Food-Basics: Was ist guter Essig?
Die einen marinieren ihren Salat oder wĂŒrzen ihr Gulasch damit, die anderen trinken sie als Digestif im Fine-Dining-Ambiente: Von Wien bis Japan werden die Essige von Erwin Gegenbauer als saures Gold gehandelt. Der wichtigste Erfolgsfaktor fĂŒr den Brauer selbst ist aber Abwechslung und die damit verbundene LebensqualitĂ€t.
Wien ist bekanntlich voller schöner Ecken, den offensichtlichen Charme der Stadt sucht man im Bezirk Favoriten jedoch vergebens. Seit eh und je kommt man nĂ€mlich in erster Linie hierher, um zu arbeiten. So auch Ignaz Gegenbauer, der 1929 in seiner hiesigen Fabrik als SauerkrĂ€utler begann, ins Einlege-Gewerbe wechselte und sein GeschĂ€ft mit dem GemĂŒse im Glas 1968 an die nĂ€chste Generation ĂŒbergab. Fast 25 Jahre spĂ€ter nahm Erwin Gegenbauer seinen Eltern einen GroĂbetrieb ab â und verkaufte ihn direkt.
Anstelle jenes Konservenimperiums, in dem QuantitĂ€t die QualitĂ€t zwangslĂ€ufig ausgestochen hatte, lieĂ er 1992 die kleinste, professionell betriebene Essigbrauerei der Welt einziehen. Wir treffen Gegenbauer zum GesprĂ€ch in der ehemaligen Pasteurisationsanlage, wo im heutigen Verkaufsraum charakteristisch gerillte Glasflaschen in bodenstĂ€ndiger Aufmachung reprĂ€sentativ dafĂŒr stehen, was in den angeschlossenen RĂ€umlichkeiten mit viel Leidenschaft produziert wird: reinsortige, jahrelang gereifte Essige.
Essensbildung statt blindes Vertrauen in Marketing
Anfang der Neunziger entwickelten die Leute zwar langsam einen Sinn fĂŒr gutes Ăl, Essig kam im kulinarischen Kontext aber gerade einmal als SĂ€uerungsmittel zum Einsatz. Erwin Gegenbauer gilt als AufklĂ€rer der Essigvielfalt, auf Marketing verzichtet er dabei jedoch aus Ăberzeugung. Die Konsumentenschaft solle sich nicht lĂ€nger von kunstvollem Verpackungsdesign oder Hollywoodstars in Werbespots ablenken lassen, sondern in eine Essensbildung investieren, um den wahren Wert des Produktes zu verstehen. Trotzdem bedarf es keinem intellektuellen Anspruch, denn bei Gegenbauer steckt die KomplexitĂ€t ausschlieĂlich in der Produktion.
Wo einst unter seinem GroĂvater abgefĂŒllt, etikettiert, verpackt und palettiert wurde, betreibt der Wiener neben der Essigbrauerei auch eine ĂlmĂŒhle, Kaffeerösterei, Saftpresserei, Bierbrauerei und fĂŒnf Zimmer fĂŒr GĂ€ste. Hinzu kommt ein nachhaltiger Kreislauf aus Urban Gardening mit Regenwassernutzung, Eier legenden und Fleisch bringenden HĂŒhnern, Honig produzierenden Bienen sowie Aquaponik fĂŒr eine kombinierte Fisch- und Pflanzenzucht. âMan drĂŒckt mich oft in die KĂŒnstlerecke, aber ich bin nur Handwerkerâ, gibt sich Gegenbauer bescheiden. Der beste Rohstoff ist fĂŒr ihn im Rahmen jedes Handwerks eine SelbstverstĂ€ndlichkeit, ĂŒber die er bei der Vermarktung seiner Produkte erst gar nicht spricht. Stattdessen erinnert er sich an seine GroĂmutter. Die habe immer gesagt: âWas du hineingibst, kommt heraus.â
Ăber die Optimierung von Obst
Fragt man Erwin Gegenbauer nach dem speziellen Reiz am Essigbrauen, kommt eine naturbedingte Laune zur Sprache, die jede seiner Produktionen zu einem gewissen Grad beeinflusst: âBei Weinen reden wir immer ĂŒber JahrgĂ€nge, aber kaum jemand spricht darĂŒber, dass es auch gute Brombeer-, Himbeer- oder Apfel-JahrgĂ€nge gibt.â Handelt es sich um einen durchschnittlich guten oder gar schlechten Jahrgang, zeigt sich eine mangelnde QualitĂ€t auch im Essig. An dieser Stelle kennt Gegenbauer kein Pardon: ErhĂ€lt er in einer Saison keinen astreinen Rohstoff, mĂŒssen seine Kunden eine Zeit lang auf eine bestimmte Sorte verzichten.
