Harald Martenstein (born 9 September 1953, in Mainz) is a German journalist and author.

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Harald Martenstein (born 9 September 1953, in Mainz) is a German journalist and author.

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Langeweile? Wut?- Wer hÀlt den Lockdown besser aus??
Uups. Jetzt sind âwirâ also auch ĂŒhu. Nein: keine AnkĂŒndigung fĂŒr eine hippe Party im Exhaus. Ich hatte im letzten FrĂŒhjahr(2020!) einige GelĂŒbde abgelegt: âICH WERDE DAS C-VIRUS WEDER MALEN NOCH ZEICHNEN. ICH WERDE ES NICHT BENENNENâ. AttentĂ€ter mĂŒssen nicht noch mit Ă”ffentlicher Aufmerksamkeit bedacht werden, so mein Credo vor einem Jahr. Das ist jetzt ĂŒberholt, glaube ich. Oder bin ich nurâŠ
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WIR SCHAFFEN DAS NICHT
WIR SCHAFFEN DASÂ NICHT
 Nr. 294
MerkwĂŒrdigerweise kollidieren Gruppenzugehörigkeit und Sendungsbewusstsein nicht miteinander. Jeder, der eine Gruppe gefunden hat, wird ihr Sprecher und fĂŒhlt sich berufen, die Unwissenden aufzuklĂ€ren. Es stört die Gruppenmitglieder nicht, dass es schon unzĂ€hlige Sprecher gibt. Jede Gruppe muss dennoch notwendigerweise von der RealitĂ€t abweichen, kein Spiegel, ĂŒber die WirklichkeitâŠ
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Methapern die quietschen
Lieber Harald Martenstein,
ich lese sie gern und viel. Manchmal folge ich Ihrer Conclusio, manchmal weniger. In jedem Fall respektiere ich Ihre Ansichten in der Regel und erkenne an, dass man dieses oder jenes durchaus so sehen kann. Ich schĂ€tze an ihren Texten auch, dass sie nicht beliebig, sondern stets mit Ăberzeugung geschrieben sind und einer inneren Logik folgen. AuĂerdem finde ich Sie sehr witzig. Aber genug der Lobhudelei. In Ihrem aktuellen Text zur FlĂŒchtlingsdebatte bedienen Sie sich einer Metapher, die ich fĂŒr mindestens unzureichend halte. Sie unterstĂŒtzt, wie ich meine, auch nicht Ihre These. Diese Metapher haben nicht Sie sich ausgedacht. Vielmehr wird sie oft und gern herangezogen, wenn es darum geht zu illustrieren, warum es logisch, menschlich und auch moralisch nachvollziehbar sei, eine Politik der offenen Grenzen abzulehnen: Sie sprechen von Deutschland als Wohnung. Eine Wohnung, auf die man schlieĂlich aufpassen mĂŒsse. Niemand wĂŒrde ja einfach so jeden in seine Wohnung lassen. Wie gesagt, ich halte das Gleichnis grundsĂ€tzlich fĂŒr unpassend, aber seiâs drum. Folgen wir Ihrem Bild mal.
Deutschland ist also eine Wohnung. ZunĂ€chst mal sollte klar sein, dass es sich hier um eine WG handelt. Eine Gemeinschaft von vielen. Ist Deutschland eine Wohnung, dann ist die Welt ein Haus, sagen wir mal mit 200 Stockwerken. In diesem Haus ist unsere WG ziemlich weit oben zu finden. Stockwerk 196, 197. Irgend sowas. Es leben hier 800 Leute. Verschieden groĂe Zimmer, verschiedene Ausstattung. Manche leben in unvorstellbarem Prunk, andere haben es klein aber fein, wieder andere haben immerhin einen Balkon. Jedenfalls gibt es selbst in den kleinsten Zimmern Strom, Wasser, WĂ€rme, einen KĂŒhlschrank und einen Herd. Wer es sich selbst nicht leisten kann den KĂŒhlschrank zu fĂŒllen, darf an die Gemeinschaftskasse. Ziemlich schicke Bude also. Nun gibt es aber noch viele andere Stockwerke in dem Haus, in denen viele tausend andere Menschen leben. Viele dieser Stockwerke waren noch nie sicher, sauber oder zumindest lebenswert. In manchen entwickelt es sich besser, in anderen schlechter. Aber irgendwo zwischen dem 80. und 90. Stockwerk ist alles zusammengebrochen, sogar die Decken. Niemand weiĂ mehr so recht, wo jetzt der 83. und wo der 84. Stock beginnen. Die Bewohner sind verzweifelt, es herrschen Raub, Mord, Totschlag und Not. Sogar bei uns ganz oben sind die ErschĂŒtterungen der KĂ€mpfe zu spĂŒren. Ganz leicht, wie eine klappernde Teetasse, wenn die Hochbahn vorbei fĂ€hrt. Nun ist es so, dass wir und die Anderen aus den oberen 20, 30 Stockwerken nicht ganz unschuldig daran sind, was unter uns passiert. Wir haben den Leuten ĂŒberhaupt erst die Waffen gegeben, um sich zu bekĂ€mpfen. AuĂerdem wollten wir immer schon bestimmen, wer dort was machen darf. Im Notfall haben wir SchlĂ€gertrupps runter geschickt, so auch im Moment. Nun ist die Situation dort also auĂer Kontrolle und die Bewohner versuchen panisch in die oberen Stockwerke zu gelangen. Aber das ist gefĂ€hrlich. Der Fahrstuhl ist von vornherein tabu. Wer es im Haus versucht muss es mit massiven Barrikaden aufnehmen. Die Leute sind aber derart verzweifelt, dass sie an der Fassade hochzuklettern versuchen. Also hĂ€ngen wir Stacheldraht aus den Fenstern und hauen denen, die ihre HĂ€nde trotzdem an den Sims kriegen, auf die Finger. Viele stĂŒrzen ab. Nun schaffen es aber trotz allem zehn Menschen zu den 800, die bereits in der Deutschland-WG leben. Von diesen Zehn kommen vier aus anderen Stockwerken, in denen die Menschen zwar auch fast nichts haben, sich aber trotzdem noch nicht institutionell die HĂ€lse durschneiden. Diese Leute werden - je nachdem wie lange ihr Verfahren lĂ€uft â praktisch sofort und in jedem Fall wieder weggeschickt. Bleiben sechs. Die mĂŒssen versorgt werden.
