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3. April - Fleisch und Tanzen am Karfreitag
Ja,richtig. Während ernsthafte Christen der Kreuzigung Jesu gedenken,verbringe ich meinen ersten Abend im namibischen Nachtleben. Aber wenn die Lutheraner (!) hier am Karfreitag Gartenarbeit verrichten, einkaufen, grillen und tanzen, dann werde ich mich wohl anpassen. Andere Länder, andere Sitten. Abgedroschen, aber wahr.
Aber erst mache ich mich Freitagvormittag auf den Weg zum Avis-Damm. Ein Staudamm im Naturreservat direkt hinter der Stadtgrenze von Klein-Windhoek. Weil viele Windhoeker das Wochenende außerhalb verbringen, sind kaum Taxen unterwegs. Also laufe ich die fünf Kilometer - natürlich mit einem kleinen Umweg, das kennt man ja. Im Stadtteil Klein Windhoek scheinen die Mauern noch höher und die Sicherheitsvorkehrungen noch besser zu sein. An mancher Ecke steht ein Häuschen mit Security Guard. Wenn man hier einen Schwarzen sieht, ist er anscheinend entweder Gärtner oder Wachmann.
Als ich beim Avis-Reservat ankomme, muss ich ein bisschen über mich selber lachen. Ich hatte irgendwie einen Stausee erwartet, wie man ihn aus der Eifel kennt. Tatsächlich ist es ein etwas größerer Teich. Innerhalb der Stadt vergesse ich einfach, dass es rundherum eigentlich so gut wie kein Wasser gibt. Immerhin ist er so groß, dass ich den Schwarm Pelikane nur von Weitem erkennen und kein vernünftiges Foto machen kann. Ich laufe einmal um das Wasser. Dann haben Beine und Haut eine kleine Pause um Schatten verdient, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache.
Am Nachmittag schreibt Maria mir, dass sie Langweile hat. Ich lade sie zum Essen ein. Sie erzählt von ihrem Heimatland Kenia, vom kleinen Sohn, der dort bei ihren Eltern lebt und bald nach Windhoek kommen soll. Sie ist 34 und hat seinerzeit angefangen, an einem Souvenirstand zu arbeiten. Dann hat sie sich selbständig gemacht und verdient jetzt etwa fünfmal soviel wie ich.
Nach Essen und Kaffee verabreden wir uns mit Tangeni und seinem Bruder bei Joe's. Wir sitzen zu viert im offenen, überdachten Bereich dieses Etablissements, dass ich bis jetzt nur unzureichend geschildert habe.
Wenn man ins Joe's kommt, steht auf dem Dach über dem Eingang ein richtiger Mini Cooper. Alles, was sich seit den Siebzigerjahren in der Kneipe angesammelt hat, scheint als Dekoration benutzt zu werden. Da sind zunächst die Jägermeisterflaschen. Überall hängen Sträuße aus Jägermeisterflaschen. Im Raucherbereich steht, neben Sitzgelegenheiten aus Traktorreifen, ein mannshohes Rührgerät. Über unserem Tisch hängen riesige Fleischwürste und zu meiner Linken steht der obere Teil einer ausgestopften Giraffe. Diese Komposition aus Krimskrams unter Reetdächern nennen meine Tischgenossen „The Afro-German Style“.
Wir reden über den Anschlag in Kenia, über den IS, Charlie Hebdo, Terrorismus im Allgemeinen und die Natur des Menschen. Über Meditation und das afrikanische Bildungssystem. Tangenis Bruder Hage hat Wirtschaft studiert und den Großteil seinen Lebens in Südafrika verbracht. Er spricht bestes Englisch mit diesem Akzent, der für mich nach wie vor britisch klingt. Maria erzählt von ihrer Anfangszeit in Namibia und, wie ihr Glaube – an Gott und an sich selbst – ihr geholfen hat, das mittlerweile sehr erfolgreiche Geschäft aufzubauen. Sie und die Jungs haben sich gerade erst kennengelernt, sind aufrichtig interessiert aneinander und verstehen sich blendend. Ich fühle mich unfassbar wohl und danke dem Universum, genau jetzt genau hier zu sein.
Von Joe's aus nehmen wir ein Taxi in die Stadt. Endlich lerne ich das legendäre Warehouse Theatre kennen. Für 40 Dollar pro Person erhalten wir Einlass und einen Stempel. Das Publikum ist bunt gemischt und gefällt mir auf Anhieb. Aber jetzt verstehe ich, was die Jungs meinten, als sie meinen Kleidungsstil lobten. Die Mädchen hier sehen, mit Verlaub, fast alle ein bisschen käuflich aus.
Maria kauft sich Kapana. Das ist eingelegtes Grillfleisch mit Kultstatus. Zwei Stücke liegen auf dem Teller. Sie reißt Stückchen ab und fordert mich auf, mir auch zu nehmen. Denn „In Africa, we share.“ Also nehme ich ein Stück in die Hand und versuche umständlich, etwas abzureißen. „Ich glaube, ich habe noch nie Fleisch ohne Messer und Gabel gegessen.“ - „Noooo!“ Es ist zart und würzig, wirklich lecker. Auch am Nebentisch verspeisen aufgestylte Mädels in Highheels und Leoprint ihr Fleisch mit den Fingern.
Später im Raucherbereich kommt ein weißer Mann Mitte 50 auf mich zu. Er trägt seinen Stempel im Gesicht und stellt sich als Heinz vor. „Wann hast du so gut Deutsch gelernt?“ fragt er. „Als ich in Deutschland geboren bin und Zeit meines Lebens dort gewohnt habe.“ Er ist von der GIZ, gibt mir gleich seine Visitenkarte und will „mal schauen, was sich für dich machen lässt“. So wird also Networking betrieben... Als ich wieder reinkomme und die Tanzfläche endlich voll ist, trauen wir uns auch. Die Zeit verfliegt. In Nullkommanichts wird zur letzten Runde geläutet. Wir vier teilen uns ein Taxi nach Eros und ich werde - natürlich - bis vor die Haustür begleitet, wo ich mich überschwänglich bedanke. Ich bin endgültig angekommen.
2. April - Freitag am Donnerstag
Es folgt: Ein Eintrag aus Langweile. Ich sitze noch mit den letzten Hartgesottenen in der Redaktion. Alle anderen haben sich vor einer Stunde ins lange Wochenende verabschiedet. Die Wochenendausgabe ist heute erschienen, weil morgen ja Karfreitag ist. Ich habe nichts mehr zu tun und warte darauf, dass die Kollegin mit ihrem Kram fertig wird, damit ich ihn ins System stellen kann.
Die Woche war entspannt. Am Montag war im Goethe-Zentrum Autorenlesung von Bernhard Jaumann, einem deutschen Schriftsteller, dessen Krimis in Namibia spielen. Am Dienstag war ich ein bisschen zu lange im Roof of Africa. Ich habe mich mit den Wandergesellen, einem Kollegen und einem Gewerkschaftsanwalt verquatscht. Gestern hat sich der Tag leider ewig gezogen. Am Abend war mir trotz Müdigkeit ein bisschen langweilig, aber zum Glück kam mein Nachbar auf einen Tee vorbei. Jetzt folgen drei Tage Freiheit, bevor ich Montag wieder zum Wochenenddienst antrete.
Meinen neusten Erguss gibt es übrigens zu lesen unter: http://az.com.na/kultur-unterhaltung/spiel-mir-das-lied-vom-mut.424148