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I thought I forgot how to draw for a minute there enid by @r0sereverie
Nebel von Silent Hill
1 Der Nebel fraß alles auf. Er verschlang die fernen Umrisse von Gebäuden, die Baumkronen am Straßenrand und schließlich das Gefühl für Zeit und Raum selbst. Es war kein gewöhnlicher Nebel. Er roch nach feuchter Asche, verbranntem Gummi und einer uralten, modrigen Vergessenheit.
Wednesday verlangsamte ihren Schritt nicht. Ihre schwarzen Zöpfe lagen reglos auf ihren Schultern, während ihre dunklen Augen die triste Umgebung absuchten. Für sie hatte diese Einöde fast etwas Tröstliches. Keine schreienden Farben, keine nervtötende Fröhlichkeit – nur das monotone Grau einer sterbenden Welt.
„Wednesday, das ist keine Abkürzung zurück zur Nevermore-Academy“, flüsterte Enid. Ihre Stimme zitterte leicht. Sie umklammerte die Riemen ihres pinkfarbenen Rucksacks, als könnte dieses kleine Stück bunte Zivilisation sie vor der heraufziehenden Dunkelheit beschützen. Ihre hellen, pastellfarbenen Haare wirkten in dieser aschegrauen Umgebung wie ein Fremdkörper, ein kleiner, trotziger Fleck voller Leben im Angesicht des Verfalls.
„Natürlich ist es das nicht“, erwiderte Wednesday mit ihrer gewohnt monotonen Stimme. „Wir haben die Grenze des rationalen Raums vor genau drei Kilometern überschritten, als das GPS unseres Transporters anfing, rückwärts zu zählen.“
Sie blieben gleichzeitig stehen. Direkt vor ihnen ragte ein verrostetes, von der Zeit zerfressenes Schild aus dem feuchten Boden. Die eisernen Buchstaben waren kaum noch zu entziffern, doch die Botschaft war unmissverständlich:
WELCOME TO SILENT HILL
„Silent Hill…“, murmelte Enid und sah sich panisch um. Die verlassenen Schaufenster der Hauptstraße starrten sie wie blinde Augenhöhlen an. „Das klingt nicht nach einem Ort, an dem man sein Wochenende verbringen möchte. Hier ist es viel zu still. Selbst die Vögel schweigen.“
„Das ist das Beste daran“, sagte Wednesday. Sie trat näher an das Schild heran und fuhr mit ihren Fingerspitzen über das kalte, korrodierte Metall. „Spürst du das? Der Boden vibriert. Als würde die Stadt atmen. Sie wartet auf etwas.“
„Oder auf jemanden“, fügte Enid hinzu, während sich ihre Fingernägel unwillkürlich in scharfe, bunte Wolfskrallen verwandelten. Ihr innerer Wolf war im Alarmzustand. Jede Faser ihres Körpers schrie danach, wegzurennen, so weit wie möglich. Doch sie konnte Wednesday nicht allein lassen. Wednesday würde wahrscheinlich versuchen, sich mit den lokalen Monstern anzufreunden oder sie zu sezieren.
Plötzlich zerriss ein Geräusch die erdrückende Stille.
Es war ein tiefes, mechanisches Heulen. Eine Sirene, die von weit her widerhallte, dumpf und klagend, als würde die Stadt selbst vor Schmerz aufschreien. Das Geräusch schwoll an, kroch ihnen unter die Haut und ließ das verrostete Schild erzittern.
Mit dem Heulen der Sirene veränderte sich die Luft. Sie wurde heißer. Der dichte, weiße Nebel begann sich zurückzuziehen, doch was er dahinter freigab, war weitaus schlimmer: Die Realität schien wie verbranntes Papier abzublättern. Dunkle, rostige Gitterstrukturen traten an die Stelle des asphaltierten Bodens, und von irgendwoher unter ihnen drang das rötliche Glühen eines unterirdischen Feuers herauf.
Enid wirbelte herum und blickte zurück den Weg hinauf, den sie gekommen waren. „Wednesday, wir müssen weg. Jetzt! Da kommt etwas.“
Aus den Schatten der verlassenen Gebäude schälten sich bizarre, asymmetrische Silhouetten. Sie bewegten sich ruckartig, unnatürlich, begleitet vom Quietschen von Metall auf Beton.
