Du warst und bist das schönste Chaos, auf das ich mich jemals eingelassen habe.
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Du warst und bist das schönste Chaos, auf das ich mich jemals eingelassen habe.
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Es gibt Tage, da entfernt sich mein Leben von mir und wir pflegen ein zum ZereiĂen gespanntes VerhĂ€ltnis. Und dann wieder kommt es reumĂŒtig zurĂŒck, wird zum verschmusten Kater, schmeichelt meine Beine entlang, fĂ€llt mir um den Hals, flĂŒstert mir zĂ€rtliche Worte ins Ohr. Es gibt Tage. Und ich nehme jeden an. Dankbar. Denn wenn mich mein Leben etwas gelehrt hat, dann Demut.
UmstÀnde
Es ist 63 Tage her, dass du mich zum letzten Mal gekĂŒsst hast. Auf die Stirn um genau zu sein. Zum Abschied. Ich habe weder geweint noch etwas gesagt. Habe nur stumm neben dir gesessen und dabei zugehört, wie du von schwindenden GefĂŒhlen und komplizierten UmstĂ€nden erzĂ€hlt hast. Heute kenne ich zumindest einen dieser komplizierten UmstĂ€nde. Er oder besser gesagt sie trĂ€gt dieses lange, helle Haar, das du an mir vermissen musstest. Sie schmĂŒckt auch im Winter eine leichte SommerbrĂ€une. Ihr Lachen reiĂt nicht nur dich, auch alle anderen in ihrem Umfeld mit. Keine Frage, sie ist wunderschön. Sie ist der Umstand. Ich das schwindende GefĂŒhl.
Alte Texte
Ich habe auf meiner Festplatte alte Textfragmente und Kurzgeschichten gefunden. Und mit alt meine ich: Zumeist deutlich ĂŒber 20 Jahre alt... Das war eine interessante und amĂŒsante Fundgrube. đ
Hier ein Ausschnitt, der mich zum Lachen gebracht hat: Es war einmal ein hĂ€ssliches, kleines GroĂmĂŒtterchen. Sie lebte alleine und in groĂer Armut in einer prĂ€chtigen Villa im Moor. All ihre Freunde waren beim Versuch, ihrer Gastfreundschaft zu entfliehen, im Moor versunken und jĂ€mmerlich verendet. (von 1998)
Das war leicht skuril mit einem Charakter, der absolut nicht so reagiert, wie man es erwarten wĂŒrde, als plötzlich ein vollkommen Fremder mitten in seiner Wohnung steht: Der Fremde lĂ€chelte und nickte mir freundlich zu. âBitte entschuldigen sie mein unerlaubtes Hereinkommen. Ich dachte, sie wĂŒrden mir nicht öffnen. Daher kam ich auf anderem Wege. Sie haben doch nichts dagegen?â Ich nickte freundlich zurĂŒck und bat den Fremden mit einer Handbewegung ins Wohnzimmer. âBitte, setzten sie sich doch.â (von 1999)
Ein Fragment mit dem Titel "Die Gerechtigkeit der Gerechten": A. ist ein Monster. B ist ein Held. Eines Tages treffen sich A. und B. zufĂ€llig auf der StraĂe. B. schieĂt A. in den RĂŒcken, als dieser an ihm vorbei gehen will. (von 1999)
Fragment mit dem Titel "Ein modernes MĂ€rchen": Ich bestelle ein halbes HĂ€hnchen. Marie will lieber einen Esszimmertisch. Völlig abwegig! Ich schlage Zitroneneis vor. Warum so kompliziert? Lassen wir den Konflikt doch mal auĂen vor. Welcher Konflikt, will sie wissen. Keine Ahnung. Frag nicht, denk nicht. (2001)
Nochmal was skurriles. Ich hatte da wohl eine Phase đ: Als ich sie das erste Mal sah, war ich blind. Ich stand unten im Garten, direkt neben dem Komposthaufen, trug eine rote Latzhose, Tennisschuhe und ein Erdbeertörtchen auf dem Kopf. In der linken Hand hielt ich die Asche meines Vaters und in der rechten einen Humpen Bier. (von 2001)
Ausschnitt aus einer etwas jĂŒngeren Kurzgeschichte: Wie es wohl wĂ€re, diese Locke zu sein? Hinab zu hĂ€ngen und doch zu schweben. Federleicht ĂŒber warme Haut zu streichen, die feinen NackenhĂ€rchen zu kitzeln und sich von ihnen kitzeln zu lassen. Nachgiebig jeder Bewegung zu folgen und sich doch geschmeidig federnd den eigenen Willen zu bewahren. Vorsichtig könnte er sie berĂŒhren. Nicht mehr als ein flĂŒchtiger Windhauch oder das sanfte Streicheln einer Feder. Vielleicht wĂŒrde er auch auf der Feuchtigkeit ihrer Lippen verharren, den warmen Atem spĂŒren und spielerisch nach ihrer Zunge tasten, darauf warten, dass sie ihre Hand hebt und nach ihm greift, ihn zur Seite streicht oder betastet, befĂŒhlt, in einer abwesenden Geste um den Finger wickelt. (von 2014)
Ich weiĂ, dass es irgendwo, von Hand geschrieben, auch noch wesentlich Ă€ltere Texte gibt. Irgendwann nehme ich mir vielleicht mal die Zeit, danach zu suchen. Jetzt gehe ich aber erst mal wieder in die Gegenwart zurĂŒck. đ
Fragment 2
Es war Herbst, ihre HĂ€nde waren kalt und die BlĂ€tter brachen raschelnd unter den Sohlen ihrer Sneaker. Immer wenn sie auf eine Eichel trat, spĂŒrte sie ihre Rundung bis zum Bersten der Schale unter ihrem Gewicht. Es war meditativ sich auf den Verfall auf dem Boden zu konzetrieren anstatt den Verfall in ihrem Inneren.
