AuszĂŒge aus Dimitri Dimoulis und Jannis Milios, âWerttheorie, Ideologie und Fetischismusâ, BeitrĂ€ge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge, 1999, s. 12-56
 âIn bezug auf dem Fetischismus ist eine doppelte Antwort möglich. Erstens kann gesagt werden, daĂ dank seines Ursprungs der Fetischismusbegriff externe BezĂŒge enthĂ€lt, auch wenn er intern benutzt wird. Durch die Ăbertragung des Begriffs von der Studie der primitiven Gesellschaft auf die âinterneâ Analyse der Gesellschaft des Beobachters wird die externe Referenz beibehalten, was dem internen Beobachter erlaubt, die âIllusionenâ, die die Mitglieder einer Gesellschaft notwendigerweise in ihren gesellschaftlichen Beziehungen erleben, distanziert, d. h. mit dem Blick des Ethnologen zu betrachten. Die zweite Antwort ist, daĂ Marx die rein interne Beobachtung durch die Anwendung einer komparativen Methode ĂŒberwindet. Er vergleicht den Kapitalismus mit anderen Gesellschaftstypen, in denen anstelle des Warenfetischismus eine âTransparenzâ der gesellschaftlichen Beziehungen gibt; dieser Vergleich gibt Marx âexterneâ Anhaltspunkte fĂŒr ein besseres VerstĂ€ndnis des Fetischismus.
[...] Diese Auffassung wird mehrmals von Marx im Kapital und in der Kritik des Gothaer Programms wiederholt, wo die juristischen Begriffe der Freiheit und der Gleichheit âals innere Wiederspiegelung der Warenproduktion und des Warenverkehrsâ (Balibar 1997, 194) betrachtet werden23. So werden die Prinzipien des Rechtssystems als Ideologie betrachtet, die im Kapitalismus genauso notwendig ist, wie die religiösen Anschauungen im Feudalismus.
Diese Widerspiegelungsthesen können zu einer ökonomistischen LektĂŒre fĂŒhren, wenn wir annehmen, daĂ jede Basis den ihr zugehörigen âĂberbauâ erzeugt, d. h. wenn wir den BildungsprozeĂ des Ăberbaus ahistorisch betrachten (automatische Anpassung des Ăberbaus zu einer Basis). Das impliziere nĂ€mlich, daĂ die âBasisâ in einem ideologisch-politischen Vakuum bzw. im Rahmen eines ihr feindlichen Ăberbaus entsteht24. Wenn wir dagegen die Bildung der kapitalistischen Gesellschaften als Produktion von Recht und Ideologie verstehen, die synchronisch zur gewalttĂ€tigen Durchsetzung der kapitalistischen ProduktionsverhĂ€ltnisse erfolgt, dann zeigt die These von Marx und Paschukanis, warum die Bildung eines Rechtsystems mit flĂ€chedeckender Anwendung und auf der Basis der âfreienâ AustauschverhĂ€ltnissen zwischen gleichen Rechtssubjekte theoretisch (und geschichtlich) untrennbar mit Kapitalismus als ökonomisches System verbunden ist. Und dadurch können die apologetischen Auffassungen zum Charakter des bĂŒrgerlichen Rechts (Fortschritt der Menschheit, Zivilisierung, Rationalisierung der Staatsapparate zwecks der Garantie eines allgemeinen Interesses usw.) ĂŒberwindet werden.
[...] Die Analyse von Marx und Paschukanis bildet eine begriffliche Abstraktion und stellt keine geschichtlich-genetische Ableitung des Ăberbaus dar. Sie beschrĂ€nkt sich darauf, der Basis (âmaterielle Grundlageâ) ein logisch-funktionelles Primat einzurĂ€umen, das jedoch geschichtlich niemals existierte.
Neben der VerselbstĂ€ndigung des Wertbegriffs von der KPW und seiner Verbindung mit allen âwarenproduzierendenâ Produktionsweisen und -formen33, hat die Behandlung des Wertes âan sichâ eine weitere Konsequenz fĂŒr die marxistische Theorie. Sie verleitet zum Glauben, daĂ die ersten drei Kapiteln des 1. Bandes des Kapitals eine abgeschlossene Darstellung der dort eingefĂŒhrten Begriffe anbieten. Dies betrifft insbesondere das Geld, das in diesen Kapiteln als âadĂ€quate Erscheinungsform von Werth oder Materiatur abstrakter und dahergleicher menschlicher Arbeit (âŠ), deren sĂ€mtliche Exemplare dieselbe gleichförmige QualitĂ€t besitzenâ (MEGA II/5, 56-15, MEW 23, 104) definiert wird. Somit bleiben jedoch die Marxschen Analysen im 3. Band des Kapitals(Geld als Kapital, ErklĂ€rung des Zinses usw.) unberĂŒcksichtigt34. Es wird nĂ€mlich nicht eingesehen, daĂ das Geld auch (und vor allem) die allgemeinere Erscheinungsform des Kapitals ist. Das Geld bildet die allgemeinere âMaterialisierungâ der abstrakten und deswegen homogenen menschlichen Arbeit, die im Rahmen der ausbeuterischen Kapitalbeziehung akkumuliert wird, als âsich selbst verwertender Wertâ funktioniert und vom Kapitalisten aneignet wird. âDas Capital producirt wesentlich Capitalâ (MEGA II/4.2, 898; MEW 25, 887). Der 5. Teil des 3. Bandes und insbesondere die Kapitel 21-24 analysieren das Geld als eine solche Erscheinungsform des Kapitals.
