here's the latest interview with Flake (in German), i just copypasted that bih here entirley because the site version, well, demanded registration:
(I'm also not adding the read more break because I'm old and Tumblr app sucks ass)
RAMMSTEIN IM INTERVIEW-âMexiko oder Bernau, das ist doch egalâ
INTERVIEWÂ MIT FLAKE / RAMMSTEIN am 12. Juni 2020
Harter Rock und schillernde Texte haben Rammstein zur erfolgreichsten und international bekanntesten deutschen Band gemacht. Ein GesprĂ€ch mit Keyboarder Flake ĂŒber Corona, die DDR, Freiheit und den Tod.
Zwischen Wien und Mexiko liegt Summt. Hier lebt der Keyboarder von Deutschlands erfolgreichster Musikband Rammstein, hierher zieht Christian Lorenz, genannt Flake, sich zurĂŒck, wenn die Stadien Pause haben. Ob und wann das Konzert in Mexiko stattfinden wird, steht in den Sternen. Flake nimmt die Corona-Pause gleichmĂŒtig hin. Summt, Teil der Brandenburger Gemeinde MĂŒhlenbecker Land vor den Toren Berlins, passt zu dem introvertierten Musiker, der auf der BĂŒhne einen hyperaktiven Tastenderwisch gibt. In Summt regnet es, als wir uns treffen. Schwarze Wolken ziehen ĂŒber dem nahe gelegenen Friedwald auf. Wir setzen uns unter einen Baum, Flakes Garage im RĂŒcken. Dort bastelt er Katzen aus Holz.Â
Als ich jetzt noch einmal âHeute hat die Welt Geburtstagâ las, Ihren autobiografisch geprĂ€gten Roman von 2017, fiel mir auf, dass es ein Buch ĂŒber die Zeit ist. Die Zeit, heiĂt es darin, sei das âWertvollste, was ein Mensch hatâ. Leider strecke sie sich âmeistens in unangenehmen Situationenâ. Wie erleben Sie die coronabedingt freie Zeit?
Flake: Ich fĂŒhle mich gerade wie ein Kind, das allein in einem Kaufhaus eingesperrt ist und herumstöbert. Man darf sich nichts nehmen, aber man darf da sein. Die Vorstellung, die Zeit anhalten zu können, hat mich schon immer fasziniert. Es ist wie der Traum vom Fliegen ein Urwunsch des Menschen, ein Urinstinkt geradezu. Leben ist Zeit, und weil das Leben verrinnt, ist es die logische Folge, dass man die Zeit anhalten will. Alt werden, sterben: Wer will das schon?
Ewige Jugend ist keinem geschenkt.
Wenn ich an das berĂŒhmte MĂ€rchen denke vom Mann, der nicht altert, wĂ€re das auch nicht die Lösung. Ein Leben ohne Tod, selbst mit Reichtum, verliert seinen Reiz, sobald die ganzen Freunde wegsterben, die Eltern, die Kinder. SchlieĂlich will auch der Mann im MĂ€rchen nur noch sterben. Das Leben ist wertvoll, weil es ein Ende hat. Die Zeit ist kostbar, weil sie verrinnt. Ein Stopp in der Zeit, wie wir ihn gerade erleben, kann uns helfen, diese ZusammenhĂ€nge neu zu vergegenwĂ€rtigen.
Andererseits erlebt man als Musiker, zumal in einer erfolgreichen Band wie Rammstein, mit jedem Konzert verdichtete Zeit. âImmerâ, schreiben Sie, âgehört man irgendwo dazu, und immer sind auch andere da, die irgendwie dasselbe Ziel und dieselben Sorgen haben.â Das hat nun Pause. Man ist allein.
Die Band war mein Familienersatz. Als Jugendlicher wollte ich mich von meinen Eltern abnabeln, auch aus evolutionĂ€ren GrĂŒnden. Kein Kind sollte wie seine Eltern sein wollen. Sonst wĂŒrde sich die Welt nicht weiterentwickeln. Kinder mĂŒssen ihren eigenen Weg gehen. Mein Weg fĂŒhrte damals in eine Band. Jetzt habe ich eine eigene, eine echte Familie und bin mit ihr zusammen, Tag und Nacht. Am meisten gestört am Musikmachen hat mich, dass ich so lang von meiner Frau und meinen Kindern getrennt war. Das fĂ€llt nun weg. Insofern ist es fĂŒr mich gerade der Idealzustand.
