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4
Montag 23.6.2014
Lieber Mich’, danke für das Buch, “Form der Unruhe” lese/las ich in seltsamem Kontrast zur Reglosigkeit zu der ich die letzten Wochen genötigt bin — wilde Mikrowesen “Streptokokken” nutzten winzige Chance zu Invasion und exponentieller Ausbreitung in meinem linken Unterschenkel: daher dann Schüttelfrost, Fieber, Verlust der körperlichen Integrität, der geistigen Spannkraft, Wundrose, Rotlauf kann tödlich sein: also Krankenhaus, System Medizin übernahm Gegenangriff und Päppeln, Antibiose, spezifische Liegelage, da konnte ich schon wieder lesen, halb bei Verstand — am Anfang las ich das Buch als sei auch dieses Fieber, es gibt da diesen Drive der Worte, einen Sog in die Entdifferenzierung, ein Verlangen nach Neuaufbau der real-Konstrukte, but do it yourself, ab jetzt alles mikrokristallin-fluid: das kenn ich, das kenn ich; so bin ich, so bin ich; so geschieht mir gerade, so geht es mir, just now. Inzwischen zuhause, wieder denkfähiger, versuche im Moment zu bloggen ... gleich muß ich mein Bein wieder hochlegen, ruhen, was auch irgendwie eine Form der Unruhe ist, jedenfalls bei mir. Schrecken x Kryptik. Das Unerwartbare, wie es da ist plötzlich, undeutbar, die prinzipiell unverstehbare Botschaft, im Kosmos befindet sich auf einmal ein Moment Chaos, ein Reiz, ein Juckreiz, Virulenz Neugier, haben wollen, dort drin sein wollen, der Kitzel des Fremden, der Gefahr, der Sog des Abgrundes, "Spring!", unter dem Abgrund ist der totale Abgrund, nichts ist, beruhige Dich, fall ruhig, im All draußen wird Fallen Schweben. Man kann Chaos provozieren. Wehe dem, der’s tut, die Welt öffnet, mit jedem Schritt öffnet der Pionier die Welt produzierend. Pioniere verbrennen. Wo ist der Pionier? Fußgänger des Neuen. Pan. Wo befindet sich der, der das Orakel erfindet? Die Methodologie der Mantik, die ganze Chose, muß mal, müssen mal Menschen erzeugt haben. Sehnsucht nach den Göttern, Deal von wegen Begünstigung von extern, Flucht aus was auch immer für Verhältnissen, klammen Engen, die Welt ist nicht genug. Ist der Erfinder des Orakels dem Orakel unterworfen? Die Adepten ja, die Laien sowieso. Die Deutungsspiele, die Übertragungen, die Anwendungen, wie konsequent auch immer, die Erfinder stehen isoliert unter Chaosfaszination gebannt bannend. Wirkung. Man will aber nicht verbrannt werden. Handhabe unganz. Achtung: gefährlich! Sei Erfinder. Nicht nachmachen.
Häute, Layer. Wasserzeichen. Ich habe angefangen, die Orakelpräparate, soweit ich sie ins Netz stelle, gegen rüde Übernahmen zu kennzeichnen. Orakel sind sie dennoch. Muß ich das noch sagen? – Spielen sogar raffinierter noch zwischen den Metamembranen. Diversifiziert, ab nun kann der Käufer wählen, mit oder ohne. Oder beides. Oder nichts.
Navire spatial Erysipel les aliens bulbeux, Streptoccoci ionesco-rhinoceri, Erythema migrans, zu dem rasenden Rotlauf reichte eine winzige Beschädigung der Außenhaut, Durchbruch, exponentielle Ausbreitung zwischen den Laminaten, überrannt, Gegenwehr schwach. Die Verdopplungsdynamik der Invasoren brandet gegen die Halbwertszeit der Membranen, dann dringt es nach innen vor, Auflösungsdynamik final, doch es braucht den Wirt, es wendet sich: am Ende ist das Schiff kaum mehr es selbst. Übernommen. Permutiert. Du bist die Anderen. Aber in Dir, tief drin, bist Du Du und Du und Du identisch ohnmächtig Gedankenlöser Abfall.
Do it yourself !

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3
Montag, 7.4. Dateien als Graphik auszugeben. Auf Monitore, im Druck. Sie sind auf Vervielfältigung angelegt. Bezugspunkte einer seltsamen Zentralperspektive, rückblickend.
Die Graphiken enthalten Photos von Unreproduzierbarem; reproduzieren Photos von Unreproduzierbarem. Zeigen was genau?
