Verschieben und verschwinden
Das kann bei jedem Umzug passieren: Eine Kiste wurde verschoben. Sie ist nicht mehr da, aber sie könnte überall in der Wohnung sein. Verstreut. Zerstreut.
Es versteift sich der Gedanke darauf, dass die Kiste verloren ging. Leider nicht irgendwelche Kisten: Es ist genau diese eine, in der ganz Besonderes nicht nur vermutet wird. Wir hatten sie doch gepackt. Es waren Fotos darinnen, Briefe, Postkarten, Bierdeckel, Mixtapes, Dias, Landschaften, Erinnerungen, so etwas wie eine Autobiographie mit Zitaten, oder vielmehr: Die Kiste besteht aus Zitaten, Lebensbruchstücken, so als ob mit ihrem Verlust der Verlust von irgendetwas Eigenem, beinahe einer Autobiographie verbunden wäre. Was bin ich ohne diese Kiste? Es war dort das Foto der Mutter im Kleid und hinter dem Stiefmutterbeet. All die Bilder der Großeltern im Alpenpanorama, vor einem Hügel, verwehtes Haar, beginnende Geheimratsecken, Schlosserhände, vertriebene Gesichter. Geschichten aus der Jugend, Postkarten, Liebesbriefe, unbeholfen, aber ohne Diddelmaus. Sprunghafter Anstieg von Briefen, Rotweinflecken oder Aschereste, Krümel, Wohn-Gemeinschaften, Zettelverkehr, zusammengekritzelte Rechnungen, offene, längst geschlossene oder vergessene. Zeichnungen von Situationen und Gesichten. Dunkel ist die Kiste, schwarz, silberne Aufschläge, vielleicht aus Plastik oder einem Leichtmetall. Es waren zwei. Unbedingt.
Überall gesucht. Alle Kisten durchsucht oder ausgepackt, auf jeden Fall manövriert durch Zimmer und Flure. Verzweiflung. Wo ist die Kiste? Der Ellbogen tat weh, vermutlich noch die Schleimbeutelentzündung. Was war wirklich in ihr? Hatte ich die schwarzen Dinger, die dann doch aus Pappe waren, nicht weggeschmissen? Den Inhalt auf andere Kisten aufgeteilt, in Umschläge verpackt, verstreut? Es waren nicht zwei Kisten, es waren unzählige kleinere Päckchen, die nicht mehr an einem Ort waren. So dachte ich.
Wäre ein Verlust nicht ein Gewinn, weil es ein wirklicher Neustart, ein Um-Zug gewesen wäre? Konjunktiv II, ohne Umweg. Kein einfacher Wunsch, ein Unglück. Gedanken jetzt nicht fixieren, lieber noch einmal überlegen oder etwas anderes machen; ich kann nicht den ganzen Tag nach diesen zwei Kisten suchen. Das ist doch Unsinn. Die Zeit verstreicht und es ist noch alles zu tun, auch wenn ich nicht die Kisten finde.
– aber die Kiste, die Kiste, die Kiste! Mit dem Gedanken warm werden, was einem dringend geraten wird, dass sich die Kiste schon finden werde. Und wenn nicht, dann könnte man ja dann noch immer Angst um die Kiste haben, Trauern.
Die beiden Kisten – die ich den ganzen Tag gesucht hatte, nichts anderes tat ich, so schien es mir. Als ich dann durch alle Zimmer geschritten war, abgesucht hatte scheinbar alles, da ging ich ins Schlafzimmer. Wir waren im Gespräch, über irgendetwas, vermutlich den anstehenden Urlaub. Ich hatte dafür keinen Kopf. Du hast geredet und ich war in Gedanken bei der Kiste. Irgendetwas schickte mir ein Bild. Unbewusst hatte es dort schon zu lange gelegen. Meine Gedanken waren verstreut und plötzlich war da die Ahnung; dass es da sein müsste. Erst auf der einen Seite geschaut und die dunkle Tiefe des Bettes wahrgenommen. Hunger verspürt, an die Küche gedacht und in dem Moment, da sehe ich von der anderen Seite, was da liegt: ein langer Koffer, sehr flach. Gefüllt mit Schuhen. Daneben: zwei Kisten. Schwarz. Ganz im Dunkel.