Vielleicht ist der kurze Stopp, den wir erleben, auch die Rettung fĂŒr diese Deadline-Menschen, die in Hektik leben, vom wichtigen zum noch wichtigeren Projekt hetzen. Diesen Leuten könnte es guttun, wenn sie erfahren, dass es gar nicht so wichtig ist, was sie tun.
Also kann man etwas lernen aus der Zwangspause?
Man kann lernen, dass man nicht ununterbrochen etwas machen muss. Die Erde dreht sich weiter, auch wenn man mal gerade nicht irre kreativ ist. Die Zeit ist immer da, egal, wie man sie ausfĂŒllt. Manchmal reicht es, sich um die Familie oder um sich selbst zu kĂŒmmern.
Wie stark ist Rammstein von der Corona-Krise betroffen?
Unser letztes Konzert fand im August 2019 in Wien statt. Die neue Tour wird wahrscheinlich ausfallen. Ich nehme das als gegeben hin, und bin da weder traurig noch froh.
Wie erleben Sie den Umgang der Deutschen mit der Krise? Sind wir ein zu braves Volk?
Ich komme ja aus dem Osten und empfinde es als wohltuend, wenn einem gesagt wird, was man tun soll und was wichtig ist. Wenn ich einen Sinn darin sehe, ordne ich mich gerne unter. Ich habe mich damals auch wohlgefĂŒhlt, obwohl ich nicht verreisen konnte. Man ist immer derselbe Mensch, ob man verreist oder nicht. Man kann nicht vor sich selber davonfahren. Vielleicht ist es fĂŒr Menschen gar nicht gut, wenn sie immer alles dĂŒrfen.
Die Zeit gut nutzen kann nur der, der in sich ruht und weiĂ, was er will.
Dahinter steht die groĂe Diskussion, was Freiheit bedeutet. Ich kann mich in vielen Situationen frei fĂŒhlen, weil ich mich meiner Ansicht nach frei entfalten kann. Freiheit ist auch eine Frage der Einstellung. Der Mensch hat sich schon immer Regeln auferlegt, die Muslime etwa im Ramadan, die Christen in der Fastenzeit, um von sich selbst fĂŒr eine Weile loszukommen.
Gutes Leben ist dann eine Frage des richtigen Rhythmus. Womit wir wieder bei der Musik gelandet wĂ€ren, dem âTanzmetallâ von Rammstein zum Beispiel.
Gutes Leben ist in der Tat eine Rhythmusfrage, aber auch eine Frage der Sparsamkeit und des Verzichts. Das GlĂŒck liegt oft im Verzicht. Wenn ich am BĂ€cker vorbeigehe und mir eine Streuselschnecke bewusst nicht kaufe, geht es mir danach besser â obwohl ich unglaublich gerne Kuchen esse. Mir vorzustellen, die Schnecke zu essen, hat dann gereicht. Wenn ich frĂŒher in der Disko war, hat mir oft der Gedanke gereicht, mit dieser oder jener Frau Sex haben zu können. Das war fast so gut wie Sex, aber man hatte nicht die Nachteile am Tag danach.
Die Fantasie als bessere RealitĂ€t: Das ist der kreative Akt des KĂŒnstlers. Nicht jeder hat solche sublimierenden KrĂ€fte.
Man muss nicht immer kreativ sein. Man braucht keinen Output, um sich wertvoll zu fĂŒhlen. Wenn man nur gemocht wird fĂŒr das, was man tut, und nicht fĂŒr das, was man ist, lief schon etwas falsch.
So steht es aber in Ihrem Buch: âIch mache wahrscheinlich Musik, weil ich geliebt werden will.â
Das war mein Ansatz, aber nicht unbedingt die Lösung. Ich weià nicht, ob das geklappt hat.
Rammstein badet in der Zuneigung seiner Fans. Vielen Menschen bedeutet diese Musik sehr viel. Beim Konzert in Moskau, das ich bei Youtube sah, ist das Publikum ausgerastet vor Begeisterung.
Mir sind Leute wichtig, die mir etwas bedeuten. Das Urteil von Menschen, die ich gar nicht kenne, interessiert mich nicht. Auch wenn viele uns hassen, ist es fĂŒr mich nicht von Belang. Ich kann es nie allen recht machen. Was also nutzt es mir, wenn mich in Moskau jemand liebt, den ich gar nicht kenne?
Ihr habt am Anfang vor sechs Leuten gespielt, jetzt sind es 60â000. Das lĂ€sst einen doch nicht kalt.