Einer Ă€hnlichen Illusion unterliegen diejenigen, die behaupten, daĂ der Marxsche Begriff des Fetischismus hauptsĂ€chlich im ersten Kapitel des 1. Bandes analysiert wird, dessen vierter Teil den Titel âder Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnisâ trĂ€gt. Die ersten SchluĂfolgerungen von Marx, die sich aus der Darstellung der verallgemeinerten âWarenproduktionâ hervorgehen, werden somit als letztes Wort der Fetischismustheorie betrachtet. Somit bleiben unberĂŒcksichtigt der Begriff der KPW, die in ihr entstehenden Ideologieformen und die Analysen des 3. Bandes zum Kapitalfetischismus (z. B. zum zinstragenden Kapital und zum Zins), die eine âEntzifferungâ der AusfĂŒhrungen zum Warenfetischismus erlauben.
[...] 3.1.1. Exkurs zur Marschen Methode
Das Problem der EinfĂŒhrung des Wertbegriffs im Kapital ist in Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Methode des Kapitals zu behandeln. Es ist bekannt, daĂ Marx nicht von Begriffen ausgeht, sondern von den Formen unter denen die ökonomischen Beziehungen in einer kapitalistischen Gesellschaft erscheinen35. Als Ausgangspunkt nimmt er dabei die Ware.
Marx benennt dialektisch die Methode der Bildung von Begriffen, die eine theoretische Aneignung der Wirklichkeit erlauben, d. h. den internen kausalen Zusammenhang und die âNormalitĂ€tâ der PhĂ€nomene ausdrĂŒcken. Diese Methode besteht darauf, von konkret-empirischen Tatsachen auszugehen und dann Abstraktionsoperationen durchzufĂŒhren. Vom Konkreten auszugehen, erlaubt den Idealismus einer von der herrschenden theoretischen Ideologie abhĂ€ngigen Kategoriebildung zu vermeiden. Die Abstraktion erlaubt ihrerseits, die bloĂe Reproduktion der Erscheinungsformen des Konkreten zu vermeiden, d. h. den Empirismus des Konkreten zu ĂŒberwinden. Dieser Empirismus ist eine praktische herrschende Ideologie des âAlltagswissensâ, wonach die Wirklichkeit âtransparentâ, unmittelbar beobachtbar und erklĂ€rbar sei.
Marx versteht aber auch, daĂ die Abstraktionen an sich keine Begriffe der empirisch wahrnehmbaren Tatsachen bilden. Der ProzeĂ der wissenschaftlichen Aneignung der Wirklichkeit erfordert einen weiteren Schritt: Die RĂŒckkehr auf die konkreten Tatsachen. Somit entsteht ein Forschungsverfahren, das den wissenschaftlichen Begriff des Konkreten erzeugt. Dieser Begriff beinhaltet die kausalen Beziehungen, die die Wirklichkeit regeln ohne âan sichâ im Bereich der Wirklichkeit aufzutreten, da sie der Welt der empirischen Wesen und PhĂ€nomene nicht gehören. Der Ăbergang vom abstrakten zum konkreten Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung unterscheidet sich somit radikal von der rationalistischen Methode wie auch von der Verwendung der Abstraktion bei Hegel. Der Ăbergang zum Konkreten ist hier nur der zweite Schritt eines Verfahrens der begrifflichen Entzifferung des Konkreten, die durch die Abstraktion erfolgt.
[...] 3.2. Kapitalistische Produktionsweise, ideologische Formen, âFetischismusâ: vom Warenfetischismus zum Kapitalfetischismus
[...] Die Funktion der Verdeckung der Ausbeutungs- und BeherrschungsverhĂ€ltnissen, die im Kapitalismus immanent ist, hat Marx âFetischismusâ genannt. So bezeichnete er alle Situationen, wo die KlassenverhĂ€ltnisse im Rahmen der herrschenden Ideologie eine âdinglicheâ Form annehmen: Wenn die GesellschaftsverhĂ€ltnisse (Geld, Kapital40) oder die aus ihnen hervorgehenden Funktionen (Profit, Zins) als Sachen (Gold, Produktionsmittel) oder als Eigenschaften von Sachen (die Produktionsmittel erzeugen Profit, das Geld Zinsen usw.) erscheinen, wenn âdie Formen, welche Arbeitsprodukte zu Waren stempelnâ, als âunwandelbareâ âNaturformenâ (MEW 23, 89 f.) erscheinen, dann haben wir den Fetischismus (s. auch Rubin 1972).
