Die Eidechsen Im anderen Hier – im alten, ewigen – wachsen die Bäume im Kreis der Zeit. Die Büsche schauen hinauf und predigen von Kinderhänden und Zärtlichkeit. Anderen Kindern – nicht leeren, menschlichen; diese Kinder sind Sternenbrut. Deine lassen sich gut entmenschlichen; diese Mischlinge bleiben gut. Nicht das gut, das du kennst aus Kinderzeit. Dieses gut ist gereift und klar; gereift durch alle Sommer und Winter seit Jahreszeit erstmals erlassen war. Da pochen wuchtige, aufgedunsene, dunkle Blüten in blauer Ruh, und Fratzen – anders verzerrt als unsere – flüstern sich nächtelang Märchen zu. Das Morse der Moose, das Säuseln der Eidechsen, die Dichtung der Fichten, das Sternbild Stier lassen sich kaum von Menschenhand auswechseln: Alles ist fester verwachsen hier – nicht mit dem Wetter, nicht mit den Uhrzeiten; diese Verbindung ist älter als Farn. Sie schlängelt sich treu seit rohgrünen Urzeiten, quarzäugig drehend des Lebens Garn. Und manchmal gehen, suchend nach Sterblichkeit, Einhörner leuchtend hinaus zur Stadt, und Altkinder-Hände – von anderer Zärtlichkeit – geben dort ihrem Ersuchen statt. Doch der Wald bleibt still. Er wiegt seine Trauernden, gleichmäßig fließend und unbeirrt. Er kennt seine Ordnungen. Weint der Bauer denn, wenn er ein Kalb an den Wolf verliert? Er baut einen Zaun, umsäumt ihn mit Stacheldraht, und legt um sein Heim ein paar Fallen aus. Und alles, was eine andere Sprache hat, fällt in die Arme des Morgentaus. Und tief in der Mitte des Ungesehenen wachsen die Bäume im engen Kreis weiter und weiter, im ewigen Drehen, wenn mancher nur um ihre Drehung weiß. Nur im Traum – zu rohgrün, um echt zu sein – siehst du den Wald und begreifst ihn nicht, doch sickerst als Mondschein ins fahle Geflecht hinein, das deine Wahrheiten unterbricht. Und wenn du aufwachst, verbleibt dir ein Vorgefühl, dass du noch nie deiner Welt Gestalt feststelltest – blind wie ein Baum im Morgentüll, der keine Wege erkennt im Wald. Aber wofür auch? Die Wurzeln schlagen sich tief in die Erde und wachsen fest. Und wer aus dem Kern seiner alten Sagen schlich, ahnt, dass er mit ihm das Licht verlässt. Nicht das Licht, dass dich wärmt und streichelt zart. Dieses Licht ist Erinnerungsstück an deinen Ursprung, in dem sich ein Zeichen wahrt: Keiner kehrt in den Wald zurück – weder Einhörner noch die Kinder-Schar, welche an einem verdammten Tag gebannt auf der Jagd nach wärmeren Winden war, als sie der Waldrand abrupt erschrak. Und sie weinten und riefen, und klagten bedauerlich, doch der Wald blieb still und verschloss sich dann. Er kennt keine Tränen. Er kennt die Trauer nicht, weil er die Trauer nicht kennen kann. Und aus Wut auf den Wald, gehässig und angsterfüllt, holzten sie Fichte für Fichte ab, weil die Vernichtung die Quelle der Angst enthüllt, die ihre Herzen wie Blei umgab. Sie bauten sich Häuser, geschmückt mit Stacheldraht, und legten ums Land ein paar Fallen aus. Und alles, was eine andere Sprache hat, fiel in die Arme des Morgentaus. Doch manchmal am Abend blitzt die Erinnerung quarzäugig hell im Gedächtnis auf, und wieder befällt eine tiefe Verbitterung den Geist, wie ein eiskalter Wasserlauf. Denn im anderen Hier – im selbstverständlichen – werden Jahrhunderte überquert. Und ewige Kinder schauen unendlichen Sternbildern zu, die der Wald gebärt. Und tief in dem Kern, warten die Eidechsen, hütend die Wunder der Finsternis, still, dass die Wesen sich wieder auswechseln, welche der Wald nicht zurückkehrn ließ.
