Die Konzerte vor wenigen Leuten haben oft mehr SpaĂ gemacht. Es ist immer schöner, etwas aufzubauen, als eine Stellung zu halten. Bei den emotional schönsten Konzerten bestand das Publikum aus 300 oder 400 Leuten. Je mehr Menschen kommen, desto weiter rĂŒcken sie in die Ferne.
âŠâund desto mehr muss man sich anstrengen, um sie zu erreichen.
In einem Klub kann ich in Jeans und Hemd spielen. Im Stadion brauche ich einen Glitzeranzug, sonst hĂ€lt man mich fĂŒr einen BĂŒhnenarbeiter.
Den Zauber des Anfangs bringen Sie im Roman auf eine schöne Formel: âWir zogen wie im MĂ€rchen zusammen in die Welt hinausââŠâ
âŠâund das kann man nicht wiederholen. Das erste Mal gibt es nur einmal.
UnverĂ€ndert aber ist Rammstein eines der wenigen weltweit bekannten KulturgĂŒter Deutschlands, ein musikalischer Exportschlager.
Das kommt auf den Standpunkt an. Mein Buch habe ich âHeute hat die Welt Geburtstagâ genannt, um darauf hinzuweisen, dass sehr viele Menschen meinen, die Welt drehe sich um sie. Aber es hat immer irgendjemand Geburtstag. Alles Besondere relativiert sich. Zu uns kommen viele Menschen ins Stadion, ja. Aber am nĂ€chsten Tag zur Handballmeisterschaft kommen vielleicht noch mehr Besucher. Das ist dann genauso wichtig. Man muss alles in der Relation sehen. Wer in einer Band spielt, ist ein winziges Teilchen in einem speziellen Interessengebiet, mehr nicht.
Jede Unterordnung hat ihre Grenzen. Sie haben in der DDR den Wehrdienst verweigert und durften deshalb nicht studieren.
Ich verweigerte aus Angst. Mein Bruder war bei der Armee und erzĂ€hlte schauderhafte Geschichten, wie die Neuankömmlinge von den Ranghöheren sadistisch gequĂ€lt wurden. Das war ein perfides UnterdrĂŒckungssystem. Wehrverdienstverweigerer kamen in der Regel zwei Jahre ins GefĂ€ngnis. Ich hatte die Freiheit, mich zu entscheiden, und dachte mir eine Lösung aus. Ich rannte von Arzt zu Arzt, bekam Atteste, wurde daraufhin zurĂŒckgestellt. Dann zog ich um, wechselte die Namensschilder an der TĂŒr, lebte praktisch im Untergrund. Das flog nicht auf, weil ich ĂŒberall Flake hieĂ, aber unter meinem richtigen Namen gesucht wurde. Und den kannte fast keiner. Zugute kam mir, dass in der DDR die Armee und die Polizei verfeindet waren und schlecht zusammenarbeiteten. Den Preis, nie studieren zu können und nie einen vernĂŒnftigen Job zu haben, war ich bereit zu zahlen. Ich wollte eigentlich Chirurg werden. Nicht zur Armee zu gehen, war mir in der AbwĂ€gung wichtiger. Lange aber hĂ€tte ich dieses Versteckspiel nicht mehr durchgehalten. Dann bröckelte die DDR, und die Mauer fiel. Ich wollte durch meine Verweigerung nicht die Welt retten, sondern mich. Aber man muss ja immer sich selbst retten, bevor man die Welt retten kann.
Ist die Rettung des eigenen Lebens heute nicht Ă€hnlich schwierig wie damals in der DDR? Sie beklagen âKonsumterrorâ und âMedienwahnsinnâ. Wurden deren KrĂ€fte in den letzten Jahren stĂ€rker?
Ich kann da nur fĂŒr mich sprechen. Ich versuche, nicht jeden Schwachsinn mitzumachen und sauber durchs Leben zu kommen â das heiĂt, bewusst zu leben. Das meine ich nicht im esoterischen Sinn, sondern ganz klar und einfach.
Viele haben den Eindruck, es sei heute eine besonders groĂe Herausforderung, sich in einem Minenfeld der Ablenkungen und AnsprĂŒche treu zu bleiben.
Die Ă€uĂeren UmstĂ€nde finde ich erstaunlich austauschbar und unwichtig. Das ist zu allen Zeiten gleich leicht oder gleich schwierig. Man sagt ja, zum persönlichen GlĂŒcksempfinden trage die Veranlagung 50 Prozent bei, Erziehung und Tun 25 Prozent â und nur der Rest falle auf die Ă€uĂeren UmstĂ€nde. Man kann in fast jeder Situation glĂŒcklich sein. Es kommt darauf an, wie man die Sachen betrachtet.
