Taiwan aus der Perspektive eines Radlers
Fahrradtouren haben sich mir seit meinem Bruch mit Städtereisen und dem Einsetzen einer generellen Sightseeingmüdigkeit als passende Reisemethode herausgestellt. Mit der Devise, dass ein Fahrrad, Muskelkraft und etwas Geld genügen um fast jeden Ort zu erkunden breche ich auf das Taiwan kennenzulernen, das nicht Taibei ist.
Was Ausrüstung anbelangt hatte ich Glück. Ich bekam das Fahrrad von Angelas Bruder, eine Satteltasche und andere Fahrradutensilien von Ken meinem Kollegen aus der Bigband. Selbst musste ich nur einige kleinen Anschaffungen tätigen: Fahrradregenjacke, Werkzeug, wasserdichte Box für Wertsachen, Tiefrierbeutel für den Rest und eine neue Digitalkamera.
Am ersten Morgen strample ich noch entlang meiner alltäglichen Busstrecke - über zwei Brücken - wo ich den Wind zu spüren bekomme, der sonst von mir unbemerkt am Fenster entlang weht, ich finde meinen Weg zu einem der vielen Fahrradwege entlang Taibeis Flüssen - dieser speziell (Xindian - Guting - Danshui) ist sonst meine häufigste Radstrecke. Erst in Xindian (新店) fühle ich so langsam wie ich mich vom Alltag in Taibei löse. Dort wechsle ich vom Radweg auf den Highway 9, der mir zu beginn noch einen kurzen Kampf im Stadtverkehr bietet bis er sich schließlich den Berg hinauf windet und mit der Besiedlung auch der Verkehr abnimmt. Ich strample und schnaufe gleichmäßig, schaue ab und zu in die Natur, deren grüne Schönheit mich durchweg begleitet und meist in den Hintergrund rückt, ich blicke ich auf den Asphalt. Egal wie nahe ich noch an Taibei bin, ab diesem Punkt bin ich losgelöst von meinem Alltag dort, nur noch Fahrrad fahren zählt.
Tag 1: Sanchong, Taibei - Yilan City via HW 9, ca. 90 km
Die erste Etappe führt mich von Taibei über den Highway 9 nach Yilan (宜蘭) an die Ostküste. Ich überquere also die Bergkette die sich zentral durch ganz Taiwan zieht. Entlang der Strecke sehe ich hauptsächlich Wald. Der Blick in die Weite der Täler ergibt eine Schichtung von verschieden intensiven Grüntönen. Die Strecke ist aber nicht komplett unbesiedelt, allerdings sind viele Gebäude die ich sehe verlassen und heruntergekommen - ein Hauptbaumaterial ist Wellblech. In gutem Zustand befinden sind die zahlreichen Tempel die in regelmäßigen Abständen am Wegrand auftauchen - ein Ersatz für Raststätten?
Andere Radfahrer treffe ich wenige, aber wer weiß wie viele sich parallel zu mir in die gleiche Richtung bewegen. Ansonsten rasen an mir ab und an Motorroller vorbei - die Fahrer teilweise in sportlicher Montur. Scheinbar ist der Highway auch Treffpunkt für Jugendliche die gerne sportlich fahren und sich dabei fotografieren. In Taiwan genau so wie in Deutschland gibt es für jede Freizeitbeschäftigung willige Hobbyfotografen für die Dokumentation. Selbst in der größten Einöde in den Bergen mitten auf dem Highway 9 bekomme ich essen in einem Restaurant im modernen, taiwanischen Ökostil - viel nackter Beton und Holz.
In der Gegend um Pinglin (坪林) ist der Wegrand schließlich von Teefeldern geprägt - bis zu Kniehohe Pflanzen mit dunkelgrünen Blättern (Wenshan in Pingling ist eines der bekanntesten Anbaugebiete für Baozhong Tee 文山包重茶, ein leicht fermentierter Tee). Der Aufstieg von Taipei erfolgte allmählich mit auf und abs. Der letztendliche Abstieg zur Ostküste geschah auf einen Ruck - ich darf ihn im kalten Wind und Nieselregen zurücklegen. Davor ergibt sich deshalb ein weiter Blick über Yilan County. Ein nicht unbedingt schöner aber faszinierender Anblick. Wo keine Häuser oder Straßen sind befinden sich bewässerte Parzellen, deshalb besteht die Oberfläche der Ebene hauptsächlich aus Rechtecken mit glatter Wasseroberfläche. Im Meer ragt zu meiner linken ein riesiger Fels aus dem Wasser - die wörtlich Übersetzte „Schildkrötenberginsel“ (龜山島).
