Einen Goldriesling ohne alles bitte - ein Blick zurĂŒck aufs Jahr 2016
Das sĂ€chsische Weinjahr 2016 ist eigentlich wieder einmal kaum der Rede wert: keine FrostschĂ€den, kein Hagel, keine Trockenheit und kein unbeherrschbarer FĂ€ulnisdruck zur Lese. Mit ihren Weinen konnten die Winzer und Weinbauern aus dem Elbtal ĂŒberregional auch kaum punkten. FĂŒr Aufmerksamkeit sorgte die Branche in den vergangenen Monaten dennoch. Das haben die WeingĂŒter etwa einem knappen Dutzend Weinbauern in ihren Reihen zu verdanken, die mutmaĂlich im Weinbau verbotene Pflanzenschutzmittel eingesetzt oder zumindest so unsauber gearbeitet haben, dass mit RĂŒckstĂ€nden belastete Trauben in Kellereien und in den dort ausgebauten Weinen landeten.
Weinkontrolleur Bernd Langefeld hat die Entsorgung belasteter Weine in Diesbar-SeuĂlitz medienwirksam ĂŒberwacht. - Foto: MĂŒller
RĂŒckstĂ€nde der Wirkstoffe Dimethoat, Iprodion und Spiroxamin wurden in Trauben-, Most- und Weinproben nachgewiesen â in geringen Mengen, die nicht gesundheitsschĂ€dlich sind. Fakt ist aber: Wenn die Anwendung der Mittel im Weinbau verboten ist, haben RĂŒckstĂ€nde dieser Insektizide und Fungizide auch in geringsten Mengen nichts im Wein zu suchen. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob mit krimineller Energie absichtlich angewendet, aus Unerfahrenheit gespritzt oder durch Abdrift auf den Rebstöcken gelandet. Folgerichtig fahren die Ăberwachungsbehörden des Landes eine Null-Toleranz-Strategie. Das wiederum verstehen einige Weinbauern ganz und gar nicht und vergleichen ihre Weine plötzlich mit Kirschsaft, bei diesem gelten schlieĂlich auch andere Grenzwerte. In Kirschkulturen sind die Pflanzenschutzmittel im Kampf gegen die Kirschfruchtfliege (nicht gegen die Kirschessigfliege!) allerdings mit Ausnahmegenehmigungen auch erlaubt gewesen. Nun mag der eine oder andere sĂ€chsische Wein tatsĂ€chlich an Sauerkirschsaft erinnern, allerdings handelt sich auch hierzulande bei Keltertrauben und Kirschen schlichtweg um unterschiedliche landwirtschaftliche Kulturen â Diskussion ĂŒberflĂŒssig. Bremsenhersteller und Lebensmittelproduzenten dĂŒrfen keine Fehler machen! Und darauf mĂŒssen sich die Verbraucher verlassen können.
In einem GĂŒlleanhĂ€nger wurde der Wein zur Entsorgung in die KlĂ€ranlage gebracht. Der Weinbauverband hĂ€tten gerne auf diese Bilder verzichtet. - Foto: MĂŒller
Das Landesumweltamt und die Landesuntersuchungsanstalt fĂŒr das Gesundheits- und VeterinĂ€rwesen halten ihren Kontrolldruck aufrecht: Rebstockrinde, Weinlaub, Trauben und Boden wurden reihenweise untersucht. So wurden auch in diesem Jahr wieder belastete Trauben entdeckt. Alle QualitĂ€ts- und PrĂ€dikatsweine werden seit dem September 2016 verbindlich lĂŒckenlos auf RĂŒckstĂ€nde von rund 300 Pflanzenschutzmitteln getestet â auf Kosten der Steuerzahler. Und ab Januar 2017 startet noch ein Sonderprogramm zur Kontrolle der sĂ€chsischen Landweine. Allerdings ist es keineswegs ein QualitĂ€tsprĂ€dikat, dass der sĂ€chsische Wein zu den bestkontrolliertesten Weinen der Welt gehören mag â vielmehr ist es ein Beweis dafĂŒr, dass die Ăberwachungsbehörden nach den jĂŒngsten Erfahrungen erhebliches Misstrauen hegen.
