OECD-Wahlbeobachter: Abschlussreport
Ein GlĂŒck, dass der Start meines Rennens um 9 Uhr nur knapp 300 Meter entfernt lag. Andernfalls wĂ€re mein Aufwachen fĂŒnfzehn Minuten vor dem Start etwas zu spĂ€t gewesen. Noch halb verschlafen lief ich dann meine 10 Kilometer und beendete das Rennen âWir laufen zu den Wahlenâ als gar nicht mal so schlechter 46. von insgesamt 281 LĂ€ufern in einer Zeit von 46:26 Minuten. Wie man allerdings den Bildern entnehmen kann, war es ein Kampf:
WĂ€hrend bei den niedersĂ€chsischen Landtagswahlen zwei Tage zuvor noch Schnee und Eis die Wahlbeteiligung beeinflussten, erwischte die gestrige Knesset-Wahl einen selbst fĂŒr Israel mit 26 Grad angenehmen Sommertag. Schnell geduscht, ging es dann also mit meinem guten Freund Nadav in seinen Heimatort Shavei Zion, nicht einmal 15 Kilometer von der israelisch-libanesischen Grenze entfernt. Nadav konnte den Zug kostenlos benutzen, um in dem Ort, wo er registriert ist, wĂ€hlen zu können.
Shavei Zion (auf deutsch: RĂŒckkehrer nach Zion) wurde 1938 von Juden aus dem schwĂ€bischen Rexingen gegrĂŒndet und zĂ€hlt heute knapp 700 Einwohner, von denen allerdings die wenigsten heute noch irgendwie deutsch im kulturellen Sinne sind. Dennoch sind viele Schilder in Shavei Zion auf Deutsch:
Unter anderem befindet sich dort auch ein von einer deutschen Familie gefĂŒhrtes Haus, wo Holocaust-Ăberlebende in Israel kostenlos Urlaub machen können. Ich hoffe allerdings die Deutschen haben sich dort nicht wegen den Ăberresten dieser byzantinischen Kirche angesiedelt:
Danach ging es zur Wahl. Ich durfte mal in die Wahlkabine lugen, mich an den Wahlzetteln bedienen und auch sonst "frei bewegen" (sprich Fotos machen). Meine persönliche PrĂ€ferenz habe ich ja schon mehrmals geĂ€uĂert und bekrĂ€ftige ich hiermit (obwohl sie spĂ€ter ja so lala abgeschnitten hat).
 Von symbolischer Bedeutung ist, dass die Wahl vor einem Boxring stattfand:
GestĂ€rkt mit Schnitzeln von Nadavs Mutter (es gibt nichts besseres als Futtern wie bei Muttern), fuhr ich dann nachmittags mit ihm nach Peki'in, einer höher gelegenen Ortschaft mit etwa 5.000 Einwohnern, deren Mehrheit drusisch ist. Ăber diese Gemeinschaft hatte ich ja schon mal geschrieben. Nicht muslimisch, nicht christlich, aber sehr gastfreundlich.
Bei Sahlab kamen wir am zentralen Platz Peki'ins mit ihnen ins GesprĂ€ch (es bedurfte ErklĂ€rung, wo Deutschland liegt â kein Witz!) und betrieben noch etwas Werbung fĂŒr Tzipi Livni (was erstaunlich einfach war), die als eine der wenigen jĂŒdischen Politikerinnen auch Plakate auf Arabisch klebte.
Auf dem RĂŒckweg hielten wir noch in Nahariya, der letzten gröĂeren Stadt (~50.000 Einwohner) vor der libanesischen Grenze. Auch diese KĂŒstenstadt wurde in den 1930er Jahren von deutschen Juden gegrĂŒndet. Vielleicht war es dieser Umstand (der Bach in der Mitte erinnerte mich an die DĂŒsseldorfer Königsallee) oder aber die sehr touristische AtmosphĂ€re, was dazu beitrug, dass mir Tempelhofs Partnerstadt (und von Bielefeld, Offenbach, Paderborn und Darmstadt...geht es noch langweiliger?) gefiel, jedenfalls fand ich Nahariya irgendwie sehr wohn- und lebbar â wenn der Libanon nicht zehn Kilometer nördlich immer wieder fĂŒr Probleme sorgen wĂŒrde.
Abends ging es dann zurĂŒck nach Tel Aviv und wir schafften es pĂŒnktlich zur ersten Hochrechnung um 22 Uhr zurĂŒck zu sein. Ăber das Ergebnis dĂŒrfte ja alles gesagt sein. Links-Mitte und Araber stehen sich mit den Rechten und Orthodoxen mit 60 zu 60 Sitzen gegenĂŒber, aber letzten Endes wird Netanyahu dank Lapid wieder MinisterprĂ€sident, aber voraussichtlich wird die kommende Regierung etwas mittiger anzusiedeln sein. Wenn bloĂ nicht dieser Bennett mit seinen Annektierungsphantasien wĂ€re.
Jedenfalls war es sehr spannend, die Knesset-Wahlen mal von innen zu erleben, mal davon abgesehen, dass mir die israelische Parteienlandschaft nun bekannt ist wie vermutlich nicht mal die deutsche.
Nachdem ich fast den ganzen Tag auf HebrÀisch unterwegs war, da ich bei Nadavs Familie als guter (deutscher) Gast gelten wollte und dann abends noch die ganzen Analysen und Reden auf HebrÀisch waren, war ich nach diesem intensiven Tag schlichtweg erschöpft. Hoffentlich sind die nÀchsten Wahlen nicht innerhalb des nÀchsten Monats...