Kakao: Doch eher bitter
Grundlegend ist seit langem bekannt, dass der globale Kakaoanbau und -handel mit zahlreichen Problemen behaftet ist.
Das sich verbreitende Umwelt- und Sozialbewusstsein verschwindet aber gerne auf wundersame Weise, wenn wir im Supermarkt vor dem SĂŒĂwarenregal stehen und uns nicht entscheiden können, welche Schokoladenvariation es heute sein soll. Die bunten Verpackungen mit ihren Bildchen locken und versprechen uns einen einzigartigen Genuss. Die Probleme der Kakaoindustrie sind damit ganz schnell weit weg. Auch wenn es dabei um BĂŒrgerkriege und Kindersklaven geht.
Photo: pixabay
Ein Leben ohne Schokolade können wir uns eigentlich gar nicht vorstellen. Hier und da ein Schokoriegel, ein Schokoladeneis oder Kuchen mit Schokoladenglasur. Weihnachten und Ostern sind auch Feiertage der Schokoladenindustrie. Im letzten Jahr verzehrte jeder Deutsche im Schnitt 9,7 Kilogramm Schokolade pro Jahr. Dieser Konsum hat sich seit 1970 verdoppelt. Folglich verzehren alleine die EuropÀer die HÀlfte der weltweiten Schokolade. Doch wie wÀchst der Kakao? Und wo kommt der Kakao unserer Schokolade eigentlich her?
Nach Angaben der ICCO (International Cocoa Organization) werden weltweit ĂŒber 4 Millionen Tonnen Kakao angebaut. Jedes Jahr. Die wichtigsten Anbauregionen finden sich in Westafrika. Allein in der ElfenbeinkĂŒste (CĂŽte dâIvoire) werden jĂ€hrlich ĂŒber 1,7 Millionen Tonnen fĂŒr den Export geerntet. Aber auch die NachbarlĂ€nder wie Ghana, Nigeria und Kamerun bedienen unseren steigenden Kakaobedarf. Westafrika ist damit Hotspot des Kakaoanbaus und produziert daher 70 Prozent des weltweiten Kakaos. Der Rest kommt aus den Anbauregionen SĂŒdamerikas und Asiens.
HauptanbaulĂ€nder fĂŒr Kakao. Grafik: © INKOTA â NETZWERK
Auch wenn Westafrika heutzutage die wichtigste Anbauregion ist, stammt die Pflanze â der Kakaobaum â an dem die Kakaobohnen wachsen, ursprĂŒnglich aus der Amazonasregion. Heute ist er weltweit in tropischen Regionen bis zum 20. Grad sĂŒdlicher und nördlicher Breite zu finden. Denn nur in den Ăquatorregionen ist das Klima warm und feucht genug. In anderen Gebieten gĂ€be es keine ErtrĂ€ge, da der Kakaobaum sehr empfindlich auf Temperaturschwankungen reagiert.
DarĂŒber hinaus benötigt der Baum fruchtbare Böden und viel Schatten. Durch den Schattenbedarf wird Kakao in der Regel in Mischkulturen â zum Beispiel mit Kokos- oder Bananenpalmen â angebaut. Erst mit einem Alter von etwa 6 Jahren blĂŒht der Baum das erste Mal. Es dauert mindestens weitere 6 Jahre, bis der volle Ertrag abfĂ€llt. StĂ€ndige Pflege, um Krankheiten und SchĂ€dlinge zu vermeiden, vorausgesetzt. Somit wird erkennbar, dass der Kakaoanbau im Allgemeinen kompliziert und arbeitsintensiv ist. Die reifen, roten bis grĂŒngelben KakaofrĂŒchte werden das ganze Jahr ĂŒber geerntet, wiegen teilweise bis zu 500 g und enthalten die wertvollen Kakaobohnen â Grundlage unserer Schokolade. Es bedarf aber der ganzen Jahresernte eines Kakaobaumes, um gerade einmal ein halbes Kilo Kakao zu produzieren
Nach der Ernte durch die Kakaobauern wird der Kakao getrocknet und von ZwischenhĂ€ndlern aufgekauft. FĂŒr etwa 1 ⏠pro Kilogramm. Exporteure wie SAF-Cacao â gröĂter Exporteur der Welt aus der ElfenbeinkĂŒste â kaufen von den ZwischenhĂ€ndlern, verpacken und verschicken die Bohnen nach Amerika oder Europa. Nun kostet das Kilo bereits etwa 2,5 âŹ. In Europa werden die Bohnen nun gehandelt und von Produzenten â die daraus Kakaopulver oder Kakaobutter herstellen â ĂŒbernommen. Diese Produkte bilden die Basis fĂŒr die Schokoladenherstellung. Aus 1 kg Kakao können nun etwa 40 Tafeln Schokolade produziert werden
Von der Bohne zur Schokolade. Grafik: © INKOTA â NETZWERK
Kostenanteile des Rohkakaos in einer Tafel Schokolade. Grafik: © INKOTA-NETZWERK
Ein GroĂteil des weltweiten Kakaohandels ist aber in der Hand von groĂen Unternehmen: Firmen wie NestlĂ©, Cargill, ADM, Mars, Kraft oder Barry Callebaut. Sie bestimmen die Preise.