Wednesday drehte langsam den Kopf. Ein seltenes, kaum wahrnehmbares Zucken umspielte ihre Mundwinkel – der Ansatz eines zufriedenen Lächelns. Sie griff in ihre Manteltasche und zog ein kleines, silbernes Skalpell heraus.
„Endlich“, flüsterte sie, während die Dunkelheit von Silent Hill sie vollständig umschloss. „Ein Ort, der hält, was er verspricht.“
2 Der Albtraum erwacht
Der Übergang war schmerzhaft laut. Das Kreischen von Metall, das auf Metall rieb, drang tief in ihre Ohren, während die vertraute graue Straße wegschmolz wie brennender Kunststoff. Als das Heulen der Sirene endlich verebbte, war von dem dichten Nebel nichts mehr übrig.
An seine Stelle war eine ewige, rostige Nacht getreten.
Die Straße unter ihren Füßen bestand nun aus dicken Industrie-Gittern, durch die von weit unten ein krankhaftes, orangefarbenes Glühen heraufschien. Es roch intensiv nach Blut, verbranntem Fleisch und dem süßlichen Duft von Verwesung.
„Das... das ist nicht mehr New England“, wimmerte Enid. Ihre Krallen zuckten nervös. Sie drängte sich eng an Wednesdays Rücken, während ihre Augen versuchten, die Dunkelheit zu durchdringen. Die bunten Farben ihrer Jacke und ihrer Haare wirkten unter dem dreckigen, fahlen Licht der brennenden Tiefe fast aschig, als würde die Stadt versuchen, ihr das Leben auszusaugen.
„Natürlich nicht“, sagte Wednesday, deren Stimme so ruhig war, als würde sie ein Buch in der Bibliothek von Nevermore lesen. Sie betrachtete fasziniert eine dicke, schwarze Flüssigkeit, die von einer rostigen Kette über ihnen herabtropfte. „Das hier ist eine metaphysische Manifestation von kollektivem Trauma und Schuld. Eine architektonische Meisterleistung der Qual.“
Bevor Enid antworten konnte, ertönte ein nasses, schlurfendes Geräusch.
Aus der Dunkelheit vor ihnen trat eine Gestalt. Sie war vage menschlich, doch ihr Kopf war in eine groteske, keilförmige Pyramide aus rostigem Eisen gehüllt. Die Kreatur schleppte ein gigantisches, fast zwei Meter langes Messer hinter sich her, das ein ohrenbetäubendes, kreischendes Geräusch auf dem Metallgitter hinterließ. Aus den Wänden links und rechts von ihnen schälten sich weitere, kleinere Wesen – gesichtslose Gestalten in zerrissenen Krankenschwesteruniformen, die sich in abgehackten, zuckenden Bewegungen auf die beiden Mädchen zubewegten.
„Wednesday!“, schrie Enid auf. Ihre inneren Wolfsinstinkte übernahmen die Kontrolle. Mit einem lauten Fauchen trat sie vor ihre Freundin, die Krallen kampfbereit erhoben. Ihre Augen leuchteten in einem wilden, goldenen Licht. „Wir müssen rennen! Das Ding mit dem Messer sieht nicht so aus, als wolle es nur reden!“
„Ein faszinierendes Exemplar“, murmelte Wednesday und trat einen Schritt vor, um den Pyramidenkopf genauer zu mustern. „Die Proportionen deuten auf eine physische Verkörperung von reinem Henkerszorn hin. Ich frage mich, ob sein Blutdruck proportional zur Masse seiner Waffe ist.“
„Wednesday, beweg deinen düsteren Hintern!“, kreischte Enid, als eine der zuckenden Krankenschwestern mit einem rostigen Skalpell nach ihr stach.
Mit einer schnellen, fließenden Bewegung wich Enid aus und schlug mit ihren Krallen zu. Die scharfen Krallen rissen tiefe Furchen in die Brust der Kreatur, die mit einem dumpfen, zischenden Laut zurückwich. Doch anstatt zu bluten, quoll nur schwarzer, teerartiger Schlamm aus der Wunde.