Weil Gegenbauer fĂŒr seine edlen Essige nicht nur an alte Apfelsorten wie Schafsnase, Trierischer Weinapfel und Bohnapfel herankommen, sondern diese auch noch reinsortig verarbeiten will, musste er einen Bauern bitten, seine Streuobstwiesen zu sortieren. âAls der meinte, dass ich spinne, habe ich wen von der UniversitĂ€t fĂŒr Bodenkultur vorbeigeschickt, um die jeweiligen Sorten bestimmen zu lassenâ, erklĂ€rt er. So wie jede Weinsorte unterscheidet sich nĂ€mlich auch jede Apfelsorte voneinander, was in einer ungeheuren Vielfalt von Apfelessig resultieren, aber auch in einem Ungleichgewicht enden kann.
Im Namen der QualitĂ€t ging Gegenbauer also noch einen Schritt weiter: âLogischerweise wird die SĂŒdseite frĂŒher reif als die Nordseite. Deshalb habe ich den Bauern auch gebeten, mir zuerst die eine Seite und je nach Witterung zu einem spĂ€teren Zeitpunkt die andere zu pflĂŒcken. Diese extra Arbeit kostet natĂŒrlich Geld, aber fĂŒr die Optimierung nehme ich das in Kauf.â Denn werden reife und unreife Ăpfel gemeinsam gepresst, schmeckt man die Disharmonie in der Reife schlussendlich auch im Essig.
Bio-Beeren ohne Bio-Zertifikat
Ăhnlich verhĂ€lt es sich mit Heidelbeeren, die Gegenbauer auf einer steirischen Alm ab 1.800 Metern Höhe einsammeln lĂ€sst, weil sie dort aufgrund der KĂ€lte anders wachsen und viel höhere FruchtsĂ€uren entwickeln. Ebendiese Beeren waren ĂŒbrigens der Grund dafĂŒr, warum der Essigbrauer 2016 aus âBioâ ausgestiegen ist: âFĂŒr meine Heidelbeeren, die Natur pur und noch nie mit irgendeinem DĂŒnger oder einer Chemikalie in Kontakt gekommen sind, bekam ich kein Bio-Zertifikat, weil die Alm fĂŒr Technokraten nicht zertifizierbar ist. Da hatâs mir gereicht.â
Laut Gegenbauer mĂŒssen kleine Hersteller das Vertrauen der Konsumenten sowieso auf andere Weise gewinnen als ĂŒber Labels auf dem FlaschenrĂŒcken. Dabei geht es um Transparenz, persönlichen Kontakt, den Gegenbauer an seinem Verkaufsstand am Wiener Naschmarkt pflegen kann und darum, dass seine Produkte eine Seele haben: âVom BefĂŒllen der Flasche bis zum Etikett wird bei uns alles mit der Hand gemacht.â In der Wiener Essig Brauerei werden nicht bloĂ FörderbĂ€nder aktiviert, die gesamte Produktion inklusive QualitĂ€tskontrolle geht auf eine Reihe von haptischen Momenten zurĂŒck â Gegenbauers Mitarbeiter sehen, riechen und schmecken seinen Essig auch.
