#NotJustHello - Warum Street Harassment kein Kompliment ist
Einige von euch haben wahrscheinlich schon das Video der Frau gesehen, die in NYC mehr als 100 Mal am Tag belĂ€stigt wurde, wĂ€hrend sie nichts weiter gemacht hat als die StraĂe entlang zu gehen. Das Video ist ziemlich viral gegangen, wurde auf verschiedenen Social Media Plattformen geteilt, und hat auch den Sprung in diverse klassischen Medien geschafft. Daraus entstanden ist mal wieder eine Debatte ĂŒber Street Harassment (= BelĂ€stigungen im öffentlichen Raum) und BelĂ€stigung vs Kompliment. Das hier soll keine Analyse des Videos werden, deswegen geh ich jetzt auch nicht weiter auf die durchaus berechtigte Kritik der Nicht-ReprĂ€sentation von weiĂen MĂ€nnern im Video ein, dazu habe ich auf meiner Seite den bereits sehr lesenswerten Kommentar von Deanna Zandt geteilt: https://medium.com/theli-st-medium/hello-beautiful-31e9f7755904 . Mir geht es mehr um die daraus entstandene Debatte und das Thema Street Harassment/sexuelle BelĂ€stigung im Allgemeinen.
 Ich war 11 oder 12 als ich zum ersten Mal belĂ€stigt wurde. Ich war 13, als ich das erste Mal in der Ăffentlichkeit angegrapscht wurde. Mit 16/17 war Street Harassment wortwörtlich Alltag fĂŒr mich. So gut wie jedes Mal, wenn ich das Haus verlieĂ, wurde ich belĂ€stigt. Das fing beim Hinterpfeifen an und hörte bei körperlichen Ăbergriffen auf. Als ich jemandem von einer Situation in einem Cafe erzĂ€hlte, meinte die Person âja aber jetzt haben Sie ja dazu gelernt, jetzt wĂŒrden Sie nicht mehr mit einem Mann ins Cafe gehenâ. Daraufhin habe ich ĂŒberlegt, welche Orte mĂŒsste ich alle vermeiden, wenn ich allen Orten an denen ich bereits belĂ€stigt wurde aus dem Weg gehen wollen wĂŒrde. Raus gekommen ist: Ich dĂŒrfte nicht mehr ins Kino, nicht mehr ins Zeltlager, nicht mehr ins Cafe, in keine Bar oder Club, nicht mehr arbeiten, nicht in mein ehemaliges Studentenwohnheim, nicht mehr zelten, nicht mehr auf Geburtstagsparties von Freunden, nicht mehr in mein eigenes Badezimmer (apparantly BelĂ€stigung durchs Badezimmerfenster is a thing now), nicht mehr Ubahn-fahren, nicht mehr Bus-fahren, nicht mehr an Bushaltestellen stehen, nicht mehr ins Internet und natĂŒrlich auch nicht mehr auf die StraĂe.
 Warum ich euch das alles erzĂ€hle? Weil weder die Erfahrungen dieser Frau in dem Video, noch meine Erfahrungen, noch die Erfahrungen alle der Frauen, die sich an Aktionen wie #Aufschrei oder #NotJustHello beteiligt haben, EinzelfĂ€lle sind. Nach offiziellen Zahlen haben 58% aller europĂ€ischen Frauen schon sexuelle BelĂ€stigung erfahren. Ich wĂŒrde die Dunkelziffer eher auf mind. 80%-90% schĂ€tzen. Ich habe mich mit vielen Frauen unterhalten und ich weiĂ, dass tĂ€gliche BelĂ€stigungen eher die Regel als die AuĂnahme sind. Ich weiĂ, dass die LebensrealitĂ€t vieler Frauen eine ganz andere ist, als die von MĂ€nnern und dass diese, unsere LebensrealitĂ€t im öffentlichen Diskurs kaum Beachtung findet und MĂ€nnern diese daher meistens gar nicht bekannt ist.
 In diesem Kontext muss man ein âHey Babyâ auf der StraĂe sehen. In dem Kontext, dass es nicht nur ein âHalloâ ist, sondern dass wir tagtĂ€glich mehrfach, einfach nur weil wir von A nach B möchten, die unterschiedlichsten Sachen hinterher gerufen bekommen und nie wissen âbleibt es diesmal bei dem 'hey Baby, geiler Arsch' oder wird er eben diesen auch anfassen oder mir sogar noch mehr antun?â. âHey Babyâ ist eingebettet in, wie das Video, zeigt in tĂ€glich bis zu 100 Kommentaren, Verfolgungen und Grabschereien. Es ist nicht einfach nur ein âHalloâ und es ist auch kein Komoliment.
 Ein weiteres lĂ€cherliches âArgumentâ das bei solchen Diskussionen immer wieder aufkommt: âWie sollen MĂ€nner dann ĂŒberhaupt noch Frauen kennen lernen?â. Ganz ehrlich, zeigt mir ein einziges Paar, dass sich dadurch kennen gelernt hat, dass er ihr auf der StraĂe âey fickön?â oder Ă€hnlich niveauvolle Catcalls hintergerufen hat.