Es war Winter, sie trug Handschuhe und ihre FĂŒĂe sanken bei jedem Schritt knirschend in die frisch gefallene Schicht Schnees, bevor sie auf der noch feuchten Schicht alter BlĂ€tter darunter immer ein kleines bisschen wegrutschte. In ihr war es genauso kalt wie drauĂen, doch auch eben so friedlich.

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Du willst so sehr leben, dass es weh tut. Jeden Moment erlebst du wie im Abschied, mit Tau noch im Haar. Jeder Morgen ein Letzter, nur du bist noch wahr.
goldunddreck
Zu alt fĂŒr Experimente
Es schreibt mir eine langjĂ€hrige Freudin, sie sei zu alt fĂŒr Experimente. Ich hatte ihr gesagt, dass ich ihr Erfolg wĂŒnsche fĂŒr ihre Kunst. Dass sie von ihrem jetzigen Arbeitsplatz wegkommen möge. Dass ich glaube, dass ihr die Arbeit und die damit verbundenen UmstĂ€nde nicht gut tun. "Zu alt fĂŒr Experimente" - das hĂ€tte ich nicht von ihr erwartet - ich habe mein Leben nie als etwas anderes aufgefasst als ein einziges Experiment mit ungewissem Ausgang. Manchmal sieht es dann eben so aus, dass ich abgleite in UmstĂ€nde, die fĂŒr andere unertrĂ€glich erscheinen, wegen meiner Unmöglichkeit mich in ein durch Normen geregeltes Leben einzufĂŒgen - in ein Leben, das ich nicht ertragen kann - in diese eine mich quĂ€lende Welt, deren zwanghafte NormalitĂ€t, das EinfĂŒgen in ihre Stumpfsinnigkeiten, nur um den Ritualen der BanalitĂ€t zu frönen. Ich hĂ€tte gern zwei Leben, wie zwei HĂ€ute, die ich mir ĂŒberstreifen kann. Morgens ziehe ich die Alltagshaut an - und vielleicht tragen ja diese ganzen BĂŒromĂ€nner aus genau diesem Grund AnzĂŒge, das sind ihre ArbeitshĂ€ute, aber ich befĂŒrchte, die Arbeitshaut ist schneller zu ihrer eigenen geworden als ihnen lieb war und jetzt ist sie festgewachsen. Dann wird ein wenig in den Erwartungen der Anderen gelebt und gearbeitet und geliebt und anschliessend hĂ€ngt man die Alltagshaut wieder in die Dekontaminationskammer. Mit dem Ausziehen verlĂ€sst mich jeder Gedanke an eine scheussliche Welt, in der es nur ums Ăberleben geht, um Karriere, um ein Auskommen, da, wo es um Sinnhaftigkeit gehen sollte. Dann stelle ich mich unter die Dusche und werde wieder zu mir selbst. Sehe in den Spiegel und nehme wahr was ich fĂŒr wahr halte. Die Welt der TĂ€uschung liegt hinter mir, die falschen Versprechungen laufen ins Leere. Aber was passiert wenn ich mich in dieser Aussen-Welt aufhalte - meinem jeweiligen Götzen nachlaufe, der Wissenschaft oder der Religion, um mich nicht verlassen zu fĂŒhlen, um ein einigermaĂen stabiles Selbstbild aufbauen zu können ohne zu bemerken, dass der eigentliche Sinn jedes dieser Konzepte darin besteht, mich in einer Welt orientieren und spiegeln zu können, die nur im Aussen immer komplizierter und undurchschaubarer wird? Mit gnadenloser Zuversicht stolpere ich blind in die Zukunft - hoffend auf die Wissenschaft, weil es fĂŒr mich keinen Gott mehr gibt und die Wissenschaftler alles, was an Katastrophen auf uns zukommen mag, wohl abwenden werden, oder im Glauben an einen Gott oder ein Ă€hnliches, spirituelles Wesen, was vielleicht sogar in uns selbst verborgen liegt, was mich und uns alle retten wird. Damit es eine Zukunft gibt, nur weil ich verlernt habe im Jetzt zu leben ohne Erwartung, ohne ĂŒberflĂŒssige Sorgen. Ohne falsche Hoffnung, weil die VerdrĂ€ngungsmechanismen meiner Vergangenheit so gut funktionieren. Weil ich vergessen habe zu vertrauen und alle Zweifel abzulegen, weil ich Erwartungen habe, denen ich hinterherlaufe. Weil ich immer denke, dass mein Leben schon seinen sinnerfĂŒllten Gang gehen wird, wenn ich mich nur an die Spielregeln halten. Und so glaube ich mich wohl im Recht - eine Schuldzuweisung jagt die nĂ€chste - getrieben von meinen SehnsĂŒchten und Ăngsten vor dem Ausgeliefertsein - vor der Schutzlosigkeit vor allem, was bedrohlich erscheint. Und was mich bedroht, sind eigentlich nur meine eigenen Erwartungen. Habe ich nie verstanden, was es heiĂt Mensch zu sein? Nur lieben zu können, weil ich auch hassen kann? Nur vertrauen zu können, weil ich misstrauisch war in den richtigen Momenten? Vorbehaltlos zu sein und alle meine Konzepte ĂŒber den Haufen zu werfen?