Ich so eines schönen Tages: "Hallo, chirurgische Studenten-Sklavin! Du scheinst nett zu sein! Lass uns gemeinsam Sklave sein und einen lustigen Abend in der Notaufnahme verbringen!"
In unsere ihm sodann mitgeteilte Arbeitsmotivation interpretierte der Dienstplaner leider ein bisschen zu viel hinein, sodass wir uns am Freitag Nachmittag bei 36°C im Schatten in der Notaufnahme des Krankenhauses Motzenhausen rechts der Mecker wiederfanden. Immerhin ein vollklimatisierter Arbeitsplatz. Aber schon doof, wenn man in der Kaffeepause Selfies vom Meckerufer auf seinem Schmartfohn durchscrollt. Seis drum. Coole AssistenzĂ€rzte und wenige, dafĂŒr aber spannende Patienten trösten uns ĂŒber den verlorenen Freitagabend hinweg.
Frau Grawumbel hatte nun aus etwa drei Kilometern Entfernung durch das bei diesem Wetter sperrangelweit geöffnete Fenster ihres Pflegeheimzimmers mitbekommen, dass die beiden Dienst-Pjler gerade Kaffee trinken und sich angeregt ĂŒber Gott und die Welt unterhalten. Sie beschloss, all ihr Körperwasser auszuschwitzen und als völlig ausgetrocknetes Klappergestell mit dem Rettungswagen in unsere Notaufnahme zu fahren.
Ich höre mir zusammen mit Dr. Blitz und Dr. Kraushaar die Ăbergabe an und stelle durch wiederholtes Kneifen in Frau Grawumbels HandrĂŒcken fest, dass sie tatsĂ€chlich völlig exsikkiert ist. Also walte ich meines studentischen Amtes und versenke eine KanĂŒle in Frau Grawumbels HandrĂŒcken, um ihr sodann FlĂŒssigkeit ĂŒber die Vene einzuflöĂen. Dabei schreite ich zum ĂuĂersten (Ja, auch Ărzte tun ab und zu Erstaunliches!) und schaue mir meine Patientin ohne zwischengeschaltete Röntgenröhre an.
- "Oh", mache ich und zuppele sogleich an Dr. Kraushaars Kittel. "Guck mal, weiser kraushaariger Doktor. Die Patientin da hat einen Kopfverband! Was da drunter sein mag? Das hat der Rettungsdienst irgendwie nicht erwÀhnt."
Ich kann dem Rettungsdienstler dafĂŒr leider nicht böse sein. Es ist der riesig groĂe RTW-Fahrer mit dem knuffigen Babyface und den nicht enden wollenden Muskelbergen auf der Brust, welche tagtĂ€glich die schmachtenden Blicke von allen Ambulanzschwestern, einigen Pflegern und mir auf sich Ziehen. Ich schaue ihm beim Ausparken und wegfahren hinterher und konzentriere mich dann wieder auf Frau Grawumbel, unter deren Kopfverband sich eine wunderschöne Kopfplatzwunde verbirgt.
Das solide Patt mit 1:1 zwischen chirurgischem und internistischem Team zieht sich durch mehrere Runden von "Turf the trouble". SchlieĂlich tun wir so, als wĂ€ren wir erwachsene und studierte Menschen und beschlieĂen, Frau Grawumbel im Team zu behandeln. In diesem Rahmen gilt es auch, besagte Kopfplatzwunde zu nĂ€hen. HierfĂŒr wird die Chirurgische Dienst-Pjlerin abkommandiert.
Recht beherrscht und routiniert beginnt sie, sich das nötige Material zu suchen. Auch Frau Grawumbel lĂ€sst sich von der Notwendigkeit der Behandlung ĂŒberzeugen und wir nutzen das Zeitfenster ihres KurzzeitgedĂ€chtnisses fĂŒr eine lokale BetĂ€ubung. Plötzlich zuckt meine Kollegin zusammen und wedelt mit benutzter Nadel bedrohlich in dem stickigen, kleinen Behandlungskabuff herum.
- "SCHNAAAAAKE!", ruft sie hektisch.
- "ScHnAaAkKkEeEe!!!!1111eInSeiNsElf", ruft Frau Grawumbel.
Ich kann meine Kollegin davon ĂŒberzeugen, dass sie die Schnake mit der Nadel nicht treffen wird und versuche erfolgreich, das Vieh mit meinem EKG-Lineal in die Flucht zu treiben. Wir decken den Kopf von Frau Grawumbel steril ab und beginnen unter Aufsicht der Chirurgin mit der Hautnaht. Da nimmt die Schnake am anderen Ende der Notaufnahme Anlauf, fliegt an drei verdutzt dreinschauenden Medizinern vorbei und setzt zur klatschenden Bruchlandung auf dem sterilen Tuch an.
- "MĂ€h!", seufzt die Chirurgin, packt die Schnake angeekelt mit spitzen Fingern am Bein und wirft sie aus dem Fenster. "Naja, mach weiter. Nadel und Faden sind ja noch sterilâŠ"