Ich glaube, das Schlimmste, was ich je für mein Liebesleben getan habe, war, nicht die Verhaltenstherapie zu machen. Sondern dazu dutzende, vielleicht hundert Fachbücher über Psychologie zu lesen.
Wenn man mich mitten in der Nacht aufweckt und mich fragt, wie eine unsichere Bindung aussieht, kann ich das direkt beantworten.
Ich sehe sofort "Red Flags" und Muster von Menschen, die ich kaum kenne.
Ich spüre das Einsetzen des Wissens, so, wie manche Menschen, reflexartig zucken.
Frühzeitig, unwillkürlich und nutzlos; denn das Wissen allein hält die Muskelzuckungen nicht auf.
Ich kann genau sagen, warum ich mich für dich entschieden habe.
Welche Wunde du gespiegelt hast.
Welche Version meines Vaters hinter deinem Schweigen saß.
Ich kann es klinisch präzise analysieren.
Und dich trotzdem in einer Sonntag Nacht vermissen.
Das ist die Sache, vor der mich niemand gewarnt hat.
Man sagt dir, du sollest eine Therapie beginnen.
Die Bücher lesen.
Deine Muster erkennen, damit du aufhörst, sie zu wiederholen.
Und das tust du.
Du tust all das.
Du sitzt auf dem Stuhl, dröselst Woche für Woche alles auf und lernst Begriffe wie Hypervigilanz, Reizüberflutung, Fehlregulierung und korrigierende Erfahrung.
Du erlangst fließende Sprachkenntnisse in deiner eigenen "Beschädigung".
Und dann triffst du jemanden – jemand besonderen und dir, aber vor allem deinem Körper, ist vollkommen egal, was du gelernt hast.
Mein Körper entscheidet sich trotzdem für jenen Menschen, der sich nach einem "Fast' anfühlt.
Meine Brust schnürt sich immer noch zusammen bei den drei Punkten, die der Antwort vorausgehen.
Meine Hände greifen immer noch ständig zum Handy.
Obwohl ich mir doch fest vorgenommen hatte, das nicht ständig zu überprüfen.
Du beobachtest dich selbst dabei – wie ein Chirurg der sein eigenes Herz operiert: den Eingriff kommentiert, genau weiß, welche Arterie er gerade durchtrennt. Es die falsche ist und sie dennoch durchtrennt.
Früher dachte ich, das Wissen sei ein Schutzschild. Eine Vorsorge.
Heute glaube ich, sie verschafft mir lediglich einen Logenplatz in der ersten Reihe.
Ich stürze trotzdem.
Ich stürzt nur mit Begleitkommentar.
Ich breche trotzdem.
Ich zerbreche nur in einer Sprache, die ich verstehe.
Und irgendwie ist das noch schlimmer; denn ich kann mir nicht einmal mehr den Trost der Verwirrung gönnen.
Ich kann mir nicht sagen: "Ich wusste es nicht."
Ich wusste es.
Ich wusste es schon immer.
Ich hatte lediglich gehofft, dass dieses Wissen ausreichen würde, um den Ausgang der Geschichte zu verändern.
Und so sitze ich nun Menschen gegenüber, die mir bescheinigen, ich sei "so selbstreflektiert" , so mitfühlend.
Als wäre das ein Kompliment –, und ich lächle; denn ich wüsste nicht, wie ich es anders ausdrücken sollte:
Selbstreflexion ohne jemanden, der einem mit Sanftheit begegnet, ist nichts weiter als Einsamkeit – ausgestattet mit einem Wortschatz.