Den Begriff des Fetischismus hat Marx im 1. Kapitel des 1. Bandes anlĂ€Ălich der Warenanalyse eingefĂŒhrt, indem er zeigte, daĂ der Warenwert nicht als gesellschaftliche Beziehung zwischen Produzenten, sondern als eine natĂŒrliche Eigenschaft der Ware, wie etwa seine Farbe oder sein Gewicht erscheint41. Im Laufe der Darstellung hat er allerdings klargemacht, daĂ der Fetischismus sich auf sĂ€mtliche Formen des Kapitals (Geld, Produktionsmittel) erstreckt. Somit entwickelte Marx eine Theorie des Kapitalfetischismus.
3.3. Stellenwert und Begriff des Fetischismus im âKapitalâ
3.3.1. Der Fetischismus des KapitalverhÀltnisses
Der Warenfetischismus des 1. Kapitels ist nur eine erste AnnÀherung des Kapitalfetischismus, der im Gegensatz zur Auffassung vielen Marxisten42 in vielen Teilen des Kapitals, insbesondere im 3. Band analysiert wird43. Dies hÀngt mit der Tatsache zusammen, daà im 3. Band die wichtigsten Erscheinungsformen des KapitalverhÀltnisses behandelt werden:
â Die Unterwerfung der Arbeit unter dem Kapital, die den Kapitalisten als Warenproduzenten erscheinen lĂ€Ăt und die AustauschverhĂ€ltnisse nach Produktionspreisen und nicht nach Werten bestimmt. Der Profit erscheint als Produkt des vorgeschossenen Kapitals, sodaĂ âder Mehrwerth selbst als aus dem Gesammtcapital und allen seinen Theilen gleichmĂ€ssig entsprungen erscheintâ (MEGA II/4.2, 244; MEW 25, 77). Das âversteckt nun völlig die wahre Natur und den Ursprung des Profits, nicht nur fĂŒr den Capitalisten, der hier ein besondres Interesse hat, sich zu tĂ€uschen, sondern auch fĂŒr den Arbeiter. Mit der Verwandlung der Werthe in Productionspreise wird die Grundlage der Werthbestimmung selbst dem Auge entrĂŒcktâ (MEGA II/4.2, 244; MEW 25, 177).
â Die Entwicklung des Kreditwesens und die Aufteilung des Profits in Unternehmensprofit und Zins, die zum folgenden Ergebnis fĂŒhren: âIndem ein Theil des Profits sich, im Gegensatz zu dem andren, ganz von dem KapitalverhĂ€ltnis als solchem loslöst, und sich darstellt nicht aus der Funktion der Exploitation der Lohnarbeit sondern aus der Lohnarbeit des Capitalisten selbst zu entspringen, und im Gegensatz dazu der Zins als unabhĂ€ngig sei es von der Lohnarbeit, sei es von der eignen Arbeit des Capitalisten, aus dem Capital als seiner eignen, unabhĂ€ngigen Quelle zu entspringen scheint. Wenn das Capital ursprĂŒnglich auf der OberflĂ€che der Cirkulation, erscheint, als Capitalfetisch, Werth erzeugender Werth, so stellt es sich jetzt wieder in der Gestalt des zinstragenden Capitals als in seiner entfremdetsten und eigenthĂŒmlichsten Form darâ (MEGA II/4.2, 851,17; MEW 25, 837)44.
[...] â Dasselbe geschieht in bezug auf die Einkommensformen, die zwar nur die VerteilungsverhĂ€ltnisse des erzeugten Werts widerspiegeln, im Rahmen aber der kapitalistischen Eigentums- und IdeologieverhĂ€ltnisse als Quellen des Werts erscheinen: Die Arbeit erzeuge Lohn, die Produktionsmittel Profit und die natĂŒrlichen Ressourcen (oder die Erde) Rente:
âErstens, weil die Werthbestandteile der Waaren als selbstĂ€ndige Revenuen einander gegenĂŒbertreten, die als solche bezogen sind, und daher zu entspringen scheinen, auf 3 verschiedne und ganz voneinander verschiedne Productionsagentien, die Arbeit, das Capital und die Erde, Das Eigentum an der Arbeitskraft, am Capital, an der Erde ist die Quelle (die Ursache), die diese verschiednen Werthbestandteile der Waaren, diesen respectiven EigenthĂŒmern zufallen macht und sie daher in Revenuen fĂŒr sie verwandelt. Aber der Werth entspringt nicht aus seiner Verwandlung in Revenue, sondern er muĂ da sein, um in Revenue verwandelt [zu] werden, um diese Gestalt annehmen zu könnenâ (MEGA II/4.2, 885 f.; MEW 23, 875).
