Venedig, Medizintechnik und Glasohrringe
Meine Frau und ich fahren im Februar zum ersten Mal in unserem Leben nach Venedig. Ich hatte eher eine Art überlaufenes Disneyland erwartet und entdecke stattdessen eine magische Stadt mit wenig Touristen. Wie alle anderen Besucher fahren wir natürlich auch auf die Glasinsel Murano. Wir lassen uns nicht von den Touristenfängern in die erstbeste Glasbläserei schieben, sondern landen mehr durch Zufall in der Werkstatt von Wave Murano Glass. Mit Begeisterung schauen wir jungen Menschen bei der Glasbläserei zu. Zurück in Venedig finden wir einen Künstler, der in seinem Laden Glasohrringe am Brenner herstellt und ich schaue ihm fasziniert bei der Arbeit zu. Natürlich lassen wir auch Geld für hübschen Schmuck dort …
Nach unserer Rückkehr zeige ich unserer zwölfjährigen Tochter die Videos von den jungen Frauen aus der Glasbläserei bei der sehr coolen Arbeit am Glasbläserofen. Ich erinnere mich an meine eigenen Experimente mit Glas als Jugendlicher am Bunsenbrenner und versuche gemeinsam mit meiner Tochter, kaputte Glasstrohhalme zu Glasperlen zu drehen. Das funktioniert mangels Temperatur leider nur ungefähr so gut wie angetrockneten Kleber aufwickeln.
Nach einer Recherche zum Thema Glasperlenherstellung weiß ich mehr: Man verwendet spezielle kleine Gasbrenner, die mit Propan und Sauerstoff betrieben werden. So was will ich jetzt auch haben, aber eigentlich möchte ich keine Druckflasche mit Sauerstoff im Keller neben dem Pelletslagerraum stehen haben, das ist mir irgendwie unsympathisch. Es gibt im Netz Forenbeiträge zum Thema, in denen vom "Konzi" die Rede ist und ich frage mich, was damit wohl gemeint ist.
Es stellt sich heraus, dass es eine Kategorie von medizintechnischen Geräten gibt, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte: Sauerstoffkonzentratoren. Da ich beruflich in einem Studiengang zur Medizintechnik unterrichte, war das durchaus überraschend und ich bin doppelt an das Thema angefixt. Sauerstoffkonzentratoren pressen die Umgebungsluft durch Zylinder, die mit Zeolith gefüllt sind, um, wie beim Filterkaffee, die kleinen Moleküle (Sauerstoff) durchzulassen und die großen Moleküle (Stickstoff) zurückzuhalten. Ein Kompressor, ein paar Magnetventile, eine Steuerung und ein paar Sensoren, fertig ist das Gerät. Viele Patienten sind dauerhaft auf diese Geräte angewiesen, weswegen sie mit hohen Betriebsstunden oft als Gebrauchtgeräte gehandelt werden.
Ich betreue an der Hochschule ein Praktikum "Embedded Systems", in dem Studierende verschiedene medizinische Geräte wie EKG oder Pulsoxymeter aufbauen und programmieren, und so ein Sauerstoffkonzentrator passt perfekt in unsere Aufgabenserie. Also betreue ich jetzt eine Bachelorarbeit, in der ein Student einen offenen Sauerstoffkonzentrator entwickeln soll, an dem die Studierenden im Praktikum lernen sollen, wie so ein System aus Sensoren, Aktoren und einem Display programmiert und parametriert wird.
In der Glasbläsercommunity werden ausrangierte Konzentratoren gebraucht gekauft und als Sauerstoffquelle für den Perlenbrenner eingesetzt. Spätestens an diesem Punkt war klar, dass ich das auch möchte und mich auf die Suche nach gebrauchten Konzentratoren und einem Perlenbrenner machen muss.
Ein paar Wochen auf Ebay-Kleinanzeigen bescheren mir einen geschenkten Konzentrator zur Selbstabholung. Das Gerät ist 25 Jahre alt und funktioniert natürlich nicht mehr.
Ich nehme es auseinander und ersetze erst mal ein paar morsche Schläuche. Das Zeolith ist feucht, ich trockne es im Ofen und fülle es wieder ein, aber der Konzentrator schaltet immer noch mit einer Fehlermeldung ab. Die Ventilbank ist auch defekt, aber das Ersetzen der Ventilbank hilft nicht weiter – der Sauerstoffsensor muss wohl auch defekt sein. Raus mit dem ganzen Quatsch – weder Drucksensor noch Sauerstoffsensor sind für meine Anwendung wichtig. Inzwischen ist klar, das Gerät ist ein Totalschaden, aber inzwischen geht es um meine Ehre als Bastler und ich kann es nicht wegwerfen. Also raus mit der CPU und ersetzt durch einen billigen Arduino. Die CPU hat ja nur die Aufgabe, den Kompressor einzuschalten und die drei Ventile nacheinander durchzuschalten, mehr braucht es nicht, um Luft durch einen Filter zu pressen. Diese letzte Maßnahme bringt es endlich und ich produziere 60-70%igen Sauerstoff bei etwa 3 l/min, das sollte genügen.
Den Perlenbrenner kaufe ich einer sehr netten Goldschmiedin ab, die keine Zeit für Glasbläserei hatte und in das Paket als Dreingabe gleich noch zwei Bücher zum Perlendrehen hineinpackt. Das Glas bestelle ich bei Ebay – es handelt sich um Stäbe aus farbigem Muranoglas.
Bis zu diesem Punkt habe ich alles in allem vielleicht 150.- EUR für sehr viel Bastelspaß ausgegeben und dabei viel gelernt. Zu Beginn drehen meine Tochter und ich Glasperlen und probieren viele der Ideen aus den Büchern. Nicht alles klappt und manche Perlen sehen aus, als ob man mit drei Jahren Blumen aus Knete gemacht hätte, aber hey – geschmolzenes Glas! Wenn das nicht cool ist.
Ich erinnere mich an den Ladenbesitzer in Venedig, der Glasohrringe am Perlenbrenner herstellt und versuche das auch mal. Das gelingt mir gut und es macht so großen Spaß, dass ich inzwischen fast jeden Abend am Brenner sitze und ein Design nach dem anderen entwickle. Nebenan röchelt der Zombie-Sauerstoffkonzentrator wie eine Dampflok im Dreivierteltakt, ein durchsichtiger Plastikschlauch geht vom Konzentrator zum Brenner. Am Boden steht die Propangasflasche, das Fenster ist gekippt und ich produziere Ohrringe im Dutzend für Familie und Freunde. Venedig ist wirklich einen Besuch wert!