In der Ebene angekommen ist der HW 9 eine gerade Linie gesäumt von Läden und Häusern mit verschiedensten Funktionen (Kirche, Polizeistation, Wohnhaus,...), einige in ihrer Architektur ziemlich merkwürdig - ich bin leider zu faul anzuhalten und meine Kamera heraus zu kramen. Falls man allerdings einen Architekturführer über Taiwan machen würde, wäre „Weird Architecture“ eine ergiebige Kategorie - schön aus meiner Perspektive sind nur sehr wenige Häuser - von alten abgesehen. Meine Unterkunft finde ich durch Nachfrage am Crêpes-Stand am Nachtmarkt - eine andere Kundin führt mich mit ihrem Roller zu einem Hotel (五洲大旅社) - es ist schon etwas in die Jahre gekommen - aber es gibt alles was man braucht, inklusive japanischem Porno, insgesamt für mich zum Sonderpreis von NT$ 600 statt 700 (我是學生,我沒有錢。).
Tag 2: Yilan City - Hualian via HW 9 & CR 193, ca. 128 km
Der zweite Tag beginnt mit klarem Himmel - ich bin sehr motiviert. Die heutige Strecke bis nach Hualian (花蓮) wurde mir als schönste und gefährlichste bei der Umrundung Taiwans beschrieben. Für mich wird es zwar nicht gefährlich, doch da ich mich nicht über den Straßenzustand informiert habe werde ich gleich am Anfang der Küstenstrecke zwischen Suao (蘇奧) und Hualian von Bauarbeitern gestoppt. Durchfahrt ist erst am nächsten Tag um fünf Uhr nachmittags wieder möglich. Beim zweiten Nachfragen bekomme ich den Tipp, dass ich mit dem Zug nur eine kurze Strecke - nach Dongao (東奧) - fahren muss und schon dann meinen geplanten Weg fortsetzen kann. Eine halbe Stunde später und ganze NT$ 24 ärmer bin ich bereits wieder auf dem HW 9 der irgendwie zwischen Meer und Klippen gequetscht wurde.
Die Betonwände an der Hangseite sind komplett moosbedeckt, es liegt eine kühle Morgenfeuchte in der Luft - angenehm bei Anstiegen, etwas frisch nach unten. Klippen und breite Kiesflussbetten wechseln sich ab. Etwas bedrängend sind nur die Betonmischer die von den Zementwerken kommen - insbesondere in den zahlreichen unterschiedlich gut ausgebauten und beleuchteten Tunneln.
Da es um die Mittagszeit sehr warm und sonnig wird kaufe ich in einer der ersten Ortschaften mit Conveniencestore Sonnencreme, was trotz Winter dringend notwendig ist, wenn man ärmellose Kleidung trägt. Zwei junge Taiwaner fragen mich ob ich mit ihnen im Restaurant gegenüber zu Mittag essen will. Einer der beiden umrundet Taiwan zu Fuß - bei unserem Zusammentreffen war Tag 44 von geplanten 50, die andere reist in Taiwan umher um Persönlichkeiten und ihre Geschichten aufzuzeichnen.
Kurz vor Hualian wird die Küste flacher und die Straße wieder gerade und stark befahren, deshalb wechsle ich auf die kleinere County Route 193 welche mich von der Hauptverkehrsstraße weg durch kleine Dörfer, lichte Wälder und schließlich auf einen Radweg im Netz von Hualian führt. In Hualian angekommen beschließe ich ein anderes Hostel als beim ersten Besuch mit David und Ari zu testen - dieses Mal das Formosa Backpacker Hostel: Es ist mit NT$ 450 in der Dorm sehr preiswert. Der Aufenthaltsbereich mit eigener Bar (Longdrinks NT$ 150), die leider sehr früh schließt ist mit einer gemischten Ansammlung von Sesseln gemütlicher als der Konkurrent, das Amigos Hostel. Dort wurden allerdings die Jalousien viel später herunter gelassen, was aber sicherlich von der Stimmung der Angestellten abhängt.
