IV
Diese Vanilla-Forderung mancher ist eine echte Seuche. Wem nicht klar ist, was ich meine: Mit Vanilla bezeichnet man Software, die vom Distributor unverändert vom eigentlichen Entwickler übernommen und an die eigenen User weitergegeben wird. Und warum ist das jetzt so schlimm? Es ist weniger die Forderung selbst als die Begründung. Zum einem wird gerne behauptet, dass dann die Software so beim User ankommt, wie es die Entwickler sie sich vorstellen. Das unterschlägt natürlich, dass die Entwickler sich bewusst für shitty defaults entscheiden, weil sie davon ausgehen, dass die Distributoren diese eh überschreiben. Warum Zeit, Kreativität und Energie für ein Wallpaper verbrauchen, wenn 9 von 10 Distributoren ihr eigenes benutzen? Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass der User das Wallpaper ändern kann, falls er es wirklich hässlich findet. Das Gegenargument springt einen hier förmlich an: Warum darf der User das Wallpaper ändern, aber nicht der Distributor? Es gibt natürlich keine Sinn bringende Antwort darauf. Ein anderes Argument ist dann, dass die Distributoren mit ihren Veränderungen die jeweilige Software kaputt patchen. Das setzt natürlich die Annahme voraus, dass die jeweiligen Maintainer bei der Distribution nicht wissen, was sie tun. Dass dieses Argument in seiner Allgemeingültigkeit absurd ist, zeigen Distributionen wie openSUSE oder Fedora. Wo hört bei Fedora der systemd-Upstream auf und wo fängt der Downstream an? Die handelnden Personen sind jedenfalls die selben. Und wenn die Entwickler von systemd keine Änderungen an systemd vornehmen dürfen, wer dann? Aber selbst wenn der Maintainer für ein Paket nicht der Entwickler ist, kann er es trotzdem verändern. Er kann es nicht nur, er hat sogar das Recht dazu. Freie Lizenzen wie etwa die GPL geben jedem das Recht den Quellcode zu kopieren, weiter zu verteilen und zu verändern. Und diese Recht bringt einen Distributor in eine wundervolle Lage. Er kann nämlich seine Vorstellungen, wie eine Distribution auszusehen und wie sie zu funktionieren hat, durchsetzen. Dadurch erst sind die vielen unterschiedlichen Distributionen überhaupt erst entstanden. So kommt auch der Benutzer in eine Situation, dass er sich eine Distribution aussuchen kann, die seinen Vorstellungen, wie eine Distribution auszusehen und zu funktionieren hat, entspricht. User sind unterschiedlich und haben unterschiedliche Vorstellungen. Dementsprechend sollte es unterschiedliche Distributionen geben. Die logische Schlussfolgerung aus alldem ist, dass wir nicht weniger Distributionen brauchen, die die Software aus den Upstream-Projekten anpassen, sondern mehr. Und natürlich brauchen wir auch eine Distribution, die ihre Software möglichst vanilla ausliefert. Aber es ist nicht der Weisheit letzter Schluss.