Bakterien-Akribie
âZum GlĂŒck haben sich meine Produkte ĂŒber die Jahre teilweise von selbst perfektioniert.â Konkret verweist Gegenbauer auf jene Bakterien, die Alkohol in EssigsĂ€ure umwandeln. âBei jeder Zellteilung gibtâs eine Mutation und somit nicht diese eine universelle Essigbakterie. Das bedeutet, dass ich jede Bakterie auf ihren Wein hinzĂŒchten kann.â Eine Rieslingauslese 2017 impft Gegenbauer mit einer Rieslingsauslese-Kultur aus 2016, die wiederum aus der Rieslingsauslese des Vorjahres stammt. âDie Bakterie soll ihren Wein verstehen und mir bei der Umwandlung keine Aromen zerstören, was sie sonst gerne tutâ, erklĂ€rt Gegenbauer.
Mit der sogenannten Essigmutter, die bei ihm nicht wie gewöhnlich gallertartig, sondern flĂŒssig ist, hat er qualitĂ€tstechnisch einen riesigen Vorsprung, aber auch jede Menge Arbeit: Die Bakterien brauchen optimale Lebensbedingungen und sind auf Gegenbauers Wunsch hin so degeneriert, dass ein Stromausfall und etwa sechs Sekunden ohne Sauerstoff genauso verheerend fĂŒr sie wĂ€ren wie ein abrupter Temperaturunterschied von +/- 0,2 Grad Celsius. âHier kommt die zusĂ€tzliche Ăberwachung eines Computers ins Spiel â das ist keine Romantik, sondern High-Tech.â Zwar laufen die Prozesse mit der selbst entwickelten Technik halbwegs vollautomatisch, aber auf einige seiner Produkte muss Gegenbauer dennoch alle drei Stunden höchstpersönlich ein Auge werfen.
MaĂgebliche Unterschiede im Sortiment
FĂŒr all seine Essige hĂ€lt sich Gegenbauer an eine strikte Regel: Er arbeitet jeweils mit nur einem Rohprodukt, gemischt wird nichts. âIm Grunde erzeuge ich keinen Essig, sondern versuche ein Aroma, das ich in der Natur vorfinde, mit natĂŒrlicher EssigsĂ€ure sauer zu konservieren.â Deshalb nennt sich Gegenbauer auch am liebsten Aromen-Bewahrer â und alles, was das ursprĂŒngliche Aroma verfĂ€lscht, interessiert ihn nicht.
Gegenbauers Fruchtessig wird mittels doppelter GĂ€rung direkt aus der Frucht, also zum Beispiel aus Himbeersaft, erzeugt. Dieser wird mit Reinzuchthefe zur alkoholischen GĂ€rung gebracht, der entstandene Wein wird mit einer Reinzuchtkultur von Essigbakterien geimpft. Danach kommt es zur Essigfermentation unter kontrollierten Bedingungen und der Jungessig anschlieĂend zur Reifung in Glasballons. Andere Hersteller setzen Himbeeren in Apfel- oder Weinessig an. Das beeinflusst den Geschmack jedoch so wenig, dass nachgeholfen werden muss â mit Sirup oder Zugabe von SĂ€gespĂ€nen, um das natĂŒrliche Aroma der Frucht zu unterstreichen.
Weinessig: Aus Wein mit zwölf Prozent Alkohol erzeugt Gegenbauer Essig mit zwölf Prozent SĂ€ure. Anderweitig wird meist sechsprozentiger Essig verkauft, âdenn das ist das, was das Gesetz vorgibtâ. Die Industrie hilft sich weiter, indem sie verdĂŒnnt. Der Konsument kauft quasi einen viertel Liter Wasser in einem halben Liter Weinessig. âĂkologisch gesehen ist es ein Horror, wenn aus Sizilien zwei LKWs mit Weinessig durch Ăsterreich nach Hamburg fahren. Das ist einer zu viel.â Aber Gegenbauer sieht das Dilemma noch mehr von der kulinarischen Seite: âWird die SĂ€ure halbiert, werden auch Aromen und Extrakte halbiert â das tut mir weh!âDeshalb lĂ€sst er die alkoholische GĂ€rung von seinen Winzern bei sechs Prozent abstoppen und aus sechs Prozent Alkohol werden sechs Prozent SĂ€ure.