Tag 3: Hualian - Dulan via HW 11, ca. 146 km
Von Hualian aus hatte ich geplant die 170 Kilometer nach Taidong (台東) entlang der Ostküste innerhalb von zwei Tagen zurückzulegen. Ich folge nicht weiter dem HW 9 der im Landesinnern an der Küste entlang führt, sondern dem HW 11 direkt am Meer. Der HW 11 ist breit und wenig befahren (Höchstgeschwindigkeit 70 km/h). Es gibt durchweg einen extra Streifen, den sich Fahrradfahren und Motorroller teilen, zudem regelmäßig der Hinweis: „當心自行車“, in etwa „Gib Acht auf Fahrräder“.
Die Küste zeigt sich mir zunächst gehüllt in Morgendunst und greifbar und satt in der Mittagssonne. Am Streckenrand sind hauptsächlich Ferienwohnungen und B&Bs (民宿) in aller architektonischer Vielfalt - griechisch weiß und blau gehaltene Häuser sind häufig. Ab und zu eine Anhäufung von Häusern entlang der Straße. Mich erstaunt die Häufigkeit von christlichen Friedhöfen. Auch gleichen die Kirchen von außen bis auf ein Giebelkreuz den normalen Häusern - in den Städten fallen Kirchen durch markante Form und nachts grell, rot leuchtende Kreuze auf. Die Strecke ist weniger eintönig als ich dachte - nämlich bergig.
Die Mitte der Strecke wird durch den Touristen Hotspot Shitiping - 80 km von Hualian - markiert. Ein Ort mit charakteristischen Felsformationen an der Küste. Als ich dort ankomme ist es erst Mittag und außer einem kleinen Hafen, Hotels und Reisebussen voller Touristen vom Festland scheint es hier nichts zu geben, deshalb entscheide ich mich dazu weiterzufahren. Durch die große Anzahl von 民宿 die ich auf der bisherigen Strecke gesehen habe bin ich mir sicher auf der Strecke einen Schlafplatz zu finden.
Die nun folgende Strecke bis Taidong ist zudem der flachste Abschnitte der Ostküste - auch landschaftlich weniger imposant. Dafür nimmt die Anzahl der „Touristenattraktionen“ zu, auf die mit ihren offiziellen braunen Hinweisschildern mindestens so oft hingewiesen wird wie die auf eigentlichen Ortschaften. Ich passiere die in buddhistische Schreine verwandelten Höhlen Baxiandong (八仙洞), die Markierung des nördlichen Wendekreis der Sonne bei 23°26'16" nördlicher Breite und schließlich die Sanxiantai (三仙台), eine Insel mit drei großen Felsen, die durch eine kuriose Brücke mit acht Bögen mit dem „Festland“ Taiwans verbunden ist.
Es beginnt bereits dunkel zu werden, aber ich habe mir nun in den Kopf gesetzt den Abend in Dulan (都蘭) zu verbringen - das von Bekanntschaften und Reiseführern wegen der lokalen Kunstszene empfohlen wird. Ein Anruf im von mir angepeilten Hostel ergibt, dass ich noch 36 Kilometer bis zum Kilometer 146 auf HW 11 zurücklegen muss. Ich nehme in kauf im Dunkeln fahren zu müssen und komme kurz vor 19 Uhr - trotz sommerlicher Temperaturen geht die Sonne winterlich früh unter - in Dulan an. Ich finde mich schon gleich am gedeckten Tisch in der Hausnummer 102, dem farbenfrohen Ableger des Hostel Dulan 98. Ich bin der einzige Hostelgast. Am Tisch sitzen die Hostelbesitzer Barry und seine Frau, eine taiwanische Angestellte und zwei junger Männer - ein Engländer und ein Spanier - die nichts besseres zu tun haben, als Barry dem holländischen Expat und wie mir scheint Lebenskünstler beim Errichten einer Ferienwohnung in Dulan zu helfen.
