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Venditio
Die mancipatio beschreibt Gaius auf eine Weise, die Thomas Rüfner in seiner Trierer Vorlesung anschaulich nennt.
Die Passage ist von energeia/ enargeia gezeichnet, von evidentia. Rüdiger Campe übersetzt energeia/ evidentia als Technik und mit der Formulierung: vor Augen stellen. Gaius stellt die Szene vor Augen, die Choreographie wird im Schreiben anschaulich geschildert. Steht jedes Detail vor Augen? Nein, zumal die Details, die Gaius erwähnt, nicht alle da stehen.
Rüfner nennt die mancipatio ein Ritual, das ist kein Begriff bei Gaius. Ritual ist Recht, das Regen ist, ist also Recht, das bewegt und bewegend ist, schon weil sein Medium lebende Körper sind und die Kulturtechnik darin choreographisch ist. Ritual, also Recht, das Regen ist, ist Zeremonie. Im Barock kommen Zeremonialwissenschaftler auf die Idee zu sagen, das Wort Zeremonie käme von der Gebärde oder Geste. Sie assoziieren mit Worten, was vor Augen abläuft: Menschenkörper, die sich regen und das richtig tun sollen. Statt energeia und evidentia mit Vor-Augen-Stellen zu übersetzen kann man es so übersetzen: Vor-Augen-laden. Das Engramm in Warburgs Sinne zum Beispiel ist ein Mahl/ eine klamme Sendung, vor Augen geladen, kann vor Augen sich entladen. Die Form ist gezogen/ zügig und polarisiert, kann invertiert sein und sich weiter invertieren. Das Mahl ist ein Zeichen, das verkehrt ist und weiter verkehren kann, das also Verkehr hinter sich und vor sich hat. Die klamme Sendung ist das auch.
Wenn man Quintilian mit Warburg assoziiert, was man nicht muss, aber kann, dann könnte man also energeia/enargeia/ evidentia für verwechselbare Begriffe halten, als Begriffe für eine Technik verstehen und mit der Formulierung vor-Augen-laden übersetzen. Warburg benutzt, wenn es um das Engramm geht, auch Begriffe der Ladung/ Entladung. Wenn es um den Gebrauch von Mahlen und klammen Sendungen geht benutzt er auch Begriffe des Tragens/ Trachtens.
Also vielleicht auch so: vor-Augen-tragen oder vor-Augen-trachten, vor- Augen trahieren oder vor-Augen-traktieren. Die Technik kann kontrahieren und distrahieren.
Quintilian bevorzugt die Präposition sub. Er übersetzt den griechischen Begriff energeia auch, wörtlich: unter Augen unterwerfen/ sub oculus subiecto. Unter Augen werfen, vor Augen werfen/ vorwerfen unter Augen: Ladend/ Klagend/ Begehrend und durch die/ dank der Augen subjektivieren, Perspektive schaffen, Blick und Schirm ein- und ausrichten/ kalibrieren: so könnte Oskarinho Pastiorinho den Quintilian in kalendarischem und kartographischen Kontext eines Atlas übersetzen. Gaius lädt sometimes/ manchmal die mancipatio vor Augen, begehrend subjektiviert er die Handlung durch die Augen. Er blickt sie, wir haben sie auf dem Schirm. Damit hat die Passage ein Subjekt: das eines Autors und einer Autorität, das einer Lesbarkeit, die durch das Subjekt geht.
"Sometimes" (Thomas Hobbes), also manchmal, erscheint diese Übersetzung passend, sometimes/ manchmal verschwindet diese Übersetzung wieder, sometimes/ manchmal kommt sie einem in den Sinn, sometimes/ manchmal geht sie einem nicht aus dem Kopf.
2.
Anschaulich ist gut gesagt. Gaius protokolliert die mancipatio, er liefert das Protokoll der mancipatio und definiert die dazu noch als Bild (imago) und Tausch (venditio). Sie ist tauschendes Bild und bildlicher Tausch. Dabei tost und rauscht etwas mit. Ehrlich gesagt ist das Tosen ohnehin das rauschende Tauschen. So anschaulich auch die Passage bei Gaius ist: nicht alles darin ist Information. Es bleiben offene Stellen. Die Passage, in der Gaius die mancipatio anschaulich beschreibt ist Letter aus Letter, bleibt also auch Mahl und klamme Sendung. Die Beschreibung ist kurz, gierige Leser könnten sie zwar anschaulich, aber auch brachial oder brachyologisch, auch elliptisch nennen. Wie Rüfner klar stellt: I 119, that's it. Nur da steht schon alles, das ist eine kleine Adresse, kein Buch, kein Kapitel, kein Absatz, nur Mahl und klamme Sendung.