âNur acht HĂ€ndler und Vermahler von Kakao kontrollieren etwa drei Viertel des Welthandels [âŠ]. Die Marktmacht der sechs gröĂten Schokoladenfirmen liegt bei etwa vierzig Prozent. Diese Konzentration schwĂ€cht die Position der BĂ€uerinnen und Bauern weiter, die Marktasymmetrie wirkt sich zugunsten der KĂ€ufer und HĂ€ndler ausâ
(Quelle: Kakaobarometer)
So erhalten die meisten der 5,5 Millionen im globalen SĂŒden agierenden KakaobĂ€uerinnen und -bauern kein existenzsicherndes Einkommen obwohl die Industrie von ihnen direkt abhĂ€ngig ist. Ăber 90 Prozent sind sogenannte Kleinbauern, die weniger als 5 Hektar bewirtschaften und somit sehr vulnerabel sind. In der ElfenbeinkĂŒste sind es im Schnitt 0,45 Euro pro Tag und pro Familienmitglied. Kinderarbeit ist dementsprechend weit verbreitet, denn Kinderarbeit ist eine direkte Armutsfolge. Die Armut hat sehr viele GrĂŒnde, aber bestĂ€rkt wurde sie in der ElfenbeinkĂŒste durch den BĂŒrgerkrieg zwischen 2002 â 2007, der nach Angaben von Global Witness auch von der Kakaoindustrie mitfinanziert wurde.
âCĂŽte dâIvoireâs national cocoa institutions, with the assent of the biggest exportersâ union, have directly contributed to the war effort by providing the government with money, vehicles and weapons, using money from cocoa levies. These payments and gifts coincided with a period when some of the worst human rights violations by government forces took placeâ
(Quelle: Hot Chocholate: How cocoa fuelled the conflict in CĂŽte dâIvoire â A Report by Global Witness)
Von Kinderarbeit und Kindersklaven
Laut einer Untersuchung der Tulane University arbeiteten 2013/2014 ĂŒber 2 Millionen Kinder auf Kakaoplantagen in Ghana und der ElfenbeinkĂŒste. In der ElfenbeinkĂŒste stieg die Anzahl der Kinder, welche âgefĂ€hrliche TĂ€tigkeitenâ im Kakaoanbau ausĂŒbten, zwischen 2008/09 und 2013/14 um 46 Prozent. Als âgefĂ€hrlicheâ Arbeiten gelten laut dem amerikanischen Arbeitsministerium unter anderem die Brandrodung, das FĂ€llen von BĂ€umen und das VersprĂŒhen von Pestiziden.Â
Solche TĂ€tigkeiten sind genauso wie der Umgang mit Macheten zur Kakaoernte alltĂ€glich. Miki Mistrati spricht in seinen viel beachteten Dokumentarfilmen âThe Dark Side of Chocolateâ von ĂŒber 400.000 Kindern, die sich bei solchen Arbeiten allein in der ElfenbeinkĂŒste schwer verletzten.
Eigentlich vereinbarten die Schokoladenhersteller mit dem Harkin-Engel Protokoll im Jahre 2001, dass Kinderarbeit und -handel auf den Kakaoplantagen bis 2008 verboten sein sollten. Doch noch 2010 machte Mistrati in seinen Dokumentationen auf Kinderarbeit und Kindersklaverei aufmerksam. Aus den NachbarlĂ€ndern wie Burkina Faso oder Mali wurden Kinder verschleppt und zur Arbeit gezwungen â neun Jahre nach dem Inkrafttreten das Harkin-Engel Protokolls. Zwei Jahre nachdem Kinderarbeit der Vergangenheit angehören sollte.
Laut Miki Mistrati schiebt die Schokoladenindustrie die Schuld fĂŒr die Kinderarbeit auf die Plantagenbesitzer und ZwischenhĂ€ndler. Die aber wollen von nichts wissen. Von diesen ZwischenhĂ€ndlern kauft die Industrie den Kakao weiter auf.
Da die Kinderarbeit und der Kinderhandel auch zunehmend von Interpol und der Weltöffentlichkeit beobachtet wurden, begann die Schokoladenindustrie mit groĂen Werbekampagnen, in denen sie versprachen, nun aktiv gegen Kinderarbeit vorzugehen. Auch Zertifikate wie von UTZ oder die Rainforest Alliance sollten den Verbraucher beruhigen. Doch in seiner zweiten Dokumentation Schmutzige Schokolade II deckte Mistrati auf, dass die Kampagnen â wenn ĂŒberhaupt â nur unzureichend umgesetzt wurden und auch auf zertifizierten Plantagen Kinder arbeiteten. Noch immer. FĂŒr unseren Genuss.
Weitere Infos zum Thema bietet die Kampagne âMake Chocolate Fairâ. Eine Initiative des INKOTA-Netzwerkes.
Infoblatt: âZertifizierte Schokolade â was steckt hinter den Siegeln?â
Quellen:
Tulane University
Make Chocolate Fair
Global Witness
Cocoa Barometer
Interpol
BBC