Sogar in der Rinde von Rebstöcken hat das Landesumweltamt nach RĂŒckstĂ€nden von im Weinbau verbotenen Pflanzenschutzmitteln gesucht. - Foto: MĂŒller
Nach Angaben des sĂ€chsischen Landwirtschaftsministeriums sind mehr als 500.000 Liter Sachsenwein der JahrgĂ€nge 2014 und 2015 nicht verkehrsfĂ€hig, auch mindestens ein 2013er Wein ist betroffen. Und auch im Jahr 2012 war schon ein mit Dimethoat belasteter Wein des Jahrgangs 2011 aufgefallen â damals folgenlos fĂŒr die Beteiligten. Noch nicht abgefĂŒllte Weine mit RĂŒckstĂ€nden sind betrieblich gesperrt und dĂŒrfen zumindest nicht verkauft werden. Eigenverzehr ist aber erlaubt und ein RĂŒckruf bereits abgefĂŒllter Weine muss nach Angaben der Behörden nicht erfolgen. Lediglich die SĂ€chsische Winzergenossenschaft MeiĂen, die Weinkellerei Jan Ulrich und der KĂŒfermeister Stefan Bönsch haben â ĂŒberwiegend erst nach Presseanfragen â zĂ€hneknirschend eingerĂ€umt, dass sie belastete Weine in ihren Tanks bzw. FĂ€ssern haben oder hatten. Transparent entsorgt und damit ihr Problem aus der Welt geschafft, hat nur die Weinkellerei Ulrich.
Hatten im Mai endlich ausgedient: die Schilder, mit denen die Weine in den Tanks gesperrt waren. - Foto: MĂŒller
Die Winzergenossenschaft, die aus dem Weinbauverband ausgetreten ist, macht seit Monaten keine Angaben dazu, wie groĂ ihr Schaden ist und was mit den belasteten Weinen passiert. Ein Teil davon, soviel ist bekannt, soll gegen geringes Entgelt an die Winzergenossen abgegeben werden - ausschlieĂlich zum sogenannten Eigenverzehr.
Die Genossenschaft beruft sich dabei auf den Dresdner Winzer, der seine gut 200 Liter verunreinigten Wein unter amtlicher Ăberwachung des Landeshauptstadt Dresden selbst verbraucht und sich auch nicht zum Wegkippen entschlieĂen konnte. Der Landkreis MeiĂen plant nach eigenen Angaben jedoch keine weitere Ăberwachung der ausgegebenen Genossenschaftsweine. Die Winzergenossen wĂŒrden aber belehrt, dass sie die Weine keinesfalls verschenken oder verkaufen dĂŒrfen, hieĂ es. Ob die Genossenschaft weiterhin vom mutmaĂlichen Hauptverursacher des Dilemmas bzw. von den RebflĂ€chen Trauben aufkauft, diese Frage lĂ€sst die Genossenschaft unbeantwortet. Die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin des Staatsweingutes Schloss Wackerbarth, Sonja Schilg, findet zum Agieren der Winzergenossenschaft klare Worte: âWir haben das GefĂŒhl, dass sich die Winzergenossenschaft MeiĂen ihrer Bedeutung fĂŒr das gesamte sĂ€chsische Weinbaugebiet nicht bewusst ist. Die Entscheidung, die belasteten Weine intern zu verkaufen, möge vielleicht den wirtschaftlichen Schaden reduzieren, jedoch werden die ImageschĂ€den des gesamten Weinbaugebiets durch die Weigerung der Winzergenossenschaft, die belasteten Weine â wie in anderen Anbaugebieten Deutschlands ĂŒblich â konsequent zu entsorgen und sich von den TĂ€tern zu distanzieren, tĂ€glich gröĂer.â
Wie viel belasteter Wein in den Tanks der Genossenschaft liegt, dazu werden keine Angaben gemacht. - Foto: MĂŒller