Die Passage ist nicht nur kurz und knapp. Die Information, die sie gibt, sitzt auch nicht fest, sprich: ihre systematische Einstellung fehlt und insofern ist sie nicht fest zur Information verschraubt, in ihr sitzt selbst Krach, etwas Bestreitbares und etwas, was die Passage selbst nicht behandelt, selbst nicht händelt. Schon in einem zentralen Begriff, also einer wichtigen Information steckt Krach, noise/ Nöseln, das ist der Begriff venditio.
Venditio wird im oft als Verkauf übersetzt. Die Übersetzung wirft Fragen (Bestreitbares) auf, weil venditio in der Kombination mit emptio technisch vom Kauf (d.i. emptio) abgegrenzt wird. Meint Gaius, dass die mancipatio Verkauf (venditio), aber nicht Kauf (emptio) wäre? Würde Gaius mit venditio das zweiseitige Kaufgeschäft oder den Kaufvertrag meinen, wäre fraglich inwiefern er sich schon auf das Synallagma beziehen kann, warum er es tun sollte, wenn die mancipatio doch gerade kein Synallagma ist, und warum er also nicht von emptio et venditio spricht. Venditio steht dort wie halbgeschrieben.
Anschaulich beschreibt Gaius am Verkäufer außerdem gar nichts, kein Detail. Wenn er die venditio, also den Verkauf beschreiben will, warum sagt er dann nur etwas über die 'Anderen des Verkaufs', also den Käufer, den verkauften Sklaven, den Waagenhalter und die Zeugen? Warum schreibt er nicht emptio? Es ist sogar technisch/ dogmatisch schon fraglich, ob er überhaupt einen Käufer und Verkäufer erwähnt. Was derjenige macht, der 'Eigentum' oder Herrschaftsrechte über andere Personen oder über Menschen, die Dinge (Sklaven) sind, erwirbt, dessen Handlung beschreibt er anschaulich. Dass derjenige, der den Menschen/ Sklaven abgibt, Verkäufer ist, das ist auch nicht gesagt. Der andere muss kein Käufer sein. Vielleicht gibt es andere Gründe dafür, den Sklaven zu übereignen. Was heisst also venditio hier?
Venditio, so heißt es in Grammatiken, heiße im übertragenen Sinne Werbung. Also alles das, was das Tauschgeschäft wahrnehmbar und attraktiv macht, kann auch venditio sein. Der eine erwirbt, der andere wirbt, die Werbung betreiben beide, vielleicht winkt der Käufer mit Reichtum. Alle, noch der Sklave, der Waagenhalter und die Zeugen machen den Tausch attraktiv. Sie werben alle mit. Gaius verwendet eventuell keinen Begriff, sondern eine Metapher, wenn er doch ohnehin sagt, die mancipatio sei bildlich und könne auch als venditio bezeichnet werden.
Die Grimms schreiben in ihrem Wörterbuch, das werben ein Wort für drehen oder umkehren, sich um eine Achse (Stab oder Pole) drehen (umwenden/ wirbeln, kreisen oder schwingen) sei. Der Werber ist derjenige, der Wirbel und Wind macht. Die Strecke zwischen d und t, eine Strecke mit der auch vend* zu vent* wird läuft in verschiedenen Schichten durch unterschiedliches Material, mal soll es nur die die Strecke einer Zuge sein, mal nur Striche auf Unterlagen, mal soll im Sinn etwas von äußerem Werben ins Innere und Wesentliche des Geschäftes führen. Das Werben wirbelt, das Wirbeln wirbt. Irgendwann ist man von der Sprache gekauft und nimmt die Begriffe beim Wort. Venditio, darauf wird man sich vielleicht einigen könne, ist ein ökonomischer, ökologischer Tausch, in beidem auch meteorologisches Tosen. Gaius schildert das Tosen lässig und ruhig. An der Passage beunruhigt auf den ersten Blick wohl gar nichts, am Ende wohl auch nichts. Diese Passage findet sich schliesslich in Institutionen, sie trainiert etwas.
2.
