16. Oktober 2019
Mit dem Zeitreisezug durch die 90er (ohne WLAN)
Durch diverse Umstände (Handwerkerbesuch zur Unzeit, Taxigebrauch, StraĂensperrung, Stau) verpasse ich den ICE, den ich eigentlich nehmen wollte, und der nächste Zug ist ein FlixTrain. Er kostet 20 Euro weniger, braucht aber sogar etwas kĂźrzer fĂźr die Strecke. Ich muss erst mal googeln, wie man da Ăźberhaupt an ein Ticket gelangt. Es ist nicht weiter schwierig, man kann auf der Website buchen. Die Betreiber wissen, was mich interessiert, und versprechen die Anwesenheit von Steckdosen und WLAN.
Der Zug, der dann einfährt, sieht wie ein schmutziges altes Fossil aus. Innendrin sind die Interregioabteile in 80er-Jahre-Pastellfarben, normalerweise Anlass zum UnglĂźck, weil garantiert ohne Strom und wahrscheinlich auch mit den beschichteten Fenstern, die Handyempfang nicht einmal dann hineinlieĂen, wenn es ihn drauĂen gäbe. Hier aber ist alles mit beruhigenden Aufklebern gepflastert:
Das WLAN allerdings ist wirklich sehr lahm, genau genommen eigentlich gar nicht vorhanden. Irgendwo mĂźssen die 20 Euro eben doch eingespart werden, denke ich. Erst nach einigen Stunden Fahrzeit erkenne ich das Problem, und zwar an der URL der nicht aufrufbaren Seiten: âreason=rejectâ steht da, und âreply=exceeded%20counter%20limitâ. Es gibt nur 150 MB fĂźr die Fahrt, und danach wird also nicht etwa gedrosselt, sondern man hat dann einfach kein WLAN mehr. Am Ostbahnhof bin ich eingestiegen, und die 150 MB mĂźssen schon in Spandau, also etwa zwanzig Minuten später, verbraucht gewesen sein. Eine Fehlermeldung gab es nicht. Naja, immerhin Steckdose.
Beim Herunterklappen des Tischchens in der Lehne des Vordersitzes fĂźhle ich mich endgĂźltig in die 90er Jahre zurĂźckversetzt:
Die Zeitschrift cât hat 1998 unter dem Titel âLĂśschzugâ Ăźber dieses Problem berichtet: Das Tischchen wird im unaufgeklappten Zustand mit Magneten am Vordersitz festgehalten, und im aufgeklappten Zustand kĂśnnen diese Magnete Festplatten und die Magnetstreifen von Bank- und Kreditkarten lĂśschen.
Ich suche zuerst am Handy (sehr sehr langsam), ob SSD-Festplatten auch auf Magnete reagieren. Da die Antwort "neinâ ist, stelle ich den Laptop mutig auf das Killertischchen. Zum GlĂźck habe ich Arbeit dabei, die ich auch offline erledigen kann.
Im Laufe der nächsten Stunden finde ich heraus, dass in einer bestimmten Position reproduzierbar das Display ausgeht. Irgendwas machen die Magneten also doch noch. Lukas Hartmann erklärt bei Twitter: âes ist der halleffektsensor, der normalerweise die magneten in der gegenĂźberliegenden gehäuseseite erkennt, wenn das gerät zugeklappt wird.â
Der Zug enthält Dinge, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe, zum Beispiel rustikale Kontrollpanels:
und die guten alten TĂźren zum Selbstaufkurbeln:
Ich habe keine Ăbung mehr im TĂźrenaufkurbeln und werde wegen meines zunächst ausbleibenden Kurbelerfolgs von einem Knopfhammer angesprochen. Aber es ist doch, wie ich vermutet habe, man muss nur ein paar Sekunden auf die zentrale TĂźrfreigabe warten. Wir sind hier schlieĂlich nicht in GroĂbritannien.
(Kathrin Passig)











