Liebe und andere Flatulenzen
Ich bin 29. Ich bin 29 und mag Seifenblasen. Ich bin 29, mag Seifenblasen und zwei-Euro-Weine. Ich nehme ich es lieber in Kauf, mich aufgrund von einem Glas zu viel billigem Fusel schlecht zu fĂŒhlen, als der Liebe wegen. Ein Kater verschwindet wenigstens nach einem Tag wieder. Die Liebe hingegen bahnt sich ihren Weg vom Gehirn, welches sie zu einem gequirlten Haufen ScheiĂe verarbeitet, ĂŒbers Herz direkt in den Magen und verursacht ein tagelanges KotzgefĂŒhl. Wenn das die sprichwörtlichen Schmetterlinge sein sollen, verzichte ich gerne. Im ernst: wo andere mit rosaroter Sonnenbrille auf Wolke Sieben schweben, kauere ich mich in irgendeine Ecke und versuche meinen GegenĂŒber nicht anzukotzen. Deswegen vermeide ich es lieber gleich, in solche Situationen zu geraten. Mein Credo: Man ist immer dann am glĂŒcklichsten, wenn man nicht verliebt ist. Warum? Weil man â in diesem Fall ich â frei ist. Frei von zermĂŒrbenden Gedanken, frei von irgendwelchen ZwĂ€ngen und Ăngsten. Denn mir bereitet das GefĂŒhl von emotionaler AbhĂ€ngigkeit einen flauen Magen. Ich bin ein typischer Wegrenner. Ich freue mich nicht auf ein Date, ich freue mich auf den Moment, wenn es endlich vorbei ist. Das mag ziemlich gestört klingen, aber fĂŒr GefĂŒhle kann ich nichts. Höchstens meine Eltern oder meine letzten âBeziehungenâ. Ich setze dieses Wort bewusst in AnfĂŒhrungszeichen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich denn jemals eine hatte. Zumindest eine ernsthafte. Ich glaube, ich bin da gar nicht im Stande zu. Ich will es auch gar nicht sein, denn jedes Mal, wenn ich jemanden mag, verfalle ich in eine Art Opferrolle. Ich bin dann ĂŒberhaupt nicht mehr ich selbst, sondern eine sehr armselige Ausgabe meiner selbst, die vor allem durch Attribute wie Ă€ngstlich, schwach und introvertiert besticht. Und weil ich so nicht sein will, versuche ich es erst gar nicht, so weit kommen zu lassen. NatĂŒrlich sind GefĂŒhle nur sehr schwer steuern, doch wenn die Schutzmauer erst einmal steht, ist der Weg ins Innere nur mit sehr viel Ausdauer zu erklimmen. Die meisten jedoch prallen einfach ab und gehen jĂ€mmerlich zu Boden. Das absurde dabei ist nur, dass meine emotionale Blockade auf viele MĂ€nner sogar geheimnisvoll und interessant wirkt. Es gab da mal einen Typen, der nannte mich immer âMysteryâ und dachte, er sei verliebt in mich. Ich hingegen fand dieses GestĂ€ndnis einfach nur schwachsinnig. Er kannte mein wahres Ich doch ĂŒberhaupt nicht. In was will er denn verliebt gewesen sein? Zugegeben, ich mache es anderen Menschen auch extrem schwer, mich wirklich kennenzulernen. Warum? Weil es die MĂŒhe meistens nicht wert ist. Ich weiĂ, das klingt alles ziemlich dĂŒster. Aber die Vergangenheit hat mich nun mal gelehrt, vorsichtig zu sein. Dabei fing alles einmal so schön an.