[...] 3.3.2. AbschlieĂende Bemerkungen zum Warenfetischismus
Wenn wir die ersten Seiten des Kapitals als ein Vorspiel der Analyse des Kapitalfetisches betrachten46, dann können wir verstehen, daĂ die AusfĂŒhrungen zum Warenfetischismus keine Theorie der âEntfremdungâ bilden: dort wird nicht angenommen, daĂ die Menschen/Subjekte eine Essenz besitzen, die im Kapitalismus âentĂ€uĂertâ oder âverratenâ wird (vgl. Heinrich 1991, 243 ff.). DarĂŒber hinaus hat der Warenfetischismus keine ideologische StĂ€rke, wie oft angenommen wird: Weder verdeckt noch âverĂ€uĂertâ er die gesellschaftlichen Beziehungen47. Er ist die Analyse eines âSymptomsâ und nicht einer ideologischen Triebkraft.
[...] Durch die Darstellung des Sozialen als etwas NatĂŒrlichen erzeugt der Fetischismus keine Effekte der Verkennung des gesellschaftlichen Charakters der menschlichen Beziehungen, die etwa ânaturalisiertâ wĂŒrden. Die Beziehung zwischen Sachen ist kein bloĂer Symbolismus der handelnden Personen (so wie in einem Gesellschaftsspiel ein StĂŒck Holz einen Spieler darstellt und jederzeit den âRĂŒckwegâ auf das Symbolisierte erlaubt). Sie ist eine feste und notwendige Wandlung in der Wahrnehmung der Wirklichkeit (das Gesellschaftliche wird âtatsĂ€chlichâ zum NatĂŒrlichen), die den Individuen nicht erlaubt die âĂbertragungâ der Beziehung zwischen menschlichen Arbeiten auf eine Beziehung zwischen Sachen zu verstehen48. [...] Das wichtigste ist jedoch dabei, wie RanciĂšre gezeigt hat, daĂ die Fetischismusfrage mit dem Umkehrungsschema nicht angemessen beschrieben werden kann: âDie gegenwĂ€rtigen Termini sind nicht Subjekt, PrĂ€dikat und Sache, sondern VerhĂ€ltnis und Form. Das Fremd-Werden (âŠ) kennzeichnet nicht die Exteriorisation der PrĂ€dikate eines Subjekts in einem fremden Wesen, sondern bezeichnet das, was aus dem KapitalverhĂ€ltnis in der vermittelsten Form des Prozesses wird. (âŠ) Die gesellschaftlichen Bestimmungen der ProduktionsverhĂ€ltnisse sehen sich also auf die materiellen Bestimmungen der Sache beschrĂ€nkt. Daher die Verwechselung dessen, was Marx materielle Grundlagen (die Dinge, die die TrĂ€gerfunktion ausĂŒben) nennt, mit den gesellschaftlichen Bestimmungen. Diese werden zu natĂŒrlichen Eigenschaften der materiellen Elemente der Produktion. Auf die Weise ist das KapitalverhĂ€ltnis zu einem Ding geworden. (âŠ) Versachlichung der gesellschaftlichen Produktionsbestimmungen und Versubjektivierung ihrer materiellen Grundlagen, der Dinge, in denen diese gesellschaftlichen Bestimmungen sich darstellen und verschleiern. Marx erklĂ€rt, daĂ diese doppelte Bewegung schon von der einfachsten Bestimmung der kapitalistischen Produktionsweise her wahrnehmbar war: der Warenform des Arbeitsproduktes. (âŠ) Der Fetischismus betrifft nicht das VerhĂ€ltnis zwischen einem Subjekt und einem Objekt, sondern das VerhĂ€ltnis jedes einzelnen dieser TrĂ€ger zu den ProduktionsverhĂ€ltnissen, die sie bestimmen. (âŠ) Die VerhĂ€ltnisse, die das kapitalistische System bestimmen, können nur in der Form ihrer Verschleierung existieren. Die Form ihrer Wirklichkeit ist die Form, in der ihrer wirkliche Bewegung verschwindet. (âŠ) Die Theorie von Marx begreift diese entfremdeten und irrationellen Formen als Erscheinungsformen des inneren Wesens des Prozessesâ (RanciĂšre 1972, 108, 110, 111, 133, 121-22, 123-24).
Der Fetischismus ist also kein Spiel, sondern entspricht den âirrationellenâ Erscheinungsformen der internen Gesetzlichkeiten des Akkumulationsprozesses. Marx formuliert im Kapital âdie Theorie des Prozesses und die Theorie seines Verkennensâ (RanciĂšre 1972, 124).
[...] Das âsachlicheâ Element des Warenaustausches bedeutet, daĂ der Produzent etwas erzeugt, daĂ er nicht braucht (d. h. fĂŒr ihn keinen Gebrauchswert hat). Er erwirbt, was er braucht, durch den Verkauf einer fĂŒr ihn nutztlosen Sache. Die âSozialisierungâ des Prozudenten setzt also die Erzeugung von persönlich nutzlosen Sachen voraus, und die Vermittlung der Sache erweist sich als ihr (indirekter) Gebrauchswert (gesellschaftlicher Gebrauchswert). Der individuelle Produzent wird in den gesellschaftlichen Produktionsmechanismus durch die âSachenâ intergiert. Dies beschreibt die Beziehungen zwischen Kapitalisten und kann als allgemeine Analyse der Erscheinungsformen der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse im Kapitalismus nur gelten, wenn auch die Arbeitskraft als âSacheâ betrachtet wird.
