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Die Blutdruckmafia (Erläuterungen für den medizinischen Laien)
Der Begriff Blutdruckmafia wird für Patienten im Rettungsdienst verwendet bei denen einige ungünstige Faktoren zusammen kommen:
ein erhöhter Blutdruck (abgekürzt: RR)
ein Arzt, der ihnen ein Blutdruckmessgerät verschreibt
ein Arzt, der ihnen Nitrospray (s.u.) gegen den hohen RR verschreibt
ein Notizbuch mit Stift
Um in die Blutdruckmafia aufgenommen zu werden, müssen noch möglichst viele (aber nicht zwingend alle) Voraussetzungen erfüllt sein:
weibliches Geschlecht
zweite Lebenshälfte
ängstliches oder depressives Gemüt
alleinstehend
Es geschieht nun Folgendes: Die ältere Dame freut sich über ihren fürsorglichen Hausarzt, der ihr so ein tolles Blutdruckmessgerät besorgt hat und misst jeden Abend den RR. Dieser RR, wie jeder jemals gemessene RR, wird fein säuberlich mit dem Zeitpunkt der Messung in ein zerfleddertes Notizbuch geschrieben.
Vor lauter Sorge ist der RR nun noch höher. Jetzt kriegt die Patientin richtig Angst und nimmt ihr Nitrospray, welches der Hausarzt ihr für solche Fälle aufgeschrieben hat. Da bekommt sie auch noch Herzrasen und Kopfschmerzen, außerdem fühlt sich der Kopf ganz heiß an. Zudem sinkt der RR nur ganz kurz, bloß um dann noch höher zu steigen.
Nun ist es soweit: Der RR hat die magische 180er-Marke geknackt. Der Schlaganfall in Komplizenschaft mit einem Herzinfarkt ist nah. Der Rettungsdienst muss her, jetzt! Da das ganze Messen und Sprühen und Notieren und sich Sorgen einige Zeit in Anspruch genommen hat, ist mittlerweile mitten in der Nacht. Die fiesesten Mitglieder der Blutdruckmafia stellen sich sogar den Wecker, um den RR nochmal nachzumessen.
Mit Blaulicht und Sirene hält das Notarzteinsatzfahrzeug vor der Wohnung und bekommt die ganze Leidensgeschichte haarklein erzählt, auch das Notizbuch wird hervorgeholt und jeder Wert erläutert, die besondere Schwere des Leidens durch die vermeintlich ausbleibende Wirkung des Nitrosprays untermauert.
Ab hier ergeben sich drei Szenarien:
Szenario 1a: Der erzürnte Notarzt. Dieser spritzt der Dame ein Mittel gegen den hohen Blutdruck und gibt deutlich zu verstehen, wie beknackt er es findet, wegen Pillepalle nachts durch die Gegend zu rasen. Risiko: Da die gespritzten Mittel meistens nur kurz wirken und sich die Dame nicht ernstgenommen fühlt, besteht ein hohes Wiederanrufsrisiko, weil nun "alles noch viiieeelll schlimmer" ist als vorhin. Dauer: 1x20 Minuten und 1x45 Minuten, weil man beim 2. Anruf die Dame mit ins Krankenhaus nimmt, um sicher Ruhe vor ihr zu haben. Rückfallquote: nahe 100%.
Szenario 1b: Der Notarzt ergänzt sein Medikament noch um ein weißliches, weiteres, welches "beruhigt". In der Folge schläft die Patientin ein und kann folglich nicht nochmal anrufen. Risiko: Die Patientin wird von jedem nachfolgenden Notarzt das gleiche tolle Zeug verlangen und irgendwann nicht mehr nur wegen hohem RR anrufen, sondern wegen Schlaflosigkeit und Unruhegefühl... Dauer: 1x22 Minuten und ein ungutes Gefühl. Rückfallquote: 100%.
Szenario 2: Der Notarzt klärt die ungläubig dreinblickende Patientin über den Unsinn von Nitrospray gegen hohen RR auf ("Aber mein Hausarzt hat doch gesagt..."), empfiehlt eine Tablette aus der Morgenmedikation und Nachtschlaf (ist beides RR senkend) und genehmigt erneutes Nachmessen nur bei Beschwerden und hinterläßt die Telefonnummer des kassenärztlichen Notdienstes. Risiko: Auch die Patientin hat gegen 2 Uhr nachts ihren mentalen Tiefpunkt und versteht nichts von den Ausführungen des Arztes, sie wollte doch eigentlich nur dieses weiße Zeug zum Einschlafen, möchte den engagierten jungen Mann jedoch nicht entmutigen. Dauer: ab 30 Minuten. Rückfallquote: um 95%.
* Nitrospray ist ein Medikament, welches u.a. den Blutdruck senkt. Ungünstigerweise häufig mit unerwünschten Wirkungen, die häufig als Folge des hohen Blutdrucks fehlgedeutet werden (Herzrasen, Kopfschmerzen, Hitzegefühl). Außerdem wirkt das Spray nur 10 bis 15 Minuten, danach ist der RR wieder so wie vorher - oder eben höher.