FĂŒr seinen Balsam-Essig kocht Gegenbauer etwa den Fruchtsaft von Quitten ein. Zucker wird konzentriert und lĂ€sst einen fast sirupartigen Saft entstehen, der zu sĂŒĂem Wein vergoren und mit abgestoppter GĂ€rung zu sĂŒĂem Essig wird. Der Rest passiert im Laufe von zirka fĂŒnf Jahren im Eichenfass unter freiem Himmel: âIm Winter hat der Essig seine Ruhephase, im Sommer arbeitet er.âStrahlt die Sonne darauf, bekommt es im Fass bis zu 65 Grad Celsius. Wenn das Wasser im Essig durch das Fass evaporiert, konzentrieren sich Aromen, Zucker und auch SĂ€uren. âIst irgendwann zu wenig Wasser in den FĂ€ssern, beginnen sie zu sehr zu trĂ€nen. Dann kommt der Essig in einen Glasballon in den Kellerâ, wo er bei 12 bis 16 Grad Celsius weiter reifen darf.
Exkurs: Balsamico
âVon den Italienern haben wir den Mythos, dass hochwertiger Balsamico ein gewisses Alter haben und dickflĂŒssig sein muss.âVermeintlich alt wird Balsamico laut Gegenbauer aber nicht von langer Lagerung, sondern nur durch die Zugabe von Verdickungsmittel. Denn ein Holzfass, wo das Produkt reift, bleibt nur so lange dicht, wie genug FlĂŒssigkeit im Produkt ist, weil Feuchtigkeit das Holz expandieren lĂ€sst. âHĂ€tte man im Fass wirklich dickflĂŒssigen Balsamico, wĂŒrde das Holz trocknen, sich zusammenziehen und der ach so wertvolle Balsamico auslaufen.â
Ăbrigens: WĂ€hrend 100 Milliliter Balsamico Tradizionale aus der Emilia Romagna zwischen 50 bis ein paar Tausend Euro kosten können, werden 0,5 Liter Balsamico im Supermarkt schon ab 0,99 Euro verkauft. Wie kann das sein? âWeiĂer Balsamico im Supermarkt ist halt nichts anderes als WeiĂweinessig mit weiĂem Traubensaft-Konzentrat. Bei den meisten Balsamicos fĂŒgt man noch Zuckercouleur, Karamell und Verdickungsmittel aus billigen Erdölderivaten hinzuâ, verrĂ€t Gegenbauer.
Mit einem weiteren Produkt belebt der Wiener eine lĂ€ngst in Vergessenheit geratene Trinkessigkultur und liegt mit seiner Idee, statt Alkohol etwas Basisches als Digestif anbieten zu können, voll im Trend. âTrinkessig, den man heute in China und Japan kriegt, ist gesund, aber grauslich. Viel besser ist eine Alternative aus einer Trockenbeerenauslese mit natĂŒrlichem Zuckergehalt.â Weil Gegenbauer diesen nur zu drei Prozent gĂ€rt, darf er ihn aber nicht Essig nennen, sondern verkauft, was mindestens sieben Jahre im Barrique-Holzfass im Keller lagert, deshalb als Edelsaure.
Werâs lieber alkoholfrei mag, fĂŒr den hat der Essigbrauer das sogenannte Tschopperl Wossa (wienerisch: Wasser fĂŒr Kinder) â eine zuckerfreie Limonade auf Essig-Basis, die Kinder ebenso ansprechen soll wie Top-Gastronomen, die sie im Weinglas zu Haute Cuisine servieren können. Das Highlight neben den mit KohlensĂ€ure versetzten Sorten Himbeere und Johannisbeere ist kalt gepresster Tomatensaft, der mit MilchsĂ€ure- und Essigbakterien zur Fermentation motiviert wird.
Illustration: Susann Massute
