Für die mancipatio finden sich erstaundlich wenig Abbildungen. Ehrlich gesagt sind die Folien, die Thomas Rüfner von seiner Trierer Vorlesung ins Netz gestellt hat, die ersten Bilder, die ich gefunden habe. Glüchlicherweise gibt es bei ihm Quellenangaben, die aber nur bis 1822 in ein deutsches Buch für Alterthumskunde führen. Aber das ist ein Anfang. Die Passagen aus Gaius' Institutionen, die die mancipatio beschreiben, schaffen es nicht in die Institutionen, die Iustinian zusammenstellen lässt. In den Illustriationen des Corpus Iuris Civilis findet man vermutlich keine Bilder der mancipatio, ich habe bisher keine gefunden. Sarkophage könnten noch etwas hergeben.
Gaius' Institutionen sind einerseits so mit das Älteste an dem, was noch zum Corpus Iuris Civilis werden sollte, auch wenn der Text es nur teilweise schafft, Eingang in das Zimmer finden, was späzer zu einer Art 'Gesetzbuch' römischen Rechts wird. Anderseits sind Gaius' Institutionen so mit das Jüngste, was als Material aufgetaucht ist. Die heute gültige deutsche Ausgabe von Gaius (ediert von Ulrich Manthe) stützt sich auf den Codex, den erst Niebuhr findet, also der zu einer Zeit auftaucht, in der die oben auf den Folien verwendeten Zeichnungen stammen.
1816 tauchen die Institutionen in bis dahin unbekannter Vollständigkeit das erste mal in Verona so auf, dass man von Sensation und Entdeckung sprechen kann, zumindest wenn man auch behauptet, Amerika sei im 15. Jahrhundert entdeckt und die Fotografie im 19. Jahrhundert erfunden worden. Immer steckt etwas Mythos drin, aber Anfänge sind auch so verführerisch. Nie war etwas weg, nie wird etwas weg kommen, es wird nur in anderen Maßen entfernt. Weder Entdeckungen noch Erfindungen schaffen es, etwas vom Nichts ins Sein überspringen zu lassen, aber wir wissen ja, was gemeint ist: Titel und Rechte. Obschon der Gaius also nie weg, nicht nur in Verona immer war, wird er 1816 entdeckt.
Gaius taucht also 1816 das erste mal herrschaftlich auf, das erste mal so, dass wir seine Lektüre beherrschen können. 1822, sechs Jahre später, publiziert dann Höhler seine Zeichnungen zu den Alterthümern, die dann 2020 in einer Montage für die Vorlesung von Thomas Rüfner in Trier verwendet wurden. Das Bild oben ist ein Still, Teil eines Videos auf YouTube.
Die mancipatio war immer Bild, das sagt Gaius von Anfang an. Sie war ein bewegtes/ bewegendes Bild, ein tableaux vivant könnte man sie nennen. Auf das Papier und die Leinwand, auf Holztafeln scheint sie es kaum geschafft zu haben, immerhin auf YouTube hat sie es geschafft. Vielleicht hatte sie in der Antike was von Fußgängerzonen, die niemand fotografieren will und deren Fotos man erst bestaunt oder vermisst, wenn die Leute und Dinge darin mit ihren Kleidungen, Frisuren und Farben vermissbar entfernt sind.
3.
Ist auf den Folien vom Tosen, vom Wirbel und vom Wind zu sehen, den die mancipatio zwar macht, aber nicht erzeugt? Ja, das muss so sein. Die Form der mancipatio ist zügig. Die zügige Form ist die Einfalt der Differenz von auf und ab. Die mancipatio convertiert den Wirbel und streckt ihn, macht ihn und bringt ihn zur Strecke. Verschwinden wird der Wirbel nicht, er erscheint geringer.
Tafel 7
Aus dem Kalender des Filocalus von 354: Die Geste der Handlung, eine 'mancipatio': Rom erwirbt eine Kolonie, d.i. Trier. These: Auf Tafel 5 sieht man keine mancipatio, aber die Geste der Handlung schlechthin. Auf Tafel sieht man nicht die Geste der Handlung schlechthin, aber eine mancipatio.
empto et vendo
1.
Kaufen und verkaufen: Als ich eines Morgens, das war 1993, mit dem Nachtzug aus St. Petersburg, wo ich ein Wochenende in Eis und Schnee verbracht hatte, in Moskau ankam, stand einer der damals nicht ungewöhnlichen Mercedes ohne Nummernschild vor dem Bahnhof.