Der kranke Mensch wird es anders sehen.
Nicht unbedingt. Wenn man Geschichten liest von tödlich erkrankten Menschen, etwa bei Wolfgang Herrndorf, dann können gerade die letzten Jahre sehr intensiv sein, im Schlechten wie im Guten. Herrndorf berichtet von mehr Tiefen, aber auch von mehr Höhen. Der Ausschlag der Empfindungen sei gröĂer geworden. Ich selbst lag einmal lange im Krankenhaus. Vor allem die lustigen Szenen blieben mir in Erinnerung, Wasserschlachten mit den Spritzen etwa. Oder die Freude aufs Abendbrot. Niemand will krank sein, ich auch nicht. Aber es ist nicht ausschlaggebend fĂŒr das GlĂŒck eines Menschen, in welcher Situation er sich gerade befindet.
Und wenn man niedergeschlagen ist, kann man sich auf Schusters Rappen begeben. âMit jedem Schrittâ, schreiben Sie, âden ich lief, ging es mir besser. Diese Methode wirkte erstaunlicherweise immer.â
Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch lĂ€uft: Das sei, hat Emil ZĂĄtopek gesagt, der tschechische LangstreckenlĂ€ufer, die logische Antwort auf die Frage, warum er denn laufe. Das Laufen entspricht der Wesensart des Menschen. Der Mensch ist nicht fĂŒr den Stuhl gebaut.
Den Musiker in der Corona-Pause stelle ich mir als sitzendes Wesen vor.
Ich stehe viel. Das ist schon mal gesĂŒnder als Sitzen. Schwimmen ist natĂŒrlich auch wunderbar, gerade fĂŒr den RĂŒcken. MĂŒsste man als Mensch eigentlich nur noch fliegen können, dann wĂ€re es perfekt.
Bleibt das Problem des Ălterwerdens. Ihr seid alle Ă€hnlich alt bei Rammstein, geboren zwischen 1963 und 1971.
Da gibt es keinen Unterschied zum Ălterwerden mit Freunden, Kollegen, der Familie. Die Frage ist generell, warum man mit Musikern zu Themen spricht, die ĂŒber ihre Musik hinausreichen. Als ob Musiker da die geringste Ahnung hĂ€tten. Ich habe mich gewundert, dass Sie mit mir ĂŒber solche Themen reden wollten. Ein Musiker ist jemand, der sich gerade nicht reflektiert Ă€uĂern kann. Was ihn bewegt, das kann er nur rausschreien oder raussingen oder rausspielen. Ein Musiker ist jemand, der nicht arbeitet. Er unterhĂ€lt sich und die anderen Menschen. Er ist nur KĂŒnstler und hat deshalb einen geringen Erfahrungsschatz. KĂŒnstler sind die Letzten, die ich fragen wĂŒrde, wenn ich zu einer bestimmten Situation eine Frage hĂ€tte. Musiker sind auf der Stufe eines zehnjĂ€hrigen Kindes stehen geblieben.
Sie sind nicht nur Musiker, Sie sind auch Schriftsteller.
Ich schreibe nicht wie ein Schriftsteller, sondern wie jemand, der Musik gemacht hat. Mein Buch ist schriftstellerisch wertlos.
Da darf man widersprechen. Formulierungen wie âFreude am Unfugâ, die Beobachtungen bei einer Tournee, die Ăberlegungen zum Wesen der Zeit haben schriftstellerische QualitĂ€ten.
Zumindest lese ich gerne und viel. Heinz Strunk schÀtze ich sehr oder Georges Simenon, mit Lutz Seiler kann ich weniger anfangen.
Wer sich treu bleiben will, muss der bestÀndig sein?
Da bin ich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach VerĂ€nderung und der Hoffnung, dass alles so bleibt, wie es ist. BestĂ€ndigkeit und Verlustangst gehören zusammen. Mir fehlt oft der Mut, etwas zu Ă€ndern. Dadurch öffne ich weniger TĂŒren im Leben, als ich es könnte. Das ist eine Typenfrage. Ich proklamiere das nicht, aber ich persönlich bin froh, wenn alles so ist, wie es ist. Ginge es nur nach mir, wĂŒrde ich heute noch ohne Computer leben. Wenn ich eine Mail mit dem Macintosh schreibe, fĂŒhle ich mich, als wĂŒrde ich mit dem Panzer zum BĂ€cker fahren. Ich telefoniere auch nicht gerne.