Nach bisherigem Stand dĂŒrften vier weitere Kellereien direkt in den sogenannten Weinskandal involviert zu sein. Diese Weinbauern haben allerdings bisher nicht das RĂŒckgrat bewiesen, die Panne auch öffentlich einzurĂ€umen und verspielen damit auf Dauer ihre GlaubwĂŒrdigkeit. Die Behörden sehen keine rechtlichen Möglichkeiten, alle betroffenen Betriebe offiziell namentlich zu nennen. Bisher gab es lediglich Appelle an deren Vernunft, die jedoch verhallten. Redlich arbeitende Winzer, die ihr Handwerk gelernt oder gar studiert haben und sich folglich mit korrektem Pflanzenschutz auskennen und deshalb zu keiner Zeit irgendwelche Problemweine in ihren Kellern hatten, fĂŒhlen sich unter Generalverdacht gestellt. Immerhin mĂŒssen auch sie ihren Kunden Fragen beantworten, die eigentlich an die Verursacher des Weinskandals gerichtet sind. Manche Betriebe klagen gar ĂŒber Absatzprobleme, wobei diese Unternehmen sich auch einmal die Frage stellen sollten, ob es tatsĂ€chlich allein am Weinskandal liegt oder nicht doch auch an einer zunehmenden Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Noch viele Fragen offen
Mangelndes Krisenmanagement der Branche â insbesondere auch des Weinbauverbandes â sorgt in anderen Weinanbaugebieten fĂŒr KopfschĂŒtteln. Verbraucher und Gastronomen dĂŒrften hierzulande solange verunsichert bleiben, bis ein Schlussstrich unter den Weinskandal gezogen wird. Dazu muss allerdings klar sein und auch offen kommuniziert werden, wie der belastete Wein entsorgt (und nicht verteilt) wird und welche Betriebe belastete Keltertrauben verarbeitet haben. Dass dies zeitnah geschieht, erscheint derzeit unwahrscheinlich â auch15 Monate nachdem die ersten belasteten Goldriesling-Trauben den Behörden aufgefallen sind, gibt es noch etliche unbeantwortete Fragen. Ganze zwei BuĂgeldverfahren, die sich beide auf einen landwirtschaftlichen Betrieb beziehen, wurden bisher abgeschlossen.
Kein Goldregen zur GebietsweinprÀmierung
Was sonst noch passierte im sĂ€chsischen Weinland, das lĂ€sst sich schnell zusammenfassen: Die Ernte 2016 war ĂŒberdurchschnittlich gut, zumindest was die Menge betrifft. Belastbare Zahlen sind allerdings noch nicht verfĂŒgbar. Bei der GebietsweinprĂ€mierung 2016 blieb der groĂe Goldregen aus, obwohl bei der zweiten Verkostungsrunde erneut wieder nur PrĂŒfer aus dem eigenen Anbaugebiet quasi ihre eigenen Weine und die der Konkurrenz bewerteten. Bei der GebietsweinprĂ€mierung sind in diesem Jahr 15 goldene Preise vergeben worden. Zur Verkostung angestellt waren insgesamt 83 Weine und Sekte, wovon acht nicht ĂŒberzeugen konnten und leer ausgingen.
Bei der GebietsweinprĂ€mierung versucht der Weinbauverband seit 2015 auf mehr Transparenz zu setzen und lĂ€sst zumindest Pressevertreter in die NĂ€he der Verkostung. Allzu viele Fragen werden aber immer noch als störend empfunden. - Foto: MĂŒller
Die Jury vergab 46 Mal Silber und 14 Mal Bronze. Von den mehr als 70 Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben hatten allerdings nur zwölf WeingĂŒter und Winzer ĂŒberhaupt Weine oder Sekte angestellt, dabei bieten nach Angaben des Landesumweltamtes knapp 70 Winzer, Weinbauern und AbfĂŒller in Sachsen regionale Weine unter eigenem Label an â wenn auch oftmals nur in kleinen Mengen. Der Weinbauverband will nach eigenem Bekunden die GebietsweinprĂ€mierung fĂŒr Produzenten und Weinfreunde attraktiver machen. Ein Arbeitskreis soll bis Ende MĂ€rz 2017 VorschlĂ€ge erarbeiten.
Friedericke Wachtel wird Weinkönigin
Diese drei Damen reprÀsentieren als sogenannte Hoheiten bis zum Herbst 2017 den sÀchsischen Wein und die Verbandswinzer. - Foto: Kahle/WBV
Und dann gibt es da noch routinemĂ€Ăig eine neue Weinkönigin. Diese heiĂt Friederike Wachtel und ist Pressesprecherin einer Dresdner Musikschule. Prinzessin Anna BrĂ€unig macht noch ein Jahr weiter, unterstĂŒtzt von der DiĂ€tassistentin Sandra Ruhland.
In diesem Sinne: âEinen Goldriesling ohne alles bitte. Prost und auf ein spannendes Jahr 2017!â
Text: L. MĂŒller







