Review #1 // Exhibition // Josef Bauer // Works 1965âToday //
Grazer Kunstverein // 07.12.2013 â 23.02.2014
Josef Bauer
Von der FragwĂŒrdigkeit der Dinge
Am Boden liegen Elemente aus Eisen, so formiert, dass sie einen Ort (R O T, 2005) konstituieren und als Sprachspiel Bedeutung konservieren. Die Sprache als Bild definiert die Ausstellung als Tatort (1966).
Werke von 1965 bis heute, des 1934 in Wels geborenen Josef Bauer, sind von 7. Dezember 2013 bis 23. Februar 2014 im Grazer Kunstverein zu sehen. Nur die Glasfassade bildet eine transparente Grenze zwischen Innen und AuĂen. Schon im Vorbeigehen an den Fenstern wirkt das Arrangement der Objekte in den AusstellungsrĂ€umen poetisch und legt die Beziehung zwischen Sprache und Bild offen.
Zu Beginn nimmt man an, die Ausstellung gehe von einer Chronologie aus, doch entdeckt man immer wieder Werke, die schon einmal behandelte Ideen aufgreifen. Josef Bauers Arbeiten scheinen sich der zeitlichen Dimension zu entziehen (Z-T, 2008). Seine Auseinandersetzung mit spezifischen Fragestellungen, die er nie vollstĂ€ndig zu beantworten scheint, macht die RealitĂ€t zum Problem und drĂ€ngt ihn zur Reflexion und Analyse. Josef Bauer möchte die Distanz, die mittels Sprache zu den Dingen erzeugt wird, ĂŒberwinden. Dabei finden wir uns wieder, irgendwo zwischen Schrift, Farbe, Form, Beschaffenheit, Körper, Landschaft und Natur, wechselnd zwischen extremer Reduktion und elementarer Sinnlichkeit, Spannung und Fixierung.
Indem Josef Bauer durch Ă€sthetische Abstraktion mit den zeichenhaften, semantischen wie auch gegenstĂ€ndlichen, materialen QualitĂ€ten der (Kunst-) GegenstĂ€nde spielt, betreibt er Philosophie â will die Welt begreifen, sie erfassen und verstehen, und gelangt dabei an Grenzen â sprachliche wie materielle. Seinen Blick richtet er besonders auf die körperhaft-rĂ€umliche Dimension des Materials oder Zeichens und auf deren Beziehung zum Raum. Seine Methode den Raum zu âaktivierenâ, womit er vermutlich nicht ausschlieĂlich den sichtbaren, physischen meint, entfaltet am anschaulichsten im Griechenbeisl (1971) seine Wirkkraft. Es handelt sich um ein âVerstehen-wollenâ und um das Erkennen, sich nie endgĂŒltig sicher sein zu können.
Jedes wechselseitig sich beeinflussende Medium funktioniert nur durch Ăbersetzung und verdeutlicht ein âFassen-wollenâ (Körpergalerie, 1974), wobei dennoch nur vermittelt werden kann â zwischen Ereignissen in der Vergangenheit und dem Jetzt, zwischen einer Person und der Anderen.
Ob formal oder inhaltlich, die Ausstellung, die das neue, sich mit Kommunikation und Austausch befassende, Konzept des Kunstvereins spannend behandelt, möchte aktivieren und tut es auch. So wird man als Betrachter unwillkĂŒrlich dazu aufgefordert ĂŒber die persönliche Weltanschauung und Wahrnehmung nachzudenken. Josef Bauers materialisierte Denkprozesse werfen weitere Fragen auf, sie erklĂ€ren nichts. Die dabei geschaffenen Situationen illustrieren unterschiedliche RealitĂ€tsebenen, deren variable Erfahrbarkeit und die Mehrdeutigkeit eines Gegenstandes. Worte und dessen buchSTABEN (1968) sind einerseits Ă€sthetische QualitĂ€ten und besitzen andererseits Verweischarakter. So zeigt beispielsweise die am Computerbildschirm sitzende Katze, die das Mausen nicht lĂ€sst (1999), den Einfluss der Medien auf Josef Bauers Arbeit und die mögliche Symbolik demonstriert dessen Ambivalenz. Indem der Zuschauer plötzlich zeitlich und rĂ€umlich von einem Ereignis getrennt wurde, bei gleichzeitiger Unmöglichkeit diese Distanz zu ĂŒberwinden, erweiterte die Verbreitung des Fernsehens die Erfahrbarkeit von RealitĂ€t.
Von der Malerei kommend, beeinflussten immer auch andere kĂŒnstlerische Positionen Josef Bauers Schaffen. So denkt man beim Betrachten des in einem kleinen Seitenraum installierten Gedecks fĂŒr eine Person (1969) leicht an Joseph Kosuths One and three chairs (1965). Das betont seine konzeptuelle Arbeitsweise und das Bewusstsein, dass man sich immer nur anzunĂ€hern scheint an die Wirklichkeit, die âDinge an sichâ.
Das Interesse am VerhĂ€ltnis von Bild und Sprache waren ab den 60er Jahren fĂŒr Josef Bauer der Ursprung seines kĂŒnstlerischen Wirkens. Mittels Zeichen- und Sprachfragmenten erforscht er die Macht der Bilder und Worte und entwickelte dabei den Begriff âTaktile Poesieâ, welcher so etwas wie ein Schaffen, um zu begreifen meint. Mit Taktile Poesie, NackenstĂŒtze (1967) wird eine dialogische Verbindung zu den Arbeiten in der Members Library hergestellt. Dort wird unter anderem Franz Wests Pouf (2000) ausgestellt, das zum Anfassen und Hinsetzen einlĂ€dt. Betrachtet man nun Josef Bauers Arbeit, könnte man an Franz Wests PassstĂŒcke denken, so greifen diese ebenfalls den Gedanken auf, sich die Welt mithilfe der Kunst âanzueignenâ, mit ihr âumzugehenâ, zu âarbeitenâ, zu âspielenâ, um ihr wie auch den funktionslosen Objekten mittels Partizipation einen Sinn zu geben und zu beleben.
