Ich bin weder schockiert noch traurig darĂŒber, dass Moral nicht funktioniert. Zugegeben, manchmal bin ich das zwar noch, aber es ist nicht gut so. Moral ist eine Angelegenheit, die von jedem Haltung fordert. Haltung ist etwas, das man hat, selbst wenn Ă€uĂere UmstĂ€nde daran nagen. Moral fordert weiter, dass diese Haltung zumindest menschlich ist, dass wir also nicht unsere Menschlichkeit verlieren. Moral fordert, dass der Mensch sich immer weiter problematisiert, um die Differenz zwischen dem Idealmensch und dem Gesellschaftsmensch zu verstehen und zu verkleinern. Moral will, dass sie selbst funktioniert und funktioniert so gut, wie sie will. Zugegeben, es gibt da einiges, was man als entweder vernĂŒnftig oder unvernĂŒnftig unterscheiden kann. Aber das sind Aufrechnungen, die interessieren vielleicht ein paar Philosophen. Sie sind behelfsweise die Problematik, in die man sich vertieft, wenn man das grundlegende Problem an der Moral nicht sehen und verstehen möchte: Dass sie eine eindeutige und damit beliebige Position aufmacht.
Moral fordert einen unabhĂ€ngigen Menschen, scheinbar ist dieser frei und nicht gehorsam, sondern sucht sich seine kritische Basis des Denkens und Urteilens, seinen Standpunkt frei aus. Hauptsache Haltung! Und Menschlichkeit! Doch dieser unabhĂ€ngige Mensch ist von einer ganzen Stange an Dingen beladen. Er muss gut sein, aber nicht nur Gutes tun, sondern sich damit identifizieren. Und man kann sich viel zu leicht fĂŒr die gute Sache begeistern, man muss das auch noch politisieren. Eine gewisse gute Sache ist immer besser als alle anderen. Alles unter dem Deckmantel der viel zu abstrakten Vorstellung, wenn alle sich gegenseitig aktiv etwas RechtmĂ€Ăiges tun, oder etwas Gutes, dann haben wir irgendeinen Bestzustand und wir werden aller Laster frei sein. Darin steckt schon, woraus der Trieb entsteht: Hauptsache, die Last schwindet. Beziehungen sind nur dann gut, wenn sie keine Lasten mit sich bringen. Solange das so ist, suchen wir uns wenigstens noch moralische Beziehungen heraus, die uns in unseren Urteilen und Verurteilungen bestĂ€tigen. Ist ja nur, solange menschliche Beziehungen wieder richtig menschlich werden!
Moralisten mĂŒssen aufwachen: Wir sind die ganze Zeit schon Mensch und menschlich. Real und im besten Sinne. Da gibt es nichts zu verlieren, genauso wenig, wie man im Mittelalter seine Seele zu verlieren hatte. Einige Menschen sind freundlich, andere nicht. Manche geben Gutes, manche nehmen sich alles. Aber bevor jetzt jemand meint, das fĂŒhrt geradewegs zu einem Relativismus â falsch! Es ist im Gegenteil beliebig, moralisch zu sein. Man kann sich immer zum Guten gehörig fĂŒhlen oder berechtigt. Die meisten tun das, und die wenigen, die es nicht tun, sind schon an der abstrakten Beförderung des Guten mit gutem Willen gescheitert und reagieren darauf zurecht mit einer Abwehrhaltung. Je eindeutiger die Position, desto beliebiger, desto mehr geht es nur um die Position selbst und darum, ob man da auf der richten oder falschen Seite steht. Man verliert das GespĂŒr dafĂŒr, dass man in einer komplexen Situation lebt.
