26. Juli 2019
Interessante Effekte eines sterbenden Netzteils
Sterbende Netzteile in Computern sind fĂŒr alle, die es im Leben hĂ€ufiger mit der Fehleranalyse und Reparatur von Computern zu tun hatten, ein steter Quell interessanter Effekte. Ein Klassiker sind spontane AbstĂŒrze, gerne unter bestimmten Lastsituationen reproduzierbar. In solchen FĂ€llen gehört die Stromversorgung zu den ersten VerdĂ€chtigen und ein frĂŒher probeweiser Tausch des Netzteils behebt die Sache oft genug bereits, bevor etliche Stunden der Ursachenforschung investiert sind. Andere Effekte sind subtiler und einige davon habe ich kĂŒrzlich an meinem eigenen Laptop erlebt.
FĂŒr meinen Laptop habe ich zwei Netzteile im Einsatz, wovon eines dauerhaft am Schreibtisch verbleibt und ein weiteres in meinem Rucksack fĂŒr die FĂ€lle, wenn ich doch einmal lĂ€nger als ein paar Minuten anderswo mit dem GerĂ€t arbeite. Das Netzteil am Schreibtisch fing irgendwann an, herumzuspinnen und einfach nicht mehr zu laden. Aus- und (ggf. mit umgedrehtem Stecker) wieder einstecken half anfangs, doch irgendwann habe ich die Netzteile einfach getauscht, statt zu akzeptieren, dass es wohl gerade im Sterben liegt und ein neues zu kaufen. Probleme wollen ja jetzt behoben werden und nicht spĂ€ter. SelbstverstĂ€ndlich geriet der Tausch und der Grund dafĂŒr bald in Vergessenheit, denn im sporadisch-mobilen Einsatz funktionierte das getauschte Netzteil in der Folge ohne weitere Symptome.
Hatte ich gedacht. Denn nun sitze ich in einem Meeting in einem Konferenzraum der FĂŒhrungsetage mit Tischsteckdosen und muss nach unerquicklich kurzer Zeit mein ĂŒber die Jahre akkuschwach gewordenes GerĂ€t daran anschlieĂen. Das Ladesymbol neben der Uhr erscheint nicht. Auch an anderen Tischsteckdosen nicht. Erst die Wandsteckdose liefert Strom, dafĂŒr muss ich ganz vorne an der Ecke des Konferenztischs sitzen und es werden innerhalb von wenigen Minuten zwei Teilnehmer_innen des Meetings ĂŒber mein Kabel stolpern. Dennoch: Das Ladesymbol erscheint und ich mache mir keine Sorgen.
Doch wenige Minuten spĂ€ter ist die KapazitĂ€t des Akkus weiter gesunken und das GerĂ€t ist ohnehin schon die ganze Zeit auffallend langsam. Es stellt sich heraus, dass die aktuell gepuschte Business-Chatapp des MarktfĂŒhrers fĂŒr Betriebssystemen dauerhaft einen meiner CPU-Kerne auslastet. Das erklĂ€rt den so auffallend schnell geleerten Akku, aber nicht direkt die Langsamkeit. Ein Blick in die LeistungsĂŒbersicht des Taskmanagers schafft Klarheit: Die CPU lĂ€uft ĂŒber die Vollauslastung eines ihrer Kerne hinaus im minimal möglichen Takt. Das erklĂ€rt die Langsamkeit wiederum sehr gut. Den Rest des Meeting verbringe ich nebenbei mit der Suche nach der Ursache fĂŒr den geringen Takt, aber alle Stellschrauben stimmen und das Problem muss neu sein, denn an meinem Schreibtisch wĂ€re mir diese Langsamkeit sicher aufgefallen.
Im Zuge meiner Fehlereingrenzung muss ich das Betriebssystem neu starten und bekomme dabei eine aufschlussreiche Meldung der Systemfirmware (sinngemÀà wiedergegeben): Die angeschlossene Stromquelle scheint kein Originalteil vom Hersteller zu sein, liefert jedenfalls nicht genug Strom. Bis ich eine vom Hersteller zertifizierte Stromquelle mit 65 W anschlieĂe, wird mein System in einem extremen Stromsparmodus und verringerter Leistung betrieben werden. Ich bin sehr beeindruckt ĂŒber die prĂ€zise Fehlermeldung und weiĂ jetzt, was hier los ist.
Das mit der Zertifizierung ist natĂŒrlich Unsinn, denn diese klassische Form von Netzteil kann noch gar nicht mit dem zu ladenden GerĂ€t (ĂŒber den nun mal faktisch abgenommenen/gelieferten Strom hinaus) kommunizieren, wie das neuere Netzteile nach dem USB-Power-Delivery-Standard (USB-PD) tun. in meinem Fall reicht noch irgendein Netzteil, dass hinreichend stabil genug Leistung liefern kann. Bei USB ist eine Zertifizierung von GerĂ€ten durch die Hersteller allerdings inzwischen vorgesehen, wenn auch meines Wissens nach nicht fĂŒrs Laden, das alleine noch keine Securityprobleme aufwirft. USB-PD-Netzteile einigen sich nach einer Anlaufphase beim kleinsten gemeinsamen Nenner von 5 V tatsĂ€chlich interaktiv und unter Einbeziehung einer fĂŒr sie lesbaren Markierung von dafĂŒr vorgesehenen USB-C-Kabeln auf verschiedene Leistungsstufen bin hinauf zu 100 W (20 V bei 5 A). USB-PD ist dabei die standardisierte Lösung eines Problems, das zuvor von proprietĂ€ren Schnellladetechniken verschiedener Smartphonehersteller angegangen wurde. Damit ist nun tatsĂ€chlich ein universeller Ladestandard fĂŒr MobilgerĂ€te etabliert und man muss nicht mehr das zu seinem GerĂ€t passende Netzteil und Kabel mit herumschleppen, wenn man schnell laden möchte, wie das bislang ĂŒblich war. Also fĂŒr alle GerĂ€te, deren Hersteller sich dem Standard anschlieĂen, was ausgerechnet ein zentraler Premiumhersteller nur bei seinen Notebooks, bis dato aber nicht bei seinen Smartphones tut. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
(Gregor Meyer)