In dem Wagen saßen zwei Typen, die in einem Jerry-Cotton-Heftchen Gorillas genannt würden. Einer von ihnen, der Fahrer, hatte die Ellbogen auf das Lenkrad gelegt, der Wagen parkte. Der Fahrer hielt gleichzeitig einen jener Revolver in der Hand, von denen es in einem Jerry-Cotton-Heftchen heißen würde, dass sie bei Gebrauch gemein bellen. Ich bin kein Spezialist, aber eine Beretta kann es gewesen sein. Der spielte damit etwas gelangweilt.
An dem hinteren Fenster hing auf der Innenseite ein Pappschild, auf dem stand handschriftlich so notiert, dass die Oberfläche der Pappe mit dem Schriftzug eingedrückt und leicht aufgerissen war : Мы покупаем все/ Wir kaufen alles. Mit den Linien der Schrift kam zum Vorschein, dass der Schreibgrund Wellpappe war. Das war eine vague Schrift, gewagt war sie auch.
Das alles bildete ein Objekt, und dieses Objekt war ein Bilderfahrzeug, ein Wagen und ein mobiler Händlerstand, das was ein Laden, ob der Revolver auch geladen war, konnte ich nicht erkennen. Ich bin kurz stehen geblieben, gerade lang genug, um mir Details einprägen zu können und kurz genug, um vom einem der beiden nicht angesprochen zu werden. Warum? Offensichtlich waren das Kleinganoven. In der Anwaltskanzlei, in der ich als Praktikant arbeitete, ging es um größere Geschäfte, ich hatte da, obschon nur Praktikant und noch nicht hinreichend examiniert, feste Arbeitszeiten und Termine. Keine Zeit zu verschwenden.
2.
Für dasjenige, was wir kaufen und verkaufen nennen, verwenden römische Institutionen die Worte empto/ vendo oder emptum/emptio und venditio. Die Digesten halten dafür eigene Abschnitte parat, eine berühmten von Ulpian zum Beispiel.
An diesen Worten unterscheidet man eine begriffliche, eine wörtliche, eine bildliche Verwendung, man kann sie auch allegorisch, literarisch, anagogisch, moralisch...man kann sie auf mehr als vierfache Weise verwenden. In Warburs Sinne sind Worte wie Bilder Symbole, die durch Distanzchaffen erzeugt und für ein Distanzschaffen verwendet werden. Diese Zeichen pendeln und wandern dabei, ihr Sinn ist auch unbeständig und kommt auch meteorologisch vor: schwebend situiert, vergehend und vorübergehend, schwer berechenbar bis notorisch unberechenbar bleibt, welchen Sinn jeweils der aktuelle Sinn sein soll.
Vendo/ Venditio taucht in Texten auch auf, wenn es um ein Gebläse, einen Wirbel geht, auch mit Bohei/ Aufsehen oder Aufheben machen/ Tumult erzeugen kann man das übersetzen. Wenn man von bestimmten Leuten, die sich auf bestimmte Weise kleiden sagt, sie wollten sich oder irgendwas offensichtlich verkaufen oder Handel treiben, dann kann man ihr Tracht und ihr Betragen, das Tragen von mehr oder weniger Kleidung schon als venditio und als Teil des Geschäftes betrachten.
Die Gorillas in Moskau, die haben alles getan, um alles kaufen zu können und später mit Gewinn verkaufen zu können: auch den Mercedes haben sie dafür angeschafft, auch die Uhren und den Revolver haben sie dafür angeschafft, auch das Pappschild haben sie dafür angebracht, dafür haben sie auch ihre Muskeln und ihre Mimik trainiert. Die haben den Parkplatz dafür ausgewählt: gesehen zu werden, Aufsehen zu erzeugen.
1993 war die Zeit dafür, das war eine sehr geschäftige Zeit in Moskau, ich habe kurz dort fürstlich gewohnt, und eine ziemlich grundlegende Zeit war das in vielerlei Hinsicht. Das war in all' den Gründerjahren der heutigen russischen Gesellschaft das Gründerjahr schlechthin, bis hin zur Unterstütung, die manche geliefert haben, damit Jelzin das weiße Haus mit Panzern beschießen kann. Wäre ich damals in Lebensgefahr gewesen, wäre ich damals endgültig erwachsen geworden, so gab es immerhin ordentlich Schub in diese Richtung.
