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Was war. Was wird. Von hehren Zielen und bitterem Scheitern
(Bild:Â Karsun Designs, CC BY-ND 2.0 )
Ein Land in Mittelamerika ist in aller Munde, auch in Hal Fabers. Doch wĂ€hrend die einen daran arbeiten, ihn ins rechte Licht zu rĂŒcken und die anderen verkrampft das Haar in der Suppe suchen, erinnert er daran, dass die EU die MĂŒnder schlieĂen will.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick fĂŒr die Details schĂ€rfen: Die sonntĂ€gliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist RĂŒck- wie Vorschau zugleich.
âEs wird uns zwar, so wie anderen Zeitungs=Schreibern, nicht möglich sein, die Weltbegebenheiten frĂŒher anzuzeigen, als sie geschehen sind; oder, als sie auswĂ€rtige Zeitungen der Welt berichten. Aber doch haben wir Anstalten getroffen, vermittels der besten Französischen, Englischen, Italienischen, HollĂ€ndisch= und Deutschen Zeitungen, und auch durch zuverlĂ€ssige Privat=Correspondenz die Nachrichten immer so bald zu erhalten, und in unsere Zeitungen einzurĂŒcken, als es andere von unseren Nachbarn thun können.â *** Oh, wie schön ist Panama, jenes Land der Kindheit, das man niemals verlassen möchte. Ganz anders als dieses Land zwischen SĂŒd- und Mittelamerika, in dem die Veröffentlichung der Panama Papers keine Konsequenzen hat. In dem man von einem âperversen Angriff auf unsere Nationâ spricht und gleichzeitig stolz ist auf das moderne Gesetz zu den âSociedades AnĂłnimasâ, das man 1984 von der US-Steueroase Delaware 1:1 kopierte. So entstand die laute und dreckige Panama City, von der Lufthansa gerade zum Reiseziel des Monats gekĂŒrt. Dort sitzt die von dem Deutschen JĂŒrgen Mossack gegrĂŒndete Kanzlei Mossack Fonseca in einem GebĂ€ude zusammen mit einer Privatklinik, in der sich kranke Klienten behandeln lassen können.
*** 11,5 Millionen Dokumente, insgesamt 2,6 Terabyte Daten, die mit Hilfe der Optical Character Recognition aufgetĂŒrmt wurden, was den Software-Lieferanten Nuix vor Stolz fast zum Platzen bringt. Das ist nicht alles. Angeblich 400 Journalisten arbeiteten insgeheim an dem Mordstrumm, natĂŒrlich ĂŒber das Internet verbunden und verschworen. Nach den Offshore-Leaks von 2013 mit 86 Journalisten und 260 Gigabyte Daten hat das ICIJ einen neuen Rekord gesetzt und zeigt dies mit einem Spielchen. Die zusammen arbeitenden 400 Journalisten sind also Helden. Denn sie stellen das her, was die tageszeitung als neue Weltöffentlichkeit feiert:
âDie aktuelle EnthĂŒllung ist nicht die erste des Netzwerks, aber die wahrscheinlich komplexeste, die je von investigativem Journalismus geleistet wurde. Einzelne Redaktionen könnten einen solch gewaltigen Datensatz in seinem globalen Kontext niemals entschlĂŒsseln. Seit einigen Jahren finden Journalisten erfreulicherweise Antworten darauf, wie sie zur vierten Gewalt in einer Weltgemeinschaft aufsteigen können.â
*** GroĂe Worte, die noch gröĂer werden, wenn Hans Leyendecker, der 500-Pfund-Gorilla des investigativen Journalismus seine Lehre vom Schmutz aufschreibt, gegen die Putin-Versteher, die die Veröffentlichungen mit der Gleichschaltung der Presse unter Goebbels vergleichen oder gegen die Informations-Verbieter.
âEine wirklich gute Nachricht ist, dass Journalismus funktioniert, obwohl es ihm ökonomisch an vielen Orten nicht gutgeht. Hunderte Journalisten aus aller Welt, aus unterschiedlichsten Kulturkreisen, haben sich zusammengetan, um die groĂe Geschichte mit den vielen Details aufzuarbeiten. Sie haben miteinander, und nicht gegeneinander gearbeitet, und ein Jahr lang dichtgehalten. FĂŒr viele ist es die Geschichte ihres Lebens, und sie werden dranbleiben. Mag der Teufel wissen, welches Motiv jeder einzelne von ihnen hat. Aber gemeinsam tun sie etwas fĂŒr AufklĂ€rung und gegen ungerechte VerhĂ€ltnisse.â
*** Gegen ungerechte VerhĂ€ltnisse veredeln die Journalisten die Arbeit von Whistleblowern zu Erkenntnis-Wunderwerken, wenn sich die Politik weigert, Whistleblower anzuhören. Eine schöne Vorstellung, die mit der RealitĂ€t wenig gemein hat. Denn ausgerechnet Europa, das ĂŒber die Steueroasen und ihre Bankgeheimnisse schimpft, steht in der nĂ€chsten Woche vor der Abstimmung ĂŒber eine neue Richtlinie zum Schutz vertraulicher GeschĂ€ftsinformationen und vor rechtswidrigem Erwerb sowie rechtswidriger Nutzung und Offenlegung, die dieser Form des aufklĂ€rerischen Journalismus den Garaus macht. Deswegen gibt es seit ĂŒber einem Jahr Proteste und Kritik von mehr als 400 Journalisten. WĂ€hrend der PrĂ€sident des Europaparlamentes davon schwadroniert, dass Steuerhinterziehung unsere Gesellschaft zerfrisst, kann man bei den den âLux-Leaksâ sehen, wie es mit dem neuen EU-Gesetz aussehen könnte, weil Luxemburg sich auf einen Ă€hnlichen Paragraphen beruft. Dort ist nicht nur der Whistleblower, sondern auch der Journalist angeklagt. Die Verhandlungen beginnen am 28. April.
