Heute ist ein sehr warmer früh-Frühlings Tag in Taipei. Einer dieser ruhigen, entspannten Tage an denen man auf wunderliche Weise viele Dinge erledigt ohne gestresst zu sein. Vielleicht liegt es an der Wärme, die mich anspornt, obwohl ich als Beger mit Plattfüßen und Hang zum Schweiß vor allem in der Fußregion nicht für warmes Klima gemacht bin.
Eine Warnung vorab, ich missbrauche diesen Artikel um meine eigene Gemütslage zu ergründen und mir selbst Klarheit zu verschaffen. Wen das nicht interessiert, der hat bereits wertvolle Sekunden seines Lebens mit lesen verschwendet und sollte SPÄTESTENS hier damit aufhören.
Über die letzten Wochen habe ich etwas mit mir selbst gehapert. Die übliche Selbstkritik zu mangelnder Zielstrebigkeit (Disziplin) bei den Dingen die ich erreichen möchte und meiner schrecklichen Entscheidungsunfähigkeit, sei es bei Kaufentscheidungen oder schlichtweg dabei den Fokus auf das Wesentliche zu finden, hüllt sich um mich als ein Mantel der Unzufriedenheit - das ist bei diesen Temperaturen natürlich unangenehm.
Das Problem liegt nicht darin, dass ich nicht erkenne wie ich mich ändern will, sondern dass ich mich bei der Ausführung oftmals verheddere. Vielleicht fehlt mir die nötige Klarheit über die Methodik mich selbst zu ändern. Ich verlange wohl auch etwas zu viel von mir selbst, wenn ich davon ausgehe dass sich in Folge eines Besserungsgedanken zwingend die Besserung materialisiert.
Doch auf den heutigen Tag hin - und hoffentlich auch darüber hinaus - sorgt vermehrter Aktionsmus für neuen Optimismus, wobei sich der Punkt an dem ich mich nicht mehr entwickeln wird nur im Moment besteht und sich stets verschieben und unerreicht bleiben wird. Diese Art von ständiger Selbstkritik kann mit einem Tinnitus verglichen werden, der zwar nicht aufhört im Ohr zu hallen, aber in den Hintergrund gerückt werden kann. Ich fühle mich am Anfang einer Transition von anhaltender Selbstkritik zum tatsächlich Aktionismus. Dies hängt sicherlich auch mit Angela zusammen die eine mir unerreichte Willenskraft besitzt und zudem kristallklare Gedanken - ein ideales Vorbild.
Den gestrigen Tag habe ich nach langer Abwesenheit mit einem Besuch im Fitnessstudio begonnen und in der Folge einen sehr zufriedenen Tag erlebt. Gelingt es mir regelmäßig morgens zu trainieren hat das zweierlei positive Auswirkungen. Für meinen Körper bedeutet das besser in Form zu sein. Damit werde ich nicht nur stärker, sondern nehme mich auch meiner Körperhaltung an, die zugegebenermaßen nicht sehr prächtig ist. Die einzige schöne Assoziation die ich mit meiner Körperhaltung habe ist die Betitelung als Lachs durch meine liebe Sino-Freundin Carina. Außerdem ist es toll zu wissen, schon trainiert und noch den ganzen Tag vor sich zu haben.
Eine weitere Entwicklung ist, dass ich mich meiner Ineffizienz bei der Lektüre annehme. Eine gute Voraussetzung dafür sind interessante Pflichtlektüren, was durch meine lektüreintensiven Seminare („Selected Readings on Contemporary Society and Culture of Taiwan“ und „Taiwan Fiction and Postwar Urban Experience“) gegeben ist. Tipps von Tutorin Angela und Lektüre am Ort des Geschehens helfen.