Ich zitiere kurz mich selbst (https://www.facebook.com/notes/mali-notthecountry/mein-kommentar-zur-sexismus-debatte/10151475018567214): âWas ist sexuelle BelĂ€stigung? Sexuelle BelĂ€stigung sind unangebrachte Kommentare, die andere Menschen auf ihre Körperlichkeit reduzieren, sie abwerten, sie erniedrigen. Sexuelle BelĂ€stigungen ist unaufgefordertes, ungewolltes Anfassen einer anderen Person. Sexuelle BelĂ€stigung ist erniedrigendes, Macht ausĂŒbendes, bedrohendes, beleidigendes Verhalten. Flirten ist all das nicht. Flirten ist einvernehmlich. Flirten hat nicht das Ziel, dass sich die andere Person danach beschĂ€mt, bedroht oder erniedrigt fĂŒhlt. Sexuelle BelĂ€stigung ist Triebbefriedung und/oder MachtausĂŒbung einer Person gegen den Willen eines anderen Menschen. Es hat nichts aber auch gar nichts mit Flirten zu tun. Und es ist nicht schwer, diese beiden Sachen auseinander zu halten. MĂ€nner* (oder auch Frauen*) belĂ€stigen nicht ausversehen, sie wissen ganz genau was sie mit ihrem Verhalten tun.â
  MÀnnerfeindlich sind nicht Feministinnen und andere Menschen, die fordern dass Street Harassment aufhören muss, MÀnnerfeindlich sind die Menschen, die glauben MÀnner seien zu dumm um nicht-einvernehmliche BelÀstigung von einvernehmlichen Flirten unterscheiden zu können.
  Was ist Steet Harassment? Es ist Verhalten, dass uns Angst macht, das dafĂŒr sorgt, dass Frauen sich nicht angstfrei im öffentlichen Raum aufhalten können, das dafĂŒr sorgt, dass viele Frauen in ihrem Berufsleben und in ihrer Freizeitgestaltung eingeschrĂ€nkt werden, da sie sich nicht trauen manche Wege noch lang zu gehen. Street Harassment ist allgegegenwĂ€rtig und begleitet uns ĂŒberall. An allen möglichen Orten, und nicht nur in irgendwelchen âProblemviertelnâ in NYC.
Street Harassment reproduziert MachtverhĂ€ltnisse. Frauen wird demonstriert: âdu bist jederzeit public proberty, du bist ein Objekt, denn ich habe jederzeit das Recht deinen Körper zu kommentieren und anzufassen. Du bist kein selbstbestimmter Mensch, der frei entscheiden kann, wann und mit wem er in welcher Weise kommunizieren will.â
  Wenn nun Menschen sagen âdie sollen sich nicht so anstellen die Frauen, das ist doch nur ein Kompliment/justahello, die armen MĂ€nner wissen gar nicht mehr wie sie ĂŒberhaupt noch Frauen ansprechen könnenâ, dann sagen sie eigentlich: âDas 'Recht' des Mannes, eine Frau jederzeit (meist auf sexualisierte Weise) ansprechen zu können, ist wichtiger als das Recht der Frau sich ohne Angst um ihr Leben von A nach B bewegen zu könnenâ. Und wer jetzt denkt, dass mit der âAngst ums Lebenâ wĂ€re ĂŒbertrieben: Nein, ist es nicht. Es gibt immer wieder FĂ€lle in denen MĂ€nner/Street Harasser, die sich von einer Frau zurĂŒck gewiesen fĂŒhlen aus Rache und Besitzdenken morden. Es wird nicht annĂ€herend so viel ĂŒber diese FĂ€lle berichtet, aber es gibt sie zu genĂŒge. Und auch wenn es nicht immer im Mord endet: In den wenigsten FĂ€llen hört Street Harassment beim âHalloâ auf, vorallem dann nicht wenn frau wie oft gefordert freundlich reagiert.
 Sexuelle BelĂ€stigung, ist kein Kompliment. Sexuelle BelĂ€stigung ist nicht-einvernehmliche Machtdemonstration. Menschen die belĂ€stigen, tun das nicht, weil sie so eine Frau kennen lernen möchten (sie wissen ganz genau, dass sie auf dem Weg nie eine Frau kennen lernen werden). Sie tun es, weil sie Macht demonstrieren wollen und sich ĂŒber die Grenzen anderer Menschen/Frauen bewusst hinweg setzen wollen.
 P.S. Ich benutze in diesem Text der einfachheit halber die Begriffe âMĂ€nnerâ und âFrauenâ. Ich will damit natĂŒrlich nicht Transmenschen und Genderfluide Menschen ausgrenzen. Ich hoffe sie fĂŒhlen sich trotz der binĂ€ren Schreibweise in diesem Text mitgemeint.