Wednesday beobachtete das Spektakel aufmerksam. „Interessant. Keine organische Zellstruktur. Es sind reine Trugbilder, genährt von unserer eigenen Psyche.“ Sie sah zu dem riesigen Henker auf, der sein gewaltiges Messer langsam über den Kopf hob. „Was bedeutet, dass sie nur Macht über uns haben, wenn wir ihnen die entsprechende Nahrung liefern.“
„Und was genau ist ihre Nahrung?!“, rief Enid, während sie einer weiteren Kreatur auswich.
„Angst“, antwortete Wednesday schlicht. Sie steckte ihr Skalpell wieder ein und verschränkte die Arme. Sie sah dem herannahenden Pyramidenkopf direkt in die schwarzen Spalten seines Helms. „Und ich habe vor nichts Angst. Außer vielleicht vor einer Überdosis Optimismus.“
Der Pyramidenkopf verharrte mitten in der Bewegung. Das riesige Messer blieb zentimeterweit vor Wednesdays Gesicht in der Luft hängen. Es war, als würde die Kreatur zögern, verwirrt von der absoluten, eiskalten Ruhe, die von dem schmächtigen Mädchen in der Schuluniform ausging.
Doch für Enid galt das nicht. Die Dunkelheit der Stadt schien ihre tiefsten Ängste anzuzapfen: Die Angst, nicht gut genug zu sein, die Angst vor der Einsamkeit, die Angst, von ihrer Familie verstoßen zu werden. Mit jedem Atemzug, den sie in dieser verrotteten Welt tat, fühlte sie sich schwächer, während die Kreaturen um sie herum nur noch lauter und aggressiver kreischten.
„Wednesday...“, flüsterte Enid, und das goldene Leuchten in ihren Augen begann zu flackern. „Es tut so weh. Mein... mein Kopf...“
Wednesday bemerkte sofort, wie sich Enids Haltung veränderte. Das bunte, laute Mädchen drohte im Sog dieser depressiven Hölle zu ertrinken.
„Enid, sieh mich an“, befahl Wednesday mit einer ungewohnte Schärfe in der Stimme. Sie trat an Enids Seite und legte ihr eine überraschend feste Hand auf die Schulter. „Lass dich von dieser drittklassigen Geisterbahn nicht einschüchtern. Du bist ein Werwolf der Nevermore-Academy. Du hast einen unbändigen Drang zur Zerstörung in dir. Nutze ihn.“
Enid sah Wednesday aus tränenfeuchten Augen an.
„Und außerdem“, fügte Wednesday leise hinzu, „werde ich niemanden sonst finden, der meine Vorliebe für absolute Stille mit so viel nervtötendem Geplapper ausgleicht. Wir gehen hier zusammen raus. Und wenn wir diese Stadt dafür niederbrennen müssen.“
Ein Ruck ging durch Enid. Das Gold in ihren Augen flammte heißer und heller auf als je zuvor. Ein tiefes, grollendes Knurren entwich ihrer Kehle. Sie war nicht mehr die verängstigte Schülerin. Sie war das Biest.
Mit einem gewaltigen Satz sprang Enid nach vorne, direkt auf den Pyramidenkopf zu.
3 Das Finstere Herz
Mit einem wilden, animalischen Schrei stieß sich Enid vom rostigen Metallboden ab. Ihre Krallen blitzten im rötlichen Schein der Tiefe auf, als sie sich auf den Pyramidenkopf stürzte. Die Wucht ihres Aufpralls war so enorm, dass selbst der riesige Henker ins Wanken geriet. Seine gigantische Klinge krachte wirkungslos auf die Gitter, während Enid mit einer Reihe blitzschneller Hiebe den stählernen Helm attackierte. Funken sprühten durch die Dunkelheit.
„Beeindruckende Hebelwirkung“, kommentierte Wednesday kühl, während sie wechelnden Krankenschwestern mit minimalistischen, fast tänzerischen Schritten auswich. Mit einer schnellen Drehung packte sie den Arm einer Kreatur, nutzte deren eigenen Schwung und stieß sie über das Geländer in den bodenlosen, glühenden Abgrund. „Aber wir verschwenden hier unsere Ressourcen. Dieses Wesen ist nur ein Symptom. Wir müssen die Ursache finden.“
„Und wo... verdammt noch mal... ist diese Ursache?!“, keuchte Enid. Sie sprang mit einem Rückwärtssalto vom Helm des Riesen ab, gerade als dieser mit einem wütenden Schwinger nach ihr schlug. Seine Klinge schnitt nur durch die heiße, aschige Luft.