Nun ist es so, dass die Deutschland WG ĂŒberraschend ĂŒberrascht auf den Besuch reagiert. SchlieĂlich wusste man um die Lage um den 85. Stock. Und auch in den Stockwerken null bis 45 sieht es nicht besonders gut aus. Die schlausten Mitbewohner und die mit direktem Blick auf die Fassade hatten mehrfach darauf hingewiesen, dass wir schnellstens ein paar Betten besorgen mĂŒssen.
Die Ressourcen von 800 der reichsten Bewohner des Hauses hĂ€tten dazu genutzt werden können, um die Gemeinschaft irgendwie auf eine offenkundig heranrauschende Situation vorzubereiten. Haben wir aber nicht gemacht. Jetzt stehen die WGler da und sind orientierungslos, haben sogar Angst: die neuen Bewohner glauben in groĂer Zahl an einen anderen Gott. Also eigentlich an den Selben. Aber bei ihnen hat sich ein anderer Mensch angemaĂt Gottes Willen zu kennen, als bei uns. Itâs complicated. Da braucht es entweder jemanden der mit Verweis auf die WG-Regeln versucht Ăngste abzubauen, oder jemanden der sie munter schĂŒrt. Nicht vergessen werden sollte allerdings ebenso, dass viele der Leute ja ohnehin irgendwann in ihr Stockwerk zurĂŒck wollen. NatĂŒrlich erst sobald sie dort nicht mehr der sichere Tod erwartet. Sie empfinden diesen Ort schlieĂlich nach wie vor als Heimat. DarĂŒber hinaus zeigt die Erfahrung, dass die, die bleiben, in Zukunft ihren Beitrag zum WG-Budget erwirtschaften werden.
Was Sie nun kritisieren ist, dass die Vorsitzende unseres WG-Rats ihren 799 Mitbewohnern kĂŒrzlich versichert hat, dass wir die sechs zusĂ€tzlichen Leute irgendwo unterkriegen. Und zwar obwohl wir massiv verpeilt haben uns auch nur ansatzweise auf den Besuch vorzubereiten. NatĂŒrlich spricht sie nur von denen, die schon hier sind. Der Stacheldraht, die Barrikaden: All das bleibt, wird sogar noch verstĂ€rkt. Die Vorsitzende des WG-Rats stimmt damit trotzdem gegen einige mĂ€chtige Vertreter der Rats, die den Menschen gezielt Angst vor etwas machen wollen, was hĂ€tte verhindert werden können (dies lag nebenbei in der Verantwortung eben dieser Leute). Und was darĂŒber hinaus finanziell ebenso machbar ist wie etwa die neue Internetleitung im Hauptzimmer der WG: Die kostet stĂŒndlich mehr und kein Mensch weiĂ, ob sie jemals kommt.
Der wichtigste Punkt aber ist, dass alle AbwehrmaĂnamen ziemlich sinnlos sind, solange es in den unteren Stockwerken brennt. âAlle einfach aufnehmen. Klug ist das nicht.â Was wĂ€re denn klug? Vielleicht zu glauben, dass all diese Leute bereitwillig verbrennen werden, wenn wir nur noch mehr Stacheldraht aus dem Fenster hĂ€ngen? Klug ist es, sich der Tatsache zu stellen, dass die Menschen weiter zu uns kommen werden. Und dass sie nichts und niemand davon abhalten wird. AuĂer vielleicht LebensumstĂ€nde, die eine Flucht nicht mehr unausweichlich machen. Aber ganz sicher kein Stacheldraht.
In der DDR â die Sie in dieser Debatte auffĂ€llig gern als Bezugspunkt nutzen - waren die LebensumstĂ€nde absolut traumhaft, verglichen mit denen der heutigen FlĂŒchtlinge. DarĂŒber hinaus war die Grenze noch viel besser geschĂŒtzt und auch viel kĂŒrzer. Weniger Not bei besserer Bewachung also. Und doch sind die Menschen geflohen. Was ist nun also klug? Wer mit seiner Politik den Zorn von Horst Seehofer, Victor OrbĂĄn und Donald Trump auf sich zieht, der kann doch so unklug nicht gehandelt haben.
Revival: Der Herrenmensch
Da ist er wieder, der Herrenmensch, der die âewigen Kinderâ, die âkulturlosen arabischen und afrikanischen Barbarenâ zivilisieren und befrieden muĂ. Ganz ohne jede Scham im deutschen Feuilleton.
 Harald Martenstein â Man wĂŒrde Hunderttausenden oder sogar Millionen von Leben retten, in dem man gewisse LĂ€nder wieder zu Kolonien macht, zum Beispiel Nigeria, Syrien oder Somalia. Sicher, derâŠ
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Die Unsensiblen sind meist die Empfindlichsten.
Harry Rowohlt
Jetzt darf man nicht einmal mehr Toleranz sagen, weià Harald Martenstein. Verbale Kommunikation wird zunehmend unmöglich. Wechseln wir doch einfach zur Zeichensprache.
tagesspiegel.de