Tasse Kaffee. Wer mich kennt, der weiĂ, dass ich leidenschaftlicher Teetrinker bin. Mit Kaffee hatte ich mich nie anfreunden können. Malcolm wollte das so nicht stehen lassen. Daher lud er Cat und mich in sein LieblingscafĂ© ein. Gespannt beobachteten mich vier Augen, als ich den ersten Schluck nahm. Geschmacklich tatsĂ€chlich ein groĂer Unterschied zum Filterkaffee, den ich bisher probiert hatte. Gekonnt, ja fast professionell setzte ich die Tasse ab: âNot bad... actually, pretty good.â Cat und Malcolm grinsten zufrieden. Bei einem geteilten StĂŒck Schokoladenkuchen genoss ich meine erste ganze Tasse Kaffee. Ich wĂŒrde nicht sagen, dass ich jetzt zum Kaffeetrinker geworden bin, jedoch kann ich den Konsum dieses GetrĂ€nks nun etwas besser nachvollziehen und werde vermutlich in Zukunft ab und zu selbst zum Konsumenten werden. Wir fuhren zurĂŒck zur Wohnung und jeder genoss seine Freizeit individuell. Ich spazierte zu ALDI, um einen PrĂ€sentkorb fĂŒr die beiden zusammenzustellen. GlĂŒcklicherweise hatte ALDI gerade deutsche Klischee-Artikel im Angebot. So landeten unter anderem WeiĂwĂŒrste und Sauerkraut im Einkaufskorb. Hinzu gesellten sich NĂŒsse, Schokolade und ein guter Rotwein. Ich drapierte alles in einer GeschenktĂŒte, schrieb eine Dankeskarte und vergaĂ fast, dass ich Cedric zum Training treffen wollte. So zog ich mich schnell um, warf ein paar Sachen in meinen Rucksack und rannte zum Bus. Ich sollte Cedric an der Tartanbahn der University of Queensland treffen, die ich mit dem Bus nach etwa 40min Fahrt erreichte. Leider hatte es schon den ganzen Tag geregnet, sodass wir auf jeden Fall auf einer nassen Bahn trainieren wĂŒrden.
ZunĂ€chst traf ich dort Eric Brown, Credrics Trainer, der gleich einmal mutmaĂte, dass sein SchĂŒtzling zu spĂ€t sein wĂŒrde. Wie recht er hatte. Zwanzig Minuten nach der vereinbarten Zeit gesellte sich Cedric dazu. Ich fand das nicht weiter schlimm, denn es gab mir die Gelegenheit, mich ein bisschen umzusehen, mich mit Eric auszutauschen und mich mental auf das anstehende Training einzustellen: 5x300m bei nur 6min Pause. Cedric sollte die 300m in knapp unter 40 Sekunden laufen. Obwohl ich lĂ€uferisch komplett unfit war, nahm ich mir 45 Sekunden fĂŒr die 300m vor. Dan, Cedrics Trainingskollege, lieh mir seine Mittelstreckenspikes und nach einem ausgiebigen AufwĂ€rmen ging es los. Die ersten zwei LĂ€ufe waren mit 44 und 46 Sekunden noch in Ordnung, doch danach ging die Tanknadel in die Horizontale. Ich war daher ganz froh, dass auch Cedric und Dan so ihre Probleme hatten. Wir mogelten uns die Pausen etwas lĂ€nger und machten das Beste draus. Unter Erics âIch hab' dir gesagt, dass 45 Sekunden zu schnell sind.â brauchte ich fĂŒr die folgenden drei LĂ€ufe zwischen 48 und 50 Sekunden. Ups. Nach dem letzten Lauf ĂŒbergab sich Cedric, ich fiel nach Sauerstoff ringend auf den Rasen und Dan machte eine gute Figur. Jeder hat da so sein Ritual. Beim Auslaufen lud Cedric mich zum Abendessen bei sich ein. Und da er danach ohnehin in meine Richtung mĂŒsste, könnte er mich in Windsor rauslassen. Perfekt, dachte ich. Wir fuhren zum Haus von Cedrics Familie. Dort traf ich auch zum ersten Mal Gabriel, seinen Vater, persönlich. Zusammen mit Bruder Yanni aĂen und lachten wir bei einer Tasse Tee. Wie auch Cedric ist die gesamte Familie mit einem guten Humor gesegnet. Wir hatten eine gute, viel zu kurze Zeit, denn nach gerade einmal 30min musste Cedric (und mit ihm auch ich) los. Er lieĂ mich am Yoga-Studio raus, ich verabschiedete und bedankte mich. Alles Gute fĂŒr die Zukunft, Cedric!
In der Wohnung traf ich auf Malcolm, der gerade Essen kochte. Nach einer Dusche gab es ein zweiten Abendessen fĂŒr mich. Das hatte ich mir nach den LĂ€ufen mehr als verdient. Danke, Malcolm.