Lektüre am Ort des Geschehens ist genau so motivierend wie eine morgendliche Stunde im Fitnesstudio. Zum Beispiel schneiden diese Woche die Lektüren beider Seminare in ihrer Thematik den „228 Memorial Park“ in Taipei - mit seiner zentralen Lage und dem zugesprochenen Prestige kann er als Stadtpark von Taipei bezeichnet werden. Ich habe mich im Park an einen schattigen Ort zwischen etliche verweilende Rentner gesetzt und meinen Kopf in den Seminar-Reader (Buch mit Kopien der Pflichtlektüre jeder Semesterwoche) gesteckt. Was nicht sehr romantisch klingt hat meine Konzentration und mein Einfühlungsvermögen erhöht (Ausschlaggebend ist dabei natürlich auch, dass ich im Park meinen Laptop nicht dabei hatte). Dies trägt schließlich auch dazu bei, dass ich mich geistig mehr mit Taiwan verbunden fühle. In letzter Zeit hatte ich oft ein merkwürdiges Gefühl als würde ich durch Taiwan wandeln, aber zwischen mir und meiner Umgebung kein Austausch stattfinden.
Während der wöchentlichen Lektüre möchte ich auch zu einem gewissen Teil an meiner eigenen Methodik arbeiten und versuchen mir Hilfsmittel anzueignen die Texte besser zu erfassen und aufzubereiten.
In meinem Unzufriedenheitsmantel wurde natürlich weitflächig Mandarin verwoben. Dieses Semester habe ich - bisher - zwei Tandempartner mit denen ich auf chinesisch plaudre, was ich als sehr angenehm und hilfreich empfinde. In vielen anderen Situationen kann ich mich aber nicht ausreichend zusammenreißen und auf chinesisch bestehen. Das zu ändern ist etwas, dass ich in meiner Zeit hier auf jeden Fall noch erreichen möchte. Ein Notizbuch um, im Alltag, neu Erlerntes festzuhalten habe ich schon, jetzt muss ich nur noch meinen Willen stärken. Zudem habe ich nach umfassenden Plänen für dieses Semester entschieden die Zahl meiner Aktivitäten nicht zu groß zu fassen, was mehr Zeit für die Vorbereitung auf den Sprachkurs lässt. Tandem und Fortschritt im Sprachkurs machen mich sehr langsam aber stetig optimistischer.
Nach Woche Drei des Semesters bin ich zufrieden mit der Tendenz die ich mir bereits erarbeitet habe, allerdings gibt es noch viele kleine Baustellen die auf meine Zuwendung warten. Im Moment habe ich mich zufriedenstellend auf zwei Seminare und zwei Vorlesungen (als Gasthörer, um die Auseinandersetzung mit der Pflichtlektüre in den Seminaren nicht zu gefährden), Sprachkurs, zwei Tandempartner mit denen ich mich geschickt um meine Unitermine herum treffe, Swingtanz lernen, Fußball und Fitnesstudio, sowie Gelegenheitssaxophonist in einigen Bands (reduziert den Probeaufwand auf nahezu Null), festgelegt. Ich werde nicht in der Bigband teilnehmen, die Suche nach einem weiteren Club an der Uni aufgeben, nicht ehrenamtlich Arbeiten. Ich halte mir offen Klettern zu gehen - würde sich mit Fitnessstudio ergänzen, da denke ich ganz funktional - ab und zu im Jazzclub der Uni vorbeizuschauen, der den Charakter von Jazzworkshops/Jamsessions hat. Außerdem muss ich noch auf Anfragen als Saxophonlehrer und Deutschlehrer reagieren. Mein realer Wochenplan ist sehr klar, doch die weiteren Optionen machen ihn schwammig ohne das sie bisher materialisiert wurden. Das Problem: Ich kann mich sehr schwer von „Optionen“ trennen, muss jedoch zugeben dass mein momentaner Beschäftigungsgrad hervorragend ist und es mich belastet stets diese Optionen im Hinterkopf zu behalten. Eine Handlungsmaxime, die ich für mich erkannt habe ist deshalb, dass Entscheidungen oft nicht zwischen richtig und falsch getroffen werden, sondern es lediglich darauf ankommt eine Entscheidung mit dem ganzen Herz (blöde Metapher) zu treffen und nach getroffener Entscheidung die anderen Optionen auszublenden. Ich bin gerade dabei den zweiten schritt zu erlernen: die anderen Optionen auszublenden.