Der rote Boden im Eingangsbereich sowie der Teppich Tragedy (2011) von Nina Beier erinnern an die vorangegangene Ausstellung. Diesmal lehnt der Teppich jedoch zusammengerollt an der Wand im zweiten Raum, Ă€hnlich Josef Bauers MetallstĂ€ben, die eine Diagonale im Griechenbeisl (1971) bilden. Greift man aus dieser Rauminstallation ein Objekt heraus, scheint es, als ob Himmel und Erde durch die Heugabel, auf deren Griff Buchstaben angebracht sind, verbunden wĂŒrden. Dies könnte die VerschrĂ€nkung von Geistigem und Materiellem anzeigen, wobei die Heugabel als Metapher fĂŒr den Menschen verstanden, verankert in der Erde mittels der Freiheit seiner Gedanken gen Himmel strebe. Doch hat das Bild gleichzeitig etwas Statisches, Festes, das keine UnbekĂŒmmertheit zulĂ€sst.
Josef Bauers Bild-RĂ€ume werden zu Denk-RĂ€umen und so wie er die Welt mit einem Buch vergleicht und die Wirklichkeit, um zu ihrem Wesenskern vorzudringen, ĂŒber Sprache und einzelne symbolhafte Objekte zu analysieren versucht, möchte auch der Forschergeist in uns als Betrachter geweckt werden. Die Herausforderung dabei ist die Lesbarkeit der Zeichen, die Kommunikation und verstĂ€ndliche Vermittlung von Information, die zum Begreifen notwendig sind. Geht es nun darum, das zu erkennen?
Die Welt ist Josef Bauers Anlass, die Neugierde sein Antrieb und das Begreifen sein BedĂŒrfnis. Das Ich bildet mit der Welt immer wieder verschiedene Konstellationen, setzt sich mit ihr in Beziehung, formt daraus eine neue Kreation, um anschlieĂend zwischen Welt und Publikum zu kommunizieren und schlieĂt mit der Formel Ich = Welt, die etwa der Ausspruch âdie Kunst bin ichâ konkretisiert. So verdeutlichen beispielsweise die Konstellationen mit Frau Hatheyer (1971) die Wechselbeziehung zwischen dem Menschen (Bild, Objekt, Natur) und der Sprache (Buchstabe, Begriff, Vernunft).
Auf sich selbst verweist wiederum der Farbkörper (1989), eine leere Schachtel, die uns eine Erwartungshaltung erkennen lĂ€sst. Gleichzeitig könnte sie an Joseph BeuysÊŒ Intuition erinnern, das als Multiple 1968 in groĂer Auflage entstanden ist und in gleicher Weise mit unserer Vorstellungskraft spielt.
Auch Josef Bauers FarbtrĂ€ger (1988-1992) verdeutlicht seine Methode, mittels BerĂŒhrung begreifen zu wollen. Plakate, die er seiner Umwelt, in dem Fall der Stadt, entnommen hat, wurden abgerissen und bearbeitet, indem er die Fragmente mit Farbe in einen neuen Bedeutungszusammenhang setzt, Ă€hnlich dem Farbfeld (1981) im letzten Ausstellungsraum. Ebenso verweist Lob der OberflĂ€che (1987) auf ein Mehr der Dinge. Objekte dienen hier als Impulsgeber. Die buchSTABEN (1968) lassen an die Studentenrevolten desselben Jahres denken, als das Wort hoch gehalten wurde, um einen Wandel zu bewirken und auch Josef Bauers Handgreiflichkeiten machen seine Gesten des Herzeigens deutlich. Denn immer ist das Wort zur AufklĂ€rung notwendig und alles muss zuerst gedacht werden, damit eine Handlung folgen kann. So ist auch das und (2005), das Josef Bauers Verbindung zu Gerhard RĂŒhm und der Wiener Gruppe wie auch zur konkreten Poesie erkennen lĂ€sst, mit einer Erwartungshaltung verbunden und leitet gleichzeitig durch die AusstellungsrĂ€ume, die es dadurch öffnet, hinein in einen unsichtbaren Raum, der stets vorhanden ist, aber gedacht werden muss.
Die Ausstellung macht die Bedingtheit von Objekt und Sprache deutlich, dessen Ursache wir sind. So gibt es einerseits das Bild, das offen bleibt und das prĂ€zisierende Wort, das auf einen Bedeutungsbereich einengt und diesem offenbar unversöhnlich gegenĂŒbersteht. Aber vielleicht nehmen Josef Bauers Arbeiten gerade hier eine BrĂŒckenfunktion ein, zwischen dem Objekt und seiner Bezeichnung, wenn er die Frage stellt âWas weiĂ der Baum von seinem Begriff?â.
// Review by Bettina Landl
Verwendete Literatur:
âą Beaugrand, Andreas (Hg.), Josef Bauer. Ausstellung im Bielefelder Kunstverein April/Mai 1994Â
âą Gomringer, Eugen (Hg.), konkrete poesie. deutschsprachige autoren, 1972Â
âą Schmidt, Burghart, Farbnamen. Farbtheorie anders. Zu Josef Bauers konkreter Kunst, 2004Â
âą Zaunschirm, Thomas/Skreiner, Wilfried, Taktile Poesie 1965 - 1974. Graz, Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, 9.3. - 31.3.1974, 1974