Wednesday deutete mit dem Skalpell auf ein massives, viktorianisches Steingebäude, das sich düster aus dem flackernden Chaos am Ende der Straße erhob. Die Fenster waren mit dicken Holzplanken vernagelt, und über dem baufälligen Eingang prangte ein halb heruntergefallenes Schild: Brookhaven Hospital.
„Dort drin“, sagte Wednesday. „Krankenhäuser sind in solchen Dimensionen die Brutstätten des Schmerzes. Dort bündelt sich die Energie, die diese Realität aufrechterhält. Wenn wir den Riss schließen wollen, müssen wir ins Epizentrum.“
„Großartig. Ausgerechnet ein verlassenes Horror-Krankenhaus“, murmelte Enid, hielt sich aber nicht lange auf. Sie packte Wednesdays Handgelenk. „Halt dich fest!“
Mit der übermenschlichen Schnelligkeit eines Wolfes rannte Enid los, zog Wednesday hinter sich her und wich den herumtaumelnden Gestalten mit geschickten Haken aus. Der Pyramidenkopf stieß ein dumpfes, metallisches Grollen aus, das wie ein sterbendes Horn durch die Gassen hallte, doch sie waren bereits zu schnell für ihn.
Sie stießen die schweren Flügeltüren des Brookhaven Hospitals auf und warfen sich hinein. Enid rammte sofort einen rostigen Rollstuhl und einen alten Aktenschrank vor die Tür, um sie zu verbarrikadieren.
Drinnen herrschte plötzliche, fast schmerzhafte Stille.
Der Übergang war so abrupt, dass Enid keuchend auf die Knie sank. Ihre Krallen zogen sich langsam zurück, und das goldene Leuchten in ihren Augen verblasste, hinterließ jedoch eine tiefe Erschöpfung. Der süßliche Geruch von Formaldehyd und verrotteten Medikamenten hing schwer in der Luft. Die Wände waren mit abblätternder, grünlicher Farbe bedeckt, die an manchen Stellen wie verbrannte Haut wirkte.
Wednesday sah sich ungerührt um. Sie strich über eine rostige Patientenliege. „Die Ästhetik des Verfalls ist hier wirklich bemerkenswert. Fast schon gemütlich. Wenn man die mangelnde Hygiene ignoriert.“
„Ich hasse diesen Ort jetzt schon mehr als den Gemeinschaftskunde-Unterricht“, stöhnte Enid und rappelte sich mühsam auf. Sie blickte den langen, dunklen Korridor hinunter. Am Ende des Ganges flackerte eine einzelne, nackte Glühbirne an einem Kabel. Das Summen des Stroms klang wie das Summen einer sterbenden Fliege. „Wohin jetzt?“
„Nach unten“, beschloss Wednesday. „In die tiefsten Kellergewölbe. Dort, wo man die Dinge versteckt, die niemand sehen soll.“
Sie folgten dem Korridor. Mit jedem Schritt, den sie tiefer in das Gebäude hineingingen, schien die Temperatur zu sinken. Ihr Atem bildete kleine, weiße Wölkchen in der Luft. An den Wänden hingen vergilbte Patientenakten. Wednesday zog im Vorbeigehen eine heraus und überflog sie.
„Patientin Alessa G.“, las Wednesday laut vor. Ihre Augen verengten sich leicht. „Schwere Brandverletzungen. Isolation. Behandlung mit... unkonventionellen Methoden. Es scheint, als hätte diese Stadt eine Vorliebe für die Tortur von Kindern, die anders sind.“
„Das klingt schrecklich“, flüsterte Enid betroffen. Ihre Angst wich langsam einem tiefen Mitgefühl – und einer neuen Wut. „Was haben sie mit ihr gemacht?“
„Sie haben versucht, ihre Kräfte zu unterdrücken, weil sie sie nicht verstanden haben“, sagte Wednesday kalt. Ihr Tonfall hatte sich leicht verändert; es schwang eine seltene, persönliche Note darin mit. Auch sie kannte das Gefühl, von einer intoleranten Welt als Monster abgestempelt zu werden. „Ein fataler Fehler. Wenn man ein Monster erschafft, sollte man sich nicht wundern, wenn es einen irgendwann fressen will.“
Plötzlich begann das Licht über ihnen wild zu flackern. Das Summen der Glühbirne schwoll zu einem ohrenbetäubenden Kreischen an.
