Der gesellschaftliche Wandel bringt es ja mit sich, dass der kleine Gesellschaftsanzug nicht mehr zu jeder Abendveranstaltung getragen wird. Dabei hätte das schon was: „Wollt Ihr nicht kurz rüberkommen? Wir haben viel zu viel Lasagne gebacken.“ – „Sehr gerne, werfe mir nur rasch meinen Smoking über, Frau Nachbarin.” Mein Smoking erblickt vielleicht zweimal im Jahr das Mondlicht und hängt sonst im mottensicheren Schrank.
Dann Bonn, vergangener Samstag. In zwanzig Minuten ist Abmarsch. Zwanzig kostbare Minuten, die eigentlich reserviert sind fürs Binden der Fliege. Weil Fliege- in meinem Fall so selten ansteht wie Smokingtragen, kann von schlafwandlerischer Sicherheit im Umgang mit diesem Binder nämlich keine Rede sein.
Eh ich mich diesem Problem aber überhaupt zuwenden kann, muss ich leider feststellen: Der Smoking, der mir vor einem halben Jahr noch passte wie angegossen, sieht jetzt aus wie reingeschossen. Ein Rettungsring mehr und ich bräuchte einen Tannenbaumtrichter, um in die Hose zu kommen. Jetzt könnte ich etlich Jämmerliches anführen, warum meine körperliche Pracht sich derzeit vor allem in den unendlichen Weiten knapp über meiner Hüfte abspielt. Kinder kriegen, damit einhergehende Seßhaft- und Sesselpupsigkeit wären schöne Argumente. Aber in zwanzig Minuten ist Abmarsch!
Die prekären Details, wie ich es doch noch in Richtung Tanzsaal schaffte, erspare ich mir. Nur so viel: Im Inneren wurde ich mit so viel Gummi, Haken und Ösen zusammengehalten, ich fühlte mich wie ein Entfesslungskünstler vor dem letzten, dem tödlichen Auftritt. Fürs Fliegebinden blieben nur noch drei Augenblicke im Gehen, was dem Propeller zweifelsohne anzusehen war. Tanzen fiel flach. Denn hätte sich ein Metallteil aus meinem fragilen Provisorium gelöst – Haben Sie schon mal glühende Nieten gesehen, die aus einem berstenden Dampfkessel schießen?
Vor Schweiß triefend, in mein Trottelkorsett gezwängt und von einer Fliege stranguliert, blieb mir nur ein Trost: Nichts trifft man auf Ehemaligentreffen so gewiss, wie andere Vollerschlankte. „Gut durch den Winter gekommen, mein Lieber, was? Da steht aber einer gut im Futter! Dürfte ich mal Ihre beiden Platzreservierungen sehen?!“ Das gehört doch zum Schulter- und Schenkelklopf-Standard auf solchen Feiern.
Und während ich mich verzweifelt umschaue nach einem, an dem ich mich schön schlank vergleichen kann, kommt ausgerechnet so ein Hungerhaken auf mich zu und reicht mir die Hand. Ich muss zwei Mal hingucken. Das ist Florian. Aber nicht der prächtige Florian, der dralle Spaßkapitän, Lord Bierchen und Fürst Dickler, den ich einst kannte. Sondern mindestens 35 Kilo weniger davon.
Während mich der neue Florian in die Geheimnisse seiner wundersamen Erschlankung einweiht, irgendwas von dreimal Sport die Woche erzählt und Kohlenhydraten nur noch an Tagen, die auf -woch enden oder so, dann noch ein paar ganz einfache Tipps zum Besten gibt und ich mich kurz ins innere Exil verabschiede, um mich in Selbstmitleid zu suhlen, da löst sich plötzlich eine Sicherheitsnadel, zwickt mich in den Bauch und holt mich in die Wirklichkeit zurück: „Und ich dachte schon, Du hättest einen Bandwurm.”
Immerhin die dummen Sprüche will ich den Dünnen nicht ersparen.