Das wichtigste ist jedoch, daĂ der Markt weder die Triebkraft noch den âGrundâ der Sozialisierung bildet: âIn Marxâs view, it is not the price system which âregulatesâ the capitalist economy but, rather, unknown yet capitalistically-determined necessities of production acting through the price mechanism.(âŠ) The market is the stage on which all competitive activities are played out. But this stage itself is set up and bound by the class nature of the social structureâ (Mattick 1969, 53-54).
In einer wichtigen Passage betont Marx, daĂ âdie capitalistische Produktionsweise, wie jede andre, nicht nur bestĂ€ndig das materielle Product reproducirt, sondern die gesellschaftlichen ökonomischen VerhĂ€ltnisse, die ökonomischen Formbestimmtheiten seiner Bildungâ (MEGA II/4.2, 889-90, MEW 25, 879). Daraus ergibt sich, daĂ die Marxsche Analyse weit davon entfernt ist, ein ideologisches Spiel der Ableitung der gesellschaftlichen Entwicklung von der âbloĂen Wareâ anzubieten. Der Fetischismus der Kapitalbeziehung bedeutet nicht, daĂ das Schicksal der Menschen von den Produkten ihrer Arbeit bestimmt wĂ€re. Der Fetischismus ist nur eine notwendige Form der Wahrnehmung der RealitĂ€t in einer kapitalistischen Gesellschaft, die zusammen mit dem Kapitalismus beseitigt wird50.
[...] 3.3.3. Eine Bemerkung bezĂŒglich des Konstruktivismus
Der Fetischismus, wie auch andere gesellschaftliche Konstrukte (z. B. das jedem Individuum gesellschaftlich zugewiesene Geschlecht, die nationale Zugehörigkeit oder das kriminelle âStigmaâ) sind VorgĂ€nge, die aus einer konstruktivistischen Perspektive dekonstruiert werden können. Dekonstruktion bedeutet hier zweierlei: Einerseits das Aufzeigen ihrer Geschichtlichkeit (d. h. ihrer Konstruktionsgeschichte) und andererseits die Analyse der GrĂŒnden dieser Konstruktion, d. h. der Interessen, denen sie entsprechen. Das Kapital wird jedoch auch nach solchen Dekonstruktionen weiterhin Profit âerzeugenâ, genauso wie die Individuen weiterhin Geschlecht, nationale IdentitĂ€t oder Eintragungen im Strafregister haben werden, auch wenn einschlĂ€gige Studien und politische Erfahrungen zeigen, daĂ diese ânatĂŒrlicheâ Eigenschaften nur eine Erscheinungsform der Gesellschaftsstruktur und der KlassenverhĂ€ltnisse bilden, die transformiert (bzw. abgeschaft) werden kann52.
Der Konstruktivismus stellt die Frage, wie unsere Vorstellungen bezĂŒglich der Wirklichkeit entstehen, d. h. wie unser âWissenâ ĂŒber die Wirklichkeit entsteht. Somit ĂŒberwindet er das traditionelle philosophische Dilemma âObjektivitĂ€t oder SubjektivitĂ€t des Wissensâ. Weder erzeugen die Individuen die âwirklichenâ GegenstĂ€nde noch âoffenbarenâ sich die âObjekteâ bzw. die RealitĂ€t dem Subjekt. Der Konstruktivismus untersucht die konkreten Prozesse der Bildung verschiedener Wissensarten: Aussagen, die in bestimmten Kontexten als gĂŒltig betrachtet werden, âsagenâ, was die Wirklichkeit eingentlich sei und so konstruieren sie die Wirklichkeit53.
Wir werden hier nicht die erkenntnistheoretischen Probleme der verschiedenen Versionen des Konstruktivismus untersuchen, die damit zusammenhĂ€gen, daĂ der Konstruktivismus letztendlich der idealistischen oder der realistischen Falle zum Opfer fĂ€llt54. Uns interessiert hier, daĂ fĂŒr seine Fetischismusanalyse Marx eine konstruktivistische Perspektive ĂŒbernimmt, auch wenn seine Methode im Allgemeinen keine konstuktivistische ZĂŒge aufweist. In bezug auf dem Fetischismus unterscheidet Marx nicht zwischen dem Richtigen und dem Falschen, z. B. zwischen der Ideologie und der Wahrheit. Er behauptet, daĂ auf der Basis bestimmter Daten der Produktionsstruktur die Individuen eine Wahrnehmung der Wirklichkeit entwickeln, die -ohne richtig oder falsch zu sein- einer bestimmten gesellschaftlichen Struktur entspricht, d. h. die einzige Art und Weise bildet, diese Wirklichkeit wahrzunehmen, die weder unabhĂ€ngig von dieser Wahrnehmung (âwahre Wirklichkeitâ) existiert noch eine rein subjektive Betrachtungsweise bildet.
