Die Biene
Ich bemühe mich schon lang um die Seriosität, die man von einer Chefin erwartet. Ich habe gelernt. Meist gelingt es mir ganz gut seriös zu sein. Hin und wieder jedoch, habe ich kleine Aussetzer. Neulich war da die Sache mit der Biene. Wir waren mitten in einer Telefonkonferenz. Außer mir, war unsere neue Trainee mit in meinem Büro. Als ihre Chefin wollte ich sie im Rahmen der Ausbildung in alles einbinden. So auch in diese Skype-Besprechung. Es ging munter zur Sache, ich erklärte Frau Dienpon das ein und andere.
Plötzlich vernahm ich ein leises Brummen. Nicht lange blieb das Brummen leise. Schnell schwoll der Ton an und durch das offene Fenster trudelte eine Riesenwespe durch die Luft hinein, direkt auf uns zu. Ich mag das nicht. Große, beharrte, surrende Insekten, die fliegen, wobei der Flug aufgrund der Relation Körperfülle zu Flügel stets weder berechenbar, noch sicher erscheint. Vorbei wars mit der Seriosität. Ich weiß nicht, was passierte. Ich weiß allerdings, dass ich plötzlich in der Ecke zwischen Schreibtisch und Fenster hockte. Unweit von mir streckte sich Frau Dienpon am Fenster, bewaffnet mit Glas und Papier, der verwirrten Wespe entgegen. Das arme Geschöpf rumste immer wieder mit voller Wucht gegen die Glasscheibe. Frau Dienpon, beherzt und tatkräftig, reckte sich jedoch vergeblich. Ich komm nicht ran, ich bin einfach zu klein – quiekte sie verzweifelt. Ich musste aus meiner Ecke darauf leider antworten, dass ich zwar größer sei – aber ich könne mich einfach nicht bewegen. Ich mag keine usw. Die Telefonkonferenz ging munter weiter, Frau Dienpon jagte vergeblich die Wespe und ich versuchte möglichst gelassen Herrin der Lage in meiner Ecke zu bleiben.
Irgendwann gucke unser Pressesprecher durch die Tür ins Zimmer rein. Frau Diepon das Glas schwenkend, die Wespe, torkelnd von zu viel direkter Konfrontation mit der Fensterscheibe, und ich in meiner Ecke, freuten uns ihn zu sehen und begrüßten ihn mit großem Hallo. Glücklicherweise ist unser Pressesprecher fast zwei Meter groß. Während ich vorsichtig aus meinem Versteck in einen anderen Winkel des Zimmers robbte, übergab Frau Diepon Herrn Moter die Utensilien des Jägers und beherzt machte er sich ans Werk. Es brauchte ein, zwei Versuche, in denen die Wespe, ihrem potentiellen Retter misstrauend, entrüstet brummend das Weite gesucht hatte. Sie kam nicht weit. Die Fensterscheibe blieb nach wie vor im Weg. Beim dritten Versuch hatte Herr Moter es geschafft. Das Insekt war im Glas und kurz darauf aus dem Fenster geschüttelt.
Es gibt keine, aber auch gar keine Möglichkeit, wenn man sich aus Angst vor der Begegnung mit einer Riesenwespe in eine Ecke gekauert hat, aus dieser Situation seriös wieder aufzustehen. Also stand ich auf, sagte allen Danke für den grandiosen, mindestens lebensrettenden Einsatz in dieser Situation, und lauschte mit Frau Diepon weiter der Telefonkonferenz.




