Das häßliche Tier Sehnsucht fangen und bezwingen - Mein Umgang mit der fernen Liebe
Zuletzt habe ich über die Sehnsucht geschrieben, die manchmal von mir Besitz ergreift. Ich habe sie als das häßliche Tier beschrieben, das auf meiner Brust sitzt und mir die Luft abschnürt. Wenn sie mich ergriffen hat, dann gibt es erst mal nichts was ich tun kann, außer zu warten, dass sie von alleine wieder geht. Und das tut sie zum Glück immer. Ich schrieb auch von meinem Hang dazu meine Gefühle schockzufrosten und an einem Ort in mir zu lagern, der meinen Alltag nicht berührt. Ich bin eine wahre Meisterin darin meine Gefühle zu unterdrücken, zumindest war ich das früher und bin es so lang gewesen, bis dieses zweifelhafte Talent seinen Tribut gefordert hat. Im Moment, noch relativ am Anfang dieses wilden Ritts, bemühe ich mich aber um eine Balance in meinem Leben, die mir beides erlaubt: Leidfrei meinen Alltag zu bestreiten und die Gefühle für mein wanderndes Herz täglich mit mir zu tragen. Ich muss lernen die Sehnsucht zu überbrücken. Das wilde Tier, das manchmal so unberechenbar ist, gehört an eine Leine und muss lernen mit mir mitzugehen. Das bedeutet, dass ich sie nicht länger in einen Schatten abschieben darf, in dem ich sie nicht sehen kann und aus dem sie jederzeit ungefragt springen und sich auf meine Brust setzen kann. Ich versuche sie mitzunehmen in meinem Alltag und sie gut zu behandeln. Ich will sehen, ob die Sehnsucht mit der Zeit dann immer noch so gruselig aussieht, wenn ich sie im Licht spazieren führe, sie manchmal füttere – zum Beispiel durch das Schwelgen in Erinnerungen, das hören bestimmter Lieder oder das Lesen alter Nachrichten – und ob es noch immer so böse zu mir sein wird, wenn ich es besser behandle. Mir ist klar, dass die Sehnsucht wie ein wilder Tiger ist, den man niemals, niemals, niemals zähmen kann und man das auch gar nicht erst wollen sollte. Zähmen ist auch das falsche Wort für das was ich versuche zu tun. Vielleicht ist es mehr ein friedliches Leben nebeneinander, was ich anstrebe. Hier sind die Wege wie ich derzeit versuche die Sehnsucht in mein Leben einzubetten, zu einem stillen Begleiter zu machen und ihm seine Bestienhaftigkeit zu nehmen.
Das Buch. Als ich seine letzte Nachricht bekam, lag ich noch verschlafen in meinem Bett in Nordirland, wo ich zu dieser Zeit arbeitete und lebte. Ich hörte das letzte Mal seine Stimme, bevor er aufbrauche und ich erinnere mich wie ich einfach nur da lag und mir gleich mehrere Male hintereinander seine Sprachnachricht anhörte. Das war der Morgen an dem ich mit der Sehnsucht am Fußende meines Bettes aufwachte. Meine erste Amtstat dieses Tages war es einen Brief an ihn zu schreiben und ich schwor mir diese Gewohnheit beizubehalten bis er eines Tages zu mir zurückkehren würde. Als ich nach Deutschland zurück kam, wurde aus den Briefen aber schnell ein Buch. Ich begann wie in einem Tagebuch zu schreiben und hielt auch die kleinsten Eindrücke fest. Für mich wurde dieses Buch zu dem einzigen Mittel, um die Augenblicke meines Alltags festzuhalten und meinem wandernden Herz zugänglich zu machen. Ich wollte, dass er wusste was passierte, was ich dachte, was ich fühlte und was ich plante. Es ist mein Zugang zu ihm, auch wenn ich ihm die Einträge oft erst wochen- und monatelang später vorlesen kann. Im Übrigen ist das auch sein Zugang zu mir. Oft füge ich meinen beinahe täglichen Einträgen meine „Top 3 des Tages“ bei, ein wundervolles Ritual, was sich in den früheren Tagen unserer Beziehung entwickelt hatte. „Und was waren deine Top 3 des Tages?