Obwohl ich nach etwa 150 Kilometern unglaublich müde bin gehe ich noch ins Café der Zuckerfabrik, die als Ausgangspunkt der Kunstszene gilt. Ich unterhalte mit den zwei einzigen weiteren Gästen -寶蓮 und 君珈, die am nächsten Tag zufällig auf ähnlichen Pfaden verkehren werden. Das Dulan 98 und seine Ableger sind sehr empfehlenswert. Preisspanne NT$ 500 für Dorm und bis zu NT$ 1000 für Doppelzimmer mit Meerblick.
Tag 4: Dulan - Taidong, via HW 11, ca. 20 km
Da ich nun also fast die für zwei Tage geplante Strecke zurückgelegt hatte und meine Beine nach Auszeit schrieen, gönne ich mir einen Tag Pause in Dulan unter der grellen sonne. Die kleine Ortschaft ist geprägt durch entspanntes Surffeeling und die Kunst der lokalen Künstler - Abkömmlinge der Ureinwohner Taiwans. Die von einheimischen Künstlern für sich in beschlag genommene Zuckerfabrik ist das Zentrum der Aktivitäten, mit Cafés, Galerien und Ateliers. Allerdings finden sich im gesamten Dorf Spuren der Kunst. Viele Hauswände dienen als Leinwand für Gemälde mit modernen Stilmitteln und traditioneller Symbolik. Das Dorf ist auch unabhängig von der Kunst gemütlich - wenn man hinter die Hauptstraßenfassaden dringt - und mindestens einen Spaziergang Wert.
3.5 Kilometer den Hang hinauf befindet sich das Moonlight Inn (月光小棧), das einen phänomenalen Ausblick bietet - inkl. Lüdao. Dass ich es mit meinen müden Beinen bis dorthin geschafft habe verdanke ich einem jungen taiwanischen Pärchen, das mich nach ersten erstaunen in ihrem Auto mitgenommen hat - meine Beine streiken.
Den Nachmittag nutze ich um an einem Kiesstrand schwimmen zu gehen, den man nur erreicht, wenn man etwa 5 Kilometer nach Dulan direkt nach einer Bauruine, die wie ein „Schloss“ aussieht (das Gebäude hat ein kleines Türmchen) in einen kleinen Pfad einbiegt. Das schwimmen war entspannt bis mich die Angst vor der Kraft der Wellen und den Felsen im Wasser beschlichen hat. Am Abend lege ich die letzten 20 Kilometer nach Taidong mit minimalem Einsatz von Muskelkraft zurück, um mir im dortigen Kunstareal auf dem ehemaligen Eisenbahngelände ein Konzert anzuhören.
Das Hostel „Who knows?“ war meine Schlafstätte in Taidong (Dorm NT$ 500). Interessant - nicht unbedingt liebevoll - zusammengeschustert und sehr zentral aber schwer zu finden wird es seinem Namen gerecht. Zwar haben mir die Matratzen nicht so gut gefallen und mich plagten die ganze Nacht Moskitos aber interessant Gesellschaft im Hostel - Gäste und Freunde des Besitzers - haben dafür entschädigt.
Das Konzert selbst hat sich also Open-Mic-Night herausgestellt und an diesem Abend waren die Darbietungen eher durchschnittlich. Allerdings hat mir die aufmache des Veranstaltungsortes Tiehuacun 鐵花村 sehr gut gefallen. Ein offenes Areal, dass einem alternativen, kunstvollen Biergarten ähnelt, mit ein paar Läden und einem Gebäude mit Bühne. Der ehemalige Bahnhof in Taidong ist sehr zentral gelegen und wurde in ein Freiluftmuseum/Kunstareal/Fahrradpfad umgewandelt. Derartige urbane Projekte - bei denen leerstehenden Industrieanlagen oder öffentlichen Einrichtungen ein neuer Zweck gegeben wird finden sich in fast jeder Stadt Taiwans und machen die Lebensqualität um einiges besser. In Taidong ist das interessant, da sich durch die längliche Natur von Bahnhöfen/-Linien ein langer Streifen ergibt, der sich entlang der Innenstadt zieht.