Ein lautes Klong hallte durch den Schacht des alten Lastenaufzugs am Ende des Ganges. Die eisernen Gittertüren öffneten sich langsam von selbst. Aus der Dunkelheit des Fahrstuhlschachts drang kein Licht, sondern eine dichte, schwarze Flüssigkeit, die langsam über den Boden auf sie zukroch.
Und aus den Lautsprechern an der Decke, die jahrelang stumm gewesen sein mussten, ertönte eine verzerrte, kindliche Stimme:
„Wollt ihr mit mir spielen?“
Wednesday trat direkt an den Rand des Aufzugschachts und blickte in die endlose Schwärze hinab. „Wir spielen nicht, Alessa. Wir beenden Spiele. Und dein Zug ist vorbei.“
Sie sah zu Enid. „Bist du bereit für den Abstieg?“
Enid schluckte schwer, straffte dann aber die Schultern und ballte die Fäuste, auf denen wieder die bunten Krallen hervorbrachen. „Lass uns diese Albtraum-Göre finden.“
Gemeinsam traten sie in den Fahrstuhl, und die eisernen Gitter schlossen sich mit einem dumpfen, endgültigen Knall. Der Aufzug begann, rasant in die Tiefe zu stürzen.
4 Verhandlung und Zorn
Der Lastenaufzug stürzte nicht einfach ab – er schien durch die Schichten der Realität selbst zu brechen. Mit einem ohrenbetäubenden, metallischen Kreischen schlug die Kabine auf. Die eisernen Gittertüren wurden von einer unsichtbaren Kraft aufgesprengt und flogen klirrend in die Dunkelheit.
Sie hatten den tiefsten Punkt erreicht. Hier unten gab es keine Wände aus Stein oder Beton mehr. Alles bestand aus rostigen Metallgittern, hinter denen ein endloser, glühender Abgrund klaffte. Riesige Zahnräder drehten sich träge im Hintergrund, und dicke Stränge aus rostigem Stacheldraht hingen wie Lianen von der unsichtbaren Decke.
In der Mitte dieses industriellen Fegefeuers schwebte eine Gestalt.
Es war ein junges Mädchen, gehüllt in ein zerrissenes, aschebeschmiertes blaues Schulkleid. Ihr Gesicht war im Schatten ihrer langen, dunklen Haare verborgen, doch die nackte, unbändige Energie, die von ihr ausging, ließ die Luft vibrieren. Das war Alessa Gillespie. Die Quelle des Albtraums.
„Ihr hättet nicht kommen sollen“, flüsterte eine Stimme, die gleichzeitig von überall her und tief aus ihren eigenen Köpfen zu kommen schien. „Dies ist mein Schmerz. Mein Reich.“
Mit einem peitschenden Geräusch erwachte der Stacheldraht um sie herum zum Leben. Wie hungrige Schlangen schossen dutzende metallische Ranken direkt auf Wednesday zu.
„Nicht mit ihr!“, brüllte Enid.
In diesem Moment brach alles aus Enid heraus. Die Angst, die Erschöpfung, aber vor allem der unbändige Wille, ihre beste Freundin zu beschützen, entfesselten die Bestie in ihr vollständig. Ihre Gestalt wuchs, dichtes, silbergraues Fell brach hervor, und ihre Gliedmaßen streckten sich mit dem schmerzhaften Knacken von sich verändernden Knochen. Mit einem ohrenbetäubenden Wolfsgeheul, das selbst das dumpfe Dröhnen der Stadt übertönte, stellte sich die vollständig transformierte Enid vor Wednesday.
Enid fing die peitschenden Stacheldrähte mit ihren bloßen, pelzigen Pranken ab. Das scharfe Metall schnitt in ihre Haut, doch das Blut, das zu Boden tropfte, schien sie nur noch wilder zu machen. Mit roher, animalischer Gewalt riss sie die Ranken entzwei, schleuderte die brennenden Metallteile beiseite und stürzte sich brüllend in den Sturm aus Asche und Draht, um Wednesdays Pfad freizuhalten.
„Geh!“, schien ihr wilder Blick Wednesday zuzurufen.
