Oktober 2019
Die phrygische Sekunde, die drei Stunden dauert
In einem abendlichen Wohnzimmergespräch über die Auswahl der "Top-Titel" einzelner Künstler_innen auf Google Music hören wir uns "Storytime" an, einen der Top-Titel von Nightwish. "Das Intro ist so faszinierend", sage ich. "Die Melodie klingt so wütend und kräftig und ich weiß nicht mal, warum." R. denkt kurz nach. "Ich glaube, das ist phrygisch." Wortgewandt entgegne ich: "Häää?"
Sofort ziehen wir vom Sofa auf den Klavierhocker um. Ich treffe beim ersten Versuch den richtigen Anfangston, was keine besondere Fähigkeit von mir ist, sondern mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/12 vorkommt. Wir identifizieren den Grundton der Melodie und können mithilfe von Wikipedia am Smartphone bestätigen, dass es sich um eine phrygische Tonart handelt.
Dann fangen wir an, uns zu streiten. Ich bin der Meinung, dass die Melodie am Anfang des Liedes zweimal identisch klingt; R. findet, dass sie beim zweiten Mal einen tieferen Ton enthält. Wir spielen das Lied mehrfach vom Handy ab, aber das ist ziemlich unkomfortabel, weil wir nur schwer an genau die Stelle des Lieds springen können, die uns interessiert. "Komm. Wir machen das richtig", sagt R. und springt auf.
Im Arbeitszimmer setzen wir uns an den Rechner mit zwei angeschlossenen MIDI-Controllern. R. startet eine Software zum Produzieren und Abmischen von Musik, die sonst zum Komponieren verwendet wird. Der MIDI-Controller, den wir nutzen, sieht aus wie ein Keyboard mit einem Haufen zusätzlicher Tasten, Displays und Blinklichter. Er ist genau neben dem Schreibtisch aufgebaut, weil er an den Computer angeschlossen werden muss, damit man die Audiosoftware mit dem Controller bespielen kann.
Diese Situation tritt bei uns regelmäßig auf, deshalb ist R. schon sehr geübt in den Schritten, die jetzt folgen. Zuerst wird die Lieddatei importiert; dafür ist es gut, dass wir noch Musik in Form von Dateien besitzen und nicht komplett auf Streamingdienste umgestiegen sind. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich aus Staunen, Kommentieren und die Melodie tausendmal spielen, weil ich sie mir schneller merken konnte als R.
Jetzt können wir die Stelle, über die wir uns nicht einig sind, isoliert betrachten. Wir separieren den letzten Takt der ersten Wiederholung und den letzten Takt der zweiten Wiederholung und spielen beide nacheinander ab. R. hatte recht, beim zweiten Mal sind zwei Töne anders.
Nach vielen Übungsdurchläufen sind wir uns sicher, wie die Melodie zu spielen ist. Unsere eingespielten Töne müssen jetzt noch quantisiert werden. Dazu muss R. zuerst das originale Lied abspielen und im Takt klicken, um das Tempo zu messen. Es handelt sich um einen Vier-Viertel-Takt mit genau 87,5 BPM. Durch das Quantisieren werden unsere unsauber eingespielten Töne dann so an den Takt angepasst, dass das Programm die Melodie als Noten ausgeben kann. Würde man den Quantisierungsschritt auslassen, wären die Noten schlimm unlesbar, weil unsere (hauptsächlich meine) rhythmischen Ungenauigkeiten von der Software als synkopische Zweiunddreißigstelnoten oder sowas eingeordnet werden würden.
Zwischenversion der Noten, die anhand meiner eingespielten Melodie von der Software erzeugt werden. Zwischen dem zweiten und dritten Ton ist deutlich die phrygische Sekunde zu erkennen.
Inzwischen ist ungefähr eine Dreiviertelstunde vergangen. Ich bin zufrieden und gehe irgendwas anderes machen, aber R. möchte dringend noch herausfinden, welche Akkorde im Mittelteil vorkommen. Dazu wird wieder der relevante Teil des Lieds isoliert und geloopt. Die obersten Töne jedes Akkords kann man leicht raushören, mit einem Haufen Musiktheorie im Kopf reicht das für R. aus, um die nicht so leicht erkennbaren Töne auch noch richtig zu identifizieren.
Die Akkordfolge kommt R. bekannt vor. Nightwish (Genre "Symphonic Metal") verwendet hier Harmonien, die in fast der gleichen Form im Lied "Schrei nach Liebe" von den Ärzten (Genre "Punkrock") zu finden sind. Oh-oh.
Der Rest ist logisch und fast selbsterklärend. R. importiert "Schrei nach Liebe" ins gleiche Projekt, in dem wir vorher zusammen gearbeitet haben. Die Ärzte singen etwas zu tief, einen Halbton oder so, deshalb wird diese Spur komplett transponiert, um zu "Storytime" zu passen. Auch das Tempo muss angepasst werden, aber nur minimal. Jetzt werden die beiden Lieder so zusammengemischt, dass man beide gleichzeitig hört und sie sich nahtlos ineinander einfügen. Dazu wird das eine oder andere Lied in einzelnen Passagen etwas equalisiert, es werden also bestimmte Frequenzen verstärkt oder abgeschwächt, "damit es nicht so Kraut und Rüben ist". Es ist immer noch Kraut und Rüben, aber auf so eine faszinierende Art, die auf mich gleichzeitig chaotisch und aufgeräumt wirkt.
Die obere Spur ist das Nightwish-Lied, die zweite Spur ist ein Ausschnitt aus “Schrei nach Liebe”. Die zwei Fenster mit türkisfarbenen Kurven stellen das Frequenzspektrum der verschiedenen Lieder dar. Einzelne Bereiche werden abgeschwächt oder verstärkt, damit z.B. der Bass der Ärzte in den Hintergrund tritt und der Bass von Nightwish deutlicher zu hören ist.
Nach etwa drei Stunden ist das Werk vollendet: R. hat mit einer professionellen Software ein Projekt fertiggestellt, das vermutlich niemand beim Entwickeln dieses Audioprogramms hätte vorhersehen können. Ich schlafe inzwischen längst, aber am nächsten Tag spielt R. mir stolz das Ergebnis vor. Ich bin beeindruckt, etwas angeekelt und insgesamt sehr erfreut. Wir fragen uns, ob wir die zusammengemischten Lieder vielleicht besser ertragen könnten, wenn wir je ein Gehirn mehr hätten.
(Esther Seyffarth)




