Tag 5: Taidong - Fenggang via HW 9, ca. 98 km
Nach kurzer Besichtigungstour durch Taitung, wo es nach meinem Wissensstand sonst nicht so viel zu sehen gibt und einem Mittagessen in einem beliebten 50 Jahre alten Nudelrestaurant mach ich mich ein weiteres Mal auf den Weg mit unbestimmtem Ziel. Dieses Mal habe ich die 180 Kilometer zwischen Taidong und Kending - im äußersten Süden mental in zwei Tage aufgeteilt - es lief wieder nicht ganz wie geplant. Südlich von Taidong folge ich wieder dem altbekannten HW 9 - den ich für eine kurze Liaison mit dem HW 11 verlassen hatte - der Küste entlang bis Daren. Das Stück ist von leichten Hügeln, Klippen und Kiesflussbetten geprägt - mehr oder weniger eine Zusammenfassung von dem was ich bisher gesehen habe.
Die Besiedlungsdichte ist noch geringer als nördlich von Taidong, Conveniencestores und Betelnuss-Stände sind überraschend rar. Was zunimmt sind Fruchtstände am Straßenrand. Sie offenbaren: In dieser Region wird Zimtapfel (釋迦) angebaut.
Ich erreiche mein Ziel Daren schon am früheren Nachmittag. Eine Überquerung bis nach Kending ist zu gewagt, aber bereits mein Nachtlager suchen möchte ich auch nicht, also beginne ich die Überquerung der Berge bei Daren über den HW 9 zurück Richtung Westküste um dann über die, im Lonely Planet empfohlene, County Route 199 nach Kending zu gelangen. Die Berge sind grün und noch weniger besiedelt als alles was ich bisher passiert habe. Nach wenigen Kilometern Aufstieg und null passierten Übernachtungsmöglichkeiten bekomme bei einem Polizeikontrollpunkt die Auskunft, dass die Nächste in Fenggang zu finden ist - an der Westküste. Die Streckenangabe des Beamten ist sehr akkurat: Noch 8 Kilometer hoch und dann geht es 30 Kilometer bergab.
Dennoch hab ich in der Einsamkeit auf dem HW 9 die Hoffnung nicht ganz aufgegeben doch noch was zu finden. An der Abzweigung zur 199 wurde meine Hoffnung jedoch begraben. Es begann zwar tendenziell bergab zugehen, aber auch dunkel zu werden und zu regnen. Ein Wegposten meint, dass ich auf der 199 kein B&B (民宿) finden würde, ich könnte aber in einem verlassenen Haus schlafen. Die Umstände bringen mich also vernünftigerweise dazu dem HW 9 weiter bergab bis nach Fenggang zu folgen.
Ich passiere kleine Ortschaften mit erstaunlich prächtigen Häusern und zahlreiche Wintermelonen (西瓜) Stände. Allerdings keine 民宿. Landschaftlich bietet sich mir in dem Tal durch das der HW verläuft Abwechslung, mit rötlichen Felsen und Flussbett statt endlosem Wald wie beim Aufstieg auf der Ostküste.
In Fenggang führt mich die Auskunft über preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten zum frisch eröffneten B&B der lokalen 7-11-Betreiber - der Innenausbau ist noch im Gange. Ich zahle NT$ 600 für den bisher höchsten Komfort: weiße IKEA-Möbel, Bilderrahmen ohne Bilder und ein 7-11 nebenan.
Tag 6: Fenggang - Gaoxiong via HW 17 und Gaoxiong - Tainan via HW 1, ca. 123 km
Frühstück bei 7-11 - genau so typisch taiwanisch wie die Frühstücksrestaurants in denen ich bisher meine erste Mahlzeit des Tages zu mir genommen habe. Ich lasse Kending aus und fahre direkt nach Tainan (台南) mit einem Mittagsstop in Gaoxiong (高雄).
Unsicherheit bei den möglichen Routen führen dazu, dass ich den ganzen Tag auf einem starkbefahrenen Highway mit schlechter Luft fahre. Ich komme nicht umher mir meinen ersten Atemschutz - wie ihn die meisten Motorroller Fahrer tragen - zu kaufen. Unangenehm bei der Hitze, aber beruhigend. Die Westküste ist dichter besiedelt, flacher, der Verkehr unangenehmer. Dies alles lehrt mich über die Unterschiede von Taiwans Regionen, aber mir geht die Muse zum Fahrradfahren verloren.