“, würde meist ich zuerst fragen und ihn erwartungsvoll ansehen, während wir bereits im Bett lagen. Jeden Abend vor dem Schlafen an drei gute Dinge zu denken, die einem an jenem Tag passiert sind, ist ein wundervoller Tagesabschluss. Er macht einen dankbar, denn „auch die kleinsten Dinge zählen!“, so bestehe zumindest ich darauf. Ich halte fest worüber ich mich freue, an jedem Tag. Sonnenschein. Ein geglückter Abschnitt einer Choreographie. Lob von jemandem, den ich bewundere. Ein gelungener Unterricht. Ruhepausen. Besondere Orte. Zeit mit Freunden. Was auch immer es ist, was sonst schon am nächsten Tag vergessen sein könnte. Dieses Ritual auch in seiner Abwesenheit zu praktizieren durch ein Buch, das ihn in meinem Bett vertritt und jeden Abend das für mich Alltägliche festzuhalten, verringert die Sehnsucht oftmals. Außerdem ist es lustig sich selbst daran zu erinnern, was einem noch vor ein paar Wochen wichtig erschien, wenn mein Herz seinen Kopf auf meinem Schoß gebettet hat und mir aufmerksam durch meine kleinen Abenteuer folgt.
Das Schmuckstück. Zwei Monate vor seiner Abreise war es Zeit für meine Abreise. Er brachte mich an jenem Tag im Mai zum Flughafen, wir verbrachten die letzten Stunden zusammen, die uns blieben. Mein wanderndes Herz war nie ein Mann, der seine Gefühle und Gedanken groß und lang ausdrücken mochte (obwohl ich den Gegenbeweis dafür in meiner Andenken-Kiste verwahre!) und umso beeindruckter war ich von der Geste, die mich am Flughafen erwartete. Damals trug er noch Ohrringe auf beiden Seiten – Relikte aus unserer Reise nach London, wo wir es eines Tages für eine grandiose Idee hielten uns piercen zu lassen. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls gab er mit einen der beiden Ohrringe, steckte ihn mir an und ließ in der Schlange des Gepäckschalters einen Spruch los, der mich zu einem winselnden Häufchen Emotionen machte. Ich erfreute mich daran, dass sein Ohrring, der gegen meinen eigenen Ohrring schlug, ein feenhaftes Klingen erzeugte, woraufhin er sagte, dass jedes Klingen ein Schritt auf seiner Reise wäre und ich ihn so hören würde. Wenige Monate später wurde der Ohrring ersetzt durch ein Schmuckstück, das er mir ganz zu Beginn unserer Beziehung geschenkt hatte und welches ich bis dahin verwahrt hatte, trotz aller Wirren und Wendungen der vergangenen Jahre. Ein Hühnergott, welchen er damals auf einem Familienurlaub an der Ostsee fand und mir geschenkt hatte, bekam nun eine neue Kette und einen festen Platz um meinen Hals. Es ist ein Stück von ihm, das ich immer mit mir tragen kann. Egal wo ich bin, findet dieses Schmuckstück seinen Platz an meiner Brust. Ob ich ausgehe, lehre, tanze, spaziere, lerne, ganz gleich was es ist. Es ist ein Trost und eine Wonne in bestimmten Momenten den Stein zu berühren, festzuhalten oder an meine Lippen zu legen und an mein wanderndes Herz zu denken.