SpÀter kam auch Cat von der Arbeit, wir unterhielten uns gut und verabschiedeten uns ins Bett.
Mein letzter Morgen in Brisbane begann um 5:20 Uhr mit einer Tasse Tee, da ich Malcolm vor der Arbeit zum Bouldern begleiten wollte. Es war trocken und wir fuhren mit dem Motorrad hin. Sehr nice! Wir trafen dort einen Freund von Malcolm, fackelten nicht lange und kletterten los. Ich hatte groĂen SpaĂ daran, die einzelnen Routen zu knacken. Bis lila konnte ich die Routen noch absolvieren, bei grĂŒn hatte ich keine Chance mehr. SpaĂ hatte ich dennoch und kam auch mĂ€chtig ins Schwitzen. Nach einer Stunde belohnten wir uns mit einem Kaffee und fuhren zurĂŒck nach Windsor. Nach einer schnellen Dusche ĂŒberreichte ich den beiden ihr Geschenk. Ich erklĂ€rte noch einmal, dass nichts Materielles meine Dankbarkeit ausdrĂŒcken könnte. Malcolm freute sich dennoch ĂŒber WeiĂwurst und Sauerkraut. Er fuhr los zur Arbeit und ich unterhielt mich noch ein bisschen mit Cat, bis es schlieĂlich Zeit war, ein Uber zum Flughafen zu nehmen. Einhunderttausend Dank noch einmal euch beiden fĂŒr alles, was ihr fĂŒr mich getan habt. Wir werden uns wiedersehen!
Mit einer Mischung aus Trauer ĂŒber den Abschied und Vorfreude auf neue Abenteuer ging ich zum Schalter. NĂ€chste Station Auckland, Neuseeland. Na ja, nicht ganz. Denn als die nette Dame von China Airlines nach meinem Ausreiseticket aus Neuseeland fragte und ich sagte âAch, das kaufe ich mir dann, wenn ich in Neuseeland bin.â, wurde ihre Miene ernst. Keine Chance - kein Ticket, kein Boarding. Ich hatte zwar gelesen, dass unter UmstĂ€nden ein Ausreiseticket verlangt werden könnte, dachte aber, diese UmstĂ€nde wĂŒrden nie eintreten. Wie man sich irren kann. Die Dame vom Schalter holte ein paar Kolleginnen hinzu, irgendwann hatte ich sogar die neuseelĂ€ndische Grenzbehörde am Apparat. Kein Ticket, kein Boarding. Alternativ könnte ich auch 2500$ in bar vorweisen. Schlechter Scherz. Letzte Chance â das Flight Center am Flughafen. Ich hatte genau 20min Zeit, mir zu ĂŒberlegen, wann ich Neuseeland wie lange wohin verlassen wollen wĂŒrde. Dann wĂŒrde der Schalter schlieĂen und ich den Flug verpassen. Zum GlĂŒck war Klarissa vom Flight Center in gleicher Weise mitfĂŒhlend und professionell. Ich wusste nur, dass mein nĂ€chstes Ziel SĂŒdamerika sein sollte. Peru, Ecuador oder Kolumbien? â Keine Ahnung. Was ist am gĂŒnstigsten? Nichts, wie sich herausstellte. Mit mindestens 1000⏠fĂŒr einen Flug nach SĂŒdamerika musste ich rechnen. Fuck! Lima schien am gĂŒnstigsten zu sein. Nur wann? Wie lange möchte ich in Neuseeland bleiben? Und wohin danach? Denn GabelflĂŒge buchen wĂŒrde es preiswerter machen. Dann eben noch Ecuador dazu. Quito? â Ja, meinetwegen. Nervös blickte ich auf die Uhr und lieĂ Klarissa ihre Arbeit machen. Ich bezahlte einen Haufen Geld fĂŒr einen Flug von Queenstown (ĂŒber Auckland und Santiago) nach Lima und von Lima nach Quito. AnschlieĂend rannte ich zurĂŒck zum Schalter. Ich war der Letzte am Check-In. Es gab Licht am Ende des Tunnels. Ich bekam einen Sitz, sodass ich die ganze Reihe fĂŒr mich allein hatte. Danke dafĂŒr. Ich stolperte erschöpft durch den Security-Check und fand mich pĂŒnktlich am Gate wieder. ScheiĂe, das hĂ€tte ich mir alles sparen können, dachte ich, als ich in den Flieger nach Auckland stieg.
Was Neuseeland fĂŒr mich bereithĂ€lt, erfahrt ihr im nĂ€chsten Eintrag.
A post shared by Josef Hiemann (@instajuppi) on Oct 29, 2017 at 11:57pm PDT