Die Russen wissen schon selbst was die tun, sie verantworten das auch selbst, sie machen das selber mit - aber das war zumindest das Jahr, in dem ich doch deutlich in etwas involviert wurde, in das man nicht unbedingt involviert werden will, wenn man immer auf der richtigen Seite stehen will. Für Warburg habe ich mich schon vorher interessiert, aber so wurde auch die Anwaltspraxis in Moskau ein Operationsfeld und Beobachtungsfeld, um mehr über Warburg wissen zu können: etwa darüber, warum er welche Fragen wie stellt und warum er so ein Aufheben um Polarität und Unbeständigkeit und Meteorolgie macht, wenn doch alles ständig funktionieren soll und nicht unbeständig sein soll.
Seitdem lese ich den Begriff venditio vorsichtig, sorgfältig, sorgsam und ich achte darauf, was die Leute mit dem Begriff loswerden wollen, auch dann noch, wenn sie sagen, er müsse wörtlich, dürfe aber nicht bildlich verstanden werden.
3.
emptum/ emptio: Für das Wort gilt auch, dass es pendelt: Zum kaufen, erwerben. Es ist überraschend, dass Gaius in seiner Beschreibung der mancipatio das Wort venditio wählt, nicht emptum oder emptio (obwohl er nur die Handlung des Erwerbers beschreibt).
Bei den Lateranverträgen fliesst viel, viel, viel Geld. Man braucht etwas Zeit, die Summe aufzuschreiben und noch mehr Zeit, sie aufzutreiben und abzustottern. Der heilige Stuhl verzichtet auf Gebiete, auf Immbobilien und auf Land, das dem Kirchenstaat gehörte und dem Staat der Stadt Vatikan nicht mehr gehören soll - dafür wird der heilige Stuhl vom Königreich Italien auf eine Weise bezahlt, dass alle beteiligten Unterhändler sagen, das sei ein angemesser und fairer, ein tragbarer Preis.
In den Verhandlungen wird die Zahl genannt worden sein und dann wird jemand gesagt: wir ziehen in Betracht, jetzt zu unterschreiben. Man nennt die Lateranverträge keinen Kaufvertrag, das ist richtig so, vor allem ist die Benennung gut gemacht, sie ist vergütet und veredelt, sie passt und letzlich passierte sie auch einfach. Das ist Recht und es ist recht technisch. Man sagt nicht, dass die Feierlichkeiten um die Lateranverträge ein Anpreisung, ein Wirbel oder Gebläse, ein Tumult gewesen wären. Waren sie aber - und Gertrude Bing beschreibt das sehr genau in ihrem Protokoll für das Tagebuch der KBW, aus dem wiederum Aby Warburg Tafel 78 bastelt.
Die Geste der Handlung/ actio(n)
1.
Und...action: Tafel 5 ist am Anfang des Mnemonsyne-Atlas diejenige Tafel, an der sich erläutern lässt, inwiefern Warburgs Bild- und Rechtswissenschaft sich mit römischen Institutionen und mit Juridismen oder aber juridischen Kulturtechniken befasst. Man kann erläutern, inwiefern das eine Wissenshaft ist, die in einer Regung ihren Ausgangspunkt nimmt, die Warburg als unbeständig und meteorologisch begreift.
Er stellt mit seiner Wissenschaft insoweit die Frage nach reign/ rain als dem Selben, als selben Erscheinungen dessen, was man unter anderem Effektivität, Macht, agency oder Normativität nennt und dabei bindend/ verbindlich, dringend oder drängend, zwingend oder zwanghaft erscheinen kann , aber sowohl mit Macht als auch mit Machtlosigkeit einhergeht. Man kann das vielleicht zwei Seiten des Normativen nennen, aber beide Seiten kommen beiderseits vor. Was in rain/ reign Effektivität, Macht, agency oder Normativität sein soll, kann gerissen oder zerrissen, entzwei oder entzweiend erscheinen, allerdings an allen Stellen, auf allen Linien, in allen Bindungen wäre es das. Darum ist es nicht ganz einfach im Hinblick auf den Regen, das Regen, die Regung, die Regierung, des Regime oder die Regeln sortiert und versichert zu versprechen, dass man es mit zwei unterschiedlichen Seiten zu tun hätte. Wenn man das tut, wenn man rain und reign als zwei Seiten versteht, dann sollte man das im Warburgsche Kontext mit dem Hinweis versehen, dass beide Seiten vom Selben durchgezogen und vom Selben durchzogen sind. Wir (das ist ein kleiner Haufen Kulturtechnikforscher) operieren differenztheoretisch, unterstellen, dass Differenz immer vorgeht und immer nachfolgt und nachrückt, wollen damit aber nicht die Frage nach der Verbindlichkeit, Effektivität und Reproduktion entschärfen oder etwas an ihr entsorgen. Wir gehen davon aus, dass zwei Formen die selbe Form sein können, wie zum Beispiel A und A.