Manche wollen einem schaden, sind aber allein und fĂŒr sich sehr unglĂŒcklich damit, dass sie das tun. Es ist auch nicht eine persönlich gemeinte Tat, sondern tatsĂ€chlich ein GefĂŒhl: Ich muss jetzt Schaden anrichten, sonst bin ich hilflos. Manche wollen einem schaden und sind auch noch schadenfroh. Es ist eine persönlich gemeinte Tat, aber gerade weil sie so zugespitzt persönlich gemeint ist, steckt dahinter noch etwas anderes: Das Leiden selbst, das diese Person sich selbst nicht erlaubt, in sich zu sehen und zu durchleben. Deswegen muss es eine bestimmte andere Person durchleben. Das ist gemein, aber auch das ist eine komplexe Situation â gerade wenn ich meinerseits darauf persönlich reagiere. Es wĂ€re angemessen, weil es um einen persönlichen Adressaten ging, aber nur scheinbar ging es dabei ĂŒberhaupt um den Schaden in mir und mehr um den Schaden in der anderen Person. Es gibt selten auch Menschen, die mir schaden und gar nichts fĂŒhlen. Die könnte ich mit Moral ĂŒberhaupt nicht erreichen, sie reagieren dann am heftigsten darauf, wenn ich sage: ICH finde aber du solltest mich dabei fĂŒhlen, meinen ganzen Schmerz! Man kann nur versuchen, sich mit Leuten zu umgeben, die nicht so zu einem sind, aus wohlmeinendem Selbstschutz. Und dieser Mensch, wĂŒrde er sein Handeln aus unserer Sicht erfahren, wĂŒrde sich auch vor sich schĂŒtzen bzw. von ihm und es uns nicht ĂŒbel nehmen. Das mitzufĂŒhlen ist die einzige Vernunft, die wir brauchen.
Es gibt Menschen, die wollen mir Gutes. Darunter fallen einem zunĂ€chst die ein, die mir helfen. Sie sehen das moralisch, denn indem sie mir helfen, tun sie etwas Gutes und das ist fĂŒr sie der richtige Weg. Hier fĂ€ngt das Dilemma wieder an: Sind sie auf einem Weg, den ich zwar fĂŒr jemanden geeignet finden kann, aber der nur vorgibt, er wĂ€re auch meiner und die Tat wĂ€re um meinetwillen geschehen? Helfen sie mir, weil sie wollen, dass es mir in meinem Sinne besser geht? Wenn ja, warum helfen sie mir dann und sagen nicht, wie ich mir helfen könnte? Und wĂ€re es nicht am Hilfreichsten, ja am BlĂŒtenreichsten, sie wĂŒrden mich verstehen, mich annehmen, auch auf die Gefahr hin, dass ich meine Probleme auf sie projiziere und mir nicht anders helfen kann? NatĂŒrlich wird auch deren Selbstschutz irgendwann greifen, aber warum ist er immer das erste Mittel der Wahl, wenn man andere, genauso richtige Wege hat? Menschen, die mir Gutes wollen, sind achtsam, was in mir vorgehen könnte, und auch mal passiv, wenn es darum geht, dass sich Ăbertragungen entwickeln könnten. Einfach weil sie wollen, dass ich mir selbst erlaube, das zu fĂŒhlen was ich gerade fĂŒhle, genau das und nicht etwas anderes. Vergeben können wir immer noch.
Mit dieser Selbsterlaubnis â die nicht von uns fordert, sondern die entgegen der ganzen Forderungen erlaubt und damit natĂŒrlich kommt, kommt auch das Prinzip des Vergehens von offenen Wunden, des SchlieĂens. Wenn wir uns erlauben, Schmerzen zu fĂŒhlen, sind wir auf dem Weg dahin, dass wir die Wunde sehen, sie uns wirklich mitfĂŒhlend ansehen, und alle Projektionen schlieĂlich vergessen. Ganze Menschengruppen, die ich fĂŒr manche Wunden in mir hasse und abstrakt zusammen denke, könnten dadurch von meiner Wut befreit werden. Wir sind alle dieselben: AbhĂ€ngige Wesen, unterwegs von einer AbhĂ€ngigkeit zur Anderen. Das ist etwas Kosmisches, nichts Moralisches, und diese Ansicht tut uns eigentlich gut. Auch wenn sie erst einmal AbstoĂung verursacht, Eitelkeiten, Verleugnungen. Es ist etwas, das uns gut tut, weil sie mit der Selbsterlaubnis beginnt und nicht mit dem Anhaften an einer Identifikation.