Das erste Mal verknallt war ich mit 14. Er hieĂ Jerry, war Schlagzeuger in der SchĂŒlerband und unglaublich sĂŒĂ. Unsere Blicke trafen sich das erste Mal in den weiten GĂ€ngen unserer Schule. Ich war zu spĂ€t dran und es war kaum noch jemand auf den GĂ€ngen. Ich hatte meine neuen Klamotten von Orsay an und fĂŒhlte mich ultimativ cool. Er kam mir entgegen und unsere Blicke trafen sich. Es war ein unglaublich intensiver Moment, der ein ganz neues MaĂ an GefĂŒhlen in mir auslöste: Ich war verknallt. Fortan suchten und fanden sich unsere Blicke fast tĂ€glich. Als sich dann auch noch herausstellte, dass meine Ă€ltere, coole Freundin mit ihm befreundet war und er gemeinsam mit seiner Band auf ihrer Sweet-Sixteen-Party spielen wĂŒrde, war der Weg geebnet. Unser Aufeinandertreffen auf der Garagenfete lief es dann genauso ab, wie ich es mir Abend fĂŒr Abend zuvor in meinem Zimmer ertrĂ€umt hatte. Wir schlichen uns nach drauĂen, legten uns auf den Boden und beobachteten gemeinsam die Sterne. Es war perfekt. Er war perfekt. Als ich dann um ein Uhr nachts gehen musste, gab er mir einen Kuss. NatĂŒrlich ohne Zunge, wir waren ja erst 14. Es war der 21. April 2000 und ich war so glĂŒcklich, wie noch nie zuvor. Ein paar Tage spĂ€ter klingelte dann das Telefon. Er hatte meine Nummer aus dem Telefonbuch. Beim ersten Versuch sei er allerdings bei meinen GroĂeltern gelandet. Wir verbrachten Stunden am Telefon. Ich erinnere mich noch an einen Samstag, es lief gerade der Eurovision Song Contest im Ersten und Stefan Raab nahm mit âWadde Hadde Dudde Daâ teil. Ich saĂ auf dem KĂŒchenboden und er erzĂ€hlte mir, ich habe schöne Ohren. Nach einigen Treffen, weiteren KĂŒssen und einer Telefonrechnung von ĂŒber 200 Mark saĂ er schlieĂlich am 21. Mai auf meinem Bett und fragte mich, ob ich mit ihm gehen wolle. Es folgten die drei glĂŒcklichsten Monate meines bisherigen Lebens. Wir haben stundenlang geknutscht, ein bisschen gefummelt, unendlich viel gelacht und uns unsere Liebe geschworen. Er ritzte sich ein âMâ auf dem Arm, ich ein âJâ, das mehr an einen Halbmond erinnerte. Auf Konzerten setzte er sich immer meine Sonnenbrille mit den gelben GlĂ€sern auf. Ich war sein MĂ€dchen, er mein heiĂ und innig geliebter Rockstar â bis zum 16. August. An diesem Tag rief er mich an und sagte mir, dass er mich nicht mehr liebte. In diesem Moment brach das erste Mal die Welt fĂŒr mich zusammen. Denn auch, wenn es sich schon zwei Wochen lang angebahnt hatte und ich an diesem besagten morgen schon wusste, dass dies der Tag sei, an dem er mich verlassen wĂŒrde, traf es mich mitten in mein kleines, heiles Herz. Plötzlich war alles nur noch scheiĂe. Ich verfiel in ein tiefes schwarzes Loch, hörte auf zu essen, weinte mir die Seele aus dem Leib und hörte mir unseren gemeinsamen Song âSupergirlâ von Raymond in Dauerschleife an. Er wollte diesen Song eigentlich zusammen mit seiner Band einstudieren, doch dazu ist es nicht mehr gekommen.
Circa ein Jahr spĂ€ter â ich nach langer Genesungsphase endlich wieder emotional stabil â kamen wir dann in eine Klasse und wurden beste Freunde. Naja, ich wurde seine beste Freundin und er war weiterhin mein Rockstar, den ich heiĂ und innig liebte. Wir saĂen im Unterricht nebeneinander und manchmal hielt er noch meine Hand oder kam zu mir nach Hause und legte seinen Arm um mich. Unsere Freundschaft hielt noch ein paar Jahre, bis wir uns aus den Augen verloren. Er fehlt mir noch heute. Noch immer idealisiere ich diese Beziehung. Eine Beziehung, die ich mit 14 hatte. Ich bin 29 und hĂ€nge noch immer an meiner ersten Jugendliebe. Doch so bescheuert und armselig das auch klingen mag, ist die Frage nach dem warum leicht zu beantworten: es war das einzige Mal, dass ich mich mit meinen GefĂŒhlen einfach fallen lassen und ich sein konnte. Völlig naiv und völlig ahnungslos, wie schmerzhaft die Konsequenzen sein werden. Heute bin ich schlauer. Vorsichtiger. Verschlossener. Gebrandmarkter. Kurzum: ich bin erwachsen geworden. VerhĂ€lt sich das Alter eigentlich proportional zu den Rissen im Herzen, Ă€hnlich wie die Ringe im Baumstamm? Meiner Meinung sollte es das.