So leicht, wie es sich die Systemtheorie macht, wenn sie einwendet, Selbstreferenz ginge, Fremdreferenz ginge aber nicht, so leicht wollen wir es uns nicht machen. Die Leichtigkeit, mit der in der Systemtheorie Arbeiten zu Bild und Recht mit dem Hinweis auf das Eigene des Rechts zurückgewiesen werden, die sparen wir uns. Die Leichtigkeit, mit der Unmittelbarkeit im Hinblick auf Fremdes verneint, im Hinblick auf Eigenes aber gar nicht zum Thema wird, sondern einfach als Mittelbarkeit akzeptiert wird, die möchten wir vermeiden. Das Rezept der Sauce , die den Begriff strukturelle Kopplung bildet, beherrschen wir auch einfach nicht.
Also: Tafel 5 zeigt etwas von Institutionen, die wir römisch nennen, nämlich Gesten, dabei sogar die Gesten der Handlung oder Aktion, der actio schlechthin - und damit etwas von jener Geste, die man römischen Instiutionen gemäß beherrschen muss, wenn man Eigentum an Sklaven erwerben möchte, das ist die mancipatio. These: Tafel 5 zeigt nicht die mancipatio, aber etwas von ihr.
2.
Den Begriff der römischen Institutionen soll man im Bereich der Kulturtechnikforschung, die Bild und Rechtswissenschaft ist, scharf fassen, wörtlich und bildlich verstehen. Das heißt, dass ich im engeren Sinne darunter nur zwei Objekte verstehe, in dem Fall sind das Texte, die zuerst als Codices und später als Bücher kursierten, und die beide den Titel Institutionen trugen. Ich nenne die Texte Objekte, weil ich ihre Nutzung über die Lektüre hinaus beobachten will. Diese Objekte werden gelesen, sie werden aber auch anders genutzt.
Bei einem Objekt handelt es sich um Gaius' Institutionen, einem Objekt, das zuerst als Lehrmaterial verwendet wurde und aus einer privaten Praxis stammt, später aber auch als eine der Vorbilder für diejenigen Institutionen verwendet wurde, deren Sammlung man dem spätantiken, byzantischen Regierungsapparat unter der Regentschaft von Justinian zurechnet. Das zweite Objekt sind die Institutionen von Quintilian, die ebenfalls als Lehrbuch einer privaten Praxis entstammen, die aber historisch einen Nutzen erfahren haben, der ihnen einen quasikanonischen Status verleiht.
Das eine Objekt ist ein juristisches Objekt geworden, es ist gegenstand der Rechtswissenschaft geworden. Rechtswissenschaftler behandeln es als Rechtsquelle, man bezeichnet diejenigen, die mit diesem Text gekonnt und professionell umgehen können als Juristen. Die Lektüre, Exegese, Auslegung, Kontextualisierung, Analyse und Verwendung dieses Textes gilt als juristische Methode. Bei dem anderen Objekt ist das nicht der Fall, das ist ein juridisches Objekt geworden. Die Technik im Umgang mit dem zweiten Objekt ist eine juridische Kulturtechnik: Juristen verwenden sie, alle anderen können das aber auch. Juristen schreiben, andere tun es auch. Sie sprechen, anderes tun es auch, verwenden Begriffe und Figuren, andere tun es auch. Sie gestikulieren, sehen am Ende eines Vortrages so aus, als seien sie am Ende, andere tun das auch.
3.