*** Die Nachricht von den Panama Papers animierte die deutsche Piratenpartei zu frohlockenden Prognosen ĂŒber ihre islĂ€ndische Schwesterpartei, die mit Birgitta Jonsdottir bei vorgeschobenen Neuwahlen die MinisterprĂ€sidentin stellen könnte. Die Regierung ĂŒberstand zwar die Misstrauensabstimmung, doch bei den Piraten gibt man sich siegesgewiss als Hacker unserer bisherigen ĂŒberholten Regierungssysteme.
*** Buch macht kluch, sagt der Volksmund. Doch jedes Buch hat einmal ein Ende, wie auch das BĂŒcherschreiben. Der groĂe schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson ist tot. Mit seinem Aufruf fĂŒr Informationsfreiheit als BĂŒrgerrecht war Gustafsson ein UnterstĂŒtzter der schwedischen Piratenpartei. Er betrieb ein Schreibprogramm ganz eigener Art. Ăbersetzer von Rilke und dem groĂen Seamus Heaney. Autor von BĂŒchern und dem unverzichtbaren âHandbuch fĂŒr das Lebenâ. Mit seiner ErzĂ€hlung ĂŒber die Tennisspieler hinterlĂ€sst er eine der schönsten Computergeschichten in der Literatur. Da wird der Computer des Luftfahrt-Kontrollzentrums der Air Force von Fort Worth benutzt, um BĂŒcher von Strindberg und Pietziewzskoczsky in Gödelnummern umzuwandeln, damit sie Ă la mode de Vroniplag vergleichbar werden. Das Resultat ist unbekannt und liegt in einem einsamen Computer, der womöglich immer noch rechnet. Mit seiner Logik der Toleranz gab Gustafsson zuletzt nicht nur den Philosophen einen hĂŒbschen Zweisatz als Denkaufgabe.
âIn Fragen der Vernunft und der Freiheit haben Gesellschaften genauso wie Individuen eine klare Antwort zu geben. Sie mĂŒssen sich entscheiden. Es gibt hier keinen Mittelweg. Das gilt fĂŒr die BĂŒrger eines Landes genauso wie fĂŒr die Zugezogenen.â
*** WĂ€hrend Gustafsson sein Buch ĂŒber die schwedische Piratenpartei und die Verfasstheit von Schweden nicht mehr schreiben kann, gibt es zumindest in Deutschland einen Versuch, das Geschehen rund um die Piratenpartei zu reflektieren. Die Geschichte der Affenschande soll gedruckt werden, wenn Politik als Notwehr finanziert ist. Das Erbe der Piratenpartei ist jedenfalls keine Stange Geld, das nach Panama verschoben werden muss, nur eine bittere Erkenntnis mit dem piratenĂŒblichen Schuss Megalomanie:
Die Piratenpartei, wir alle haben es vergeigt. Wir haben das Projekt in den Sand gesetzt. Und das ist eine Affenschande: Es gab ein Zeitfenster, in dem alles möglich schien. Wir trieben die etablierte Politik fĂŒr einige Monate vor uns her. Beobachter wie Akteure: Alle waren sich einig, dass sich im parlamentarisch-politischen System dringend etwas Ă€ndern muss, und eigentlich war das unsere Aufgabe.â
Es geschieht nicht alle Tage, dass ein Geheimdienst sich unter die VerbraucherschĂŒtzer mischt. Ausgerechnet der britische GCHQ, anerkanntes Mitglied der âFive Eyesâ Ă€uĂerte sich besorgt ĂŒber die EinfĂŒhrung von Smart Metern in GroĂbritannien, weil diese intelligenten StromzĂ€hler allesamt mit demselben SchlĂŒssel verschlĂŒsselt wurden. Wie die Best Practice in Deutschland angesichts des Smart-Meter-Zwangs aussieht, will ein Workshop des CAST in der anstehenden Woche klĂ€ren.
Wissenschaftler haben mit ihren wissenschaftlichen Werkzeugen bewiesen, dass es ePundits gibt und die wichtigsten
Werbekarte von EDRI.ORG, passend zum anstehenden EU-Irrsinn deutschen e-Influenzler Jilian C York und Jon Worth sind, noch vor der einflussreichen Truppe von Netzpolitik. Die ruft unverdrossen zum Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung von Fluggastdaten auf, das wie der Schutz der GeschÀftsgeheimnisse in der kommenden Woche im Europaparlament verabschiedet werden soll. (mho)
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