Winter 2016/2017
Heizen bei Türkis und Kakao spätestens bei Orange
Vor einem Jahr habe ich zu Hause die nächtliche Treppenbeleuchtung automatisiert und damit den ersten Schritt zum Smart Home getan. Ich schrieb, dass mir nun die Zukunft offen stünde, da die Infrastruktur für weitere Intelligente Funktionen rund um das Haus ja nun da sei, aber mir fiel nichts Sinnvolles ein. Ich möchte eigentlich keine Steckdosen von unterwegs einschalten oder „das perfekte Licht für jede Stimmung ganz einfach mit dem Smartphone einstellen“.
Jetzt kann ich über den nächsten sinnvollen Automatisierungsschritt berichten.
Das Haus wird von einer selbst gebauten Zentralheizung und einem Kachelofen beheizt. Die Zentralheizung ist fürs Heizen und der Ofen für die warmen Füße und die Gemütlichkeit zuständig. Wenn man nicht das Nachheizen vergisst.
Wenn die Füße schon wieder kalt werden, denkt man ans Holznachlegen, aber dann muss man schon wieder mühsam in die letzte Glut pusten. Ich möchte schon länger etwas gegen dieses Problem unternehmen, aber all die Basteleien mit Temperatursensor und Warnpiepser erscheinen mir unattraktiv.
Erst als mir durch Zufall der bei Bastlern sehr beliebte ESP8266 begegnet, fügen sich die Puzzleteile zusammen. Es handelt sich um ein fingernagelgroßes Platinchen für wenige Euro, auf dem ein zwar langsamer, aber kompletter Webserver läuft, der verschiedene Ein- und Ausgänge steuern kann. Es gibt diverse Open-Source-Projekte, die Software dafür entwickeln.
Im Kachelofen hängt nun ein ESP8285, der Nachfolger des ESP8266 und schaut mit einem Infrarot-Thermometer auf das Rauchrohr. Die Temperatur wird regelmäßig via WLAN in den Keller gefunkt, wo auf einem kleinen Einplatinencomputer, dem RaspberryPi, eine Lichtsteuerung namens „Wireless Light Control“ und ein home automation server namens „Domoticz“ läuft. Auf diesem Server läuft ein Programm, das eine Philips Hue Lampe ansteuert, die auf dem Schrank im Esszimmer steht.
Bei 60 Grad am Rauchrohr des Kachelofens beginnt die Lampe langsam blau zu leuchten. Bis 100 Grad steigt die Helligkeit bei weiterhin blauer Farbe an, um dann bei weiter steigender Temperatur das Farbspektrum über Grün zu Gelb, Orange, Rot und Violett zu durchlaufen, bis das Rauchrohr etwa 230 Grad hat. Nachheizen sollte man also, wenn die Farbe wieder irgendwo zwischen Gelb und Türkis angekommen ist, außer man möchte bald ins Bett gehen.
Obwohl die kleine Platine, die die Temperatur misst, sehr sparsam ist, führt nun leider ein Kabel in den Kachelofen. Das gefällt mir nicht. Eigentlich könnte man das bisschen Strom aus der Abwärme des Rauchrohrs gewinnen. Ich habe auch schon die Teile dazu besorgt, aber es ist doch noch etwas Elektronik zu bauen, bevor ein Peltier-Element und Elektronik zum Energy-Harvesting den Strombedarf des Temperatursensors direkt aus der Abwärme decken können.
Ja – nun dient diese Philips Hue Lampe tagsüber und abends schon einem sehr guten Zweck, steht aber morgens nutzlos auf ihrem Schrank herum. Also habe ich ein zweites Programm geschrieben, das an Wochentagen um 7:00 blau leuchtet und dann bis 7:22 Uhr das Farbspektrum bis Knallrot durchläuft.
Im Idealfall sitzen die Kinder schon beim Frühstück, wenn das Licht zu leuchten beginnt. Bis Gelb sind neue Nutellabrote und noch ein Kakao kein Problem, aber ab Orange wird es kritisch. Bei Rot müssen alle zum Zähneputzen. Und wenn das Licht um 7:30 Uhr schon lange wieder verloschen ist und die Abfahrt unmittelbar bevorsteht, bringen sie mir die Probe zum Unterschreiben, fragen nach den fünf Euro für den Ausflug und suchen den Turnbeutel.
(Georg Passig)


















