Prolog:
WENN MAN VOR DEM STUDIENABSCHLUSS SEINEN TEILZEIT-JOB VERLIERT
Im Februar 1977 war mein KĂŒchenhelfer-Teilzeitjob im US-Hospital beendet. Alle Studenten mussten gehen. Ich brauchte was Neues. Das âLebenâ â es war schon spartanisch genug - musste ja irgendwie weitergehen. Da sagte ein Bekannter zu mir: âBei MOTTA wird ein Teilzeitjob als NachtwĂ€chter frei. Mein Kollege will aufhören. Er stirbt fast vor Angst. Er verkraftet das einfach nicht mehr. Die ganze Nacht allein in der groĂen Fabrikhalle. Hast du nicht LustâŠ?â
Von Lust konnte wohl kaum die Rede sein. Ich brauchte das Geld. Dringend. Die Bezahlung war mit gerade mal fĂŒnf Mark Stundenlohn lausig. Aber zwischen den KontrollgĂ€ngen bleibt viel Zeit, um zu lesen und an meiner Diplomarbeit zu schreiben. Dachte ich mir. Genau genommen war dieser Job â der Arbeitgeber war ein Wachtdienstleister â ein GlĂŒcksfall. Wenn da nicht das âKopfkinoâ wĂ€reâŠ
MEIN VORGĂNGER WURDE BEDROHT
Warum mein VorgĂ€nger den Job hingeschmissen hatte, wurde mir ziemlich schnell klar: Das weitlĂ€ufige FabrikgelĂ€nde des italienischen Eisherstellers im Stadtteil Schierstein lag ziemlich isoliert. Hinter der Produktionshalle ging es in freie Feld. Da tummelten sich damals in stockdunklen NĂ€chten Kaninchen und WaschbĂ€ren. Dahinter auf einem hohen Damm verlĂ€uft die SchnellstraĂe, die zur Schiersteiner BrĂŒcke fĂŒhrt. Ab 20 Uhr war auf der StraĂe Alte Schmelze, die durch das Gewerbegebiet fĂŒhrt, keine Menschenseele mehr unterwegs. Alle halbe Stunde kam mal ein Auto vorbeigehuscht. Irgendwann nach Mitternacht gar keins. Niemand hĂ€tte meine Schreie gehört, wenn mich wirklich jemand ĂŒberfallen hĂ€tte. SelbstverteidigungskĂŒnste Fehlanzeige. Und dann rĂŒckte mein Bekannter endlich mit der vollen Wahrheit heraus, warum mein VorgĂ€nger den Job aufgegeben hatte: Beim NachtwĂ€chterdienst war vor wenigen Monaten noch ein Mann beschĂ€ftigt, der wohl im Rotlicht-Milieu oder Ă€hnlichen Kreisen verkehrte. Der hatte anscheinend einige âTotfeindeâ. Und genau diese Typen riefen SpĂ€tnachts im PförtnerhĂ€uschen von Motta an und drohten ihrem in Ungnade gefallenen Kumpel, Kunden usw.⊠mit âAbstechen, TotprĂŒgelnâ und âWir holen dich!â. Diese offenkundliche Verwechslung â der Adressat hatte am Telefon wohl eine Ă€hnliche Stimme - war zu viel fĂŒr den zart besaiteten Studenten. Nach den Drohanrufen war der Kollege regelrecht traumatisiert.   Â
DIE GASPISTOLE BLEIBT IM SCHRANK
Von nĂ€chtlichen anonymen Drohanrufen blieb ich Gottlob verschont. Die Angst blieb trotzdem meine stĂ€ndige Begleiterin. Die menschenleere nĂ€chtliche Fabrik war einfach unheimlich. Ăhnlich wie die sogenannten âLost Placesâ von denen man immer wieder liest. Ein Paradies fĂŒr Gruftis, Mystery-Fans und Leute, die sich gerne gruseln. Ich hatte einen solchen Platz zwei Mal in der Woche auf dem PrĂ€sentierteller mit allem, was dazu gehört, um sich zu fĂŒrchten. Gibt es in einer Eisfabrik ĂŒberhaupt etwas zu stehlen? Klar, der Tresor mit den Tageseinnahmen, der im langgezogenen Verwaltungstrakt in einem der BĂŒrorĂ€ume stand. Hier begann ich mit einer Stechuhr âbewaffnetâ meinen ersten nĂ€chtlichen Rundgang. Auf die Gaspistole, die man mir anbot, verzichtete ich aus einfachen GrĂŒnden. Sollte ich wirklich einem bewaffneten Einbrecher begegnen, so habe ich mit der Gaspistole ganz schlechte Karten. Am Ende werde ich erschossen, weil mein gegenĂŒber sie fĂŒr echt hĂ€lt. Gaspistole gegen echte Knarre; das geht nicht gut aus.  Â
IN DEN DUSCHRĂUMEN BEGINNT DAS KOPFKINO
Nachdem ich alle BĂŒros des Verwaltungstraktes hinter mir abgeschlossen hatte, ging es hinab in den Keller. Hier befanden sich die DuschrĂ€ume der Fabrikarbeiter und hier begann regelmĂ€Ăig das Kopfkino. Einige Arbeiter haben regelmĂ€Ăig den Wasserhahn der Duschen nicht richtig zugedreht. âPing⊠ping⊠ping!â tropfte es aus den Brausekopf. In der lĂ€hmenden Stille der nĂ€chtlichen Fabrik klingt so etwas unheilschwanger. Dann gab es Spezialisten, die den Duschvorhang zugezogen lieĂen. Das sah aus der Entfernung aus, als ob sich noch jemand in der Dusche aufhielt. Dahinter lauert? Zusammengekauert in einer Blutlache sitzt? Alfred Hitchcock lĂ€sst grĂŒĂen. Erst vor einigen Monaten hatte ich âPsychoâ im Fernsehen gesehen. Brauchte lange bis ich die Bilder endlich wieder aus dem Kopf verbannte, jetzt waren sie wieder da. Ganz real. In meiner eigenen Life-Kopfkino Version.