Der Konstruktivismus behauptet erstens, daĂ die individuellen Vorstellungen bezĂŒglich der Wirklichkeit konstruiert sind, ohne jedoch etwas âKĂŒnstlichesâ oder âGefĂ€lschtesâ zu sein, und, zweitens, daĂ diese Vorstellungen in einem anderen geschichtlichen Rahmen von anderen ersetzt werden können, die unterschiedlichen Wahrheitskriterien entsprechen. Die âneuenâ Vorstellungen können vielleicht politisch wĂŒnschenswerter sein, sie werden jedoch genauso wie die heutigen das Ergebnis einer Konstruktion bilden. So wird z. B. die âTransparenzâ der zwischenmenschlichen Beziehungen in einer kommunistischen Gesellschaft weder die âWahrheitâ der Arbeitsteilung noch eine ideologiefreie Wahrnehmung der âwahren Wirklichkeitâ ausdrĂŒcken, sondern nur eine neue Konfiguration gesellschaftlicher VorgĂ€nge seitens der Individuen bilden.
Das ist der aus praktischer Sicht âschwacheâ Punkt des Konstruktivismus: Die theoretische Entdeckung des konstruierten Charakters einer als natĂŒrlich dargestellten Wirklichkeit Ă€ndert Nichts an ihr. Genau diese âSchwĂ€cheâ können wir bei der Marxschen Fetischismusanalyse feststellen55. Diese Analyse ist also erkenntnistheoretisch besonders âmodernâ und ideologisch-politisch kaum bedeutend. Kein ideologischer Kampf gegen den Fetischismus und keine Ăberwindung im Rahmen des Kapitalismus erscheinen als möglich. Die Marxschen AusfĂŒhrungen bieten nur eine tiefe Analyse der Mechanismen der Wahrnehmung der Wirklichkeit im Kapitalismus, die auch einen wichtigen Beitrag zum ProzeĂ der Bildung der individuellen IdentitĂ€t im Kapitalismus leisten.
[...] 3.4. Fetischismus ohne ideologische Staatsapparate?
[...] Die Betrachtung von Athusser und Balibar verkennt jedoch eine Besonderheit des Fetischismus. Als ânaturwĂŒchsigesâ Effekt der Verdeckung der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse durch die ökonomische Funktion ist der Fetischismus nicht unmittelbar mit den ISA verbunden. Marx durfte also in bezug auf den Fetischismus, den Staat âzu vergessenâ. So bleibt zwar der Rahmen der Entstehung des Fetischismus unerklĂ€rt, dies bildet jedoch kein Argument gegen die Fetischismusanalyse an sich.
In zwei Passagen des Kapitals schreibt Marx: âDie Darstellung von Mehrwerth und Werth der Arbeitskraft als Bruchtheilen des Werthprodukts (âŠ) versteckt den spezifischen Charakter des KapitalverhĂ€ltnisses, nĂ€mlich den Austausch des variablen Kapitals mit der lebendigen Arbeitskraft und den entsprechenden AusschluĂ des Arbeiters vom Produkt. An die Stelle tritt der falsche Schein eines AssociationsverhĂ€ltnisses, worin Arbeiter und Kapitalist das Produkt nach dem VerhĂ€ltnis seiner verschiednen Bildungsfaktoren teilenâ (MEGA II/5, 431, MEW 23, 555). âBei der Sklavenarbeit erscheint selbst der Theil des Arbeitstags, worin der Sklave nur den Werth seiner eignen Lebensmittel ersetzt, den er in der That also fĂŒr sich selbst arbeitet, als Arbeit fĂŒr seinen Meister. Alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte Arbeit. Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit als bezahlt. Dort verbirgt das EigenthumsverhĂ€ltnis das FĂŒrsichselbstarbeiten des Sklaven, hier das GeldverhĂ€ltnis das Umsonstarbeiten des Lohnarbeiters. (âŠ) Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche VerhĂ€ltnis unsichtbar macht und grade sein Gegentheil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistische Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der VulgĂ€rökonomie (âŠ)â (MEGA II/5, 437, MEW 23, 562).
In beiden FĂ€llen (Kapitalismus, Sklavengesellschaft) lassen sich immanente Verdeckungseffekte feststellen, die jedoch in zwei entgegengesetzten Richtungen funktionieren. Dies hat eine besondere Bedeutung fĂŒr die politischen HerrschaftsverhĂ€ltnisse sowie fĂŒr die Ausgestaltung der ideologischen Ebene in den entspechenden Gesellschaften. Es ist jedoch kein Produkt der ideologischen TĂ€tigkeit, sondern eine interne âNotwendigkeitâ der jeweiligen Produktionsweise, die zwar das Funktionieren des Ăberbaus voraussetzt, nicht aber von ihm erzeugt wird.
[...] Unser methodischer Hinweis auf die zugleich interne und externe Perspektive, die jede Fetischismusanalyse berĂŒcksichtigen muĂ, zeigt, daĂ es kein absoluter âBeginnâ, d. h. kein externer Bezugspunkt gibt, der vor dem Auftreten (auf geschichtlicher und theoretischer Ebene) sĂ€mtlichen Strukturmerkmale des Kapitalismus zur VerfĂŒgung stĂŒnde. Aus diesem Grund kann die Analyse des Waren- und Kapitalfetischismus weder aus einer vorgegebenen juristischen Ideologie abgeleitet werden, noch ist es möglich, die Struktur des Rechtssystems als Konsequenz einer âreinenâ Struktur des Warenaustausches zu betrachten.