Jede Selbstliebe und Selbsterlaubnis schlieĂt ein, dass man auch eine negative Beziehung zu sich selbst hat, zulĂ€sst und bejaht: Wir lehnen vieles an uns ab. Warum sollte es auch nur eine positive â identifikatorische â Beziehung zu uns geben? Welchen Sinn hat das denn letztlich? Doch nur den, dass wir uns an IdentitĂ€ten gewöhnen und uns an ihnen ausrichten, wer und warum auch immer er sie einfordert. In der gewohnten Reaktion, genau zu einer Sache eine Haltung zu haben, sind wir zwar eine zufriedene kleine SubjektivitĂ€t in ihrer Rolle, die sie fĂŒr das Ganze spielt. Aber wir sind genauso gut eine leidende kosmische Stelle, die nicht das ist, was sie sein muss, die sich um sich selbst bringt. Und weil jede kosmische Stelle prozesshaft mit allen anderen Stellen verbunden ist, erhöhen wir das Leiden dadurch. Obwohl wir uns gerade gut fĂŒhlen, sind wir doch ein StĂŒck weniger gesund zu uns und unserer Umwelt geworden. Macht ja nichts, sagen wir. Wir sind ja nur einmal am Leben.
Das ist schlicht nicht der Fall. Aus einem ganz einfachen Grund: Persönlich an uns ist nicht die SubjektivitĂ€t, sondern die Zeit, die wir sind und haben, und die sich grundlos, einfach nur da, anfĂŒhlt, wenn wir nicht in unseren Sorgen stehen. Das Ich-Sein ist eine geborgte Wahrnehmung, um diesem Zeitvolumen eine Umwelt und eine innere Welt zu geben. Aber wir sind immer beides: Nicht sind wir nur das, was gegen die Umwelt steht und durch sie beeinflusst wird: Hier ich als Körper und dort Natur oder Gesellschaft als Gegenkörper - wir sind auch und wesentlich dieser Umweltaspekt. Und schlieĂlich sind wir nichts anderes, als die Zeit, die ablĂ€uft. Ja, wir haben nur ein Leben, unseres! Aber wir sind nicht nur ein Mal dabei, zu leben, sondern Zeitfenster werden sich immer wieder öffnen und schlieĂen. Das an sich ist nichts Persönliches, auĂer die Tatsache, dass wir dieses Zeitfenster nur jeweils selbst in seiner Ganzheit kennen. WĂ€hrend wir denken, dass wir uns definieren mĂŒssen, um zu leben, sind wir bereits als Lebendes definiert und das genĂŒgt. Wer atmet, der muss sich nicht definieren. Er ist bereits Atmender. In dieser Form sind wir nicht aus einer Person geschnitzt, sondern aus der Zeit, mit der wir uns auch verĂ€ndern.
Aber das ist ja gut! Wir sind unmittelbar das Ganze wie ein Teil des Ganzen. Und deshalb können wir auch erkennen, dass alles eine Konsequenz hat â bei uns in unserer Anteilnahme. Wir mĂŒssen nicht gute und schlechte Konsequenzen vernĂŒnftig analysieren und daraus eine moralische Haltung fĂŒr ein moralisches Subjekt definieren. Es reicht, einfach Anteil zu nehmen, an den Wesen, die von uns abhĂ€ngig sind, als auch an uns selbst und den Grundlagen dafĂŒr, dass wir glĂŒcklich sind. Anteilnahme heiĂt nicht, eine Haltung einnehmen, sondern in der Teilnahme sein, und Teilnahme ist bereits Liebe und MitgefĂŒhl, Geborgenheit und WĂ€rme. Wie ein Kind, dem genug zugetraut wird, auch ein Vertrauen in sich selbst entwickelt, ist eine Welt, in der genug teilgenommen wird, eine sich positiv entwickelnde Welt â alles ist miteinander verbunden.