Tag 910 / Ich bin da, hier und dort,
um zu hören, dass seine Frau schwanger ist, er sich freut, aber auch unheimlich gerne drauf anstoßen würde.
um nachzuempfinden, nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Familie zu denken: Jetzt betrinken, das nicht spüren müssen.
um mich zu identifizieren mit denen, die kürzlich Vorstellungsgespräche hatten, die viele Ab- und Umbrüche im Lebenslauf haben, die unter dem Rechtfertigungsdruck merken, wie das Glas näher rückt.
um zu erfahren, dass sie fast ein Jahr trocken ist und zur Zeit jeden Tag erlaubnisgebende, verharmlosende, drängende Gedanken hat.
um mitzubekommen, dass der Präsentkorb im Ferienapartment gestört hat wegen der Flasche Wein.
um mir klar zu werden, dass auch ich auf Haschisch, Crystal, Koks und Benzos wäre, wenn es das Zeug legal im Supermarkt gäbe.
um zu hören “acht Wochen trocken”, “14 Monate trocken”.
um nicht zu vergessen, wie viel Kraft es kostet, sich aus der Sucht rauszuziehen.
um mit jemandem im Meeting zu sitzen, der hier wie ich im Urlaub ist, der aber unsere Sprache nicht spricht, nicht versteht.
um mich zu fragen, ob Verantwortung übernehmen - im Praktikum, im Job, in der Arbeit - ob Herausforderungen annehmen und daran zu wachsen für mich (schon) dran ist.
um mich an das Wort “Frieden” zu erinnern.
um wie so oft zu erleben, wie mein Schritt schneller wird, wie ich mehr Elan bekomme, sobald ich mich auf dem Weg zum Meeting mache.
um neben jemandem zu sitzen, der das erste Mal nach seiner Lebertransplantation zurück an einem AA-Tisch war.
um festzustellen, dass ich mich im Gegensatz zu ihr nicht selbst überfordere mit zu vielen Programmpunkten, zu viel Input an einem Tag, an einem Wochenende, in einer Woche.
um zu wissen, eine 40-Stunden-Woche schaffen der und der auch nicht.
um noch leidende Alkoholiker bei ihrem ersten Selbsthilfegruppenbesuch zu treffen.
um zu spüren, wo ich herkomme.
um mitzubekommen, dass trinkende Kollegen bei Sommerfesten noch mit zweistelliger Anzahl Trockenheitsjahre schwierig sind.
um zu überlegen, ob Atosil nicht mein Suchtgedächtnis reaktiviert.
um wieder zu merken: Ich kann mich und meine Freizeit gut organisieren.
um auszuhalten, dass drei Menschen während meiner Aussage über Alkoholkonsum verherrlichende Postkarten den Raum verlassen.
um mitzubekommen, er hat auch wenig Sozialleben.
um zu realisieren, dass es eine sehr erfolgreiche Strategie ist, sich erstmal “nur” auf das Trockenbleiben zu konzentrieren, nicht parallel auf das Abnehmen.
um ermahnt zu werden, dass das die Krankheit ist, die den einen nicht stillsitzen, still bleiben lässt, um ermahnt zu werden, dass wir hier alle wegen dieser Krankheit sind.
um zu sehen, meine Zigarettenschachtel und das Feuerzeug liegen noch auf dem Handtuchspender, wo ich sie Montagabend vergessen hatte.
um aus ihrem Rückfall zu lernen.
um AAs von vor zwei Jahren wiederzusehen, um neue AAs kennenzulernen.
um das Telefon klingeln zu hören.
Das Telefon in der Kontaktstelle der Anonymen Alkoholiker.
Um zu beobachten wie jemand aufsteht vom Meeting, in den Nebenraum geht, das Gespräch, das Hilfegesuch annimmt.