Wednesday verlangsamte ihren Schritt nicht. Während um sie herum ein Orkan aus Klauen, Zähnen und brennendem Stacheldraht tobte, ging sie mit langsamen, präzisen Schritten direkt auf das schwebende Mädchen zu. Ihr Blick war starr auf Alessa gerichtet.
„Sie haben dich verbrannt, Alessa“, begann Wednesday. Ihre Stimme war leise, trug aber mühelos durch das Chaos. „Sie haben dich in ein Zimmer gesperrt und versucht, das Licht in dir auszulöschen, weil sie Angst vor deiner Dunkelheit hatten.“
Alessa zuckte zusammen. Der Stacheldraht um sie herum peitschte wilder, und Enid musste einen schweren Treffer einstecken, der sie knurrend auf die Knie zwang. Doch Enid rappelte sich sofort wieder auf, die Augen flammend vor Entschlossenheit.
„Woher... willst du das wissen?“, zischte Alessas Stimme. Schwarze Tränen aus kochendem Teer liefen über ihre bleichen Wangen. „Du bist wie die anderen. Du verstehst nichts!“
„Ich verstehe mehr, als du denkst“, entgegnete Wednesday und blieb nur wenige Schritte vor dem schwebenden Mädchen stehen. Sie hob die Hand – nicht um anzugreifen, sondern um auf sich selbst zu zeigen. „Auch ich bin ein Monster in den Augen derer, die sich selbst für normal halten. Auch ich wurde gehasst, gefürchtet und isoliert. Der einzige Unterschied zwischen uns beiden ist: Du hast zugelassen, dass ihr Hass dich kontrolliert.“
Alessa starrte Wednesday an. Die Stacheldrahtangriffe auf Enid wurden schwächer.
„Diese Stadt ist kein Denkmal deines Triumphs, Alessa. Sie ist dein Gefängnis“, fuhr Wednesday fort. Ihr Ton war ungewohnt sanft, fast schon schwesterlich, auch wenn ihr Gesichtsausdruck so kalt wie eh und je blieb. „Du quälst nicht deine Peiniger. Sie sind längst tot oder zu seelenlosen Hüllen verkommen. Du quälst dich selbst, jeden Tag aufs Neue, indem du diesen Tag deines Schmerzes in einer endlosen Schleife wiederholst. Ist es das, was du willst? Ein ewiges Opfer sein?“
Alessas Lippen bebten. „Ich... ich will nur, dass der Schmerz aufhört.“
„Dann lass ihn los“, sagte Wednesday. „Und lass uns gehen. Wir gehören nicht in deinen Albtraum. Und du gehörst nicht länger in diesen Käfig.“
Einen langen, quälenden Moment lang schien die Zeit stillzustehen. Das Grollen der Maschinen im Hintergrund verstummte. Enid stand schwer atmend da, das Fell von Ruß und Schrammen gezeichnet, die Augen fest auf Alessa gerichtet.
Dann sank Alessa langsam zu Boden. Ihre Füße berührten das rostige Gitter. Der dichte Kokon aus Stacheldraht fiel wie totes Laub von ihr ab und zerfiel zu Staub. Sie sah Wednesday an, und für einen kurzen Augenblick war sie kein rachsüchtiges Monster mehr, sondern nur noch ein trauriges, müdes Kind.
„Geht“, flüsterte Alessa. „Bevor die Stadt merkt, dass ich euch gehen lasse.“
Mit einer schwachen Handbewegung deutete sie auf den Boden vor ihnen. Das Metallgitter begann sich aufzulösen, doch darunter lag kein glühender Abgrund mehr, sondern ein helles, klares, weißes Licht.
Wednesday wandte sich um und ging auf Enid zu, die sich langsam wieder in ihre menschliche Form zurückverwandelte. Enid war erschöpft und zitterte, doch als Wednesday ihr stumm eine Hand hinhielt, lächelte sie schwach und ergriff sie.
„Das war... verdammt gruselig“, flüsterte Enid, während sie sich auf Wednesdays Schulter stützte.
„Es war akzeptabel“, antwortete Wednesday. „Aber erwähne das niemals gegenüber den anderen in Nevermore. Mein Ruf steht auf dem Spiel.“
Gemeinsam traten sie in das weiße Licht, während die eiserne Welt von Silent Hill hinter ihnen im Nebel versank.