Tafel 5 gibt Details zu sehen, die durch beide Objekten auftauchen: Die Tafel zeigt immer wieder eine Geste, die vor den Augen anderer, mit dem Körper und dabei besonders mit der Hand stattfindet. Diese Geste ist in gewisser Hinsicht die Geste mit der Hand, die Geste mit dem Griff, die man im Griff haben soll, sie ist die Geste der Handlung oder Action schlechthin. In dem zweiten Objekt wird sie sehr gründlich und ausführlich behandelt, Quintilian widmet ihr zahlreiche Passagen. Gaius erwähnt eine Geste, die beinhaltet, was wir auf Tafel 5 sehen, nämlich die mancipatio, einen bildliche Wirbel oder 'Verkauf' (vendo/ venditio heißt auch das, was die Engländer trumpet oder cry up nennen und worunter sie eine öffentliche Anpreisung/ Werbung verstehen), die man einsetzt, wenn man einen Sklaven erwirbt: man greift ihn mit der Hand und das ist Teil der Übertragung des Eigentums und Besitzes, auch dajenigen, was die Engländer possession nennen.
Man sieht auf Tafel 5 keine mancipatio, aber man sieht Körper, die mit der Hand die Handlung der Geste ausführen. Obschon man keine mancipatio sieht, sieht man ein Detail, das wörtlich und bildlich mancipatio, im eigentlich und im übertragenen Sinne, im verstellten und reproduzierten Sinne der mancipatio nahe kommt, dass eine Übersetzung keinen großen Aufwand verlangt. Tafel 5 dient mir hier zum Einstieg, zum Anfang: Warburg arbeitet hier noch keine Bild- und Rechtswissenschaft aus, setzt aber mit schon einer Geste ein, die die Geste der Handlung oder actio schlechthin sein kann, die darum der ersten Geste in Gaius Institutionen entsprechen kann (es ist nämlich die erste Geste, die Gaius im ersten Buch beschreibt und die erste und frühe, die archaische Geste, die Savigny in seinem Text zum Beruf unserer Zeit beschreibt.
Die Gesten auf Tafel 5 sind energisch, deutlich bewegt und bewegend, sie sind stark erregt und erregend. Tafel 5 zeigt bewegte und bewegende Bilder, regende und geregte Bilder und damit etwas, was die Geste der actio oder sogar der Akt oder die Handlung schlechthin sein soll. Tafel 5 zeigt Agieren in einer Deutlichkeit, die man fast roh nennen möchte, so künstlich und kunstvoll energisch sind die Körper und ihre Geste dort reproduziert. Tafel 5 zeigt eine Institution der actio, der Aktion, der Handlung, also dessen, was eine Person können muss, die handeln und agieren können will. Ein Redner muss alle Gesten beherrschen, um zum Beispiel Affekte übertragen zu können: Ermuss sich erschrocken zeigen können, um den Schrecken zu übertragen; er muss sich euphorisch zeigen können, um die Euphorie zu überragen. Er muss sich zerissen oder zerreissend zeigen können, um die Ambivalenz und die Ambiguität zu übertragen. Er muss sich passioniert zeigen können, um die Passion zu übertragen, um passieren zu lassen, was er sagen und zeigen will.
Gaius geht auf die mancipatio nur kurz ein; man kann sagen: das Wissen und die Lehre, die Übung zu allen anderen Gesten bleiben anderen Lehrern überlassen, unter anderem Quintilian.
4.
Ein Einwand liegt nahe: Die Bilder auf Tafel würden doch keine mancipatio zeigen, die würden doch nicht zeigen, wie ein römischer Bürger einem Sklaven die Hand auflegt oder einen Sklaven ergreift. Das ist fraglich. Die Bilder zeigen Körper, die ihre Hände einsetzen und damit etwas ergreifen, nämlich erstens Aktion und zweitens denjenigen, der Betrachter des Bildes sein soll. Der muss kein Sklave sein, der soll vielleicht auch kann Sklave sein, er kann eventuell ein Sklave sein - und römischen Institutionen nach soll man Sorge darum tragen, was derjenige genau ist, der vom Bild ergriffen wird.