Der Vollständigkeit halber erwähne ich, dass auf dem Weg nach Gaoxiong das Haupt-Wegrand-Produkt der Javaapfel (蓮霧) darstellt. Der hier als „schwarze Perle“ (黑珍珠) beworben wird.
Mittags erreiche ich Gaoxiong, dass mich mit unheilvoll aus dem Nebel ragenden Chemiefabriken und einer Kilometerlangen Hafenanlage begrüsst (Ich gebe zu, dass mir das imponiert - ungemütlich ist es mit dem Fahrrad dennoch). Gaoxiong selbst ist eine Stadt mit wenigen gemütlichen Ecken, selbst am Pier 2 - dem örtlichen Kunstareal herrscht hektische Stimmung.
Allerdings finde ich ein gutes, simples vegetarisches Restaurant. Die Speisewahl funktioniert wie folgt: Reis oder Nudeln? Nudeln! Trocken oder mit Suppe? Mit Suppe. Groß oder Klein? Klein. Macht NT$ 35 und satt.
Ich bin froh, dass Angela und ich uns für Tainan als Treffpunkt entschieden haben. Tainan ist ein mittelgroße Stadt, in der sich die gleiche Infrastruktur wie in jeder der Städte an der Westküste findet. Allerdings hat Tainan etwas besonders - die alte Hauptstadt scheint natürlicher gewachsen zu sein, die Relation zwischen Straßengröße, Anzahl und Streuung von Läden kommt mir nicht so verzerrt vor wie in Taibei. Wenn man von den Hauptstraßen - die wie anderswo von Schildern und Läden überflutet sind in die mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Seitengassen einbiegt bekommt man einen Eindruck davon wie Tainan früher ausgesehen hat. Nicht selten sieht man Häuser mit alten Backstein oder sogar Holzwänden. Die kleinen und großen alte Tempel wirken durch graue Steinkonstruktionen und weniger rote Verzierungen düster.
Wir verbringen zwei Nächte im preiswerten Yingwang Hotel - nur über kleine Gassen erreichbar. Die zentrale Lage entschädigte dafür, dass wir im 1828 Hostel, dessen Inneneinrichtung wir beim letzten mal in unsere Herzen geschlossen haben, keinen Platz mehr bekommen haben.
Von Tainan geht es mit dem Zug zurück nach Taibei, da ich keine Lust auf die stark befahrenen Westküstenstraßen habe. Ich bin etwas erstaunt, dass es nicht möglich ist Fahrräder mitzunehmen. Aber für NT$ 380 kann ich mein geliehenes Zweirad in der Bahnfracht aufgeben.
Stark gebräunte Oberschenkel, Nasenspitze und Schultern zeigen, dass ich auf dieser Winterreise besseres Wetter hatte als in einem durchschnittlichen deutschen Sommer. Dennoch wurde ich ein paar Mal besorgt gefragt, ob es denn nicht zu kalt sei um diese Jahreszeit Fahrrad zu fahren. Herzlich waren die zahlreichen „Jiayou“ (加油) Rufe, von Fußgängern, aus Fenstern vorbeifahrender Vehikel oder von Bauarbeitern die ich tagtäglich empfange.
Ich bin froh die Strecke zurückgelegt zu haben anstatt nur einzelne Orte zu besichtigen. Nicht nur da ich so meinem Austauschstudenten Alltag in Taibei entfliehen konnte. Die Strecke beinhaltet all diese interessanten Orte die ich nun kennengelernt habe, aber legte mir auch Taiwan in seiner Breite offen. Ich habe die Häufigkeit von Conveniencestores, 民宿 und Betelnuss-Ständen, landschaftliche Begebenheiten, Touristenballung, landwirtschaftliche und industrielle Variationen und die Abhängigkeit der Entwicklung einer Region von Verkehrslage observiert.
Konstant war die Dichte von Hunden - angekettet oder streunend am Straßenrand. Als ich mein Erstaunen darüber vorbrachte, dass meine Waden bisher verschont blieben bekam ich als Antwort: an der Ostküste beissen die Hunde nicht - nur an der Westküste. Ich bin mir nicht sicher ob ich das herausfinden möchte.
Fotos: http://www.flickr.com/photos/lebeger/sets/72157633739750385/