5 Epilog: Zurück in Nevermore
Das blendende weiße Licht wich den vertrauten, dämmrigen Schatten von Ophelia Hall.
Mit einem unsanften Rumpeln landeten Wednesday und Enid auf dem hölzernen Dielenboden ihres geteilten Wohnheims. Der süßliche, verrottete Gestank von Silent Hill war augenblicklich verschwunden. Stattdessen roch es nach Enids Jasmin-Parfüm, getrockneten Dahlien und dem vertrauten, staubigen Duft von Wednesdays alten Büchern.
Draußen vor dem großen, runden Spinnennetz-Fenster regnete es sanft. Es war ein normaler, kühler Abend in Jericho.
Eiskaltes Händchen (Thing) huschte sofort von Wednesdays Schreibtisch herbei. Seine Finger tippten in einer Mischung aus Panik und Erleichterung wild auf den Boden.
„Uns geht es gut, Thing“, sagte Wednesday, während sie sich den Staub von ihrer schwarzen Uniform klopfte. Ihr Gesichtsausdruck war so unbewegt, als wäre sie gerade von einem harmlosen Spaziergang zurückgekehrt. „Wir wurden lediglich in eine fegefeuerähnliche Paralleldimension gezogen, die von den traumatischen Projektionen eines rachsüchtigen Geistermädchens beherrscht wird. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste.“
Thing hielt inne, zitterte kurz theatralisch und formte dann eine Geste, die wie ein ungläubiges Kopfschütteln wirkte.
Enid lag derweil flach auf dem Rücken auf ihrer bunten Seite des Zimmers. Sie starrte an die Decke, während sich die letzten Spuren ihrer Wolfstransformation zurückzogen. Ihre bunten Fingernägel glänzten wieder im fahlen Licht der Nachttischlampe.
„Ich werde... mich die nächsten drei Tage nicht bewegen“, murmelte sie mit erschöpfter Stimme. „Und ich werde nie wieder das Wort 'Nebel' in den Mund nehmen. Wenn mich jemand sucht, ich bin im Koma.“
Wednesday trat an ihr Bett, setzte sich auf ihren hölzernen Stuhl und zog ihre alte Schreibmaschine zu sich herüber. Sie spannte ein frisches Blatt Papier ein. Für einen Moment verharren ihre Finger über den Tasten. Sie blickte hinüber zu Enid, die sich mühsam auf die Seite gedreht hatte und sie aus müden, aber dankbaren Augen ansah.
„Du hast dich gut geschlagen, Enid“, sagte Wednesday leise. Das Tippen der Schreibmaschine setzte ein, ein rhythmisches, mechanisches Klacken, das den Raum erfüllte. „Deine physische Brutalität war beinahe... bewundernswert. Du hast den Henker der anderen Welt ins Wanken gebracht.“
Ein schwaches, aber glückliches Lächeln stahl sich auf Enids Gesicht. „Das ist das Netteste, was du je zu mir gesagt hast, Willa.“
„Gewöhn dich nicht daran“, entgegnete Wednesday, ohne den Blick von ihrem Blatt zu nehmen. „Es war eine reine anatomische Beobachtung.“
Unter Wednesdays Bett lag, unbemerkt von Enid, eine kleine, rostige Scherbe aus Metall, die sie im letzten Moment aus dem Brookhaven Hospital mitgehen lassen hatte. Sie glühte nicht mehr, und der Stacheldraht, der sie einst umgeben hatte, war verschwunden. Doch wenn man ganz genau hinhörte, vibrierte sie immer noch in einem kaum hörbaren, traurigen Rhythmus.
Ein Souvenir an einen Ort, der Wednesday gezeigt hatte, dass manche Monster ihren Schmerz teilen – und dass die lautesten, buntesten Menschen manchmal diejenigen sind, die am verbissensten für einen kämpfen.
Wednesday tippte den letzten Satz für diesen Abend, drückte den Hebel der Schreibmaschine mit einem lauten Ping zur Seite und blickte in die Dunkelheit des Innenhofs.
Silent Hill war weit weg. Aber seine Schatten würden immer ein Teil von ihnen bleiben.
David Allen Memorial Ballpark, Enid, Oklahoma, USA

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