Es ist unmöglich das Geflecht des Internen/Externen analytisch auseinanderzuhalten, um auf die Frage der Entstehung des Fetischismus eine âsaubereâ Antwort zu geben. Es gibt jedoch die Möglichkeit einer gleichzeitiger Analyse der verschiedenen PhĂ€nomene mit den âbereichertenâ Begriffen, die uns die dialektische Methode von Marx bietet. Und dabei behĂ€lt der Ansatz von Paschukanis seine GĂŒltigkeit, auch wenn die Betrachtung des Ăkonomischen als etwas UrsprĂŒnglichen, woraus sich die Rechtsstruktur ableiten lieĂe, aporetisch ist. Paschukanis begrĂŒndet die ânegativeâ These, daĂ ohne Kapitalismus das (bĂŒrgerliche) Recht buchstĂ€blich undenkbar ist. Die umgekehrte Formulierung (ohne das bĂŒrgerliche Recht kann der Kapitalismus nicht funktionieren) ist zwar formell richtig, hat jedoch keinen materialistischen Sinn. Sie setzt nĂ€mlich voraus, daĂ eine externe Instanz ein Rechtssystem entwickelt, das dann ein Gesellschaftssystem funktionsfĂ€hig macht. Aus diesem Grund erweist sich der Vorrang des Ăkonomischen bei Paschukanis als zutreffend, obwohl es aus geschichtlicher Sicht nur ein ProzeĂ gibt, wo sich interagierende Institutionen und Elemente die KPW bilden; zu diesen gehört das Rechtssystem und die juristische Ideologie/Philosophie.
[...] Die dritte Definition [vom Begriff Ideologie] entkoppelt sich vom Schema des falschen BewuĂtseins, d. h. von den GegensĂ€tzen wahr/unwahr, richtig/falsch, frei/unfrei usw., die die obengennanten Definitionen prĂ€gen. Wenn die Ideologie nur eine mit LĂŒgen verdeckte Gewalt wĂ€re, wĂŒrde sie weder glaubwĂŒrdig noch stabil sein. Der einzige Weg die Immanenz der Ideologie, d. h. ihre Notwendigkeit und Dauerhaftigkeit zu erklĂ€ren, ist sie als Wahrheit aufzufassen, die in einer bestimmten Gesellschaft eine ânotwendigeâ und âoffensichtlicheâ Geltung hat (vgl. Balibar 1994, 55). Ausgangspunkt ist dabei, die Betrachtung der Ideologie als einer Menge von Praxisarten (Verhaltensweisen), die im Rahmen der ideologischen Apparate erzeugt, gelehrt und realisiert werden. Diese Apparate sind direkt oder indirekt mit dem Staat verbunden und fuktionieren als Instanzen der Reproduktion der allgemeinen Funktionsbedingungen der geselschaftlichen VerhĂ€ltnissen. Das Hauptelement ist nicht, daĂ die Ideologie materielle âSitzeâ hat, noch daĂ sie mit den verschiedenen Formen mittelbaren Zwangs verbunden wird, sondern daĂ die âIdeenâ, in denen sie sich kodifiziert, âorganischâ sind, d. h. zur Reproduktion der ProduktionsverhĂ€ltnisse beitragen. Als solche werden sie von allen Gesellschaftsmitglieder akzeptiert und als Ausdruck der Wahrheit des Gesellschaftslebens erlebt. In diesem Sinne grĂŒndet die Ideologie eine notwendige (wie auch imaginĂ€re) Beziehung der Individuen zu ihren Existenzbedingungen59.
Um die ausschlieĂliche Referenz auf die âIdeeâ als Gegenteil des Realen (und des Wahren) zu vermeiden, wĂ€re es angebracht, das Ideologische als das âSymbolischeâ zu bezeichnen und es als eine Wirklichkeitsebene zu verstehen, die parallel zu den anderen wirkt, konstitutiv-performative Wirkungen fĂŒr das Verhalten der gesellschaftlichen Individuen aufweist und letztendlich eine âreale Illusionâ (Haug 1993, 51), ein Symptom und einen entstellten Ausdrucksmodus der gesellschaftlichen RealitĂ€t (Althusser 1974, 20-21) bildet.