Jeweils. Jähweils. Zukunftshaltig?
Na und was soll’s! Ob man nun auf den Inhalt des Photos bezieht oder nicht; wenn jede dieser Graphiken überall vorkäme, änderte das was an ihrer Individualität, an ihrer Singularität sogar? Auch dann in seiner einen Einzigkeit, in seinem je unteilbaren Moment wäre jeder Klon individuell vorhanden. Da. Vorderhand, fürderhand. Und damit ist es auch das Orakel.
Wenn man sagt, eine Art reproduziert sich. Dann geht es um die fort und fort Pflanzung, um das Bestehen bleiben, um Varianten, um Evolution. Um Schub. Man findet viel später etwas wieder, ähnlich, folgerichtig, was man viel früher schon mal gemacht hat, so daß es noch und noch mal gemacht werden konnte.
Es ist jetzt Nacht, Marguerite Duras hat sich in ein Interview gekrallt, welches ich nebenher höre (arte, 00:59). Das Fenster ist offen, um den Geruch des Frühlings in mein enges, überfülltes Zimmer hineinzulassen. Der Schneeball schickt einen süßen Duft, den der Regen reinigt, ja, es regnet und glitzert im befremdenden Licht der Straßenlaterne, "… stärker sein, als das Geschriebene …".
"Der Tod einer Fliege – auch das ist der Tod." Ich glaube, sie sagte auch, ein Akt des Sterbens, eine Fliege erwähnt niemand. Ein gewaltiger Akt – Zappeln, ein Bein streckt sich langsam zum letzten Mal – des Sterbens; es sei gut, wenn einem das Schreiben so etwas näherbringt. Man kann sich ein Leben lang an das Sterben einer Fliege erinnern.
Authentizität. Habe ich die Photos bearbeitet? Sind sie noch der grundlegende Stoff, objektiv? "Ich werfe keine Blume weg. Hier im Haus." Auch nicht, wenn sie verwelkt sind. Das ist Tradition hier. Ich höre nicht auf, zu beobachten.
Objektiv subjektiv?
Wie sehr ich mich freue, daß ich im Unterschied zu jedem Wissenschaftler, meine private Subjektivtät nicht lahmlegen muß. Sind die Photos bearbeitet? Wären sie es, seien sie es, sollte es den Datensatz verfälscht haben? Wie sehr er tatsächlich von allen Seiten von allem verfälscht ist! Das macht wohl seine Reichhaltigkeit aus. Und wie wahr es ist, daß die Verfälschung umfassend zufällig ist! Die Muster passen nie.
Die Matrix reicht nicht hinüber.
Wahr ist ein Orakel durch seine Zufälligkeit: Nur wegen der Zufälligkeit, nur wegen der unfaßbaren Einzigsamkeit, weil nur diese Zufälligkeit vom Menschen unbeeinflußt ist – nur die Zufälligkeit, die den Menschen beinhaltet, ist von ihm unbeeinflußbar – weit getrennt (wenn es der Mensch nicht ist, der spricht, so müssen es die Götter sein) so daß die Götter hindurchklingen. Tanssonizität. Transluzidität. Transdivinität. Unverhaftet im Sinn. Im Orakel sucht man das Rauschen, um es zu deuten. Die Deutung ist das Hiesige, welches Überleben will. Es will alle Zukunft überleben. Alles andere wäre Aufgabe. Wessen Aufgabe ist das?
Zu träumen ist bereits deuten.
Nun, fast ist Mittag, hell draußen, Vögel singen, schwirren, Spatzenschwarm: Ich muß entscheiden, ob ich den Nachttext oben stehen lasse. Ich werde wohl. Er weckt Zweifel, er trägt sich, er beunruhigt mich. Peinlich erinner ich mich an mein Nacht-Ich, wie ich schlaflos die Wörter klaubte: die Duras als Rechtfertigung: "Jedes Buch hat, wie jeder Körper auch, seinen wunden Punkt. Unumgänglich. Und man muß bereit sein, diesen Fehler zuzulassen. Nur dann ist das Buch wahrheitsgetreu. Vrai. Véridique." Ich kenne das, diese Wunden können mich wochenlang und immer wieder zermürben, wirklich Schmerzen. Aber es ist meist nicht nur eine Wunde. Aber in diesem nächtlichen Text?
Gut, daß ich diese Nacht wenigstens das Interview mitgeschnitten habe. (Dokumentarfilm „Schreiben“ von Benoît Jacquot, 1993; http://www.arte.tv/guide/de/049885-000/marguerite-duras?autoplay=1 und http://www.ina.fr/video/CPD96002759)