Von den DuschrĂ€umen aus betrat ich einen unterirdischen Gang, der fĂŒhrte unter dem Hof zur Produktionshalle. Dort befand sich der erste Kontroll-SchlĂŒssel, den ich in die Stechuhr steckte und umdrehte. Somit wurde protokoliert, dass ich meine KontrollgĂ€nge in bestimmten AbstĂ€nde durchfĂŒhrte. Mein Puls hatte sich inzwischen fĂŒhlbar verdoppelt. Im langen Gang, der im flackernden Neonlampenlicht eine echte Filmkulisse abgegeben hĂ€tte, begann der nĂ€chste Horrortrip. Ich kam mir inzwischen vor wie ein Astronaut, der auf einer weitrĂ€umigen Raumstation seine KontrollgĂ€nge macht, wĂ€hrend seine Kollegen im KĂ€lteschlaf liegen. Am Ende des Ganges war ein Lastenaufzug. Der war oft nicht da, so dass ich ihn erst per Knopfdruck holen musste. Wenig spĂ€ter, ich allein in dem weitrĂ€umigen Lift, der sich langsam ruckelnd nach oben bewegte. Der nĂ€chste Schreckmoment war der Augenblick, wo sich die AufzugtĂŒr öffnete. Vor mir eine stockdunkle riesige Halle. Bis zur Decke stapelten sich die Paletten und Kartonagen. Erst mal Licht machen, Stechuhr betĂ€tigen, Licht ausmachen und dann nichts wie weg!
Danach ging es durch die riesige Produktionshalle. Ăberall Eismaschinen, die in einer Art VorlĂ€ufer-Standby-Modus leise vor sich hin brummten, blinkten und klickten. Als letzte Station stand das Labor auf dem Kontrollgang-Programm. Dann war ich durch. Endlich. Die kĂŒhle Nachtluft des Innenhofes war trotz des aufdringlichen Ammoniak-Geruches Balsam fĂŒr meine Seele. Wenn ich die TĂŒr des Pförtnerraumes öffnete erschallte wie zur BegrĂŒĂung der AFN-Sender aus dem Radio. Damaliger Hit: âGo your own wayâ von Fleetwood Mac.
DER WERTVOLLSTE SCHATZ LAG IM KĂHLHAUS
Gegen 23 Uhr machte ich meinen ersten AuĂenrundgang. Das war weniger aufregend. Die StechuhrschlĂŒssel befanden auĂen an den FabrikgebĂ€uden. Wichtigster Kontrollpunkt war das KĂŒhlhaus. Hier lagerte die geschĂ€tzte Wochenproduktion der Eisfabrik. Stieg die Temperatur ĂŒber einen bestimmten Minusgrad, musste ich sofort â selbst in tiefster Nacht - einen Ingenieur von Motta anrufen. Auch die im Hof stehenden randvoll mit Eis beladenen Auslieferungswagen wurden vom NachtwĂ€chter kontrolliert. Ein Fall eines Temperaturanstieges ist bei mir nur einmal eingetreten. Das KĂŒhlaggregat hat sich jedoch von selbst wieder berappelt, so dass der Ingenieur â ich habe ihn gegen 3 Uhr aus dem Tiefschlag gerissen â beruhigt weiterschlafen konnte.          Â
EIN TRESOR IM KORNFELD UND EIN FEUERWEHREINSATZ
Ein Zwischenfall hingegen ereignete sich bei meinem Kollegen, der seine nĂ€chtlichen AuĂenrundgĂ€nge immer recht frĂŒh beendete. Als er bereits morgens die TĂŒren zu den BĂŒros wieder aufschlieĂen wollte, entdeckte er, dass ein Fenster ausgehebelt war. Der Tresor mit den Tageseinnahmen der Fahrer war weg. Unbekannte hatten das etwa MinibargroĂe Teil durch den Hof geschleift oder mit einer Sackkarre gefahren, ĂŒber den AuĂenzaun gewuchtet und dann in das benachbarte Kornfeld gerollt. Dort waren sie dann bis zur MorgendĂ€mmerung beschĂ€ftigt mit einer Brechstange das Ding aufzubiegen. Vergeblich. Das waren wohl keine Profis.
Einmal rĂŒttelte mitten in der Nacht eine Frau verzweifelt an der Pforte. Vor dem IndustriegelĂ€nde gab es einen kleinen Stellplatz. Dort hatte eine Artistenfamilie, die auf der Durchreise war, ĂŒbernachtet. Einer der Wohnwagen stand in hellen Flammen. Ich rief sofort die Feuerwehr. Sie selbst konnte das nicht. Das Mobilfunktelefon war noch nicht erfunden.
EPILOG
Damit ist meine Zeitreise in die 70ziger Jahre mal wieder beendet. FĂŒr mich war diese Zeit vor allem eine Lehrzeit in Sachen Angst-Ăberwindung. Am Ende meiner TĂ€tigkeit â kurz vor dem Diplom â habe ich oft mit ausgeschalteter Taschenlampe die RundgĂ€nge absolviert. Nicht einmal das Deckenlicht eingeschaltet. Angst findet im Kopf statt. Meine Methode war die Suggestion. Ich sagte zu mir: Du kennst jeden Winkel in der Fabrik. Das ist dein Revier. Sei der Herr der Dunkelheit. Es hat tatsĂ€chlich funktioniert. SpĂ€ter haben mich andere Ăngste geplagt: Die Angst vor boshaften heimtĂŒckischen Menschen.         Â