Dies bedeutet nicht, daĂ es unmöglich ist, die ideologische Bedingtheit bestimmter Auffassungen zu zeigen: Durch eine geeignete gesellschaftliche Analyse, durch die kritische âLektĂŒreâ und den Vergleich von Diskursen kann es gezeigt werden, daĂ einige Auffassungen einer fĂŒr die gesellschaftliche Reproduktion ânĂŒtzlichenâ Wahrheit entsprechen und deswegen praktische, verhaltenskonstituirende Effekte haben60. Die Ideologie ist jedoch dem menschlichen Denken immanent, d. h. sie kann nicht durch RationalitĂ€t und Dialog oder selbst durch eine gesellschaftliÂche UmwĂ€lzung endgĂŒltig ĂŒberwunden werden. Sie ist eine gesellschaftlich erzeugte Wahrheit, die mit der Notwendigkeit bestimmter Praxisarten in jeder Gesellschaft zusammenhĂ€ngt.
In der Perspektive der ânotwendig-wahrenâ Ideologie ist der Fetischismus des KapitalverhĂ€ltnisses nur ein Aspekt der gesamten Ideologieerzeugung. Er hat jedoch eine besondere Bedeutung als Indiz der Funktionsweise der ideologischen Instanzen. Die Analyse des Fetischismus entdeckt einerseits den Mechanismus des Internen/Externen als EigentĂŒmlichkeit des Symbolischen, die uns vom Gegensatz richtig/falsch befreit, und andererseits die konsensstiftende Funktion der Naturalisierung des Gesellschaftlichen. Das wichtigste ist jedoch, daĂ der Fetischismus die Ideologie mit den Begriffen des Individuums und der Unterwerfung verbindet, die Marx ganz anders als die âmoderneâ philosophische Tradition auffaĂt. Es wurde nĂ€mlich gezeigt (Balibar 1993, 64 ff.), daĂ fĂŒr Marx das âObjektiveâ nicht nur die Sache, das Reelle, das Seiende ist, sondern auch die âIllusionâ, das âĂŒbersinnliche Dingâ. Letztere bilden Bestandteile der Wirklichkeit, auch wenn sie aus ihre Verkennung und aus der Naturalisierung geschichlticher Konstrukte hervorgehen. Genauso reell sind die unsichtbaren (ideologischen) VerhaltenszwĂ€nge. Dadurch ĂŒberwindet Marx die klassische Unterscheidung zwischen Welt und Subjekt und zeigt, daĂ es keine Individuen gibt, die unabhĂ€ngig von einer bestimmten Gesellschaft seien: Es gibt nur geschichtliche Praktiken, die die Individuen als Produkte einer bestimmten Gesellschaft konstruieren. Das Individuum konstruiert die Welt nicht, wie der Idealismus behauptet, sondern die Welt erzeugt die SubjektivitĂ€t des Individuums der kapitalistischen Gesellschaft als EigentĂŒmers von Waren und von seiner Person. Dieser KonstruktionsprozeĂ erfolgt in strenger Gleichzeitigkeit mit der âWelt der Dingeâ. Dadurch hat Marx die Philosophie des BewuĂtseins und des Subjekts gewissermaĂen umgekehrt.
Der Fetischismus ist eine Analyse des Prozesses der Unterwerfung der Subjekte durch den Markt, der im Kapitalismus den Ort der âideologischenâ Konstitution von Objekten und Subjekten bildet (vgl. Balibar 1993, 75 f.). Der Fetischismus kann also uns keine Theorie der Politik und der Macht geben, d. h. keine ErklĂ€rung fĂŒr die Orte der eigentlichen Ideologieproduktion. Der Fetischismus bleibt jedoch ein Teil der Theorie der Ideologie: Seine Analyse zeigt die Mechanismen der Wahrnehmung der RealitĂ€t unter kapitalistischen Bedingungen und daĂ sie mit âZwĂ€ngenâ dieser Produktionsweise zusammenhĂ€ngen, die den Subjekten âĂŒbetragenâ werden.
Hier ist eine letzte Bemerkung notwendig. FĂŒr die Ideologieproduktion im Kapitalismus bietet der Fetischismus eine âRohmaterieâ an: die Idee und Praxis des Primats der Individuen. Je nach konkreter Situation wird diese Auffassung aktiv vorgetragen (z. B. in parlamentarischen Demokratien, die eine neoliberale Politik treiben) oder wird sie in den Hintergrund gesetzt (z. B. faschistische Regime, die die âgeschichtlich erwachsene Gemeinschaftâ, die âdie Pflicht der Auforferung im Namen der Rasseâ usw. propagieren und die individuelle Autonomie in Wirtschaft und Politik einschrĂ€nkten). Daraus geht hervor, daĂ die ideologischen Apparate den individuen konstituirenden Fetischismus politisch verwerten können. Niemals erscheint aber der Fetischismus an sich als eine ideologische Kraft und ohne das Funktionieren einer ideologisch-politisch âvollstĂ€ndigenâ Gesellschaftsformation bleibt er unmöglich. Es gibt also kein fetischistisches âSchicksalâ im Kapitalismus und keine unabwindbare ökonomische Notwendigkeit, die die Individuen zu einem bestimmten Handeln zwingt. Dies zeigt die relative EigenstĂ€ndigkeit der Politik und die Möglichkeit einer revolutionĂ€ren UmwĂ€lzung.â
Quelle: http://users.ntua.gr/jmilios/DimMil%281%29.doc