Rammstein ist ein Muster an BestÀndigkeit. Ihr seid seit 1994 in derselben Besetzung zusammen.
Ja. Anders wĂŒrde es nicht funktionieren. Das hat auch etwas mit GenĂŒgsamkeit zu tun. Viele denken, es kommt immer etwas Besseres. Manchmal ist es richtig, aufzubrechen und einen Schlussstrich zu ziehen, in einer Beziehung etwa. Oft aber gibt man zu frĂŒh auf, trennt sich und beginnt von vorn und trennt sich wieder und beginnt wieder von vorn. Im Alter steht man dann ganz alleine da. Kein Richtig und kein Falsch gibt es da.
FĂŒr einen KĂŒnstler scheint mir die Gefahr gröĂer, sich immer im Vertrauten zu bewegen.
Ja, das ist die groĂe Falle. Man kann nicht alles gleichzeitig haben. Man kann nicht gehen und zugleich dableiben.
Heute hat nicht nur die Welt, sondern auch Karl Marx Geburtstag. Marx gab der VerÀnderung vor der BestÀndigkeit den Vorzug.
Haben Sie ihn je gelesen?
Freiwillig nicht. In der Schule mussten wir es. âMohr und die Raben von Londonâ ĂŒber den jungen Marx war ein wunderbares Kinderbuch.
WĂŒrde Ihnen etwas fehlen, wenn Sie keine Musik mehr machten?
Da kann ich nun nicht widersprechen.
Ich baue gerade Katzen. Aus Holz. Trauerkatzen. Mir starb einmal die Katze, das war ein harter Schlag. Ich wohne in der NĂ€he eines Friedwalds, wo auch Katzen beerdigt werden. Mit Trauerkatzen könnte man Trost spenden. Ich habe mir frĂŒher vorgestellt, wenn meine Katze beerdigt wĂŒrde, könnte hinter dem Grabstein eine Trauerkatze erscheinen, eine Auferstehungskatze, und die nehme ich dann von der Beerdigung wieder mit nach Hause. Diese hölzerne Himmelskatze muss natĂŒrlich hĂ€sslich sein, damit die Leute ĂŒber ihren Ărger ĂŒber die HĂ€sslichkeit die Trauer vergessen. Jetzt in der Corona-Zeit habe ich schon viele Katzen geschraubt, genagelt, geklebt. Das Holz sammle ich im Friedwald auf. Man sollte den Tod generell stĂ€rker ins Leben integrieren. Ich habe mir auch schon einen fahrenden Grabstein ĂŒberlegt: Auf die KĂŒhlerhaube schreibt man die Lebensdaten eines geliebten Menschen, und vorne, wo vielleicht ein Stern angebracht war, platziert man seine Asche.
Ich finde diese Vorstellung schöner als die Aussicht, irgendwo in der Stadt auf einem militĂ€risch abgezirkelten Friedhof begraben zu werden, wo keine Hunde hindĂŒrfen, wo man nicht spielen und nicht rauchen und nicht lachen darf und sich nur leise unterhalten soll. Ich wuchs in Berlin neben dem Friedhof in der Greifswalder StraĂe auf. Vom Fenster aus sah ich tĂ€glich den Beerdigungen zu. Auf Hebammen sind alle stolz, wĂ€hrend Bestatter als unberĂŒhrbar gelten. Dieses Bild möchte ich gerne verĂ€ndern.
Rammstein feiert in seinen Liedern die VergÀnglichkeit.
Mit dem Wort âFeiernâ kann ich gar nichts anfangen. Bei Feiern denke ich nur an Alkoholmissbrauch. Ich habe in meinem Leben noch nichts gefeiert. âSpaĂâ ist auch so ein inhaltsfreies Wort. âFreudeâ hingegen ist ernst. Darum âFreude am Unfugâ.
Steht ein neues Buch am Horizont?
Nein. Ich hĂ€tte jetzt viel Zeit, aber genau deshalb schreibe ich nicht. Ich habe immer nur geschrieben, wenn ich keine Zeit zum Schreiben hatte. Und den Eindruck hatte, jetzt schreiben zu mĂŒssen.
Wie geht es weiter mit Rammstein?
Ich vermute, dass wir die ausgefallene Tournee 2021 nachholen werden.
Im September solltet ihr in den Stadien von Los Angeles und Mexiko spielen.
Mexiko oder Bernau, das ist doch egal.â