Bezeichnend, dass ein Weltwoche-Artikel den Blick auf essenzielle Dinge richtet, die im groĂen Diskurs scheinbar verloren gegangen sind oder schon immer verloren waren:
"[...] Die Frauen sind die unbestechliche Jury, vor welcher der Mann das Drama seiner Existenz auffĂŒhrt. Seine Handlungen und seine Unterlassungen bleiben darauf abgezirkelt, die grösstmögliche Zustimmung einer grösstmöglichen Zahl von Frauen zu finden. Ohne dieses streng richtende Publikum fiele es dem Mann schwer, am Morgen aufzustehen. Zu kreativen Leistungen wĂ€re er schon gar nicht in der Lage. GĂ€be es die Frauen nicht, es gĂ€be weder Weltreiche noch kulturelle Meisterwerke. Ohne die Möglichkeit, die Frauen zu beeindrucken, wĂ€re der Mann nie aus der Ur-Höhle gekrochen, in die er von Gott geworfen wurde.
Zwischen den Geschlechtern kann es nie Ăbereinstimmung und schon gar keine Harmonie geben. Das MissverstĂ€ndnis ist der Dauerzustand, der das Zusammenleben von Mann und Frau erst interessant und sinnvoll macht. Die Frau ist fĂŒr den Mann das eigene RĂ€tsel in Gestalt. Sie ist die ihm gestellte Aufgabe, die er niemals löst. Auf dem Weg seines Scheiterns, die Frau zu verstehen, erkennt er immerhin sich selbst. Diesen Prozess fortschreitender Erkenntnis, die nicht an ihr Ende kommt, aber eine Verfeinerung der Sitten bringt, nennen wir Zivilisation.
Genauso wenig, wie es im christlichen Sinn Erlösung auf Erden geben kann, gibt es harmonische Beziehungen zwischen Mann und Frau. [...] Der Feminismus war das nicht minder ehrgeizige Bestreben, den dialektischen Kampf der Geschlechter durch Nivellierung aufzuheben. Erlösung durch Gleichschaltung auch hier: Aus Mann mach Frau, aus Frau mach Mann. [...]
[...] Wer zum Beispiel Frauen gewaltsam in mĂ€nnliche FĂŒhrungspositionen schieben will mit Quoten und Zwang, bleibt einem historisch widerlegten Weltbild verhaftet, das keine Unterschiede akzeptiert. Frauen und MĂ€nner aber sind nicht gleich. Sie leben und denken anders, sie handeln unterschiedlich und verfolgen andere Strategien, ihre Ziele zu erreichen oder sich im Leben zu verwirklichen. Der Versuch, die Differenzen einzuebnen, ist anstrengend, teuer und letztlich sinnlos. MĂ€nner und Frauen sind interessant, weil sie so verschieden sind.
Der Mensch muss die Entfremdung aushalten, in die ihn die Moderne katapultiert hat. Es gibt keine irdische Erlösung und auch keine Harmonie zwischen den Geschlechtern, aber es gibt produktive Spannungen, die uns fordernd klĂŒger und lebendiger machen. [...]"
â Roger Köppel, Die Weltwoche, Ausgabe 40/2013, Editorial: Frau und Mann.
Frau und Mann, ĂŒber sie spricht man heutzutage wie ĂŒber zwei entsexualisierte, ihrer Geschlechtlichkeit beraubte Rechtssubjekte. Die Frau hat es im Zuge des Feminismus vom biologicum zum abstractum geschafft.