Der Betrachter verwendet eine Technik, der betrachtet, er trachtet - und diese Technik nennt man auch Tragen. Das ist eine Technik, die auch im Vertrag vorkommt, eben eine tragende und trachtende Technik. Man nennt den Betrachter nicht Betrager, man sagt nicht, dass er das Bild beträgt oder das er sichbeträgt, wenn er betrachtet. Aber man soll römischen Institutionen nach ein Bild richtig, ordentlich, gründlich betrachten, man soll es rational betrachten und wo man es nicht rational betrachtet, soll man es trainiert irrational, erzogen rauschhaft oder geübt irrational betrachten. Man hält das Tragen und Trachten auseinander, die Betrachtung und das Betragen hält man auseinander, den Betrachter und denjenigen, der sich beträgt, die unterscheidet man, das kann man auch und soll man auch, immer möglichst scharf und genau. Aber man soll damit nicht das Problem, aus dem man heraus diesen Unterschied macht, entsorgen oder entschärfen. Man unterscheidet etwas, weil es sonst nicht unterschieden ist. Dasjenige, was uns verbindet, ist die Weise, wie wir trennen: das ist Normativität, die effektiv ist - die nicht sklavisch sein will, die frei sein will. Darum unterscheidet man noch an jeder kleinsten Stelle, auch an der Stelle, wo etwas trägt und trachtet, wo etwas übertragen und betrachtet wird.
Man will zum Beispiel sagen,dass Sklaven immer die anderen sind, man selbst sei keiner. Oder man will sagen, dass Herrschaften immer die anderen sind, man selbst sei so etwas nicht, Man will sagen, dass die Täter oder die Opfer immer die anderen sind, man selbst sei das nicht, unter anderem darum unterscheidet man auch das Tragen und das Trachten.
Es ist fraglich, ob man eine mancipatio sieht. Fragen, die gestellt werden, müssen aber beantwortet werden. Meine Antwort lautet, dass man sie jetzt im Moment nicht sieht, aber sie lautet so, weil ich die Frage und das Objekt, weil ich das Bild bestreiten kann und alles das auch händeln kann. Ich kann sagen, auch ich sei nicht der Sklave dieser Bilder, mich würden sie nicht ergreifen, nicht berühren, an mich würden sie keine Hand anlegen. Ich habe das stoisch trainiert. Ich kann anders herum, also verkehrt herum sagen, ich würde mir diese Bilder aneignen, ich könnte Hand an diese Bilder legen: dann, allenfalls dann, wenn ichdas täte, dann sehe man die mancipatio, aber auch auch nur dann, wenn man solche Bilder als quiritische Dinge betrachtet, als besonders wichtige römische Dinge, die in ihrer Wichtigkeit derjenigen von Sklaven entsprechen. Manchmal frisst die Schlange Dich und manchmal frisst Du die Schlange.
Man übersetzt das Wort mancipatio nicht, das tut man nicht, es gehört sich nicht, ihm ist eigen, ein Fremdwort zu sein. Würde man es tun, könnte man mancipatio mit Handel, Händel oder Handlung übersetzen, aber wie gesagt: so ein Gerede wäre nicht eingebürgert und auch nicht fein bürgerlich, gymnastische Übungen sagen einem, dieses Wort fremd zu halten.
5.
Wir haben uns mit Tafel 5 befasst, als bild- und rechtswissenschaftlich betrachtet und betragen huch!

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Possession
Die mancipatio händelt etwas, nämlich unbeständige Possession.
Possession. Taking over. Shake, shake, shake, shake, shake, shake ( Sisters of Mercy). Die Gruppe singt von einem Tanz, der schüttelt und dabei auf- und abschüttelt.
Wenn Verdoppelung, dann richtig
meum esse aio isque mihi
mancipatio
Hunc ego hominem ex iure Quiritium meum esse aio isque mihi emptus esto hoc aere aeneaque libra.
Die quiritischen Dinge, die res mancipi sind menschlich (allzu menschlich?). Die Formel, die ein römischer Bürger aufsagen muss und die im Akt der manicpatio jenen Teil einnimmt, den man u.a nach Reinach einen Sprechakt nennt (und nicht jenen der symbolischen Handlung einnimmt, den man einen Bildakt nennt) verwendet das Wort hominem, um das Objekt der Übertragung (das Objekt, dessen Bewegung auch als Übertragung, also auch getragen und betrachtet erscheint) zu bezeichnen. Hominem ist der Akkusativ Singular von homo. Der Mensch ist das Wort für die res mancipi. Man überträgt mit der mancipatio aber nicht unbedingt Menschen, auch Tiere und besonders wertvolle Dinge werden damit übertragen, wobei Tiere und Sklaven zu den Dingen gezählt werden können. Das eine Objekt, das in der Formel bezeichnet wird, ist menschlich, aber nicht unbedingt ein Mensch. Menschlich ist unter anderem, dass das Objekt sein Objekt ist, dass der Mensch dem Menschen Objekt ist. Das andere Objekt, das in der Formel bezeichnet wird ist eine Waage.