1983/84
Programmieren lernen im Schaufenster
Was macht man Anfang der 80er Jahre als prĂ€pubertĂ€rer Teenager ohne jegliches Interesse an sportlichen AktivitĂ€ten, aber mit einer in die Wiege gelegten TechnikaffinitĂ€t? Die Modelleisenbahn wird langsam langweilig, aber in den Magazinen, die der Vater (Fernsehtechniker und Funkamateur) abonniert hat, tauchen immer mehr Anzeigen, Testberichte und BastelvorschlĂ€ge mit sogenannten âHeimcomputernâ auf. âDigitalâ ist fĂŒr mich nichts Unbekanntes, denn fĂŒr Vater musste ich hĂ€ufiger auf Karopapier gemalte Pixelgrafiken in Hex-Werte umrechnen und auf EPROMs brennen, damit diese dann als Textzeilen in die Amateurfernsehbilder eingeblendet werden können, z.B. mit dem Namen, dem Rufzeichen (das ist sowas wie ein Nickname) oder âKamera 1â, âKamera 2â, etc.
Aus unerfindlichen GrĂŒnden hat die niederbayerische Kleinstadt Deggendorf ein Karstadt-Kaufhaus. Im Erdgeschoss ist die Elektronik-Abteilung (hauptsĂ€chlich Fernseher, Radios und Stereoanlagen) und auf der anderen Seite der BĂŒrobedarf. Elektrische Schreibmaschinen sind so lala interessant, aber irgendwann beim Browsen zwischen den Farbbandkassetten steht da ein TI-99/4A Heimcomputer mit Farbmonitor. Das bunte StartmenĂŒ ist wochenlang regungslos dabei, sich in den Bildschirm einzubrennen. Irgendwann bringe ich es ĂŒbers Herz, die Lage checkend wie ein Ladendieb, der Aufforderung âREADY - PRESS ANY KEY TO BEGINâ nachzukommen.
Die nĂ€chsten Monate (deutlich zweistellig) verbringe ich fast ausschlieĂlich jede freie Stunde in der Schreibwarenabteilung. AnfĂ€nglich muss ich mir die Erlaubnis beim ĂŒberwiegend weiblichen Verkaufspersonal holen, das sich zunehmend genervt zeigt. Der VerkĂ€ufer aus der benachbarten Elektronikabteilung, wahrscheinlich neidisch, weil der Heimcomputer seiner Meinung nach in der falschen Abteilung steht, wird allerdings zu meinem UnterstĂŒtzer. âDas ist doch gut fĂŒrs GeschĂ€ft, wenn da junge Leute mit den GerĂ€ten rumspielen!â, ist seine ĂŒberzeugende Argumentation. AuĂerdem kennen sich mein Vater und der ElektronikverkĂ€ufer.
Einen Schulfreund kann ich kurzzeitig fĂŒr meine Entdeckung begeistern, aber mein Durchhaltevermögen, was Rumstehen im Kaufhaus angeht, ist deutlich gröĂer.
Ich lerne zwischen TippEx-Rollen und FarbbĂ€ndern die Grundlagen der Programmierung von Grafik (bunte Sinuskurven, Lissajous-Figuren, Sound war nicht so beliebt) und einfachen Spielen in BASIC. Die StadtbĂŒcherei hat zum GlĂŒck eine Handvoll BĂŒcher zu dem Thema. Die Legende geht so weit, dass ich es sogar zu einem schlichten, aber spielbaren PacMan-Klon gebracht haben soll â das kann aber zum Aufschreibezeitpunkt 2019 auch verklĂ€rte Erinnerung sein. Auf jeden Fall gibt es im Winter von mir Weihnachtsdekorationen auf dem Rechner: Krakelige Sternchen, die ruckelnd auf den unteren Rand fallen, allerdings mit einer naiven Gravitationssimulation.
Der ElektronikabteilungsverkĂ€ufer organisiert fĂŒr mich sogar einen Kassettenrekorder als AusstellungsstĂŒck (den TI Program Recorder), damit ich unter den Augen der mĂŒrrischen VerkĂ€uferinnen kurz vor Ladenschluss (18:30 Uhr) noch alles hektisch auf eine Audio-Kassette speichern kann (was nicht schnell geht).
Meine Eltern, hauptsĂ€chlich meine Mutter, zeigen sich zunehmend unzufrieden mit der Situation und insbesondere mit dem Mangel an anderen FreizeitaktivitĂ€ten. Das Problem wird zum GlĂŒck nicht mit Verboten gelöst. Nach geschĂ€tzt anderthalb Jahren, Ende 1984, bekomme ich als Geburtstags/Weihnachts-Kombinationsgeschenk einen C-64. Die Verwandtschaft ist schwer beeindruckt, dass ich damit was programmieren kann.
(Peter Witzel)















