Gedanken zur Vogelsymbolik und der Illusion von Freiheit in Das Böse in dir
"Angepasst." "Tja, ist manchmal besser."
Hohenweiler wird als Dorf dargestellt, dessen Einwohner in einem unüberwindbaren Kreislauf von Hass gefangen sind. Mit dem zusätzlichen Kontext vom Verlassen und Verlassenwerden sowie von Queerness, die von gesellschaftlichen Normen abweicht und eben nicht "angepasst" ist wie die Vögel im Käfig, macht das mehrere Ebenen auf, auf denen die Vogelsymbolik zum Tragen kommt.
Schon das Bild der Vögel im Käfig ist in diesem Kontext eindrucksvoll, als Lebewesen, die eigentlich wegfliegen könnten, eigenständig entscheiden könnten wohin, denen eigentlich wortwörtlich der Himmel offenstünde, wären nicht die Gitterstäbe im Weg. Und die sich jetzt notgedrungen in vierter Generation mit einem Leben im Käfig arrangieren müssen, ohne die Welt jenseits der Gitterstäbe überhaupt zu kennen, weil sie im Käfig zur Welt gekommen sind. Die Gitterstäbe sind der Hass, der den Kindern im Dorf anerzogen wird und der sie an das Dorf bindet, an die einzige Gemeinschaft, die ihn versteht, aber die gleichzeitig tiefgründige zwischenmenschliche Beziehungen verhindert, weil der Hass immer einen Weg hinein findet, immer einen Feind hinter jeder Ecke vermutet und so vor lauter Angst und Wut verhindert klar zu sehen, solange man ihn nicht hinterfragt. Aber die Gitterstäbe sind auch gesellschaftliche Normen und Zwänge, die nur eine Wahrheit und ein Ideal zulassen. Dazu zählt dann eben zum Beispiel Heteronormativität. Und angepasst zu sein muss ja gar nicht unbedingt etwas Verwerfliches sein, aber gleichzeitig ist außerhalb der Gitterstäbe eben noch ein ganzer Himmel, der einem nicht zur freien Entscheidung offensteht, wenn er gar nicht erst als innerhalb des Möglichen angesehen werden kann.
"Dir entkommt da gerade was."
"Haben die Kids gebastelt. Stehen fĂĽr Frieden."
In dem Kontext finde ich die Papierkraniche interessant, die - zumindest vorübergehend - tatsächlich vom Wind weggetragen werden und im übertragenen Sinne also das Potential hätten zu entkommen, im Kontrast zu den Vögeln im Garten. Clemens lässt die Kinder Papierkraniche basteln und sagt, sie stehen für Frieden. Er versucht nicht nur mit der Dorfkneipe einen neutralen Raum zu schaffen, sondern setzt bei der neuen Generation an und vermittelt ihr mit den Kranichen die Bedeutung von Frieden, versucht den Kreislauf des Hasses nicht nur symbolisch zu durchbrechen, sondern in ihren Köpfen gar nicht erst Form annehmen zu lassen. Er versucht die Welt besser zu machen, aber nach wie vor sind es nur Wünsche aus Papier, die tatsächlich dem Kreislauf entkommen können, und das auch nur vorübergehend - Claire spricht Clemens sofort darauf an, dass die Kraniche wegfliegen, keine noch so kleine Abweichung von der Normalität bleibt also unbemerkt (und hier ist auch Claires Wortwahl interessant: "Dir entkommt da gerade was" personifiziert die Papiervögel, schreibt ihnen die Fähigkeit zu fliegen zu, verleiht ihnen eigene Handlungskraft, die dann aber sofort wieder unterbunden wird, wenn nicht durch Claires Worte dann dadurch, dass sie eben nicht in den Himmel hinaus fliegen, sondern auf dem Erdboden landen). Nach wie vor sind sie nur Vorstellungen, leere Gesten, solange keine tatsächlichen Taten folgen, die gegenwärtig irgendetwas verändern würden. Es sind Vögel aus Papier ohne Herzschlag oder eigene Wünsche, statt tatsächlichen Lebewesen, denen der Himmel in der Gegenwart noch offensteht. Man kann sich zwar eine bessere Welt erträumen, aber dadurch wird sie nicht zwangsläufig erreichbar. Das unterstreichen auch die Flashbacks mit Katja und Esther.
Hier wird erst einmal offener Himmel gezeigt und gemeinsam vom Weggehen geträumt. Der Blick zum Himmel in den Flashbacks stellt genau wie die Vogelsymbolik selbst den Wunsch nach Veränderung dar, den Wunsch sich neu zu entwerfen, jenseits schmerzender vorgefertigter Formen. Er ist ein Versprechen, dass ein anderes Leben möglich ist. Katja und Esther blicken zum Himmel, als wünschten sie sich, selbst fliegen zu können, und gleichzeitig ist der Wald eigentlich der Platz, der ihnen zumindest keine materiellen Gitterstäbe bietet, an dem sie unbeobachtet bleiben und sie selbst sein können - bis zu dem Moment, an dem sie eben nicht mehr unbeobachtet sind. Aber die Art der Inszenierung der Flashbacks stellt ebenfalls symbolisch einen Kreislauf dar, aus dem nur schwer auszubrechen ist: Die Musik ruft die Vorstellung der sich drehenden Figur einer Spieluhr auf und die Kameraführung und der wabernd-undeutliche Fokus verstärken diesen Eindruck nur. Wenn auch außerhalb herkömmlicher Gitterstäbe, sind Katja und Esther in den Flashbacks immer noch gefangen im gleichen Kreislauf, der auch die Gegenwart bestimmt. Für mich schwingt hier aber auch der Faktor des Alters mit: In den Flashbacks sind Esther und Katja jung, der Himmel steht ihnen bildlich trotzdem offen, weil sie ihr ganzes Leben vor sich haben und die Zukunft auf allen Ebenen ungewiss ist. Je älter man wird, desto schwerer wird es dann doch tendenziell, aus immer gefestigteren Mustern und Gewohnheiten auszubrechen.
In der Gegenwart hält Katja Vögel, vielleicht um sich die Illusion von Freiheit zu erhalten, ob um sich zu überzeugen, dass Angepasstsein die bessere Option ist, oder um so zumindest anderen Lebewesen beim Fliegen zusehen zu können (und eingesperrte Vögel können sie nicht verlassen, wie Esther sie damals verlassen hat). Clemens bastelt Kraniche aus Papier, um die Illusion von Kontrolle über die Zukunft des Dorfes zu haben, aber Papier bleibt eben auch nur Papier. Was überall mitschwingt, ist der Drang nach Freiheit und nach Veränderung, aber gleichzeitig die Unmöglichkeit dieser, solange man sich zwischen Gitterstäben befindet. Auf die Spitze getrieben wird das durch das Bild der angebundenen, wild umherschwingenden Papierkraniche, während Teile des Dorfes bewaffnet dafür sorgen, dass andere Teile sich verbarrikadieren, und durch Clemens, der indirekt genau dadurch verblutet, dass er so verbissen an seiner Illusion von Frieden festgehalten hat, dass er sämtliche Wahrheiten unterdrückt hat.
Einzig Esther hat es geschafft, über Illusionen und Wünsche hinauszukommen. Hat es geschafft das Dorf zu verlassen, sich zu verändern, den Kreislauf des Hasses zu durchbrechen, aus den Gitterstäben gesellschaftlicher Zwänge auszubrechen. Aber Verlassen bedeutet eben immer auch Zurücklassen. Und vielleicht ist die Frage, die letztendlich jede*r für sich beantworten muss: Riskiert man alles zu verlieren, indem man bleibt oder indem man geht?














