Shanghai 3.1
Kapitel 3: Eine ganze Klasse namens Li
Aber wir waren ja nicht nur fürs Urlaubmachen hier. Am kommenden Montagmorgen um kurz nach sieben trafen wir uns mit unserem Betreuer, der in einer wahnsinnig faszinierenden Mischung aus Chinesisch und Englisch – oder das, was er für Englisch hielt – mit uns sprach und uns erst mal über allerlei Gefahren dieser Stadt aufklärte. Regel Nummer eins war ironischerweise: Seid, wenn es dunkel wird, nicht in kleinen Gassen unterwegs und fahrt bloß nicht mit privaten Taxis.
Ja, machen wir jetzt dann wohl lieber nicht mehr.
Er führte uns vom Gästehaus weg, über die Straße (sicherheitshalber über die Ampel, so wie es sich gehörte) und auf den Universitätscampus, dessen Allee uns mit Schatten begrüßte. Der Schatten war allerdings nicht das einzige, das uns willkommen hieß, einige Meter weiter, aufgestellt vor dem großen Gebäude winkte uns der große Genosse Mao höchstpersönlich in Stein gemeißelt zu, sanftmütig lächelnd und mit wehender Kluft.
Wir bogen nach links ab, kamen am Deutsch-Chinesischen-Forschungszentrum vorbei und passierten einen riesigen Sportplatz, dessen dünne Gitterzäune uns gnadenlos der immer heißer werdenden Sonne aussetzten. Ich übertreibe nicht. Ein Sommer in Deutschland ist nichts dagegen. Hier kann man morgens um halb acht noch mit einem dünnen Jäckchen und ohne Sonnenschutz auf die Straße wagen. Es war auch kaum ein anderer Student zu sehen. Wir waren die einzigen, die in einer Gruppe hinter unserem Betreuer herdackelten, unsere Augen vor dem grellen Licht abgeschirmt.
Wir verließen den Hauptcampus, passierten eine weitere Straße und betraten einen der Nebenplätze der Universität, hier stand nur eine Hand voll Gebäude, alle relativ neu und innen mit Klimaanlage und diversen Getränke- und Snackautomaten ausgestattet. In der ersten Etage fanden wir unseren zukünftigen Klassenraum, zwölf Doppeltische mit kleinen Fächern darunter montiert, was den großen Nachteil hatte, das damit die Tischhöhe sehr niedrig war und man mit den Knien dagegen stieß. Die Beine übereinander zu schlagen war praktisch unmöglich.
Einige von uns stellten sich genüsslich und mit geschlossenen Augen vor die Klimaanlage und badeten einen Moment in der kalten Luft.
Wir erhielten unsere Unterrichtsbücher und verließen den Campus wieder. Den Weg zu unserem Raum für die nächsten zwei Monate würden wir am kommenden Morgen selbst finden müssen. Auf dem Rückweg deckten einige von uns sich noch schnell mit Büroutensilien ein, sowie T-Shirts auf denen der Name unserer Gastuniversität stand. Nur um zu beweisen, dass wir auch wirklich dort waren und um ein bisschen anzugeben. Der dunkelblaue Pullover mit dem Logo und Namen hängt seitdem in meinem Kleiderschrank. Ich trage ihn nur selten, denn trotz der Tatsache, dass er mit die größte in China kaufbarer Größe hatte, waren mir die Ärmel einige Zentimeter zu kurz.
Den Nachmittag verbrachten wir wieder in der Innenstadt Shanghais, mittlerweile hatten wir uns an einem Touristenbüro Karten und Stadtpläne besorgt und kreisten mit roten Filzstiften die Orte ein, die wir unbedingt und sofort besichtigen mussten.
Shanghai hat viel zu bieten. Vor allen Dingen viel Teures und viel Westliches. Es ist das Finanzzentrum Chinas und beherbergt riesige Geschäfts- und Bankenviertel, in denen nur Geschäftsmenschen in Anzügen und Blazern herumeilten.