Die Fotos. Tatsächlich besitze ich relativ wenige Fotos von ihm, doch die Ältesten und Aktuellsten* Aufnahmen meines wandernden Herzens haben einen zentralen Platz in meinem Wohnzimmer bekommen. Unter einer Lampe, die ich jeden Abend zuletzt auszumachen pflege, geht mindestens ein Blick am Tag auf das vertraute, spitzbübische Lächeln und das schelmische Funkeln in den Augen meines Herzens. An manchen Tagen lächle ich, an anderen Tagen seufze ich, aber es gibt auch Tage, da lösche ich schlichtweg das Licht. Doch Fotos funktionieren auch in die andere Richtung. Ich mache gerne Aufnahmen von mir, von dem was ich tue, oder von Dingen wie dem Kreidebild des Wanderfuchses und veröffentliche sie auf einer Social Media Plattform. Mein wanderndes Herz wird irgendwann einmal irgendwo ankommen, wo es ihm möglich ist sie zu sehen und so eine Idee von dem zu bekommen, was auf meiner Seite des Lebens los ist. Er wird mich sehen. Meine Aufgaben erkennen. Meine Liebesbotschaften verstehen. Es ist wie den Buchrücken unseres Buches in Bildform an einen Ort zu bringen, den er von überall aus erreichen kann noch bevor wir uns wiedersehen. Eine Vorschau auf das was ihn erwartet, wenn er mich einmal wiedersehen wird.
(*Mein größter Dank gilt an diesem Punkt der Handwerkskammer Magdeburg!)
Die Musik. Ob es zu Hause, Unterwegs oder in der Gruppe ist, an bestimmten Tagen höre ich die Lieder, die ich mit uns verbinde. Es sind nicht besonders viele, aber jedes hat seinen eigenen Moment und seine Geschichte. Ob sie mich an jenem Tag glücklich, traurig, sehnsüchtig, nachdenklich oder fröhlich stimmen, hängt völlig von meiner Tagesform ab. Von der Laune der Sehnsucht an meiner Leine. Manchmal spiele ich sie bewusst und denke an ihn. Manchmal tauchen sie einfach in meinen Playlists auf und ich werde von ihnen überrascht. Ab und an wähle ich sie aus und spiele sie in anderen Kontexten vor Menschen, die die Bedeutung der Lieder für mich nicht kennen und gemeinsam malen wir neue Bilder dazu. Genauso wie das Stöbern in unseren alten Urlaubsfotos, bringt die Musik viele Emotionen und Erinnerungen mit sich. Sie lässt aber auch zu, dass sich Neue bilden.
Das sind die vier Hauptkategorien meines Versuchs die Sehnsucht in meinen Alltag einzubinden. Meine Liebe darf präsent sein, soll es sein und gleichzeitig bleibt genug Raum für neue Erfahrungen. Natürlich gibt es noch andere Wege und ganz ohne Zweifel ist auch das Schreiben dieses Blogs ein fester Bestandteil dieser vermeintlichen Zähmung des häßlichen Tieres. Ob es mir gelingen wird meine Sehnsucht zu bezwingen ohne sie zu verdrängen mithilfe dieser Dinge, wird sich zeigen und gerne berichte ich darüber wie es sich entwickelt. Ich habe hier völlig außer Acht gelassen welche Rolle andere Menschen in meinem Leben spielen, was sie dazu beitragen, dass meine Sehnsucht in der Größe eines Schoßhundes bleibt und niemals zu einem Bären wird. Ich denke da liebevoll an meine Freunde, die mir bereitwillig zuhören oder ihren Teil allein dazu beitragen, dass sie mich auf andere Gedanken bringen. Aber auch das möchte ich lieber in einem anderen Beitrag unterbringen. Diese erfreuliche Seite meiner Freiheit will ich nicht in einem Eintrag nennen mit dem häßlichen Tier Sehnsucht, sondern ihm eine eigene Plattform widmen. Nachdem ich zuletzt nur über eher negative Seiten dieser besonderen Beziehung sprach, will ich mich endlich den Vorzügen zuwenden, die sie mit sich bringt. Bis bald wieder! Fremde