Wir fuhren zum sogenannten Bund. Keine Ahnung, wo der Name herkam, er klingt seltsam …Deutsch. Wenn man es sich genau überlegte, war es auch wie ein Bund, wie ein Hosenbund, so wie sich das Ufer ums Wasser schmiegt. Dort gab es eine Promenade, die sich am Ufer des Huangpu-Flusses entlang schlängelte, auf der anderen Seite thronten Prachtbauten, wunderschön beleuchtet bei Nacht, mit antik aussehenden Fassaden und Steinsäulen. Auch eine Filiale der Deutschen Bank war darunter.
Von dieser Seite aus hatte man einen atemberaubenden Blick auf das, was typischerweise als Skyline von Shanghai bezeichnet wird. Große, verglaste Hochhäuser darunter auch das Ding, das wie ein gigantischer Flaschenöffner aussah und ein futuristischer Turm, der entfernt wie eine Ufo-Version des Eifelturms wirkte und jeweils eine dicke, rosa Murmel in seiner Mitter und an der Spitze trug. Den Turm, auch „Perle des Ostens“ genannt, konnte man besichtigen, unten drin gab es ein Museum, das die Stadtgeschichte Shanghais darstellte.
Von weiter oben hatte man einen atemberaubenden Blick über die Stadt.
Ging man vom Bund aus die große Hauptstraße entlang, die östliche Straße Nanjing, verwandelte sich dieser in eine große Einkaufspassage, in der sich in Ufernähe einige teure Läden widerfanden, weiter entfernt vom Wasser normale Geschäfte. Es wimmelte nur so von Menschen. Zwischen ihnen wuselten Verkäufer von Fake-Produkten, sie liefen mit Katalogen in der Hand herum und waren beim Anblick eines Polizisten schneller verschwunden als man schauen konnte. Man lief gemütlich die Straße entlang, bestaunte links und rechts die vielen bunten Eindrücke und hörte wie permanentes Rauschen „DVDs, watches, handbags“ dauernd jemanden zischen.
Wir gingen nicht auf dieses unglaublich verlockende Angebot ein mit einem schmierigen Katalogtypen in irgendwelche Seitengassen zu schleichen um dort gefälschte Billiguhren oder sonstiges zu erstehen. Stattdessen gingen wir in normale Geschäfte und begutachteten die Kleidungsstücke dort. H&M, Zara und wie sie alle heißen, gibt es in China ebenfalls an jeder Ecke und auch das Sortiment gleicht dem anderer Länder. Daneben gibt es aber auch andere Läden, meist recht klein, gerade mal wenige Quadratmeter groß, an deren Wänden lange Kleiderstangen hingen, querbeet Röcke, Mäntel, Blazer, Pullover und Hosen, alle irgendwie anders und nichts schien auch nur zweimal vorhanden zu sein, nicht mal in verschiedenen Größen.
Mich verwirrt dieses Konzept von Größenlosigkeit, als hätten alle Menschen auf der Welt die gleiche Figur und die gleichen Körpermaße. Durchschnittlich sind natürlich die Frauen und Männer in China kleiner und schmaler als in Europa, aber das hieß ja trotzdem nicht, dass alle wie aus einem Guss identisch waren.
Für mich, die bereits für den europäischen Durchschnitt ein paar Zentimeter zu groß ist, war das die Shopping-Hölle auf Erden. Kaum etwas passte richtig. T-Shirts und Tops waren nicht so das Problem, aber alles, was länge Ärmel oder Beine hatte. Hosen gingen gar nicht. Schuhe erst recht nicht. Zum Glück hatte ich ein zweites Paar aus meiner Heimat mitgenommen, aber bei einem längeren Aufenthalt sollte ich darauf vorbereitet sein.
In der Zeit in Shanghai kaufte ich so gut wie keine Kleidung, sondern beschränkte mich lieber auf Modeschmuck, Armbänder und Tee.







